Hannis Eriksson

Brasilianische Weihnachten – Natal de Belém

Erzählt man den kleinen brasilianischen Kindern die Weihnachtsgeschichte und man erzählt dabei von Bethlehem, so denken die Kinder, dass mit dieser Stadt Belém, wie sie im portugiesischen heißt, die brasilianische Stadt Belém an der Atlantikküste gemeint ist. So spielt diese Geschichte genau dort.

 

 

 

Seit einer Woche bereitete Mauricios Familie ihren Umzug vor und heute würden sie endlich in ihr neues Heim umziehen.

   Die letzten drei Wochen waren zu hektisch gewesen. Überall in der Stadt musste man sich zwischen den vielen Menschen durchschlängeln und aufpassen, dass man nicht unter die Räder der vielen Karren kam, die die Straßen befuhren. Des Nachts war der kleine Mäuserich Mauricio oft aufgewacht, weil die Erde unter seinem Strohbettchen gebebt hatte.

   Mauricios Vater João war dann vor einer Woche auf Wohnungssuche gegangen und hatte vor den Toren der Stadt eine Scheune für seine Familie ausgesucht. Dort würde die Familie wieder Ruhe finden und solange verweilen, bis das geschäftige Treiben in der Stadt wieder nachgelassen hatte, denn ewig so weiter gehen, würde es sicherlich nicht.

   Natürlich hatten sie auch in ihrer neuen Unterkunft einige Nachbarn, allerdings verbrachten die Rinder und Esel nur die Nächte in den Scheunen, tagsüber grasten sie auf den Wiesen und Weiden, die die Stadt umgaben.

   Mauricio lag noch in seinem Bettchen und träumte von der Weite, die sein Vater ihm und seinen Geschwistern beschrieben hatte. Die kleinen Mäuschen würden dort draußen soviel Neues entdecken können, würden soviel Platz zum Spielen haben.

   »Mauricio. Aufstehen!«, wurde der kleine Mäuserich aus seinem Traum gerissen. Seine große Schwester Malu stand neben seinem Bettchen und lächelte ihn an. »Komm aus den Federn. In einer halben Stunde wollen wir los.«

   Langsam kroch Mauricio aus seinem Strohbettchen. Mit halb geschlossenen Augen zog er sich an und trottete in die Küche der kleinen Mäusewohnung. Alle seine Geschwister saßen schon beim Frühstück, auch die kleinen Zwillinge und Paulo und Felipe.

   »Guten Morgen, Mauro«, wurde der kleine Mäuserich von seiner Mutter begrüßt. »Hast du ausgeschlafen?« Sie ging auf ihn zu und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn.

   Mauricio lächelte seine Mäusemama mit zugekniffenen Augen an. Er ging zum Küchenfenster und sah nach draußen auf die Straße. Die Morgensonne erhellte gerade die Dächer der Stadt. Die Straße vor dem Haus lag noch im Dunkel der Nacht.

   »Es ist doch noch so früh. Kann ich nicht noch ein bisschen schlafen«, murrte der kleine Mäuserich.

   »Wir wollen gleich los. Wenn wir unser Ziel erreicht haben kannst du wieder schlafen«, entgegnete seine Mutter mit liebevoller Stimme. »Und jetzt iss erstmal etwas.«

   Mauricio setzte sich an den Küchentisch und aß sein Schüsselchen mit Haferbrei. Er war noch nicht ganz mit dem Frühstück fertig, als jemand an der Haustür klopfte. Mauricios Vater João öffnete die Tür.

   Draußen auf der Straße wartete bereits ihr Taxi, dass die Mäusefamilie bis zur Stadtmauer bringen sollte. João hatte seinen Freund Beto gebeten, ihm und seiner Familie diesen Dienst zu erweisen.

   Beto war ein alter, schon leicht ergrauter und riesiger Bernhardiner, der die Stadt wie seine Westentasche kannte. Oft durften Mauricio und seine Geschwister mit dem Hund durch die Straßen ziehen und dabei auf seinem Rücken reiten. Mauricio mochte den alten Bernhardiner sehr, vor allem liebte er das weiche Fell des Hundes, in das er sich gerne hineinkuschelte.

