Christoph Hinze

Deine Vergangenheit

Kurzes Vorwort des Herausgebers

 

Der Originalbrief von Aaron Goldtstein besteht aus 12 handgeschriebenen Seiten im DIN-A4-Format.

Aus zwei Gründen wollte ich den Brief nicht in der Zeitung veröffentlichen: Zum einen ist dieser Brief etwas Besonderes, das nicht zwischen Schreckensmeldungen aus dem Nahen Osten und den neuesten Entwicklungen der Börse erscheinen sollte, zum anderen ist er schlicht und einfach zu lang. Da ich ihn der Welt dennoch zugänglich machen möchte, habe ich mich entschlossen ihn zu veröffentlichen.

Einige Passagen sind aufgrund der Handschrift oder Wasserflecken auf den Seiten unleserlich. Sie sind durch „XXXXXXX“ gekennzeichnet, mögliche Bedeutun­gen und Begründungen für die Unlesbarkeit sind in eckigen Klammern angemerkt. Bedeutungen von Fremdwörtern sind ebenfalls in eckigen Klammern geschrieben.

Bevor Sie jetzt aber anfangen, den Brief durchzulesen, möchte ich Sie bitten darauf zu achten, dass Aaron Goldtstein zum Zeitpunkt des Verfassens schon einige Zeit von seinen Erlebnissen entfernt war und zudem unter dem Einfluss von Medikamenten stand. Ich kann nicht beurteilen, ob die Welt von der berichtet wird wirklich so positiv war, aber ich denke, die Tatsache, dass der Brief teilweise sehr euphorisch wird, basiert auf einem Phänomen, welches die Psychologie zurzeit sehr beschäftigt. Positive Gedanken aus der Vergangenheit bleiben durchschnittlich länger im Gedächtnis, als negative. Das heißt, dass die Möglichkeit besteht, dass die positiven Erinnerungen Herrn Goldtsteins an seine Vergangenheit überwiegen und der Brief dadurch stellenweise vor positiven Erinnerungen fast überquillt. Man sollte sich also beim Lesen nicht vom Strom des Erzählens mitziehen lassen, sondern mit klaren Gedanken die Kernbotschaft herausschälen.

Trotz des teilweise überschwänglichen Tons finde ich, dass dieser Brief im Wesentlichen ein riesiges Problemthema der Menschheit erfasst: die „anonyme Wegschaugesellschaft“.

 

 


Sehr geehrte Redaktion,

 

ich möchte Sie bitten, sich den nachfolgenden Brief durchzulesen und ihn nach Möglichkeit in ihrer Zeitung oder im Internet zu veröffentlichen. Wenn auch nur ein Mensch meinen Brief liest und  etwas Nützliches für sein späteres Leben daraus behält, dann hat sich das Aufschreiben meiner Geschichte gelohnt.

 

Mit letzten Grüßen

 

Aaron Goldtstein

 

 

„Erinnere dich jederzeit an deine Vergangenheit, denn sie hat dich dorthin geführt, wo du jetzt stehst.“ sagte mein Großvater mit seiner tiefen Stimme. Er saß in einem dunklen Ledersessel und während er sprach, rissen die Wolken am Himmel auf, und ein freundli­cher Sonnenstrahl schien durch die alten verschmutzten Fenster auf sein Gesicht. Die ganze Szenerie hatte etwas Übersinnliches an sich. Dies war der Grund, warum sie sich so in meinen Gedanken verfangen hatte. Ich hatte meinen Großvater oft besucht. Ich erin­nere mich noch an das kleine, windschiefe Häuschen, das sich zu den beiden Kirschbäu­men hinneigte. Der Garten, in dem er die verschiedensten Gemüsesorten, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, anbaute, fiel zu einem kleinen Bach hin leicht ab. Der Bach weitete sich zu einem Teich, an dessen Ufer wir oft geangelt hatten. Im Sommer hatten wir oft unter den Kirschenbäumen gesessen und während wir im warmen Sonnenlicht die süßen, roten Herzkirschen aßen, erzählte Großvater mir Geschichten aus seinem Leben.

