Klaus-D. Heid

KEINHIRNFILME

 

 

„…weniger Gefühl, versteht Ihr? Das Publikum erwartet von dem Film keine hochtrabenden philosophischen Weissagungen, keine weltbewegenden Erkenntnisse und schon gar keine politischen Aussagen. Das Publikum will einfach nur seicht, sanft und mit einer Brise Humor unterhalten werden!“

 

Marcel R., der Regisseur des Films, der von einem Privatsender produziert und finanziert wurde, durfte sich bereits zum siebten Mal an einer deutschen Komödie versuchen, die, so forderte es der Privatsender, treffsicher die Wünsche und Bedürfnisse des deutschen Publikums erfüllte.

 

„Und noch eines, liebe Leute: Bitte versucht um Gottes Willen nicht, irgendwelche Emotionen einzubringen, die Euer schauspielerisches Talent garantiert um Welten überfordert! Gebt Euer Bestes, Spielt so, wie ich’s Euch sage und denkt stets daran, dass Hollywood weit, sehr weit weg ist, ja? Ihr könnt alle gut schauspielern, aber Ihr könnt alle nur das untere Mittelmaß deutscher Darbietungskunst präsentieren. Mehr geht nicht und mehr erwarte ich auch nicht!“

 

Michelle L., der weibliche ‚Jungstar‘ unter den Darstellerinnen und Darstellern, hatte bereits in zwei Soaps Erfahrung sammeln können und meinte, im Gegensatz zu den meisten anderen Kolleginnen und Kollegen, eine Sonderrolle in Anspruch nehmen zu dürfen.

So hatte Michelle in der Vorabendserie ‚Drei sind vier im Quadrat‘ eine bildhübsche, aber strohdoofe Arzthelferin gespielt, die sich unsterblich in den leider verheirateten Arzt einer schwäbischen Kleinstadt verliebte, in permanent zu verführen versuchte, bis sie schließlich ihren todgeglaubten Ex-Freund Peter zufällig auf der Straße traf, der allerdings gerade damit beschäftigt war, über ein neues Leben als Klosterbruder nachzudenken.

 

Natürlich kam die Ehefrau des Arztes, Kathrin, der Arzthelferin auf die Schliche, rächte sich auf ihre Weise an ihr, indem sie ein Verhältnis mit Peter begann, der aber kurz darauf feststellte, schwul zu sein.

 

Die erste und einzige Staffel dieser Soap endete damit, dass Kathrin bei ihrem Arzt blieb, Peter sich in den Förstersohn verliebte und Michelle, die auch in der Soap ‚Michelle‘ hieß, nach einem wegen Blödheit gescheiterten Selbstmordversuchs, in einer psychiatrischen Klinik landete, in der sie dann dem dortigen Assistenzarzt Michael heftige Avancen machte.

 

Cut.

 

„…und Du, Michelle, denkst bitte daran, dass in dem Film noch ein paar andere Leute außer Dir mitspielen, ja? Klar, Du hast schon ein wenig Erfahrung, aber was wir hier machen, ist keine billige Soap, sondern ein abendfüllender Film, der richtig viel Geld kostet!“

 

Michelle zeigte ihren Schmollmund und fügte sich in ihr bedauernswertes Schicksal, während alle anderen Darstellerinnen und Darsteller sich ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen konnten.

 

„Ihr müsst wissen, Kinder, dass RTL schweinisch viel Geld auf den Tisch gelegt hat, um richtig Quote zu machen. Man erwartet, dass alle frustrierten Hausfrauen, alle arbeitslosen Schluckspechte, alle haltlosen und garantiert übergewichtigen Teens und auch alle bewegungsunfähigen Rentner wie gebannt auf die Mattscheibe glotzen, wenn Ihr Euer Bestes gebt! Ich nenne das ‚Verantwortung‘ – und ich erwarte, dass Ihr die Zuschauer nicht enttäuscht!“

 

Der Titel des Films wurde vom Produktionsleiter, nach Absprache mit dem zuständigen Medien- und Quotenbeauftragten bei RTL, vorgegeben. Hierbei wurde insbesondere daran gedacht, dass der Filmtitel eine gewisse Niveaulosigkeit ausdrückt, die allerdings als solche nicht erkannt werden darf.

