Kinderlärm hatte sie schon früh geweckt - also früh, für ihre Verhältnisse früh, normalerweise malte sie nämlich bis spät in die Nacht und blieb morgens länger im Bett.
Wegen der Kinder war sie also an jenem bestimmten Tag schon geduscht und hatte fertig gefrühstückt, als es an der Türe klingelte.
„Miss Lancaster?“
„Ja?“
„Ich habe hier einen eingeschriebenen Brief für Sie. Können Sie mir bitte kurz einen Ausweis zeigen?“
„Okay. Danke und noch einen schönen Tag.“
Luisa verstand nicht.
Eingeschriebener, handschriftlicher Brief der Mutter samt Begleitschreiben einer Anwaltskanzlei
Meine Liebste
Wenn du diese Zeilen liest, wirst du wahrscheinlich schon eine junge Frau sein. Mit deiner Mutter wirst du bis dann vermutlich schon gebrochen haben. Oder aber, sie wird dir gleichgültig sein. Völlig egal. Das warst du aber nie und wirst es nie sein. Nicht, so lange dieses Herz, unter dem du herangewachsen bist, schlägt. So oder so: Meine Zeit ist abgelaufen.
Ich weiss gar nicht, wo ich anfangen soll. Es gibt so vieles, das ich dir erzählen möchte. Ich möchte so gerne, dass du verstehst. Auch wenn – ich weiss – du das nicht kannst. Wie sollte ein Kind auch je verstehen, dass seine Mutter nicht für es da war?
Trotz allem: Lass mich dir erzählen, was passiert ist. Meine Sicht auf die Ereignisse. Damals, 1969, war ich jung, sehr jung, 18. Jung und schön. Gelenkig und strahlend. Ich wollte die Welt entdecken und erobern. Ich war neugierig. Meine Eltern hatten – nach Rücksprache mit meinen Lehrern - beschlossen, dass meine Französisch-Kenntnisse Nachhilfe bedurften. Also schickten sie mich zu Onkel Laurent nach Südfrankreich. Mit meiner Cousine Amélie verbrachte ich dort einen wundervollen Sommer. Wir lachten viel, haben uns von Anfang an hervorragend verstanden.
Wie du vielleicht weisst, liegt die Sommerresidenz der Deveraux zirka zehn Kilometer vom Strand in Biarritz entfernt. Ein hübsches Herrschaftshaus mit allem Komfort. Amélie und ich verbrachten fast alle Nachmittage am Strand. Und eines Tages, kurz bevor wir uns wieder Richtung Villa aufmachen wollten, um rechtzeitig zum Abendessen zu erscheinen, lernten wir einen netten Jungen kennen: François. François war anders. Sein Vater war erfolgreicher Unternehmer in Paris. Und François sollte ihm nachfolgen. Doch der dachte nicht daran. Er war Maler. Damals noch in seinen Anfängen. Aber das Talent war schon überwältigend – ohne Zweifel. Ich verliebte mich. Auf einen der ersten Blicke. Er strahlte diese warme Bestimmtheit aus, wie ich sie noch nie erlebt hatte (und übrigens bis zum heutigen Tag nicht mehr erleben sollte). Ausserdem war er witzig und so unglaublich schön. Ich konnte mich an ihm einfach nicht satt sehen. Es war eine glückliche und magische Zeit.
Ich möchte, dass du weisst, dass du das Kind einer grossen Liebe bist – einer übergrossen Liebe. Dass ich schwanger bin, habe ich erst herausgefunden, als ich wieder zurück bei meinen Eltern war. Sie waren von Anfang an gegen diese Verbindung. Will heissen, es war ausgeschlossen, dass wir hätten heiraten können. Nicht, solange François am Leben als Künstler festhielt. Ich weigerte mich aber, dich abzutreiben. Mit allen Kräften. Man schickte mich in ein Nonnenkloster in der Toskana, dass sich auf schwangere Mädchen „spezialisiert“ hatte, wie es in der offiziellen Sprachreglung hiess. Es war eine schreckliche Zeit. Die Schwestern wurden nicht müde, uns zu verstehen zu geben, wie sehr wir uns versündigt hatten. Ich habe das nie verstanden. Wie konnte Liebe ein Fehler oder gar Sünde sein? Glaub mir: ich hätte mich gerne gewehrt. Ich wollte fliehen, ein neues Leben beginnen. Ich hatte fürchterliche Angst vor der Geburt. Weil ich damit die Kontrolle über dich verlieren würde. Die ganzen Adoptionspapiere musste ich schon im Voraus unterschreiben. Es war die Hölle. Als hätte ich mein Todesurteil unterschrieben. Das Schlimmste war fast, dass man mir nach der Adoption jede Information darüber, wie es dir geht, verweigerte. Dabei wollte ich doch nur wissen, ob du gesund und gut aufgehoben bist.
