Ingrid Grote

SCHIFFE IN DER NACHT

 

SIE HABEN POST!!!

 

Diese Frauenstimme von AOL war wirklich penetrant, sie wies Daniela unüberhörbar darauf hin, dass sie Post erhalten hatte. Es kam nicht oft Post, sie war ziemlich neu im Internet-Geschäft, und sie war ein bisschen erstaunt.

Sie sah sich die Mail mit gemischten Gefühlen an. Es war mit Sicherheit SPAM, und es war bestimmt schon ein Risiko, sie überhaupt zu öffnen. Aber die Neugierde siegte über ihre Befürchtungen, zumal da ein richtiger Name stand und nicht nur eine Nummerkombination ohne Sinn und Verstand, und auch das „inlone“ hinter dem Namen machte einen vertrauenserweckenden Eindruck.

Sie öffnete die Mail also und las:

 

Liebe Daniela Berger,

ich habe heute Ihre Geschichte „Spiele der Liebe“ im Autoren-Forum gelesen, und ich muss sagen, dass ich niemals zuvor eine schönere, intensivere und sinnlichere Beschreibung weiblicher Sexualität und eines weiblichen Höhepunktes gelesen habe wie in Ihrer Geschichte. Das ist ja etwas, was einem als Mann unerreichbar und gerade deshalb so spannend und interessant ist.

Ich habe dann gleich im Internet zwei Kapitel Ihres Buches am PC gelesen, was ich eigentlich gar nicht mag, und daraufhin beschlossen, das ganze Buch auszudrucken und zu lesen.

Für diese schöne Erfahrung vielen Dank

 

Michael

 

Daniela konnte es nicht fassen. Es hatte ihr jemand geschrieben, und dieser jemand wollte auch noch ihren Roman lesen, für den sich bis jetzt nicht viele interessiert hatten, vor allem keine Männer. Das war großartig! Es war also eine sehr gute Idee gewesen, einen leicht bis mittelschwer versauten Teil aus diesem Roman auszukoppeln und ihn in diesem Forum unter „Erotisches“ zu veröffentlichen. Er sollte eigentlich nur den Zweck erfüllen, Leute auf ihre brandneue Homepage zu locken, und das hatte ja wohl geklappt.

Das Leben hellte sich merklich auf, und Daniela fühlte sich wie auf einer Wolke getragen, leicht und glücklich. Und die Tatsache, dass er sie siezte, war irgendwie vertrauenserweckend. Sie hatte natürlich schon viel gelesen über die Anmachversuche der Männer gerade im Internet, aber jemand, der einen so steif siezte, der konnte eigentlich kein Bösewicht sein. Und auch wenn er einer war, was konnte er ihr schon groß antun?

Natürlich schrieb sie ihm nach einer kurzen Eintagespause zurück. Genauso förmlich, wie er ihr geschrieben hatte:

 

Hallo Michael,

Vielen Dank erst einmal. Ich war zuerst ziemlich verblüfft über Ihre Mail, denn durch solche Sachen fühlen sich eher Frauen angesprochen, habe mich aber dann sehr gefreut.

Ich hatte eigentlich nie damit gerechnet, das jemand „Spiele der Liebe“ liest, beziehungsweise sich das ausdruckt und habe deswegen auch keine druckfähige Version vorgesehen. Ich hoffe trotzdem, dass Sie es irgendwie lesen können und auch lesen werden. Es ist ein ziemlich anstrengender, irgendwie sehr weiblicher Text, von dem die erste Hälfte total wahr ist und die zweite natürlich reines Wunschdenken, bestimmt von dem Verlangen nach Erlösung durch die Liebe zu einem Mann. Witzig und vermessen irgendwie...

 

Falls Sie es also trotz technischer Widerstände schaffen, ihn zu lesen und möglicherweise sogar bis zum Ende lesen, wäre es dann vermessen, mir eine Mail zu schicken oder mir irgend etwas ins Gästebuch zu schreiben? Denn es gibt so selten Resonanz.