   »Wir sind gleich soweit«, teilte João seinem Freund mit. Der Mäusevater kam zurück in die Küche und meldete: »Beto ist da. Beeilt euch, holt eure Sachen! Wir wollen los.«

   Mauricio und seine Geschwister holten ihr spärliches Reisegepäck und folgten ihren Eltern auf die Straße. Beto legte sich nieder und die Mäusefamilie kletterte auf den Rücken des Hundes. Nachdem alle Mäuse auf ihren Plätzen saßen, erhob sich der Bernhardiner und machte sich auf den Weg zum nächstgelegenen Stadttor.

   Durch diese Art der Fortbewegung sparte die Familie nicht nur viel Zeit ein, Betos Anwesenheit garantierte der Mäusefamilie auch, dass die Katzen der Stadt sich in gebührendem Abstand zu ihnen hielten. Allerdings war die Reise auch sehr holprig, weswegen sich die Mäuse sehr festhalten mussten. Zweimal musste Beto sogar anhalten, weil zwei von Mauricios Geschwistern von seinem Rücken gefallen waren. Doch glücklicherweise hatte sich keines der kleinen Mäuschen beim Sturz verletzt.

   Kurz vor dem Stadttor hielt Beto an. Er blickte in Richtung Tor durch das unentwegt Menschen hinein- und herausströmten.

   »Ich glaube nicht, dass ich dort durchkomme«, erklärte der große Bernhardiner.

   »Kannst du vielleicht ein Stück an der Mauer entlanggehen?«, bat João seinen Freund. »Vielleicht finden wir dort irgendwo eine kleine Lücke, durch die wir durchschlüpfen können.«

   Beto gewährte seinem Freund den Gefallen und nach einige hundert Metern hatten sie ein Loch gefunden, das gerade groß genug für die Mäuse war. Beto setzte die Mäusefamilie ab und verabschiedete sich von ihnen. Dann lief er zurück zu seinem Haus.

   João dirigierte seine Familie durch das Mauerloch vor die Stadt und zählte die Köpfchen seiner Familie ab.

   »Einundzwanzig, zweiundzwanzig, drei… Hier fehlt doch jemand«, erschrak João.

   »Ich kann Mauricio nirgends sehen«, erklärte Malu.

   »Hat er nicht die ganze Zeit neben dir gesessen?«, fragte Mäusemutter Lea.

   »Doch«, entgegnete Malu. »Er ist auch mit abgestiegen, da bin ich mir ganz sicher.«

   »Mauricio, Mauricio«, rief die ganze Mäusefamilie nach ihrem vermissten Bruder und Sohn, aber auf eine Antwort warteten sie vergeblich.

   Nach einigen Minuten des Rufens machte sich die Mäusefamilie wieder auf den Weg. Sie hatte ein Mitglied verloren, musste jetzt aber weiter, um zu verhindern, dass noch jemand abhanden kam. Wenn Mauricio noch lebte, musste er allein den Weg in ihre neue Unterkunft finden.

 

Mauricio war schlaftrunken auf die Reise gegangen. In Betos Fell war er eingenickt. Als der große Hund Mauricios Familie abgesetzt hatte, war der kleine Mäuserich zwar auch mit abgestiegen, war dann aber gleich müde in einem kleinen Heuhaufen, der an der Stadtmauer lag, eingeschlafen und hatte die Rufe seiner Familie nicht gehört.

   Nach einiger Zeit wachte er wieder auf. Er streckte sich und gähnte. Dann sah er sich um. Er wusste nicht mehr wo er war, aber das war eindeutig nicht sein zu Hause. Langsam kam die Erinnerung zurück. Seine Familie wollte in eine Scheune vor die Stadt ziehen, zumindest so lange, bis diese hektischen Tage vorüber wären. Auf Betos Rücken waren sie hierher gelangt, aber Mauricio konnte weder Beto noch irgendjemanden aus seiner Familie hier sehen.