Die anderen Menschen würden sagen, dass ich meinen Großvater nie treffen konnte, da er schon lange vor meiner Geburt verstorben war. Mittlerweile bin ich mir auch nicht mehr so sicher, aber ich glaube, ich habe mich trotzdem mit ihm unterhalten. Die grünen Kirsch­bäume mit den roten Farbklecksen, der laue Wind in meinem Haar und Großvaters tiefe, sanfte Stimme… Kann das alles Einbildung gewesen sein? Nicht in diesem Land, nicht in dieser Welt habe ich mit ihm gesprochen. Natürlich nicht – hier ist er tot. Aber ich kenne ihn. Aus einem anderen Land. Aus meiner Welt.

Jetzt, da ich meine Akte vor mir liegen habe, XXXXX [kommen/ brechen] die Erinnerungen wieder durch. Ich habe den Eindruck, dass mir die Medikamente nicht geholfen haben. Sie haben nur meine Gedanken eingeschränkt.

„Aaron Goldtstein“ hat einer der Ärzte mit eiliger Handschrift auf die Akte geschrieben. Sie ist dick und schwer. Ein Bindfaden hält sie provisorisch zusammen. Sie sieht mit den abgenutzten Ecken aus, als wäre sie oft aufgeschlagen worden. Obwohl ich selbst das Thema dieser schriftlichen Zusammenstellung bin, sehe ich sie zum ersten Mal.

Die erste Erinnerung, die ich vom Krankenhaus habe, ist der weiße Raum, in dem ich auf­gewacht bin. Alles war weiß. Weiße Wände vermittelten mir das Gefühl eines endlosen Raumes; auch in den Ecken des Raumes gab es nicht das kleinste Anzeichen von Schat­ten. Weder die weiße Türe, noch die, ebenfalls weißen, Fensterrahmen hatten Griffe. Es gab dennoch zwei Dinge, die nicht weiß waren. Zum einen stand neben mir auf dem Nachttisch eine gedrungene gelbe Lampe, zum anderen waren glücklicherweise die Fensterscheiben durchsichtig. Ich sah von meinem Raum aus auf die Stadt. Die Autos zischten pausenlos tief unter mir vorbei, die Menschen hetzten die geraden Straßen ent­lang und die letzten Überbleibsel der Bäume, die vielleicht einmal eine Allee gebildet hat­ten krallten sich mit ihrer letzten Kraft in den Asphalt.

Unter gewaltigem Kraftaufwand hatte ich meinen Kopf gehoben um mich umzusehen. Eine Schwester drückte mich sanft, aber bestimmt zurück in das Kissen. Auf meine Frage, wo ich sei, antwortete sie: „im vorderen Flügel.“ Sie lächelte mich dabei ein wenig mit­leidsvoll an, als ob ich ein kleines Kind wäre, das nicht versteht, was ihm gesagt wird. Ich konnte mit ihrer Antwort nicht viel anfangen, dennoch fragte ich nicht weiter nach, da mich das Anheben meines Kopfes meine gesamte Kraft gekostet hatte. Kurz darauf schlief ich ein.

 

Ich habe meine Akte jetzt geöffnet. Auf der ersten Seite habe ich zwischen allerlei ärztli­chen Fachausdrücken, weit hinter dem Wort Symptome meine Krankheitsbezeichnung gefunden: „anhaltende, parathyme [stimmungsunabhängige], wahnhafte und systemati­sierte Paranoia [Wahnvorstellungen]. Herr Goldtstein lebt in einer Welt, die in seinem Kopf entsteht. Ansonsten sind keine weiteren Störungen diagnostizierbar“…