 

Liebe Grüße Daniela

 

Daniela war ja sooo bescheiden in ihren Ansprüchen, und wahrscheinlich hätte sie ihre Seele dem Teufel verpfändet, wenn sich nur irgend jemand für diesen ihren Roman interessiert hätte. Daniela hielt es auch für angemessen, diesen potentiellen Leser nicht zu überfordern oder gar zu verschrecken. Sie wollte ihn ganz sorgsam behandeln.

Nicht einen Tag später kam die Antwort:

 

Liebe Daniela,

ich bin, wie Du liest, zum Du übergegangen, weil ich gerade dafür kritisiert worden bin, weil das "Sie" altmodisch wäre. Wie dem auch sei, es fällt mir ohnehin leichter, so zu schreiben.

Wo eigentlich sonst könnte man(n) unverfälschte Informationen über weibliches Denken und Fühlen bekommen als in Texten, die von Frauen eher für Frauen geschrieben worden sind?

Es zu lesen macht keine Mühe, aber ich lese Texte nicht gern am PC. Auch das Kopieren in ein Word Dokument und das Ausdrucken ist kein Problem. Dass es ein anstrengender Text und ein ebenso anstrengender Job war, ihn zu schreiben, glaube ich Dir aufs Wort. Es waren zwei Dinge, die mich angesprochen haben und die Ursache dafür waren, das Buch zu lesen: Dass es ein authentischer und ein sehr weiblicher Text ist. Mir gefällt Dein Schreibstil, Deine Offenheit und Deine Wortwahl.

Ich habe gestern auf einer Zugfahrt von München nach Berlin die Kapitel 1 und 2 gelesen und habe mich über mich selbst geärgert, nicht weitere Kapitel ausgedruckt zu haben.

Ich schreibe in Dein Gästebuch und schicke Dir auch weitere Mails, abhängig davon, wie ich mit dem Lesen voran komme. Offen gestanden hatte ich am Ende meines letzten Absatz’ einen längeren Text geschrieben, den ich aber wieder gelöscht habe. Ich schreibe den Teil noch einmal neu, ehe ich ihn maile.

Soviel für den Augenblick.

 

Liebe Grüße Michael

 

Er fuhr also mit dem Zug, das gefiel Daniela, die selber vor vielen Jahren dem Auto abgeschworen hatte. Und was konnte das für ein Text sein, den er wieder gelöscht hatte? Egal, es war großartig, er wurde sich wirklich die Mühe machen, ihren Roman auszudrucken und dann zu lesen. Daniela war schwer beeindruckt, und sie fing an, sich für ihn zu interessieren. Er schien recht gebildet zu sein. Dieses Apostrophhäkchen hinter „Absatz“ sprach sehr dafür. Und vielleicht würde er ja mit ein paar Details über sich herausrücken. Irgendwann einmal.

Aber trotz seiner guten Grammatikkenntnisse blieb sie ein wenig misstrauisch und entschied sich, ihn ganz brutal zu fragen, was er sich davon versprach, wenn er ihren Roman las. Sie schrieb ihm eine sehr kurze Mail:

 

Hallo Michael,

warum interessierst du dich so für die weibliche Psyche und ihre Physis ? Ich glaube, „Spiele der Liebe“ wird dich darin nicht weiter bringen, denn die Frauen an sich sind ziemlich unterschiedlich.

 

LG Daniela

 

Daniela hatte das blöde Gefühl, das Wort Physis gäbe es gar nicht, aber er würde es schon verstehen, wenn er klug genug war. Die Antwort lies auch nicht lange auf sich warten, auch sie war sehr kurz, wenn auch nicht so richtig aussagekräftig:

 

Liebe Daniela,

die Frage kommt mir doch irgendwie bekannt vor: "Und Robert möchte gerne die Frauen verstehen, das ist einer seiner Herzenswünsche. Die Frauen verstehen! Als ob alle Frauen gleich wären... Also, mich muss kein Mann verstehen, denn ich verstehe mich ja selber nicht..."

Das ist aber nicht die einzige Stelle. Muss an einer (intelligenten?) Antwort noch etwas tun. Sie wird mit Astronomie, mit der ISS und vielleicht mit Tausendfüßlern zu tun haben.

