Daniel Reiser

Eine kleine Weihnachtsgeschichte

Eine kleine Weihnachtsgeschichte

 

Der Wecker klingelte am frühen Morgen. Es dauerte einige Minuten bis Mike das Bimmeln mit einem kräftigen Handschlag unterbrach und unter halbstarkem Fluchen langsam aus dem Bett kroch. Er hasste sich selbst dafür, sich so früh aus dem Bett zu jagen, aber es war der frühe Weihnachtsmorgen und da er einer der faulen Sorte war, blieb ihm nichts anderes übrig, als seine müden Knochen aus dem Bett zu erheben um noch alle Weihnachtsgeschenke zu kaufen. Er war fest entschlossen, dieses Jahr nicht wieder als einziger in der Familie ohne Geschenke auf der Matte zu stehen. Und die Ausrede „Ich hatte so viel Arbeit und viel zu wenig Zeit“, die griff, wenn denn überhaupt, schon seit 5 Jahren nicht mehr.

 

Wenn er dem Weihnachtstrubel zuvor kommen wollte, dann blieb ihm nichts anderes übrig als einer der ersten zu sein, die sich durch die kalte Dezemberluft ihren Weg durch die City bahnten.

 

Die Zähne putze er sich an diesem Morgen nicht. Das tat er zwar generell sehr selten, aber an jenem Tag hatte er eine ausreichende Ausrede dafür. 80 Dollar hatte er noch und er war fest entschlossen sie dieses mal weder für Alkohol noch für billigen Spaß auszugeben. Nein, dieses mal würde er kein schlechtes Gewissen haben, wenn sich die restliche Familie vor dem Baum gegenseitig mit Geschenken überhäuft.

 

Nicht weit von seinem kleinen Appartement entfernt gab es, in der Innenstadt, ein großes Einkaufszentrum. Er war sich sicher dort eine Menge schöner und günstiger Sachen zu finden. Das Thermostat an seiner Küchenfensterscheibe zeigte Minus 10 Grad an. Es war ein kalter Tag und seine alte Winterjacke würde ihn nur kurz wärmen.

 

Fest eingehüllt in seine Jacke verlies Mike das Haus und bog gleich rechts ab in Richtung Einkaufszentrum. Es war tatsächlich noch sehr wenig los auf den Straßen und selbst die sonst so aufgedrehten Autofahrer schienen diesen kalten Morgen zu meiden. Zusammengekauert in einer Ecke vor einer kleinen unscheinbaren Seitenstraße saß ein älterer ungepflegter Mann. Sein von Erkältung gezeichneter Atem säuselte leise vor sich hin. In seinen in zerrissenen Handschuhen eingehüllten zitternden Händen hielt er einen alten weißen Kaffeebecher. Nur wenige Pennymünzen lagen darin. Und doch machte der alte Mann einen seltsam zufriedenen Eindruck.

 

Geh weiter Mike. Starr den Kerl nicht so an. Du hast selbst nicht genug Geld und du weißt, dass du Geschenke besorgen musst.“ Doch so sehr Mike auch versuchte den alten Mann bereits aus der Ferne zu ignorieren, es war ihm kaum möglich. Und je näher er dem Kerl kam, desto größer wuchs ein besorgender Gedanke in seinem Kopf. Mike hatte kein Herz aus Stein auch wenn er vielen dies nach außen hin glauben lassen wollte. „80 Dollar..... mit 70 kannst du sicher auch noch viele tolle Geschenke.“

 

Mike öffnete noch im Gehen seine Brieftasche und zog 10 Dollar heraus. Er faltete sie in seiner Hand zu einem kleinen Stück zusammen und warf sie dem alten Mann in den Becher ohne ihm dabei in die Augen zu blicken und ohne seinen Gang zu drosseln.