Schon immer habe ich mich in meine eigene Welt zurückgezogen. Wenn es mir auf dieser Welt nicht mehr gefiel, habe ich die Augen geschlossen und bin in meine Welt gereist. Die ganzen Probleme, die diese Welt mit sich bringt, hatte ich dort nicht. Ich konnte bestim­men, wie es um mich herum aussah, mit wem ich redete oder welches Wetter vor­herrschte. Jedenfalls bis ich sie traf… Es gab dort keine Zeitnot, kein Geld, keinen Streit. Vor allem aber  konnte ich frei über alles nachdenken. Meistens war ich an verlassenen Plätzen. Manchmal stand ich in einer Bahnhofshalle. Sie war bis auf Kniehöhe mit winzi­gen braunen Fliesen ausgelegt, darüber war sie hellblau verputzt. Der Putz war alt, denn er zeigte schon an einigen Stellen, besonders hinter  der riesigen Bahnhofsuhr, die noch nie funktioniert hatte, erste Risse. Ein paar Male lief ich auch einige enge Gassen entlang, die sich elegant und dennoch verwinkelt durch unübersichtliche Häuserlandschaften schlängelten. Die alten Fachwerkhäuser, die sie seitlich begrenzten, verschmälerten sie nach oben hin zusätzlich. Durch die Pflastersteine am Boden drangen junge zartgrüne Pflänzchen. Die Technik war hier nie weit fortgeschritten. Die modernsten Dinge waren Dampfeisenbahnen und vereinzelt mechanische Uhren. Manchmal habe ich mich auch mit anderen unterhalten. Einmal bin ich sogar in eine große Stadt gereist. Es war ganz anders, als in den Städten hier. Jeder hatte Zeit. Die meisten unterhielten sich mit ande­ren, manche standen einfach da und versuchten alles in ihren Gedanken festzuhalten, wieder andere hatten sich, in Gedanken versunken auf eine Bank gesetzt. Viele Leute waren gerade dabei, künstlerische Arbeiten, wie Bilder, Bücher, oder Statuen XXXXXXXXX [fertig zu stellen/ zu kreieren]. Vielerorts wurde miteinander gelacht. Es wur­den Werke von Personen ausgetauscht, oder man unterhielt sich darüber. Jeder der mochte, konnte sich einfach wo es ihm gefiel dazustellen und mitdiskutieren oder mit­tauschen. Es sah aus, als würde jeder jeden kennen. Das Stimmengewirr der großen Menge drang wie das Summen eines geschäftigen Bienenschwarms an mein Ohr. Welche Sprache die Leute sprachen, weiß ich nicht mehr. Ich glaube mich sogar an mehrere Spra­chen erinnern zu können. Die Leute sprachen die unterschiedlichsten Sprachen und doch verstand jeder jeden. Ein Mädchen, mit dem ich mich unterhalten habe, erzählte mir, dass ihr Körper schliefe. Sie hätte jetzt Zeit sich mit anderen auszutauschen. Als ihre Erschei­nung später verblasste, rief sie mir mit immer schwächer werdender Stimme zu, dass sie jetzt wieder zu ihrem Körper zurückkehre und dass ihr Körper sich an nichts mehr erinnern würde. XXX XXXXXXX XXXXXXXXXXXX XXXX XXXXXX XXXXXX XXXXXXX [Dieser gesamte Satz oder Satzanfang ist durchgestrichen und so unleserlich gemacht.]

Ich glaube, ich war länger in meiner Welt, als in der „echten“ Welt, wie die Ärzte sie in Gesprächen mit mir nannten. Meine Ausflüge wurden immer länger, ich bekam kaum noch etwas von dieser Welt mit. Irgendwann war mein Körper so schwach, dass ich in das Krankenhaus eingeliefert werden musste.

Im Krankenhaus wurde ich durch Infusionen, Medikamente, autogenes Training, diverse Therapien und Aufbaupräparate langsam wieder aufgebaut. Zwischen den Behandlungs­zeiten sah ich manchmal dem Treiben auf der Straße zu, doch meistens zog ich mich in meine Welt zurück und lief durch mein Land.