 

Liebe Grüße Michael

 

Daniela war sehr von dieser Kurzmail angetan: Er zitierte doch tatsächlich eine Stelle aus ihrem Roman, er hatte sich Gedanken darüber gemacht, und sie mochte ihn sehr dafür. Er schien ein feinfühliger Mensch zu sein, und er schien sich auch für Astronomie zu interessieren. Und obwohl ihr der ganze Text ein wenig einstudiert vorkam, entschloss sie sich, auf seine nächste Mail gespannt zu warten.

Tatsächlich traf diese keine drei Stunden später ein:

 

Liebe Daniela,

Ich interessiere mich auch für Astronomie, obwohl alle Himmelskörper für mich unerreichbar sind und ich niemals alles darüber wissen werde. Aber ich verdanke der Astronomie einige sehr schöne Erlebnisse. Ich habe mir angewöhnt, wenn ich im Dunkeln unterwegs bin, auf den Himmel zu achten. Es war an einem Gründonnerstag vor drei oder vier Jahren, ich war wirklich nicht gut drauf, um es milde zu formulieren, als ich beim Blick in den Himmel einen sehr hellen Stern sah, der ziemlich schnell über das Firmament zog. Ich habe damals noch nicht regelmäßig im Internet nachgeschaut, wann die ISS zu sehen ist, aber ich wusste sofort, dass sie es war. Ich hatte in dem Augenblick das Gefühl, sie fliegt da völlig unbeachtet von allen anderen nur für mich allein, und auf der Stelle hellte sich meine Stimmung auf und blieb über Tage in diesem Hoch.

Mit der Physis der Frauen geht es mir ganz genau so. Ich erlebe immer noch Anblicke wirklich atemberaubender Schönheit und ich finde sie nicht nur beneidenswert, sondern empfinde oft genau Neid auf soviel Attraktivität und Schönheit, die den Frauen geschenkt ist. Wenn du Beispiele lesen möchtest, dann sag es mir und ich schreibe sie Dir im Dutzend.

Die weibliche Psyche ist ein ganz anderes Thema, und ich habe nicht den Ehrgeiz, die endgültig zu verstehen oder gar eine Art Frauenflüsterer zu werden. Dennoch ist das für mich als Mann ein sehr sehr interessantes, spannendes und unerschöpfliches Thema. Deshalb habe ich natürlich Deinen Text „Reden Frauen wirklich so“ gelesen und das war der Grund, weshalb ich auch „Spiele der Liebe“ (ich meine das Kapitel im Autoren-Forum) gelesen habe. Ich habe Dir ja schon geschrieben, wie es mir damit ergangen ist. Es zu lesen, ist für mich ein Erlebnis, das mich für Augenblicke fast atemlos macht, als Du Deine Gefühle im Moment des heran nahenden Höhepunktes beschreibst.

Andere Stellen in Deiner Geschichte fand ich ebenfalls bemerkenswert, Dein irgendwie lapidarer Sprachstil zum Beispiel, in dem Du sehr erregende Dinge mit einer Beiläufigkeit erzählst, die ohne Beispiel ist. Dann gibt es da noch sehr witzige Dinge, zum Beispiel, dass Du dich wie ein Hähnchen fühlst, das gerade gewürzt wird. Soviel Phantasie muss man erst einmal haben.

Die Geschichte hat mich auch deshalb so berührt, weil ich vor vielen Jahren das gleiche erlebt habe, meine damalige Freundin hatte es mir zum Geburtstag geschenkt. Ihre Reaktionen danach waren teilweise identisch mit den Erfahrungen, die Du beschreibst.

Ich glaube jedenfalls, es war das schönste Geburtstagsgeschenk, das ich je bekommen habe. Ich habe aus den damaligen Erfahrungen eine Geschichte gemacht, die verglichen mit Deiner aber einfach grottenschlecht ist. Natürlich habe ich sie nicht veröffentlicht, wenn Du sie aber lesen möchtest, dann maile ich sie Dir.