 

„Der Film, den wir nun drehen werden, heißt übrigens ‚Liebe und Larifari‘. Larifari wird von Michelle gespielt und wenn wir im Casting endlich einen passenden bisexuellen Schwarzen und eine magersüchtige Lesbe finden, ist unsere Crew komplett. Ihr wisst ja, dass es ein paar Kriterien gibt, die vom Sender vorgegeben sind, oder? Hier ein bisschen ‚Patchwork‘, da ein wenig ‚sexuelle Toleranz‘ und dort ein kleines bisschen Multikulti, damit uns die Beauftragte für Migration und Bürgerrechte für Minderheiten nicht den Arsch aufreißt oder uns die Mittel kürzt!“

 

Soll also heißen, dass zum Zeitpunkt der Ansprache des Regisseurs keiner der Schauspielerinnen und Schauspieler ein Script vorliegen hatte. Warum auch? Bei den Texten ließ man allen relativ freien Raum, solange jede politische Kritik, jede echte Emotion und jede noch so geringe Talent vermieden wurde. Wichtig war nur, einem Schema zu entsprechen, das der Sender, wie auch alle anderen Sender, konsequent und quotenträchtig umsetzen würde.

 

Um was sollte es bei ‚Liebe und Larifari‘ gehen?

 

Eigentlich ist die Frage ebenso unwichtig, wie die Antwort darauf. Weil es aber jene frustrierten Hausfrauen, arbeitslose Schluckspechte, haltlose und garantiert übergewichtige Teens und auch alle bewegungsunfähigen Rentner sind, die gierig in den Vorankündigungen der Presse lesen, welchen Eintopf sie zu essen haben, hier der originale Pressetext zu ‚Liebe und Larifari‘:

 

„RTL hat wieder einmal keine Kosten und Mühen gescheut, den Zuschauern einen Film zu schenken, der bewegend, einfühlsam und voll im Trend unserer Zeit ist. Mit Marcel R. als Regisseur, der bezaubernden Michelle L. in der Hauptrolle und einer ganzen Schar von aufgehenden Sternchen am Filmhimmel wird ‚Liebe und Larifari‘ garantiert zu einem der erfolgreichsten RTL-Produktionen der letzten Wochen!

So können wir uns darüber freuen, dass sich Michelle L., in der Rolle der Zahnarzthelferin Michelle B. von Freunden nur ‚Larifari‘ genannt, unsterblich in den Patienten Lukas verliebt, der jedoch noch immer seiner an AIDS verstorbenen Freundin Anna nachtrauert. John D., der farbige Austauschstudent aus den USA verliebt sich ebenfalls in Lukas, dem allerdings auch die Geliebte des Zahnarztes Avancen macht. Der kleine Ling Peng, ein achtjähriger Junge aus einer chinesischen Asylbewerberfamilie, wird schließlich vom Zahnarzt adoptiert, nachdem die chinesischen Eltern von bösen Beamten der amerikanischen Einwanderungsbehörde auf dem Frankfurter Flughafen zur Ausreise gen Washington gezwungen wurden.

Larifari, John und Lukas einigen sich am Ende des mitreißenden Films darauf, gemeinsam nach Afghanistan zu reisen, um dort selbstlos den Opfern amerikanischer und europäischer Gewalttaten zu helfen. Und die Geliebte des Zahnarztes? Wird sie am Ende leer ausgehen? Wird sie die neue Mutter von Ling-Peng? Wird sie  an einem schweren Krebsleiden sterben? Oder wird sie, weil sie ein zu dunkles Make-up trug, von rechtsradikalen Schlägern umgebracht? Fragen über Fragen, auf deren Antwort der neugierige Zuschauer warten muss, bis uns RTL den Anschlussfilm ‚Liebe, Larifari und die Geliebte des Zahnarztes‘ präsentiert, was noch in diesem Jahr der Fall sein wird.“

 

Marcel R. war stolz auf sich und sein Können. Marcel R. war immer leicht zufrieden zu stellen und wohl aus diesem Grund hatte der Sender darauf bestanden, dass Marcel R. Regie führen sollte.