Mein Geist wurde mit der Schwächung meines Körpers jedoch immer kräftiger. Diese Kraft hielt auch während meines äußeren Wiederaufbaus an. Ich hatte begonnen, über die Welt, wie sie ist, nachzudenken. Auf meinem Land machte ich ausführliche Spaziergänge, wäh­rend ich nachdachte. Ich lief barfuss über weite Stoppelfelder, deren goldene Halme aus dem Dunkel der Erde hervorragten, durch tiefe Wälder, durch deren Zweige das Sonnen­licht auf klare Bäche fiel, die in Richtung Meer flossen und über steinige Wüsten, deren Geröll durch die Hitze gesplittert war. Dass ich barfuss war, weiß ich noch, aber ich kann mich nicht daran erinnern, ob ich oder ein anderer Mensch in dieser Welt Kleider anhatte. Ich dachte über viele Dinge nach. Manchmal saß ich aber auch nur in der Landschaft und genoss mein Dasein, während […/ der Satz wird nicht fortgeführt.]

 

Nach meinen Symptomen fängt die eigentliche Akte an. Viele verschieden große und ver­schiedenfarbige Blätter stapeln sich, die Ecken sind oft abgeknickt, abgerissen, oder fangen an, sich aufzulösen. Mitten in diesen Blättern habe ich ein kleines  gelbes, quad­ratisches Blatt entdeckt. Das wichtigste Blatt unter allen. Es beweist, dass ich nicht ver­rückt bin, dass ich mir dies alles nicht eingebildet habe.

Ich scheine nicht der einzige mit diesem Wahn zu sein. Unscharf habe ich mich schon zu­vor erinnert. Doch jetzt weiß ich es wieder:

Ich saß gerade auf einer Steilklippe am Meer. Herbststürme peitschten meterhohe Wogen an den Felsen entlang. Die Bäume verloren mittlerweile ihre leuchtenden Blätter. Die Gischt strich mir zusammen mit dem Sturm über das Gesicht. Es roch nach Moos und Erde. Ich hatte dagesessen und zu dem kleinen Leuchtturm herübergeschaut, der in regelmäßigen Abständen seine Leuchtsignale in alle Richtungen sandte. Teilweise war er aufgrund der Wellen, die ihn umspülten, nicht mehr zu sehen, doch er tauchte immer wie­der auf und sandte seine rhythmischen Zeichen aus. Ich hatte den Himmel mit schweren grauen Wolken verhängt, die still, aber drückend über der aufgewühlten See hingen. Ohne dass ich es beabsichtigt hatte, rissen plötzlich die Wolken auf, der Wind flaute ab und wurde wärmer und den Bäumen sprossen frische hellgrüne Blättchen. Ich hatte noch nie erlebt, dass sich in dieser Welt in meiner Gegenwart die Umgebung ohne mein Zutun verändert hatte. Vor mir erschien eine Frau. Sie überlagerte meine Fähigkeiten einfach, ich konnte nichts mehr tun, nicht einmal mehr verschwinden. Ich hatte keine Angst, das gibt es in dieser Welt, aber nicht in meiner. Dennoch war ich erstaunt über die Frau, denn noch nie hatte eine andere Person in meiner Welt meine Umgebung verändert. Ich hatte bis zu diesem Augenblick sogar geglaubt, dass nur ich das könnte. Sie lächelte mich an. Ich kann mich nicht mehr an viel von ihr erinnern, aber ich weiß noch, dass ihre Augen grau waren und sich nach außen hin dunkler färbten. Wie kleine Bernsteine waren win­zige braune Pünktchen darin eingefangen. Ohne etwas zu sagen setzte sie sich neben mich, als ob ich sie schon immer gekannt hätte. Ihre Stimme habe ich auch später nie gehört, da wir nie miteinander gesprochen hatten. Sobald in mir eine Frage zu ihr auf­keimte, wusste ich die Antwort schon. Als sie sich mir gegenübersetzte, wusste ich schlagartig, wie sie hieß, wie alt sie war, und vor allem warum sie hier war. Sie wollte mich sehen. Sie sah mich an und lächelte mich mit einer inneren Freude an, die jeden noch so traurigen Menschen aufgeheitert hätte.

Seit diesem Tag saßen wir oft zusammen und „unterhielten“ uns. Die Stille zwischen uns war gefüllt von  Kommunikation einer neuen Art.