 

Liebe Grüße Michael

 

Gott sei Dank hatte er das Wort Physis verstanden und geschluckt, auch wenn es so wohl nicht im Duden stand. Daniela befand sich nach dem Lesen der Mail in einem leichten euphorischen Rausch, dieser Mann war hochinteressant, und er hatte tatsächlich auch ihren anderen Text gelesen, der überhaupt nicht erotisch war, sondern eher ernüchternd.

Sie schrieb ihm also nach einem Tag Wartezeit:

 

Lieber Michael,

es ist schön, dass der Himmel dich trösten kann (konnte), ich selber schaue kaum noch hinauf zum Himmel, denn es ändert nichts an der Situation auf der Erde. Manchmal denke ich, es sind nur Reflexionen auf meiner Netzhaut, die ich irgendwie verbinde mit Größe, Ruhe und Einmaligkeit. Ich bin eben eine sehr zynische Person mit eingestreuten sentimentalen Elementen. Und die ISS ist vielleicht nicht mehr mein Ding, mein Ding ist eher die gute alte MIR, so altersmäßig, gehalten von Strumpfbändern, zusammengeflickt mit Tesafilm und verarscht in vielen Filmen. Aber auch die MIR ist schon lange nicht mehr da, und ab und zu wünsche ich mir, ich könnte diese Faszination zurückholen.

Doch manchmal, wenn ich die Venus sehe, die ja auch nur im Westen bei Sonnenuntergang oder im Osten bei Sonnenaufgang sichtbar wird, dann beschleicht mich ein Gefühl der Konstanz, und DIESES Gefühl der Konstanz  ist beruhigend im Gegensatz zu der Konstanz auf der Erde. Hier auf der Erde ändert sich nie etwas, und das ist schlecht.

Beispiele für die Schönheit der Frauen brauche ich nicht. Frauen sind mit Sicherheit schöner als Männer, zumindest als die meisten.

Und dieses Geburtstagsgeschenk von deiner ehemaligen Freundin, dieses Geschenk hat sie sich wahrscheinlich selber gemacht...

So schlecht kann deine Geschichte darüber gar nicht sein! Ein männliches Gegenstück zu meiner Geschichte. Interessant! Du könntest sie im Autoren-Forum veröffentlichen, denn dort sind die meisten Leser erotischer Geschichten eher Männer, denen die männliche Sicht der ‚Dinge’ bestimmt besser behagt als die weibliche.

Hängst du immer noch an dieser Freundin? Woran ist es gescheitert? Liest sich wie ein Trauma. Oder ein Traum.

Ich sollte nicht so neugierig sein. 

Was soll's? Damit meine ich, du könntest mir das Ding ruhig mailen.

 

LG Daniela

 

Also, warum nicht? Sie war schließlich nicht zimperlich. Sie hatte selber schon einiges über nichtzimperliche Sachen geschrieben, und diese Sachen waren nicht etwa Wunschvorstellungen sondern sie hatte sie wirklich erlebt. Also, warum nicht?

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten:

 

Liebe Daniela,

vielleicht hast Du es ja nicht erwartet, aber Deine Antwort hat mich nicht überrascht, ganz im Gegenteil, mit Deiner Beschreibung der MIR und dass die besser zu Dir passe, mit dem Anflug von Zynismus, der da mitschwingt, das hat mir doch gefallen.

Und was Du zur Venus schreibst, das schlägt einen weiten Bogen zu der eher sehr poetischen (und offen gestanden anrührenden) Formulierung in Deiner voraufgegangenen Mail: „bestimmt von dem Verlangen nach Erlösung durch die Liebe zu einem Mann. Witzig und vermessen irgendwie...“

Also doch nicht nur Zynismus.

Mit dem Satz: „dieses Geschenk hat sie sich wahrscheinlich selber gemacht...“ hast Du so etwas wie einen Stachel in mein Hirn gesetzt und ich wundere mich, warum mir in all den Jahren nie der Gedanke gekommen ist, obwohl er naheliegend ist, wenn ich daran denke, wie sich nach diesem Geburtstagsgeschenk unser Liebeseben verändert hat.