 

70 Dollar noch. Aber die sind für die Geschenke!“

 

Das Einkaufszentrum bäumte sich vor ihm in die Höhe. Leise Weihnachtsklänge rieselten aus den Lautsprechern vor dem Eingang auf den Vorplatz. Am Straßenrand stand eine junge Frau, die mit einem Polizisten stritt, welcher säuberlich einen Strafzettel ausfüllte.

 

Hören sie. Ich habe ihnen doch gesagt, ich habe nur 20 Dollar Bargeld bei mir.“

 

Maam, das tut mir leid, aber ich sagte ausdrücklich, dass es 35 Dollar kostet, hier im Halteverbot zu stehen. Also entweder sie haben das Geld oder es bleibt mir nichts anderes übrig als ihren Wagen abschleppen zu lassen.“

 

Abschleppen? Das... das kann doch nicht ihr Ernst sein. Ich bin den ganzen Weg von der Ostküste hier hergekommen um meine Schwester zu treffen. Ich muss noch einige Besorgungen machen und sie dann von der Arbeit abholen.“

 

Das freut mich für sie, aber ich fürchte das tut nichts zur Sache. Also haben sie das Geld oder nicht?“

 

Nein, ich habe das Geld nicht. Ich habe 20 Dollar und mehr nicht.“

 

Die Frau starrte verzweifelt, den Tränen nahe, auf ihren kleinen Wagen. Mike überkam abermals ein seltsames Gefühl in seinem Magen und gerade in dem Moment als der Polizist bereits beim Revier um einen Abschleppdienst bat, fasste er einen Entschluss. „15 Dollar. Dann hast du immer noch 55 Dollar für schöne Geschenke.“ Er kramte wieder in seiner Geldbörse und sprach die Frau zögernd und sehr eingeschüchtert an.

 

Entschuldigen sie? Ich.. es ist mir etwas peinlich, aber ich habe das mit angehört und ich würde ihnen das hier gerne geben.“

 

Er fasste ihren Arm und drückte ihr das Geld in die Handfläche, drehte sich schnell um und ignorierte die Dankesschrei der verwirrten Frau, die sich in diesem Moment nicht zu helfen wusste.

 

Im Inneren des Einkaufszentrums glitzerten Weihnachtsdekorationen in allen Farben und Formen und ein leicht angetrunkener Weihnachtsmann schlenderte durch die Abteilungen.

 

Vor einer Kasse stand ein aufgebrachter Abteilungsleiter, einen kleinen heulenden Jungen fest im Arm. Und obwohl Mike bereits wieder ein ungute Gefühl verspürte, so konnte er sich selbst nicht dazu überreden, sich die Szenerie anzusehen.

 

Jetzt pass mal auf kleiner Freund. Was glaubst du was du da gemacht hast? Das ist Diebstahl. Weißt du wie man das schreibt? D I E B S T A H L! Und weißt du auch wie man Gefängnis schreibt?“

 

Der Mann übertrieb ungemein. Der Junge war nicht älter als 12. Aber er hatte wohl etwas unrechtes getan.

 

Also wir werden jetzt nach hinten gehen und deine Eltern anrufen. Und dann bin ich mal gespannt was die dazu sagen, dass ihr Sohn Spielzeug für 45 Dollar klaut.“

 

Der kleine Junge reagierte beim Wort Eltern sehr beängstigt. Er sah nicht so aus, als ob seine Eltern viel Geld hatten, Und sie würden sicherlich sehr aufgebracht über den Vorfall sein. Mike erinnerte sich an ein ähnliches Erlebnis aus seiner Kindheit, bei dem sein Vater damals ebenfalls sehr aufgebracht reagierte und obwohl er gar nicht wirklich wollte, konnte er nicht länger mit ansehen, wie der kleine Junge dort in Tränen an der Kasse stand. „45 Dollar. Du hast noch genau 55, deine Familie wird ausrasten.“

 

Mike fasste einen schweren Entschluss und schritt auf den Abteilungsleiter zu. Er klopfte ihm von hinten auf die Schulter und grinste den aufgebrachten Mann an, der seinen Griff nicht vom Jungen abließ.

