Elke Lüder

Sprechende Balken

Es war mal wieder soweit.

Tante Elke Tag.
So nannte meine Nichte Sina die Tage oder Abende an denen ich auf sie aufpasste.

Ich nannte sie im Gegenzug Sina Tage.

Meine Nichte ist drei, also im absoluten Entdeckungsalter.
Wirbelig, immer neugierig und wissbegierig.
Inzwischen war sie es gewohnt das ich öfter mal auf sie aufpasste und fragte auch nicht mehr nach ihren Eltern, wie noch zum Anfang unserer Sina-Elketage.

Im Gegenteil, nun  hatte die Kleine sich gewisse Rituale angeeignet, auf die sie auch immer wieder bestand.

So sollte es auch an diesem Tag wieder sein.
Wir verbrachten zusammen den Nachmittag, spielten, tobten durchs Haus, besuchten Oma und Opa und am Abend schauten wir dann gemeinsam Sandmann.

Bettzeit.
Sina hatte ihr Zimmer in der oberen Etage, ich schlief immer im Wohnzimmer.
Aber meine Nichte stellte beim Zähneputzen gleich mal klar wo sie schlafen würde.

Bei mir.
Nun gut, ich schmunzelte in mich rein, denn das hatte ich ja schon geahnt, war’s doch eines ihrer Rituale.
Meine Schwester las der Kleinen immer Geschichten vor, ich dagegen mag es wenn wir das Licht löschen uns ankuscheln und ich dann einfach Geschichten auf meine Art erzähle.
Erdachte, gelesene und welche die eben noch aus Kindertagen in meinem Kopf waren.
Spaß bereitete es mir, wenn Sina dann  die Geschichten so wieder gab wie sie, sie aufgenommen hatte.
Wir redeten uns also immer in den Schlaf.
Während des Erzählens unterbrach mich Sina.
Mehr befehlend als Fragend kam von ihr;
“Tante Elke, ich hab Bauchweh.
kannste mal streicheln!”
Gut das sie mein grinsen nicht sah.
Das Bauchstreicheln gehörte einfach zu den Tante Elke Tagen.
Die Lütte weiß genau was sie will und wie sie es erreicht.
Also war nun, nachdem wir die richtige Liegebauchstreichelposition eingenommen hatten, Bauchstreicheln angesagt.
Aber auch ich hatte meinen Willen und Sina wusste genau das wir dann keine Geschichten mehr erzählen und so war es nun ganz still im Haus.
Still? Oh nein, ein Haus ist nie still.
Sina lauschte auf jedes Geräusch, nahm jeden Schatten auf der im Zimmer zu sehen war.
Mich erinnerte das an meine Kindheit bei den Großeltern. Dort stand eine riesige Pyramide, übers Jahr, eingepackt auf dem Schrank. Durch die Rollos schlichen sich immer wieder die Lichter der vorbeifahrenden Autos und so wirkte der Schatten der Pyramide als wüchse er mit dem vorbeihuschenden Licht. So kam auch die Erinnerung wieder zurück wovor man sich als Kind alles fürchtet.

Ich streichelte, Sina lauschte. Ich merkte ihre Anspannung. Und schon sprach Sina die Angst aus die sie bei all den Geräuschen des Hauses bekam.

Oh Elke, nun aber schnell eine Lösung. Angst sollte sich niemals manifestieren dürfen.

Im Zimmer gab es an der Decke dunkle Balken. Gespenstisch wirkten sie. Und Sina machte mich auch aufmerksam auf die Schatten.
Schnell fiel mir etwas ein.
So erzählte ich Sina das das Haus sich nun wenn alles Dunkel ist die Geschehnisse des Tages erzählen würde.
Die Balken nutze ich als Erzähler der Geschichte. Sie trugen alles weiter, erst zu den Türen, dann zu den Decken und Wänden, von dort dann in die Küche, zur Treppe und ins Bad.
Sina lauschte nun nicht mehr auf das Knacken und Knistern, sie hörte auf meine Geschichte.
Streicheln und erzählen ließen sie bald einschlafen.

Die Wirkung die diese Geschichte bei Sina hinterließ bekam ich einige Tage später zu spüren.
Sina war Mittagskind und diesmal blieben wir bei Oma. Oben in meinem Zimmer wollten wir Mittagsruhe halten, Sina macht das sonst immer mit Mama. Diesmal waren wir zu dritt.
Wir erzählten noch eine Weile und wie es so ist, uns Erwachsenen fielen die Augen zu, Sina aber plapperte und plapperte. Plötzlich ein Geräusch.

Und dann kam auch schon von Sina eine Frage, “wo sind die Balken?”
Meine Schwester schaute fragend. Ich dachte schnell nach und sagte das die Balken bei Oma verdeckt sind, weil sie manchmal frieren. Aber wenn man ganz leise ist kann man hören wie die Balken auch hier eine Geschichte erzählen.
Und so lauschten wir der Geschichte und schon bald fielen ihr wieder die Augen zu.

Ich freu mich schon auf den nächsten Sina-Elketag.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.01.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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