Sorgsam ist in einer runden Frauenschreibschrift notiert: „Goldtstein berichtete heute von einer Frau, der er in seiner paranoiden Welt begegnet ist. Er konnte sogar ihren Namen nennen. Seltsamerweise liegt Frau M. (Aktennr. M/48452/09) auf derselben Station, wie Herr Goldtstein, nur weinige Zimmer weiter. Er könnte ihr während seines andauernden Aufenthaltes im Krankenhaus begegnet sein.“ In derselben eiligen Handschrift, wie sie auf dem Umschlag meiner Akte zu finden ist, steht folgendes darunter: „ANMERKUNG: Herr Goldtstein kann ihr doch nicht begegnet sein, da er aufgrund seiner Schwäche das Zimmer zu keiner Zeit verlassen durfte/hat.“

Dieses Blatt ist der Beweis für die Existenz meiner Welt.  Ich habe sie im „wirklichen“ Leben nie gesehen und doch gibt es sie. Ich saß neben ihr, ich weiß, dass sie klassische Musik mag, besonders von XXXXXXX [durch Durchstreichen unkenntlich gemacht], doch meine Augen haben sie noch nie gesehen. Ich habe das Gefühl sie zu kennen, doch ich weiß, bis auf ihre Augen, nicht mehr, wie sie aussieht.

 

Weit hinten in meiner Akte habe ich eine ausgedehnte Liste mit den mir verschriebenen Medikamenten gefunden. Als mein Körper wieder kräftiger wurde, begannen die Ärzte nach und nach, mir immer mehr Medikamente zu verschreiben. Um meinen Gesundheits­zustand stabil zu halten müsse ich sie regelmäßig einnehmen. Die Medikamente haben eine umnebelnde Wirkung auf meine Erinnerung und meinen Verstand, aber was bei weitem schlimmer ist, sie verriegeln den Zugang in meine Welt. Seit ich die Medikamente einnehme, erinnere ich mich kaum noch an sie und habe sie auch nicht mehr betreten. Die restliche Zeit im Krankenhaus saß ich fast immer auf einem Stuhl am Fenster und sah den hetzenden Menschen zu. Die Tage gingen monoton vorüber und ich weiß, XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX [unleserlich]. Eine Schwester, die immer freundlich zu mir gewesen war, hatte mir einen kleinen Wecker geschenkt, dessen periodisches Ticken den Raum ausfüllte und mir das Verrinnen meines Lebens verdeutlichte. Ich hätte ihn weggeben können, doch er erinnerte mich gleichzeitig auch an die Schwester, die ein­zige Person, die ich dort wirklich mochte.

Wochen später wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen. Ich bekam eine kleine Woh­nung und nach einigem Suchen sogar einen normalen Arbeitsplatz bei der Straßenreini­gung. Dieser Tätigkeit gehe ich übrigens immer noch gerne nach, weil ich dann viel draußen bin.

Das Land, sogar die ganze Welt, in der ich einmal gelebt hatte, habe ich seitdem nicht mehr gesehen. Ich habe sie [wahrscheinlich die Medikamente] auf Anraten der Ärzte bis jetzt regelmäßig genommen. Sie haben mich vor einem Rückfall bewahrt. Wenn ich wieder in meine Welt abdriften würde, wäre mein weiteres Überleben ungewiss, hatten sie gesagt. Bei meiner Entlassung hatte mich die Schwester, die mir den Wecker geschenkt hatte, angesehen und, vielleicht um mich zur Einnahme der Medikamente zu überreden, mit ernster Stimme gesagt: „Das Land, von dem Sie erzählten, Herr Goldtstein, … das gibt es nicht.“ Sie hörte sich für mich ein klein wenig fragend an, so, als ob sie mich um Rat fragte. Vielleicht hatte sie auch die Notiz von meiner Begegnung mit  Miriam März gelesen. Für den Fall, dass sie mich hatte überzeugen wollen antwortete ich: „Ich weiß es“, in Gedanken fügte ich aber hinzu: „denn ich habe dort gelebt“ Ich weiß nicht, ob sie meine Gedanken erraten hat, jedenfalls umarmte sie mich strahlend und verschwand im Kran­kenhaus. Ich nahm meinen Koffer, setzte meinen Hut auf und machte mich auf den Weg zu meiner Wohnung.

