Horst Jaeger

Am Fluss

 

Detail einer Reise
durch ein traumhaftes Land namens Indien.


Es ist nun schon auch schon wieder mehr als zwei Jahre her. Meine teure Lebensgefährtin und mein zwölfjähriger Sohn saßen zusammen mit mir in einem vollbesetzten, mäßig gefederten Überlandbus. Wir kamen von einem Aufenthalt in der Gegend um das lebhafte, aber dennoch beschauliche nordindische Himalayagebirgsstädchen Daramsala zurück in die Millionenstadt New
Delhi.                                                                             

Die Nacht hatten wir auf den zurückgeklappten Sitzen unruhig schlafend verbracht. Als der Bus morgens in den Stadtrandbezirken ankam, erwachte ich mit steifen Gelenken, von den ersten Sonnenstrahlen des Tages geweckt aus meinem Halbschlaf. Ich schaute auf die Idylle“, die hinter den Fenstern unseres Busses zu sehen war. Im stockenden Fluss des Vorstadtverkehrs dieser riesigen Metropole kamen wir nur noch langsam voran.

Am Straßenrand war ein Fluss zu sehen, oder sollte ich ihn eher als einen Abwasserkanal beschreiben? Da, wo sie sich zeigte, war die Wasseroberfläche von grauvioletter Farbe, ansonsten aber mit hellen Schaumgebirgen bedeckt. Einige dieser Schaumbälle wehten bis auf die angrenzenden Strassen herüber und wurden von den Passanten mit verständnislosen Blicken bedacht. Dazwischen räumten Obdachlose ihre Nachtlager von den Bürgersteigen. Viele, ganze Großfamilien kochten Tee auf offenen Feuern, während wieder Andere an abgelegenen Stellen des Flussufers ihr  Morgentoilettengeschäft erledigten.

Dieser Fluss ist übrigens die “Jamuna“, ein insgesamt über tausend Kilometer langer Nebenfluss des heiligen Ganges, den die Inder "Mata Ganga", Mutter Ganges nennen. Ein Bad im Ganges soll von Sünden reinwaschen und die Asche Verstorbener wird in den heiligen Fluss gestreut, um den Seelen der Toten den Beistand der Götter und die Erlösung vor weiteren leidensbehafteten Wiedergeburten zu bescheren.

Plötzlich hielt der Bus an. Die letzten Schlafenden öffneten ihre Augen. Einige Reisende stiegen aus, Andere dazu – darunter ein schlicht gekleideter Junge, schätzungsweise so alt wie damals auch mein Sohn. Als sich das durchs Umsteigen verursachte Gedränge im Bus wieder beruhigt hatte und Alle auf ihren Plätzen saßen, beziehungsweise standen, nahm die morgendliche Besinnlichkeit ein jähes Ende.
Der zugestiegene Junge fing plötzlich voller Hingabe an zu singen. Lieder von Gott Krishna und seiner Geliebten Radha, von Gott Shiva und dem heiligen Fluss Ganga.
Alle im Bus waren von seiner kräftigen und doch so zauberhaft schönen Stimme wie gebannt und in Gedanken versunken. Nach ungefähr zehn bis fünfzehn Minuten, - Raum und Zeit waren den Anwesenden für eine Weile entschwunden, endete der Gesang. Ich schaute auf, sah beseelte wohlwollende Blicke und hörte Beifallklatschen. Der Junge strahlte übers ganze Gesicht. Seine großen dunklen Augen leuchteten eindringlich, und helle weiße Zähne blitzten auf.
Dann, wie sollte es anders sein, zog er einen abgegriffenen Stoffbeutel aus der Hosentasche. Sogleich sammelte er von den Fahrgästen seine, - übrigens nicht gering ausgefallene, Belohnung ein. Und erneut wurde ein zufriedenes Lachen auf sein Gesicht gezaubert. Für das gleiche Geld, dachte ich mir, müsste wohl sein Vater,  so er denn einen hätte, als Kleinverdiener sicher einige Tage schwer arbeiten.

Bevor der Bus an der nächsten Haltestelle wieder hielt, gab der junge Sänger dem Busfahrer für die Bereitstellung der mobilen Bühne den vermutlich vorher abgesprochenen Anteil seines soeben ersungenen Lohnes. 

Ich sah in die vielsagenden Augen meiner Frau und meines Sohnes. Es dauerte noch eine ganze Weile, bis wir wieder passende Worte fanden. Kurz darauf war die nächste Haltestelle erreicht, und der Junge verschwand wieder im zunehmend dichter und lauter werdenden morgendlichen Großstadtgedränge.

Den Fluss der Jamuna habe ich neben dem Fahrbahnrand noch einige Minuten weiter beobachten können. Mensch und Tier hielten sich in respektvollem Abstand vom Ufer. Die Färbung der Wasseroberfläche hatte sich mit zunehmender Sonnenhelligkeit verändert. Sie hatte nun einen helleren, irisierend türkisen Farbton angenommen, wie die Färbung eines Edelsteines. Vieleicht, um sich ihrer zukünftigen Verwandlung beim Zusammenfluss in die heilige Mutter Ganges angemessen zu zeigen?

Dann entschwand der Fluss aus dem Blickwinkel. Dafür machte uns nun ein immer breiter werdender Fluss entgegenkommender Autokolonnen darauf aufmerksam, dass wir uns dem Stadtzentrum näherten.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.01.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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