Pierre Heinen

Patronenhülsen im Schnee

(Dezember 1944) Unser Squad ist in der weißen Hölle angekommen.
So fühlt es sich auf jeden Fall an. Selbst das Schreiben ist hier eine Tortur.
Alles ist kalt, feucht und das Papier zum Teil aufgeweicht. Irgendwo in den Ardennen,
an vorderster Front, dort findet man uns jetzt.

                                                                    *

Der Ostwind läßt mal Schnee, mal Regen kaltblütig vom Himmel herabfallen.
Der Boden ist matschig und jeder Schritt kostet Kraft. Es ist so verdammt kalt,
dass man seinen Körper nicht mehr unter Kontrolle hat. Man zittert und es
kommt einem vor, als würde man nackt in Eiswasser sitzen.

Schneeflocken sind mir aber auf jeden Fall lieber als Granaten, wie die, die Tage
zuvor stundenlang durch die Gegend geflogen sind. Die Offensive der Deutschen
hat alle überrascht. Damit hat niemand gerechnet. Sergeant Dwight ist zuversichtlich,
dass wir die Krauts besiegen werden, wenn nicht heute dann morgen. Hoffentlich behält er Recht.

                                                                    *

Wir sollen Position an einer Straßenkreuzung beziehen. Sie befindet sich auf einer
Anhöhe, eine strategisch gute Stellung mit Blick ins gegenüberliegende Tal. Die Lage
in der Gruppe ist angespannt. Der Feind hat weiter südlich angegriffen, sich aber hier
noch nicht blicken lassen. Bis jetzt?

                                                                    *

Es ist ruhig und lediglich weit entfernter Schlachtenlärm dringt manchmal an
unsere Ohren. Das Radiogerät spuckt Beunruhigendes aus. Es ist von vielen
Verlusten die Rede, von Flugzeugen, die wegen des schlechten Wetters nicht starten
können und von den Deutschen, die weite Teile zurückerobert haben.

                                                                    *

Pampige Schneeflocken segeln von oben auf uns herab. Der Wind hat nachgelassen
und brennt nicht mehr auf der Haut. Wir kommen gut auf der Straße voran und allein
die Bombentrichter, auf die wir hie und da stoßen, erinnern uns an den Weltkrieg.

                                                                    *

Wir nähern uns der Kreuzung. Ein Bauernhaus steht auf der einen Seite der Straße,
die Stallungen mitsamt der Scheune auf der anderen. Rundherum ist sonst nichts zu sehen.
Noch wissen wir nicht ob der Feind auf uns wartet. Kimme und Korn.

                                                                    *

Dwight will kein Risiko eingehen und die Lage auskundschaften lassen. William und Thomas
nehmen ihre Garands von den Schultern. Alte Hasen mit Erfahrung. Der Rest verschanzt sich
im Straßengraben, derweil die beiden einen weiten Bogen um die Kreuzung machen und das
Gehöft unter die Lupe nehmen werden.

                                                                    *

Das Haus ist verlassen. Wir nisten uns sogleich dankbar ein. Ein Dach über dem Kopf,
ein unschätzbarer Wert in dieser weißen Hölle. Das Bazookateam wird in der Scheune
untergebracht, wir anderen verteilen uns im Haus.

Ich bin mit James im Schlafzimmer auf dem ersten Stock. Beide sind wir müde und geschafft.
Froh, wenn dieser Krieg vorbei ist. Heute können wir uns von den Strapazen der vorangegangenen
Tage erholen. Wer weiß was morgen kommt? Schweigend löffeln wir unsere Ration aus den Dosen.

Ich sitze auf einem Stuhl neben dem Fenster, blicke ins finstere Tal. Ich habe Kerzen
gefunden und erlaube mir zu Schreiben. Was wohl aus den Leuten hier geworden ist?

                                                                    *

Ein neuer Tag. Die Nacht war ruhig und ich habe gut geschlafen. Der Himmel ist noch
immer grau. Lange ist es her, dass ...

                                                                + + +

Ein leises Brummen. Motorengeräusche hallen durchs Tal.

„Panzer!“, brüllt jemand von unten aus dem Haus.

Ich wage einen Blick aus dem Fenster. Zwei Hetzer quälen sich die Straße herauf.
Links und rechts marschieren Soldaten in Tarnjacken. Halbkettenfahrzeuge folgen
ihnen in einem gewissen Abstand. Jetzt wird es ernst!

Ich greife nach meinem Helm und der Thompson. James sieht mich bleich an.
Was nun?, steht in seinen Augen geschrieben.

„Das ist unser Ende“, flüstert er und bekreuzigt sich. „Gott steh uns bei!“

Das Geräusch der donnernden Motoren jagt mir eine Gänsehaut über den Rücken.
Gegen die 7,5 cm Kanonen haben wir keine Chance. Ein Volltreffer der Bazooka
kann uns noch retten. Aber dazu müssten das Team näher an die Panzer ran. Die Hetzer
rasseln frontal über die Straße auf uns zu und zeigen ihre verwundbaren Seiten nicht.

„Feuer!“, ertönt der Befehl von Dwight durchs Haus.

Ich öffne hastig das Fenster und lasse wahllos Kugeln aus der Thompson auf die
Soldaten rechts der Straße prasseln. Von allen Seiten kracht es nun. Die Jungs aus
der Scheune jagen eine Rakete in Richtung des ersten Panzers. Ich ducke mich und
James schießt. Eine Detonation. Feindliche MGs hämmern.

James bückt sich. Er schaut mich apathisch an. Geschosse fressen sich in den
Fensterrahmen über uns. Glasscherben rieseln auf uns herab. Ich stehe auf und sehe in
dem Augenblick wie der zweite Hetzer eine Sprenggranate in die Scheune jagt. Ich werfe
mich zu Boden. Die Explosion lässt mich Schlimmes befürchten.

„Raus!“, schreit jemand unten.

Wir zögern nicht lange und stürmen zur Treppe. Ein Granateneinschlag erschüttert das Haus.
Unermüdlich pfeifen jetzt Projektile durch die Luft. Unten angekommen sehen wir bereits Krauts
vor der Tür laufen. Thomas schmeißt eine Handgranate durch ein Fenster nach draußen
auf die Straße. Wieder kracht es. Schreie Getroffener fliegen umher.

„Hinten raus!“, brüllt Thomas mich an. „Schnell!“

Ich renne durch die Küche und stehe im Nu im Gemüsegarten hinter dem Haus. Ein Soldat
mit einem Sturmgewehr kommt um die Ecke auf mich zugelaufen. Ich zögere keine Sekunde
und drücke ab. Schreiend fällt er zu Boden. Kugeln haben sich durch seine Brust und seinen
Bauch gebohrt. Er gibt entsetzliche Schmerzensschreie von sich.

Thomas schubst mich weiter. Er rennt zur Straße und springt in den Graben. Während er
bereits feuert, lade ich die Thompson nach. Ich will zu ihm. Schüsse. Schmerzen. Es wird schwarz.

 


16. Dezember 1944 – Vor 65 Jahren: Ardennenoffensive / Rundstedt-Offensive /
Unternehmen „Wacht am Rhein“ / Battle of the Bulge

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.12.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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