Ich hatte mir überlegt, an meine Geschichte einen Absatz anzufügen, der genau auf diese Veränderungen eingeht, hab das aber, zumindest für den Augenblick, gelassen.

Die Geschichte von meinem Geburtstagsgeschenk. Ich habe tatsächlich überlegt, ob ich sie Dir schicken soll, und gerade Dein MIR-Kommentar hat den Ausschlag gegeben, ich bin mir sicher, ich werde damit Dein Seelenheil nicht gefährden.

Ich habe noch einmal darüber nachgedacht, warum ich die Geschichte eigentlich geschrieben habe. Ich glaube, ich wollte die extreme Erregung, oder Geilheit, in die mich das „Geschenk“ damals versetzt hat, in irgendeiner Form konservieren. Deshalb ist die Geschichte ganz aus meiner männlichen Sicht geschrieben und legt großen Wert auf die detaillierte Beschreibung der Mechanik des Aktes. Also nichts, was Frauen erregend finden könnten.

Vielleicht sind ein oder zwei Formulierungen gut gelungen, sollte man aber nicht veröffentlichen.

Also, Du bist gewarnt.

 

Mit lieben Grüßen  Michael

 

Na also! Daniela lud sich seine Story herunter, es war ein Word-Dokument, und es hieß ‚Geburtstagsgeschenk’. Sie holte sich einen Kaffee und vertiefte sich dann in die Geschichte. Wieso kam er überhaupt auf die Idee, dass Frauen die detaillierte Beschreibung der Mechanik des Aktes, wie er es nannte, nicht erregend finden könnten. Und wieder hatte er nichts über sich preis gegeben, den Absatz über die Veränderung in seinem Liebesleben hatte er natürlich gelöscht. Mist aber auch!

Es war natürlich Pornografie, aber auch rührend, wie er die Schönheit seiner Exfreundin bewunderte, das heißt Teile von ihr...

Manche Sachen allerdings gefielen Daniela auf Anhieb nicht, denn es ist nicht jederfraus Sache, wenn ein Mann auf sie ejakuliert, auch wenn er dabei ihre empfindsamsten Stellen trifft. Aber mein Gott, wir sind ja schließlich nicht zimperlich, und es hatte etwas richtig antörnendes. War auch ziemlich interessant, die Sache einmal von der männlichen Warte aus zu sehen und zu fühlen. Das war anders, ganz anders. Im übrigen hatte er recht, die Story war nicht überragend - sie hielt natürlich keinen Vergleich mit ihrer aus – aber schlecht war sie auch nicht.

Einen Tag später schrieb sie ihm, nachdem sie zwei Glas von diesem bitteren Cynar-Zeugs getrunken hatte, ziemlich locker:

 

Hallo Michael,

ich schwatze bzw. schreibe viel blödes Zeug daher, also nimm das nicht so ernst, was ich schreibe. Und ich hasse es, analysiert zu werden, und wenn dann noch jemand etwas Gutes in mir entdeckt, dann fühle ich mich immer... verlegen? Denn ich bin in Wirklichkeit überhaupt nicht poetisch, sogar meine lausigen Gedichte habe ich nur geschrieben, weil Gedichte so wahnsinnig angesagt sind und viel mehr als Kurzgeschichten gelesen werden. Also als eine Konzession an den Zeitgeschmack. Ich bin ja so berechnend!

Also bitte bitte, nimm das alles nicht so genau, was ich über mich schreibe.

Zur Sache:

Erst einmal, Frauen fühlen sich durchaus nicht abgestoßen von detaillierten Details (doppelt gemoppelt), das ist uralter Aberglaube, die Details sind meistens besser als irgendein poetisches Zeugs, unter dem man sich nichts vorstellen kann und bei dem man sich veräppelt fühlt.

Ich hab's also gelesen, und es hat mir sehr gut gefallen, wie du deinen Stolz beschriebst, und das mit der Offenheit, Nacktheit und Verletzlichkeit, ja das hat mich gerührt.

Fängt jedenfalls edel an, das mit der Bewunderung ihrer intimsten Weiblichkeit.