 

 

Auf der letzten Seite meiner Akte stehen nur drei Worte: „erfolgreiche Termination [Beendigung]; Entlassung“.

Je länger ich darüber nachdenke, desto vernünftiger scheint es mir, die Medikamente abzusetzen um wieder in meine Welt zurückkehren zu können. Ich habe bis jetzt seine Aussage [die Aussage des Großvaters] ignoriert und meine Vergangenheit durch die Medikamente verdrängt, doch je länger ich schreibe, umso klarer wird mir, dass ich in meine Welt zurückkehren möchte. Ich möchte Miriam, meinen Großvater und das kleine Mädchen aus der Stadt wieder sehen. Auch wenn diese Welt vielleicht nur in meiner Vor­stellung existiert, wenn es das Land nicht geben sollte, möchte ich zurück. Wo ist der Unterschied zwischen einer gedachten Welt und einer realen Welt? Was ist so schlimm daran, wenn meine Welt nur in meiner Vorstellung existiert, solange ich sie besuchen kann? Ich weiß nicht, ob ich die Absetzung der Medikamente überleben XXXX [werde, kann/ durch Wasserflecken, evtl. Tränen unleserlich], doch ich möchte nicht mein gesamtes Leben verstreichen lassen, ohne weiter barfuss durch meine Welt zu reisen. Was habe ich zu verlieren? XXXX [wenn, falls/ weitere Wasserflecken] ich sterben sollte, lebe ich vielleicht wie mein Großvater in der Welt. XXXXX [Trotzdem, Dennoch/ Wasserflecken] gibt es in mir eine Kraft, die mich zurückhalten will. Vielleicht ist es mein Überlebenswille, dennoch überwiegt das Verlangen nach meiner Welt. Ist es nicht der freie Wille, der uns Menschen von den Tieren unterscheidet? Diesem Willen muss man oberste Priorität einräumen. Wenn man etwas erreichen will, kann man sich dafür auch mit allem, was man hat, einsetzen.

Veröffentlicht diesen Brief, damit er alle Leute dieser Erde erreicht, damit sie erfahren, dass ich eine Welt bevorzuge, in der die Einwohner miteinander reden, anstatt sich anzu­schweigen, in der sie sich Zeit nehmen anstatt zu hetzen, in der die Natur deren Bau­werke beherrscht und nicht umgekehrt.

Ich erinnere mich jetzt an einen engen Platz in der Stadt. Er war rund und bestand nur aus Pflastersteinen. Bis nahe an ihn heran hatten sich die Häuser vorangewagt, wodurch ihn beinahe den ganzen Tag kein Sonnenstrahl erreichte. Aber wenn es einmal so weit war, leuchteten die Pflastersteine in den verschiedensten Farben auf und eine riesige knorrige Eiche, die in der Mitte des Platzes stand, schien ihre Äste dem Licht entgegenzustrecken. Die Leute strömten herbei, um sich das Schauspiel anzusehen. Schließlich beschloss man, dass alle Häuser rings um den Platz abgerissen werden sollten, damit man den Platz immer leuchten sähe, doch als die Häuser abgerissen waren, vergingen die Farben der Pflastersteine und die Eiche verlor ihre Blätter.

Dieser Brief ist das Einzige XXXX [durch Durchstreichen unleserlich], was ich vermachen kann. Ich habe ihn als Aufruf geschrieben, die Welt, wie sie jetzt ist, zu verändern und sich mehr meiner Welt anzunähern; um sich, wenn man das nächste Mal durch eine Stadt läuft, bewusst Zeit zu nehmen, um mit einem unbekannten Menschen ein Gespräch anzufangen, oder einfach nur den entgegenkommenden Menschen in die Augen zu schauen und sie anzulächeln.

 

Erinnert euch an eure Vergangenheit!

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.01.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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