 

Frohe Weihnachten. Ich habe das ganze mit angehört und wollte sie fragen, was wäre, wenn ich dem Kleinen da sein Spielzeug bezahle.“

 

Der Abteilungsleiter war sehr überrascht.

 

Dann... dann müsste ich den kleinen Mistkäfer wohl laufen lassen.“

 

Mike packte seine Geldbörse und zog sein letztes Geld heraus, er gab es an die junge Verkäuferin, die sich über diese Geste sehr zu freuen schien. Vielleicht war es aber auch die Genugtuung den Abteilungsleiter mit hochrotem Kopf davonstapfen zu sehen.

 

Bitteschön, danke für ihren Einkauf. Hier ihr Wechselgeld. Und noch ein kleines Weihnachtspräsent für ihren Einkauf. Die junge Frau blinzelte und schob Mike noch einen kleinen Porzellanengel zu, der sicherlich nicht als kostenloses Präsent dazugehörte.

 

Mike nahm die kleine Actionfigur von der Theke, blickte den verweinten Jungen an, kniete nieder und gab ihm die Figur in die Hand.

 

Ich wünsche dir frohe Weihnachten mein Kleiner.“

 

Das Kind sah mit großen kugelrunden Augen auf die Figur und fing vor Freude an zu springen. Es grinste zu Mike und lief aus dem Laden.

 

10 Dollar. Du hast noch ganze 10 Dollar. Es scheint als ob du diese mal wieder keine Geschenke für deine Familie hast. Bis auf diesen Engel.“

 

Etwas enttäuscht, aber keinesfalls traurig, machte sich Mike mit dem kleinen Engel in der Jackentasche auf den Rückweg. Draußen vor dem Geschäft war die Frau mit ihrem Wagen bereits verschwunden, auch der Junge war nirgends zu sehen. An der Straßenecke, an der noch vor gar nicht mal so vielen Minuten der alte Mann saß, herrschte nun ebenfalls gähnende Leere. Auf der anderen Straßenseite gab es noch einen kleinen Imbiss und die klierende Kälte drängte Mike dazu sich von den letzten 10 Dollars einen Kaffee und ein leckeres Sandwich zu gönnen.

 

Der Imbiss war fast leer, eine müde Dame schenkte hinter dem Tresen Kaffee aus und im hinteren Ende des Ladens saß, kräftig von einem Stück Käsekuchen abbeißend der alte Mann. Er kaute genüsslich und leckte sich seine Finger ab, als ob er schon längere Zeit nicht mehr so etwas leckeres gegessen hatte. Er sah Mike und begann zu lächeln, kurz hob er seine Hand zum Gruß. Gerne hätte Mike sich an den Tisch des alten Kerls gesetzt, da ertönte von draußen eine Wagenhupe. Die Bedienung ließ den Kaffee stehen und rannte durch die Tür nach draußen zu dem Wagen, aus dem die junge Dame mit dem Strafzettel stieg. Beide umarmten sich innig, so als ob sie sich sehr lange Zeit nicht mehr gesehen hätten. Mike begann zu lächeln und da erblickte er auch wieder den kleinen Jungen, der mit seiner Actionfigur spielend, glücklich am Rand des Bürgersteiges entlang lief.

 

Aus den Lautsprechern des Imbiss ertönte „Have yourself a merry little Christmas“ und Mike setzte sich nun doch an den Tisch des alten Mannes. Zwar war dies ein weiteres Weihnachten ohne Geschenke, aber dieses Jahr fühlte er sich nicht schlecht als zusammen mit seiner Familie vor dem Baum stand. Und als er so an der Tanne hin und herblickte und den kleinen Engel in seiner Tasche spürte, da griff er ihn und setzte ihn zwischen zwei kleinen Tannenzweigen ab. Der lächelnde Engel blickte ihn an und Mike blickte zurück. „Have yourself a merry little Christmas“.

 

ENDE

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.12.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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