 

Zwei Wochen später war der Film abgedreht und anschließend, eine Woche vor Filmstart, erhielt ‚Liebe und Larifari‘ den großen Deutschen Filmpreis in Gold, verliehen von Jenny Elvers-Elbertzhagen. Die Laudatio sprach Heiner Lauterbach, der dabei besonders hervorhob, dass der deutsche Film endlich eine neue Blüte trägt, die auch international für Aufmerksamkeit sorgen wird.

 

Nur wenigen Insidern fiel auf, dass die Verleihung des Deutschen Filmpreises in Gold vor dem Filmstart erfolgte. Ein wohl zu neugieriger und auch unerfahrener Journalist erdreistete sich die Frage, wie dies denn möglich sei – und musste sich daraufhin einen neuen Job suchen.

Der ganze Rest der Journaille lobte den Film über den grünen Klee, selbst Mario Adorf ließ verlauten, dass Michelle ‚ein hübsches Ding‘ sei und RTL kündigte an, dass beim Remake von ‚Liebe und Larifari‘, mit dem bereits in einem Jahr zu rechnen sei, Till Schweiger die Hauptrolle als neue Michelle übernehmen würde. Mit der dafür nötigen Einarbeitung einer Geschlechtsumwandlung im Drehbuch wolle RTL ein deutliches Zeichen für Toleranz auch dieser Minderheitengruppe setzen.

 

Der erste Film ‚Liebe und Larifari‘ wurde exakt so, wie es Regisseur Marcel R. gefordert hatte. Jeder seiner Schauspielerinnen und Schauspieler agierte talentfrei, emotionslos und ohne jegliche politische Aussage. Jedes Klischee wurde ausgiebig bespielt, Friede, Freude und Allerlei dominierten und tatsächlich schnellten die Einschaltquoten in die Höhe, nachdem der Sender kurz vor der Ausstrahlung bekannt gab, dass Michelle gleich zu Beginn des Filmes in einer radikal freizügigen Szene zu sehen sei, in der man für den Bruchteil einer Sekunde ihren Intimschmuck sehen könne, wenn man nur nahe genug am Fernseher sitzt.

 

RTL war glücklich, die so genannten Schauspielerinnen und Schauspieler waren glücklich, der Regisseur war glücklich und der Fernsehkonsument fraß letztendlich alles, was ihm serviert wurde – und war somit auch glücklich. Und Michelle?

 

Michelle war leider todunglücklich, denn ihr Versuch, bei einer Pressekonferenz ihre angebliche Affäre mit Bill von ‚Tokio Hotel‘ bekannt zu machen, kam bei den jugendlichen weiblichen Fans ganz schlecht an. RTL feuerte Michelle fristlos. Insider und Promi-Experten berichten seitdem nicht mehr von Michelle und die Versenkung, in der sie verschwunden ist, wurde vom Publikum schlichtweg ignoriert.

 

Und Ling-Peng?

 

Die FDP schloss, kurz nach den Dreharbeiten von ‚Liebe und Larifari‘ einen Vorvertrag mit Ling-Peng ab, in dem sie dem kleinen Chinesen beim Erreichen des 21. Geburtstag einen Platz im späteren Schattenkabinett garantierte, wenn Ling-Peng im Gegenzug auf eine Veröffentlichung verzichtete, in der er eigentlich von seinem guten Verhältnis zu Guido Westerwelle berichten wollte.

 

Alles ging seinen Gang.

 

Wirklich alles?

 

Nun, nicht alles, denn Hollywood bot Marcel R. die Regie in einem Einhundert-Millionen-Dollar-Film mit dem Titel ‚Stupid Germans‘ an. Die Hauptrollen sollten Brad Pit und Heinrich George spielen. Als die Amis jedoch erfuhren, dass Heinrich George, den sie für den größten deutschen Schauspieler hielten, längst tot war, war auch Marcel R. wieder aus dem Rennen und die Regiearbeit wurde von den Cohen-Brüdern übernommen. Den Part von Heinrich George bekam Udo Jürgens zugesprochen, bis man schließlich merkte, dass Udo und Kurt sich unter anderem darin unterschieden, dass Kurt Jürgens ebenfalls tot war…

 

Fazit?

 

Möge sich jeder selbst einen Reim darauf machen. Worauf? Nun, zum Beispiel auf ‚KEINHIRNFILME‘, ganz egal, wie sie heißen.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.12.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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