Aber man hört das Mädel gar nicht. Hat sie sich nicht bewegt oder so. Nichts gestöhnt? Oder hast du das nicht mitbekommen? Egal. Fängt jedenfalls gut an, aber dann, ich weiß nicht, ob mir bzw. Eva das gefallen hätte, dass ein Mann sich vor mir selber befriedigt, wo er doch mich bzw. Eva dazu hätte. Das kommt mir wie ein Fehler vor, erst hat sich Cornelia zu dieser Aktion entschlossen, und dann kommt DAS noch dazu. Alles quasi beim ersten Mal. Könnte ein wenig zu heftig gewesen sein.

Obwohl, vielleicht mochte sie es. Ich glaube allerdings an Evas Stelle, ich hätte es nicht gemocht, gut, vielleicht im Augenblick, aber hinterher hätte ich ein komisches Gefühl gehabt. Vielleicht. Möglicherweise wäre ich mir wie ein Objekt vorgekommen, auf das man ejakuliert. Aber auch darauf stehen manche Frauen. Wie gesagt, jede Frau ist anders.

‚Es rührte mich an, wie der allerempfindlichste Teil des weiblichen Körpers den allerempfindlichsten des männlichen berührte und reizte.’

Das ist wieder okay, ich glaube, es macht jede Frau verrückt, wenn ein Mann mit seinem Ding da nur rumspielt.

Also gut, es hat was... Du solltest es veröffentlichen, denn ich glaube, Männer fahren voll drauf ab. Viele Frauen bestimmt auch.

Trotzdem habe ich irgendwie ein blödes Gefühl bei der Sache. Ist der Sex danach auf diesem Level geblieben? Vermutlich eine zeitlang, aber bestimmt nie so gut wie bei diesem Mal. Und dann? Wieder bin ich neugierig und nicht zu knapp.

Du zehrst anscheinend von diesem Erlebnis. Hast du diese (körperlichen) Gefühle jemals wiederholen können?

Übrigens trinke ich gerade ein Glas CYNAR, es schmeckt sehr bitter.

 

Liebe Grüße Daniela.

 

Daniela war sehr zufrieden mit sich. Sie hatte diplomatisch reagiert, neutral irgendwie, sie hatte sich selber da rausgehalten und stattdessen ihre Romanprotagonistin Eva vorgeschoben. EVA hätte das vielleicht nicht gefallen. EVA hätte das vielleicht gefallen. Das war sehr gut. Danke Eva!

Pünktlich einen Tag später kam seine Mail:

 

Liebe Daniela,

danke dafür, dass Du nicht empört reagiert hast, hatte kein so gutes Gefühl und hab es immer noch. Aber ich hab mich über Deine Antwort gefreut, weil es dazu viel zu sagen und zu schreiben gibt.

Was den CYNAR angeht, das ist eine ganz bequeme Art, Artischocken zu genießen. Wenn sauer angeblich lustig macht, was bewirkt dann eigentlich bitter?

 

Eine Stunde später kam eine längere Mail:

 

Liebe Daniela,

Ich werde es nicht veröffentlichen, weil es eigentlich klassische Pornographie ist, geschrieben, um die damaligen Gefühle zu konservieren und sich davon bei passender Gelegenheit aufgeilen zu lassen. Deshalb vielleicht hört man das Mädel nicht. In mancher Hinsicht sind Männer ganz offenbar ziemlich anspruchslos.

Die Ungereimtheiten, die Du erwähnst, sind absolut verständlich. obwohl es sich um eine tatsächliche Begebenheit handelt, ist es offenbar schwer, die Geschehnisse auf die Länge einer Kurzgeschichte einzudampfen, ohne dabei die Details zu verfälschen.

Ein Grund liegt sicher in der Person Cornelia, die ich wohl etwas schief beschrieben habe. Sie war tatsächlich viele Jahre älter als ich, 100 mal erfahrener und tausendmal tabuloser als ich.

Ich war damals ein zartes Seelchen, und was sie letzten Endes an mir fand, kann ich nicht sagen. Obwohl die Biographien so verschieden waren, sind wir knapp vier Jahre zusammen gewesen, wobei Sex eine sehr wichtige Rolle spielte.