   Er blickte sich um, lief auf der Straße umher, schlängelte sich zwischen den Füßen der Menschen entlang und rief nach seinen Eltern; er rief nach seinen Geschwistern, aber niemand antwortete ihm. Traurig ging er wieder zu dem Heuhaufen zurück in dem er aufgewacht war.

   Dort erblickte er ein kleines Loch in der Stadtmauer. Dort sind sie bestimmt durchgegangen, dachte der kleine Mäuserich. Vielleicht waren sie ja noch auf der anderen Seite und warteten auf ihn.

   Mauricio ging durch das Loch und kam auf der anderen Seite der Stadtmauer wieder ins Freie. Hier war alles so weit. Er blickte bedrückt auf den Boden, denn niemand aus seiner Familie war hier geblieben, um auf ihn zu warten. Auf dem weichen Boden direkt vor der Mauer erkannte Mauricio viele kleine Fußspuren, die Fußspuren seiner Familie, was ihn wieder Hoffnung schöpfen ließ. Er lief in die Richtung, in die diese Spuren führten, doch als er die Weiden vor der Stadt erreicht hatte, waren die Fußspuren verschwunden.

   Der kleine Mäuserich ließ sich ins Gras fallen und fing an zu weinen.

   »Was ist denn mit dir los, kleiner«, fragte ihn eine freundliche Stimme.

   »Ich… ich«, stotterte Mauricio. »Ich bin von meiner Familie getrennt worden.«

   »Na! Vielleicht kann ich dir ja suchen helfen«, bot die freundliche Stimme an.

   Mauricio blickte jetzt auf. Vor ihm erhob sich ein riesiges Tier, etwas, das er in seinem bisherigen Leben noch nie gesehen hatte. Der kleine Mäuserich schrak zusammen.

   »Wer… was bist du?«, wollte der kleine Mauricio wissen.

   »Ich bin ein Wasserbüffel«, entgegnete der Wasserbüffel erstaunt über die Frage der kleinen Maus. »Hast du denn noch nie einen Wasserbüffel gesehen?«

   »Nein, ich war noch nie außerhalb von Belém«, erklärte Mauricio. »Wirst du mich fressen?«, fragte er, sichtlich von der Größe des Tieres eingeschüchtert.

   »Nein«, entgegnete der Wasserbüffel und lachte dabei laut. »Ich fresse nur Gras.«

   Die Antwort genügte Mauricio und er richtete sich vor dem Wasserbüffel auf.

   »Mein Name ist Mauricio«, erklärte er. »Willst du mir wirklich helfen, meine Familie zu finden?«

   »Wenn du meine Hilfe annimmst«, entgegnete der Wasserbüffel. »Ich heiße übrigens Luís.«

   Der Wasserbüffel legte seinen Kopf auf dem Gras nieder. »Komm, steig auf meinen Kopf. Von dort aus kannst du die ganze Gegend überblicken.«

   Mauricio kletterte auf Luís Kopf. Dann hob der Wasserbüffel seinen Kopf langsam an und der kleine Mäuserich sah sich um. Nur wenige Meter entfernt erhob sich die Stadtmauer. In der anderen Richtung lagen einige Scheunen, allerdings doch soweit entfernt, dass Mauricio nicht sagen konnte, in welche dieser Scheunen seine Familie ziehen wollte, wenn diese gewisse Scheune überhaupt hier in der Nähe lag. Er konnte sich nicht genau daran erinnern, wie sein Vater sie beschrieben hatte. Mäusevater João war bis jetzt der einzige aus Mauricios Familie, der die Scheune mit eigenen Augen gesehen hatte. Sie war groß, an diese Worte konnte sich Mauricio noch erinnern. Und sie war ganz aus Holz, aber die Scheunen hier waren doch alle aus Holz. Das brachte den Mäuserich nicht weiter. Verzweifelt setzte er sich auf dem Kopf des Wasserbüffels nieder.

   »Und? Kannst du irgendwas sehen«, fragte Luís.

   »Wir wollten zu einer Scheune, aber hier gibt es ja so viele davon«, antwortete Mauricio. »Ich finde meine Familie nie wieder«, schluchzte der kleine Mäuserich.

