Dagmar Senff

Eine Weihnachtsgeschichte

Eine Weihnachtsgeschichte

Wir schreiben den 28. November im ersten Jahrzehnt des zweiten Jahrtausend. Es ist ein düsterer, regnerischer Tag. Ein kleines Mädchen sitzt am Wohnzimmertisch und malt versonnen auf ein Blatt Papier die unterschiedlichsten Gegenstände. Sie mag vier oder fünf Jahre alt sein. Im Hintergrund läuft das Fernsehgerät. Alina heißt die Kleine. Sie schaut nicht auf den flimmernden Bildschirm, weil er ihr vertraut ist. Der läuft den ganzen Tag. Der Vater schaltet ihn bereits am Morgen nach dem Aufstehen ein.

Alina malt einen Wunschzettel für das Christkind. Alle Kinder aus ihrer Kindergartengruppe malen jetzt ihre Wunschzettel. Alinas Wünsche unterscheiden sich nicht von denen der anderen Kinder. Sie wünscht sich ganz normale Dinge, die sie schon oft in der Fernsehwerbung gesehen hat.

Ihre Mutter steht in der Küche und backt Plätzchen für das Fest. Sie ist ein wenig ungeschickt dabei, weil sie es noch nicht oft gemacht hat. Das Resultat sieht zwar nicht aus, wie aus der Konditorei aber man kann durchaus Plätzchen erkennen. Sorgfältig schichtet sie sie in eine Blechdose. Sie hätte Alina gerne beim Backen dabei gehabt, aber das Mädchen hatte keine Lust zum Backen, weil sie lieber den Wunschzettel fertig stellen wollte.

Alinas Vater sitzt vor dem Computer, der auch im Wohnzimmer steht. Er sitzt fast immer dort. Schaut nach Diesem und Jenem, aber hauptsächlich nach Arbeitsplätzen im Internet. Alinas Eltern sind beide schon seit zwei Jahren ohne Arbeit. Sie zählen zur Gruppe der Sozialhilfeempfänger und verfügen daher über ein sehr geringes Einkommen. Es fällt ihnen sehr schwer damit bis zum Monatsende aus zu kommen. Oft gibt es deshalb Streit zwischen den Eltern. In diesen Momenten verkriecht sich Alina in ihr Zimmer und macht sich eine Märchenkassette an, damit sie die Streiterei nicht hören muss.

Aber heute ist sie glücklich, sie freut sich darauf ihren Wunschzettel später auf das äußere Fensterbrett zu legen, damit das Christkind ihn dort findet und abholt. Stolz zeigt sie Ihrem Vater was sie gemalt hat und was sie sich wünscht. Sie erklärt ihm ganz genau, was er nicht gleich erkennen kann. Vor lauter Eifer sind ihre Wangen ganz rot und die Augen groß und weit. 

„Mama, Mama, sieh doch was ich gemalt habe, das wünsche ich mir alles vom Christkind!“ Sie stürmt in die Küche um ihrer Mutter den Wunschzettel zu zeigen. Die Mutter nimmt die Kleine zur Seite, geht in die Knie um auf Augenhöhe des Kindes zu sein:

 „Alina, Schätzchen, Du weißt, dass sich nicht immer alle Wünsche erfüllen können. Manche werden später wahr, aber manche auch nie. Verstehst Du das?“

Das Kind nickt geknickt mit dem Kopf und fragt dann: „Aber auf die Fensterbank darf ich den Zettel schon legen, ja? Vielleicht holt ihn das Christkind doch ab.“

„Ganz sicher macht es das.“

Ihre Mutter nickt lächelnd mit dem Kopf und versucht ihr Kind mit den Plätzchen abzulenken. Sie ist noch jung, erst achtundzwanzig Jahre alt. In dieser Situation fällt ihr ihre eigene Kindheit ein. Auch sie hat Wunschzettel gemalt. Aber ihre Wünsche wurden fast immer erfüllt. Ihre Eltern hatten immer Arbeit und erfüllten ihrer einzigen Tochter die Wünsche die sie hatte. Wehmütig denkt sie an ihre Jugend zurück. Ihre Eltern kamen vor drei Jahren bei einem Unglück ums Leben und hinterließen ihr die Eigentumswohnung in der die junge Familie heute lebt.

Alinas Vater und sie lernten sich vor einigen Jahren an der Uni kennen und lieben. Als sie schwanger wurde blieb das Baby tagsüber bei ihren Eltern, damit die junge Mutter weiterhin studieren konnte. Nach dem Tod der Eltern brachte das junge Paar ihr Kind aus eigener Kraft durch, beide machten ihren Abschluss und gerieten dennoch sofort in die Arbeitslosigkeit. Sie versucht mit dieser Situation einigermaßen zu Recht zu kommen. Aber ihr Mann leidet sehr unter der Perspektivlosigkeit. Selbst in Aushilfsjobs findet er keine Alternative, weil man ihn dort für überqualifiziert hält.

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Es ist der 6. Dezember, als sich Eltern und Kinder im Kindergarten versammeln um gemeinsam auf den heiligen St. Nikolaus zu warten. Alina ist schon ganz aufgeregt und freut sich auf ihn. Immer wieder spricht sie das Gedicht vor sich hin das sie eigens für seinen Besuch gelernt hat. Ihre Eltern lächeln sich an und freuen sich über das Glück ihres Kindes. Heute haben auch sie ihre Sorgen vergessen und können ein wenig fröhlicher sein.

Nachdem der Nikolaus seine Päckchen verteilt hat und die Kinder mit Erziehern und Eltern spielen, kommen er und Alinas Vater noch für kurze Zeit ins Gespräch. Es stellt sich heraus, dass der Nikolaus ein Kommilitone von Alinas Vater war. Die Männer hatten sich viel zu erzählen und nach dem Gespräch ging es dem jungen Vater ein bisschen besser, weil er sich Jemandem  anvertrauen konnte.

Die langen Dezembertage verstrichen mit Bemühungen wenigstens die kleinen Wünsche Alinas zu realisieren. Das Paar versuchte an den täglichen Dingen noch mehr einzusparen. Gerne wären sie mit Ihrer Tochter auf den Weihnachtsmarkt gegangen, verzichteten jedoch darauf um das Kind nicht noch mehr dem Konsumzwang auszusetzen. Die junge Mutter versuchte durch Dekorationen, Gebäck und Geschichten die vorweihnachtliche Stimmung zu heben, während ihr Mann sich im Keller mit dem Bau eines Puppenhauses für Alina beschäftigte. Das Holz dafür stand noch von seinem Schwiegervater im Keller. Das brachte ihn auf die Idee mit dem Puppenhaus. Es stand zwar nicht auf dem Wunschzettel, aber es war ein Geschenk das zunächst nicht viel Geld verschlang. Im Verlauf der Zeit bekam das Gebäude immer mehr Form und zwei Tage vor Weihnachten war ein richtig hübsches Häuschen entstanden. Der stolze Vater betrachtete es mit Wohlwollen.

Als die Familie beim Abendessen saß, fragte Alina in die Runde: „Wann holen wir denn den Weihnachtsbaum, wir haben doch noch gar keinen und die anderen haben schon alle einen Baum gekauft.“ Sie schaute in zwei betroffene Gesichter die auf diese Frage nicht gleich eine Antwort wussten. „Warte ab Alina, dass machen wir auch noch“, sagte ihr Vater nachdem ein Moment Ratlosigkeit herrschte.

Nachdem Alina im Bett war, griff ihre Mutter das Thema Weihnachtsbaum nochmal auf:

„Wie stellst Du Dir vor, sollen wir denn noch einen Weihnachtsbaum bekommen? Wir können uns nicht einmal ein Weihnachtsessen leisten, geschweige denn noch Geld für einen Baum ausgeben!“ Beinahe vorwurfsvoll sagte sie das zu Ihrem Mann, dabei liefen ihr dicke Tränen über das Gesicht. Sie war verzweifelt, weil ihre Situation nicht zuließ Weihnachten so zu feiern wie sie es aus ihren Kindertagen kannte. Sie wollte ihrem eigenen Kind diese Tradition so gerne weitergeben. Ihr Mann nahm sie in seine Arme und versuchte ihr Mut zu machen:

„Wir werden einen Weihnachtsbaum haben, dass verspreche ich Euch!“

Am 24.Dezember morgens war aber immer noch kein Tannenbaum im Haus. Alina und ihre Mutter glaubten auch nicht daran, dass sie am Abend vor einem geschmückten Baum sitzen würden.Ihr Vater machte sich aber auf den Weg zum Weihnachtsmarkt in der Stadt. Als er nach zwei Stunden zurückkehrte, trug er ein kleines, krumm gewachsenes Bäumchen in seiner Hand und übergab es strahlend seiner Frau:

„Den schmücken wir jetzt alle zusammen, dann wird es weihnachtlich!“  Alinas Gesicht und das ihrer Mutter erhellte sich. Sie standen vor ihm und strahlten ihn mit ihrem schönsten Lächeln an.

„Den habe ich in einer Gärtnerei bekommen.

Als ich dort berichtete dass wir uns keinen Baum kaufen können, hat ihn mir der freundliche Gärtner geschenkt, weil er so oder so übrig geblieben wäre.“ 

Alina und ihre Mutter holten den Weihnachtsschmuck ihrer Eltern aus dem Keller und begannen auszupacken und den Baum zu putzen. Der Vater kam dazu, alle sehnten sich nach Nähe und nach einer Weile begannen sie alte Weihnachtslieder zu singen, bis in die schöne Stimmung das Telefon klingelte. Alinas Vater antwortete.