Der Tabubruch, auf sie zu elekulieren, war nicht auf ihrer, sondern auf meiner Seite. Außerdem war es nicht das Ende, sondern der Anfang sexueller Aktivitäten an diesem Tag und - alle Bescheidenheit beiseite - vielleicht hätte es ja auch Eva gefallen.

In dem Zusammenhang eine kurze Begebenheit aus der Anfangszeit der Beziehung, so etwa nach 10 Wochen. Ein wunderschöner sonniger Sonntag im September. Ich war zu einer Familienfeier nach Hause gefahren. Am Nachmittag rief Cornelia mich an und bat mich, doch bitte bitte zu ihr zu kommen. Eigentlich wollte ich bis Montag bleiben, aber erfuhr zum ersten mal bewusst, wie Frauen Macht einsetzen und ausüben. Jedenfalls empfand ich das so. Also fuhr ich 300 km zu ihr. Sie hatte sich auf dem Balkon gesonnt und öffnete mir die Tür nur mit einem Slip bekleidet, und mein ganzer unterschwelliger Groll schmolz dahin. Sie glaubte wohl, dass ich für meine Folgsamkeit eine besondere Belohnung verdient hätte und... (zensiert)... eigentlich bis zum Ende. ‚Eigentlich’ deshalb, weil ich zu gehemmt war, in ihrem Mund zu kommen. Jahre später habe ich in einem US Sex Ratgeber die Schilderung eines ganz ähnlichen Falles gelesen, und die Therapeutin, ich glaube Ruth Westheimer, stellte rundheraus in Abrede, dass es so etwas gäbe.

Ich hatte gesagt, dass Sex in dieser Beziehung sehr wichtig war. Cornelia liebte es, (zensiert) und dann den Samen auf ihren Körper spritzen zu lassen und natürlich schluckte sie mein Sperma, ohne dass ich je darum gebeten hätte.

Und schließlich noch eine letzte Sache, nämlich die mit dem Ding, das da unten herumspielt. Es war ja keine Ersatzhandlung, sondern ein Vorspiel, das bis zu seinem Höhepunkt getrieben wurde, manchmal nicht nur zu einem. Wenn ich dann schließlich in sie eindrang, dann waren alle Fragen des männlichen Egoismus’ oder des zu frühen Kommens bedeutungslos.

Es war wie ein Ritt auf dem Tiger, obgleich ich überzeugt bin, dass es das Beste war, was mir widerfahren konnte.

Liebe Daniela, ich hoffe, mein Text ist nicht gänzlich unverständlich.

Zu den anderen Teilen Deiner Mail schreibe ich Dir noch.

 

Michael

 

Daniela fühlte sich geschmeichelt, es war schon ein irres Gefühl, sich mit einem Wildfremden über so ein Thema zu unterhalten. Es war außergewöhnlich und vielleicht auch ein bisschen krank. Andererseits törnte es sie auch an, sie konnte sich durchaus vorstellen, mit diesem Unbekannten Sex zu haben, sei es auch nur in der Fantasie. Wie alt war er wohl? Was hieß: Vor vielen Jahren? Was bedeutete dieser Satz? „Der Tabubruch, auf sie zu elekulieren, war nicht auf ihrer, sondern auf meiner Seite.“

Elekulieren? Seltsames Wort. Daniela schaute im Duden nach, aber das Wort gab es nicht. War wohl ein Schreibfehler.

Allerdings hatte sie sich mit dieser Cornelia gründlich vertan. Die war ja wohl wirklich eine total erfahrene Frau und hatte ihn wahrscheinlich für alle Frauen danach versaut.

Daniela wartete nun auf gespannt auf den Kommentar, den er ihr zu den anderen Teilen ihrer Mail schreiben wollte, aber es kam nichts.

Sie war verwirrt. Was war los? Hatte sie etwas Falsches geschrieben? Oder war sie zu neugierig gewesen? Bisher hatten sie fast jeden Tag miteinander korrespondiert - fast fühlte sie sich schon wie ihre berühmte Namensvetterin Erika Berger, die mit ‚Eine Chance für die Liebe’ - und jetzt auf einmal hatte sie seit vier Tagen keine Mail mehr bekommen.