   »Aber, aber«, beruhigte ihn der Wasserbüffel. »Gib niemals die Hoffnung auf. Wie wäre es, wenn ich dich mal zu den nächsten Scheunen hinbringe? Vielleicht hat sich deine Familie ja in einer von ihnen niedergelassen.«

   »Ja«, entgegnete Mauricio, der durch Luís Worte wieder ermutigt war.

Die beiden gingen von einer Scheune zur nächsten, fragten die Tiere, die ihnen dort über den Weg liefen, ob sie eine große Mäusefamilie gesehen hätten, doch niemand konnte ihnen weiter helfen. So vergingen mehrere Stunden und langsam dämmerte es.

   Luís wurde müde. Hatte er der kleinen Maus zuviel versprochen?

   »Wie wäre es, wenn wir morgen weitersuchen«, sagte der Wasserbüffel. »Es gibt noch so viele Scheunen rund um die Stadt. Wir werden deine Familie schon finden, nur eben heute nicht mehr.«

   Der Wasserbüffel legte sich ins Gras und Mauricio legte sich auf seinen Rücken. Auch er war müde und schlief sogleich ein.

 

Mauricio träumte davon, wie er und seine Geschwister zusammen spielten, wie ihn seine Mama in den Arm nahm und ihm über den Kopf streichelte.

   »Mauricio. Wach auf«, weckte ihn jemand. Der Boden unter dem kleinen Mäuserich begann zu beben.

   »Mama?«, fragte Mauricio schläfrig.

   »Nein, ich bin’s, Luís«, erklärte der Wasserbüffel. »Sie mal dort hinten über der Scheune.«

   Der kleine Mäuserich folgte dem Blick seines neuen Freundes. Über einer der Scheunen strahlte ein helles Licht. Luís setzte sich in Bewegung, mit schnellem Schritt kamen sie der Scheune immer näher.

   »Was ist das?«, fragte Mauricio seinen Freund und meinte damit das Licht über der Scheune.

   »Ich denke, das ist ein Stern, der vom Himmel gefallen ist«, entgegnete Luís.

   Bei der Scheune angekommen, sahen sie viele andere Tiere dort stehen, die alle in die Mitte des Gebäudes blickten. Dort standen zwei Menschen und in einer Krippe zwischen ihnen lag ein kleines Menschenkind, das von vielen kleinen Lichtern umschwirrt wurde. Gespannt beobachteten auch Mauricio und Luís die Menschenfamilie und das kleine Kind in der Krippe.

   Das kleine Kind blickte sich in der Scheune um und sah die ganzen Tiere an. Sein Blick blieb abrupt bei dem kleinen Mäuserich Mauricio stehen. Der Menschenjunge lächelte den Mäuserich an und der Mäuserich lächelte freundlich zurück. Er hatte seine Sorgen für einen Moment vergessen, als eine Stimme seinen Namen rief.

   »Mauricio«, klang es durch die Stille.

   Der kleine Mäuserich blickte von seiner erhöhten Position nach unten auf den Boden. Vor seinem Freund, dem Wasserbüffel Luís stand eine kleine Maus. Mauricio erkannte erst auf den zweiten Blick, wer da seinen Namen gerufen hatte.

   Luís legte sich nieder und ließ seinen kleinen Freund auf den Boden nieder. Mauricio rannte auf die andere Maus zu und fiel ihr um den Hals.

   »Papa«, rief er überglücklich.

   »Na mein kleiner! Wir sind so froh, dass wir dich wiederhaben«, erklärte João.

   Aus einer Ecke der Scheune kamen einundzwanzig Mäuse angerannt und drückten ihren kleinen Bruder. Mäusemutter Lea streichelte ihrem Sohn über den Kopf und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn.

   Die überglückliche Mäusefamilie setzte sich neben dem großen Wasserbüffel Luís auf den Boden. Sie lagen sich in den Armen und bestaunten das kleine Menschenkind.

   Diese Nacht war die schönste Nacht, die Mauricio jemals erlebt hatte. Er würde sich noch lange daran erinnern. 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.12.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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