Du möchtest vielleicht mit deinem Vater in Kontakt treten. Ihn endlich kennen lernen. Bitte, tu das. Du würdest ihm damit einen grossen Gefallen tun. Da bin ich mir sicher. Er ist heute ein bekannter Maler. Sollte er im ersten Moment skeptisch reagiert, lass dich davon bitte nicht entmutigen. Rechtsanwalt Tenchio wird dir die entsprechenden Kontaktdaten vermitteln, falls du ihn darum bittest. Solltest du noch ein paar Angaben mehr wünschen, wirst du in Buchhandlungen fündig werden. Egal, was du über ihn liest: Vergiss nie, dies er ein ganz besonderer Mensch ist. Ein besonderer Mensch mit einem Herz aus Gold.
Liebe Tochter, sei versichert, dass deine Mutter dich liebt, auch wenn sich nicht für dich da sein konnte.
In Liebe,
Deine Mutter
Luisa fühlte sich um ihre Kindheit betrogen. Oder ihre Identität? Auf jeden Fall war sie sehr, sehr wütend. Dass sich kein Verantwortlicher festmachen liess, macht sie nur noch wütender. Ihre Pflegeeltern? Ihre Mutter? Ihr Vater? War es nicht einfach nur feige, dass ihre Mutter ihr postum über einen Anwalt einen Brief zukommen liess. Diesen Brief. Sie war verwirrt.
Irgendwann würde sie mit diesem Juristen reden müssen.
E-Mail an Mark Aufray
From: luisa.lancaster@hotmail.com
Subject: Biarritz
Date:10.11.2009 22:01:05
Guten Tag
Ich schreibe Ihnen wegen einer privaten Angelegenheit. Es geht um den Sommer 1969 in Biarritz. Sie kennen meine Mutter. Können wir uns treffen?
Freundliche Grüsse,
Luisa Lancaster
Postkarte von Mark Aufray
Werthe Miss Lancaster
Haben Sie besten Dank für Ihr Schreiben. Ich habe einige Erkundigungen über Sie und Ihre Frau Mutter eingeholt. In der Tat. Es wäre mir eine grosse Ehre und Freude, Sie am kommenden Wochenende in Biarritz begrüssen zu dürfen. Wäre das Ihnen angenehm?
Vorzüglich,
Mark François Aufray
E-mail von Mark Aufrays Büro
From: mark@gallery.co.uk
To: luisa.lancaster@hotmail.com
Subject: Wochenende mit Mark Aufray
Date: 25.11.2009 10:22:56
Sehr geehrte Miss Lancaster
Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass Mark Aufray in der Nacht auf Dienstag verstorben ist. Noch am Tag zuvor hat er sein Testament geändert. Ihnen steht ein Bild aus dem Jahr 1969 zu.
Darf ich Sie bitten, am kommenden Freitag, 27. November, zur Testamentseröffnung zu erscheinen. Die Details entnehmen Sie bitte der separat angefügten Einladung.
Freundliche Grüsse,
Pia Marchal
Senior Assistant
BÜRO MARK AUFRAY
Als Luisa das Bild mit Titel „Meine Schöne“ sah, weinte sie.
Die Sonne geht unter, hüllt das Meer in ein warmes, rötliches Licht. Am Strand vergnügt sich eine junge Frau in einem beigen Trägerkleid. Sie steht bis zu den Knöcheln im Wasser und muss mit der linken Hand den Hut festhalten. Es windet. Unglaublich offen und zuversichtlich grinst sie den Maler oder eben den Betrachter an. Als möchte sie der ganzen Welt zeigen, wie glücklich sie ist.
Sie kannte Fotos von ihrer Mutter. Anwalt Tenchio hatte ihr welche gezeigt. Während sie auf diesen aber wie jede andere durchschnittliche junge Frau gequält in die Kamera schaute und dabei versuchte zu lächeln, überschatte das Mädchen auf dem Bild alles. Alles! Sie strahlte so sehr, dass es Luisa blendete.
Sie wollte gar nicht mehr aufhören zu weinen. Weinte sie ob der Schönheit der Malerei oder über die verpasste Kindheit mit dieser Frau / ihrer Mutter? Sie hörte erst langsam auf zu weinen, als ihre Pflegemutter sie an der Hand nahm.
Der Taxifahrer fragte beiläufig, als ginge es ihn gar nichts an: „Wohin?“ „Zum Flughafen. Wir müssen nach Biarritz“, antwortete die Frau, die Luisa aufgezogen hatte, und fügte nachdenklich, kaum hörbar hinzu, „Biarritz, wo Kindheit überwunden, gestohlen und geschenkt wird.“
„Ich bin schwanger“, flüsterte Luisa und wischte sich die Tränen vom Gesicht.
Kinder schrieen am Strassenrand.
Vorheriger TitelNächster TitelDie Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Milena C.).
Der Beitrag wurde von Milena C. auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.12.2009.
- Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).
Milena C. als Lieblingsautorin markieren

Das letzte Werk: Ein historischer Kriminalroman
von Stefan Läer
Herchen 1890: Mitten in die Idylle des schönen Dorfes im Siegtal bei Bonn platzt der Mord an August Reben, einem Künstler des Düsseldorfer Malkastens. Der Fall schlägt hohe Wellen, die schon bald über Herchen und Düsseldorf hinausgehen. War es eine politisch oder religiös motivierte Tat? Ein in Herchen gefundenes Schriftstück lässt beide Schlüsse zu.
Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!
Vorheriger Titel Nächster Titel
Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:
Diesen Beitrag empfehlen: