Silvia Pommerening

Schichtsalat

Schichtsalat


Juni
Vorbei waren all die langen und verregneten Nachmittage an denen man verzweifelt versucht hatte, seine Kinder in der Wohnung zu beschäftigen. Endlich konnte man die Quälgeister mittags nach draußen schicken, damit sie sich austoben konnten. Im Haus kehrte wieder Frieden ein und alle waren viel entspannter und ausgeglichener. Sofort wurden die Badesachen aus den Schränken gekramt, und die Kühltasche gepackt. Die Sommerzeit hatte begonnen und mit ihr auch die Grillzeit. Und was konnte schöner sein, als mit ein paar Freunden den Samstag Nachmittag am See zu verbringen und Abends noch den Grill anzuschmeißen?

Wir, Heidi und ihre drei Räuber hatten uns am See verabredet. Peter wollte erst nicht mitgehen, aber als er erfuhr, dass wir anschließend noch ein paar „tote Tiere“ grillen wollten, packte er gleich sein Buch ein, und verstaute ein paar Dosen Bier in der Kühlbox.
„Geht Udo eigentlich auch mit?“
Udo ist der Erzeuger von Heidis Kindern, als mehr würde ich ihn jetzt nicht mehr bezeichnen!
„Sicher, der ist doch immer dabei, wenn’s was zu Futtern gibt!“
Udo sah zugegebenerweise früher mal nicht schlecht aus. Leider hat er bei allen drei Schwangerschaften, aus Solidarität mit zugenommen, dass man mittlerweile drei Udos aus ihm machen konnte. Und einer von den „Dreien“ hat immer Hunger!
„Dann geht’s ja noch! Weil, alleine mit euch Weibern würd‘ ich’s echt nicht aushalten! Ständig euer Getratsche und Geschwätz über Kosmetik und Diäten...!“
„Du brauchst ja nicht hinzuhören, ihr könnt euch ja so lange um die Kinder kümmern. Ein bisschen Bewegung würde euch beiden mal ganz gut tun!“

Ich richtete noch schnell den Salat und die restlichen Badesachen.
An was man alles denken muss, wenn man für sich, ein Kind und für ein seinen Mann, (also noch ein Kind) packen muss. Peter hasst es, wenn ich ihn als „großes Kind“ bezeichne. Als wir letzten Sommer in den Zoo gefahren sind, habe ich nämlich aus Versehen an der Kasse für einen Erwachsenen und zwei Kinder bezahlt. Die Kassiererin, sicher auch verheiratet, hatte nur herzlich gelacht und Peter mit einem „ja ja, dess sinn‘ se unsre Männer!“ die Eintrittskarte in die Hand gedrückt. Diesen Versprecher hat er mir bis heute nicht verziehen. Aber wie oft muss ich noch mal umdrehen, weil mein Göttergatte irgendetwas vergessen hat!

Ich versicherte mich also, ob er auch seine Badehose eingepackt hatte und dann gings los. Heidi, der dicke Udo und ihre drei Ableger hatten sich schon am Strand breit gemacht als wir ankamen. Ihre Handtücher waren alle aneinander gereiht, und als noch unsere drei dazukamen, war das Bild der „Familieninvasion“ komplett. Alle vorbeikommenden Badegäste suchten bei diesem Szenario sofort das Weite.
Udo stellte den Grill auf und breitete sämtliche Köstlichkeiten auf dem Tisch aus. Beim Anblick der Fleischmassen, die er neben den Steaks noch vor sich her trug, entschied ich mich, heute mal wieder vegetarisch zu essen.
Ich cremte Luis ein, schickte ihn spielen und machte es mir dann auf meinem Handtuch gemütlich.
„Hast du‘s schon gehört“, legte Heidi sofort los, „die Brigitte hat ihren Typ rausgeschmissen. Einfach so!“
„Na ja, nur einfach so sicher nicht! Der war bestimmt wieder vollgesoffen und hat Randale gemacht, oder?“, stieg ich sofort mit ein.
„Sie hat gemeint, er hätte sich so arg verändert. Er wäre nicht mehr der Mann, den sie damals geheiratet hatte.“
„Tja, da ist er wohl nicht der Einzige!“, entgegnete ich ihr, während ich beobachtete, wie Udo schon fast sabbernd die Steaks würzte.
„Mensch Udo“, rief Heidi ihm zu, „mach doch mal langsam. Wir grillen doch erst in drei Stunden! Außerdem hast du sowieso schon wieder zugenommen.
„Wieso, bist du schwanger, Heidi?“ ,mischte sich jetzt auch Peter mit ein.
„Gott behüte!“, antwortet Udo ohne dabei seine Steaks aus den Augen zu lassen,
„ich bereite sie doch nur vor, damit wir später gleich loslegen können!“

Udo ist echt ein verfressener Kerl. Er müsste theoretisch der Nächste sein, der die Haustür nur noch von außen sieht. Denn auch diese Masse entspricht nicht mehr dem Mann, zu dem Heidi damals „Ja“ gesagt hatte. Aber bei Männern scheint das ja sowieso etwas Anderes zu sein. Wenn wir Frauen aus den Fugen geraten, nehmen die sich halt eine Jüngere. Aber wir müssen tatenlos dabei zu-sehen, wie sich unsere einst sportlich und durchtrainierten Jünglinge zu trägen und unförmigen Feinrippträgern verwandeln. Udo sollte ruhig mal zuhören, wenn wir die neusten Diätrezepte besprechen. Fände ich zumindest, und Heidi würde mir da sicherlich zustimmen.
Nachdem er endlich die bluttriefenden Kadaver bearbeitet hatte, widmete er sich seinem zweitem Hobby. Er knallte sich in die pralle Sonne, und grillte sein Bauchfleisch. Die Kinder waren in ihr „Sandburgenbauen“ vertieft, Peter wieder in sein Buch und Heidi und ich tranken Kaffee und tratschten weiter.
„Klatsch!“
Thorsten, Heidis ältester Sohn, hatte den Buddeleimer mit Matsch gefüllt, und seinem Vater über den Bierbauch gekippt.
„Na warte, wenn ich dich kriege!“, meckerte Udo los, und versuchte sich aufzu-raffen um die Jagd zu eröffnen.
„Na da kannst du lange warten Thorsten, der kommt ja noch nicht mal mehr ohne fremde Hilfe hoch!“, gab ich ihm mit auf den Fluchtweg.
„Blöde Nuss!“, mischte sich Peter wieder ein, „du musst doch wissen, wie das ist mit nem‘ dickem Bauch!“
„Sicher, und genau deswegen unterhalten sich Frauen auch über Diäten!“, antwortete ich ihm kurz.
Der Stich gehörte auf jeden Fall mir!
Udo hatte nach zwei Metern die Verfolgung aufgegeben und machte statt dessen mal wieder Halt am Campingtisch.
„Sollen wir nicht doch schon anfangen? Vielleicht zieht ja ein Gewitter auf, und dann fällt unser schönes Grillen noch ins Wasser?“, warf er in die Runde.
„Dann fang halt an, du Nervensäge!“ antwortete Heidi und verdrehte ihre Augen.
Das lies er sich nicht zweimal sagen, und holte sofort die Kohlen aus dem Auto. Wir Frauen gingen eine Runde schwimmen und Peter half „dem Dicken“ bei der Arbeit.



Eine halbe Stunde später war es dann soweit. Der Tisch war gedeckt, und wir machten uns über Steaks, Würstchen, Salate, gegrillten Schafskäse, Oliven, Brot und sonstige Leckereien her. Heidi hatte einen Kartoffel- und einen Nudelsalat gemacht, während ich das „Grünzeug“ geliefert hatte. Udo verputzte innerhalb einer viertel Stunde zwei Steaks, drei Würstchen und Unmengen an Salat. Mit einem unterdrücktem, aber trotzdem vernehmbaren Rülpser beendete er seine Fressorgie und streckte sofort wieder seinen „Astralkörper“ der Sonne entgegen. Es dauerte keine zwei Minuten, da war er auch schon eingeschlafen. Ich blickte rüber zu Heidi, und in diesem Moment tat sie mir irgendwie leid. Sicher, Peters Body ist auch nicht mit dem von „J. C. van Damme“ zu vergleichen, aber we-nigstens hat er Manieren, das muss man ihm lassen.
Die restliche Arbeit blieb wie immer an uns Frauen hängen.
„Siehst du“, fiel mir ein, „jetzt habe ich doch was vergessen! Ich wollte noch Mülltüten mitnehmen, für die Essensreste.“
„Ach was“, meinte Heidi, „die können wir doch hinter den Busch kippen, für die Käfer und Vögel und so!“, und leerte den Rest Nudelsalat ins Gras!
„Quatsch, das macht man nicht!“, antwortete ich, „lass uns das, was noch auf den Tellern liegt, in eine Salatschüssel schmeißen. Die mit dem Deckel! Dann nehme ich sie mit und kippe alles zu Hause auf den Kompost.“
„Wie du meinst“, sagte sie, und schob den Nudelsalat mit samt Gras und Ameisen wieder zurück in die Schüssel.
Am Ende war darin eine Masse aus zermatschten Nudeln, zerdrückten Kartoffeln, runtergefallenen Wurststückchen, verbrannten Tomaten, Brotresten, „Wieder-ausgespucktem“ von Jenny (Heidis Tochter, ein Jahr alt), Ketschup, Cocktail - Soße, Senf, zusammengefallenen Salatblättern und sonstigem Ungeziefer...

Wir räumten das Geschirr zusammen und stellten alles zurück auf den Camping-tisch. Die Kinder waren satt, zufrieden und widmeten sich wieder ihren Buddelsachen. Ich überredete Peter und Heidi zu einer Partie Rommé, und fing an die Karten zu mischen.
Nach einer Stunde, wir waren ganz in unser Spiel vertieft, stand plötzlich Udo mit einem Teller in der Hand neben uns und sagte schmatzend:
„Wer hat denn den Schichtsalat gemacht, den habe ich vorhin gar nicht gesehen? Oder wolltet ihr den etwa alleine essen? Jaja, das hätte euch so gefallen!“

Heidi sah mich fragend an, schüttelte den Kopf und sagte dann nur:
„Peter, du bist dran!“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.12.2002. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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