Am anderen Ende war der Nikolaus, der vom Kindergarten. Der mit Alinas Vater studiert hatte.

„So eine Überraschung“, freute sich Alinas Vater.

„Ich wollte schöne Feiertage wünschen und habe etwas für Dich!“ Die Stimme des Nikolaus hörte sich fröhlich und unbekümmert an.

„Danke für die Wünsche, was hast Du denn für mich mein Lieber?“ Alinas Vater ist gespannt und erfreut. Am anderen Ende platzt die Überraschung aus dem Nikolaus heraus. Dabei fällt Alinas Vater  vor Schreck beinahe das Telefon aus der Hand und er hinterlässt einen völlig irritierten Gesichtsausdruck, so dass Frau und Kind ihn fragend ansehen. Als er seine Beherrschung wieder findet ruft er ins Telefon: „Ja Mann – ja, klar doch und wie ich will!“ Tränen der Freude laufen über sein Gesicht als er sich setzt und es in die Hände vergräbt.

Alina und ihre Mutter stehen immer noch fassungslos da. Auf ihre Fragen schüttelt er nur den Kopf. „Später, später sage ich es Euch!“

Als es dämmert und Zeit ist für den Vespergottesdienst, macht sich die Familie auf den Weg zur Kirche. Alle tragen sie heute ihre schönsten Kleider und glücklich sehen sie seit langer Zeit wieder aus. Alina hüpft an der Hand ihrer Mutter und singt: „Oh du fröhliche, oh du selige……

Als sie später die Kirche wieder verlassen fragt sie ungeduldig: „War das Christkind schon da?“ Der Vater überlegt und antwortet ihr: „ Schauen wir mal!“

„Nein, es war noch nicht da“, ruft Alina enttäuscht als sie ins Wohnzimmer stürmt. Alina läuft zu ihrer Mutter die begonnen hat den Tisch zu decken und das Wasser für die Würstchen auf die Herdplatte zu stellen.

„Süße du musst Geduld haben, erst wenn ein leises Glöckchen erklingt, dann war das Christkind bei uns. Du bleibst jetzt hier bei mir und hilfst mir beim Abendessen, dann geht die Wartezeit auch schneller vorbei für Dich, einverstanden?“  Alina nickt eifrig und ist auch schon ganz beschäftigt.

Zwischenzeitlich werkt der junge Vater im Wohnzimmer. Das Puppenhaus hat er aus dem Keller geholt, unter den Baum gestellt und mit Alinas vorhandenen Puppen ausgestattet, die allesamt neue Kleider tragen, von der Mutter selber genäht. Nun zündet er noch die Kerzen an und es sieht sehr feierlich aus. Er nimmt die kleine Glocke vom Tisch und lässt sie dreimal erklingen.

Seine zwei Mädchen kommen vorsichtig ins Zimmer und staunen, so schön ist alles geworden. Alina jauchzt: „Ein Puppenhaus, wie schön!“ Das Kind freut sich aufrichtig. Alle gemalten Wünsche vom Wunschzettel sind vergessen. „Das habe ich mir immer schon gewünscht!“ Unversehens sitzt sie auch schon davor und beginnt mit ihrem Geschenk zu spielen. Dann dreht sie sich zu ihren Eltern um:

 „Mama und Papa,  ich glaube das Christkind kann Gedanken lesen, woher hätte es sonst wissen können dass ich mir ein Puppenhaus wünschte? Ich hatte es doch gar nicht auf den Wunschzettel gemalt!“

Alinas Papa nimmt ihre Mutter in den Arm und küsst sie zärtlich: „ Ich glaube das Christkind sieht und weiß alles, jedenfalls viel mehr als wir alle denken.“

An seine Frau gerichtet: „Für Dich habe ich auch noch eine Überraschung mein Schatz“, sagt er. „Erinnerst Du Dich an das Telefonat von heute Nachmittag?

Das war der Nikolaus aus dem Kindergarten, ihm hatte ich von unserer Situation erzählt und er hat unsere Not nicht vergessen, sondern in seiner Firma von mir erzählt.  Im Januar kann ich mich bei seinem Vorgesetzten melden und sofort anfangen zu arbeiten!“

 

Ende

Erhalten wir uns Glaube und Hoffnung. Es gibt immer ein Morgen. Vieles was verloren scheint, ist noch lange nicht verloren und Wunder gibt es immer wieder. 

FROHE WEIHNACHTEN FÜR JEDERMANN UND EIN GLÜCKLICHES NEUES JAHR !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

   

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.12.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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