Sie grübelte ein bisschen darüber nach und entschloss sich dann, so zu tun, als wäre SIE an der Reihe. Sie musste sich natürlich etwas einfallen lassen, warum es mit ihrer Mail so lange gedauert hatte, und sie hatte den grandiosen Einfall, ihre Mutter erkranken zu lassen. Das war passiert, aber schon vor einem Jahr... Und es war zwar pietätlos, würde aber erklären, warum sie so spät dran war.

‚Zu den anderen Teilen deiner Mail schreibe ich Dir noch.’ Was also war los? Hatte er keine Lust darauf? Oder hatte er vergessen, was er da geschrieben hatte? Nun ja, sie würde es erfahren. Entweder antwortete er oder nicht. Aber es wäre schade, wenn er nicht mehr antworten würde. Sie würde ihn ein wenig vermissen. Irgendwie mochte sie diesen Kerl, der einerseits so zurückhaltend war und andererseits so offen über Sex redete.

Sie hatte zwar kein gutes Gefühl bei der Sache, aber sie schickte die Mail los wie einen Versuchsballon ins Ungewisse:

 

Hallo Michael,

so, das hat ein bisschen länger gedauert, aber im Augenblick passiert nur Mist. Meine Mutter hatte einen schweren Unfall und liegt jetzt im Krankenhaus unter anderem mit einem Oberschenkelhalsbruch, aber es geht ihr Gott sei Dank schon wieder ganz gut.

Bitter macht süß, bittersüß - Wunschvorstellung. Der  Cynar machte mich eher trunken - ein bisschen.

Ich schreibe nun ein wenig konfus weiter, habe Teile entfernt, andere eingefügt. Ist alles ein bisschen durcheinander, aber was soll’s...

War es nun ein Segen oder ein Fluch? Ich meine, dass du Cornelia hattest. Ich schätze mal, alle die nach ihr kamen, waren bestimmt verklemmt oder nicht so ganz auf der Höhe.

Und wenn du irgend etwas von dem, was ich geschrieben habe, als Vorwurf aufgefasst oder angesehen haben solltest, dann hast du dich geirrt . So habe ich das bestimmt nicht gemeint.

Und... lieber, Michael, was ist denn elekulieren? Was neues etwa (kicher)?

Also, mittlerweile könnte ich mir durchaus vorstellen, dass es Eva gefallen würde. Nur in der Theorie natürlich. Und auch nicht das elekulieren...

Ich zitiere:

‚Eigentlich’ deshalb, weil ich zu gehemmt war, in ihrem Mund zu kommen. Jahre später habe ich in einem US Sex Ratgeber die Schilderung eines ganz ähnlichen Falles gelesen, und die Therapeutin, ich glaube Ruth Westheimer, stellte rundheraus in Abrede, dass es so etwas gäbe.

Ehrlich gesagt stelle ich das auch in Abrede, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Mann, wenn er schon so ‚weit’ gekommen ist, auf einmal Skrupel kriegen sollte.  Oder war es bei dir aus Rücksichtnahme? Ließ das Seelchen grüßen?

Wie auch immer, ich glaube, du kannst froh sein. Du hattest eine Frau, die um soviel anders war als die anderen zu dieser Zeit, in dieser wahrscheinlich doch sehr prüden Zeit. Ich kannte vor zwanzig Jahren auch mal eine Frau, die war ähnlich geil, ähnlich leicht erregbar, aber das ist nicht der Normalzustand bei Frauen. Die meisten Frauen die kriegen einfach keinen Orgasmus, die haben keinerlei Spaß am Sex, egal ob mit unbekannten oder mit angetrauten Männern. Es ist eine Qual für sie, und manchmal schaffen sie es noch nicht einmal durch Selbstbefriedigung.  Also sei doch froh, dass du Cornelia hattest.

Aber nein, du bist ja förmlich besessen davon. Liest du nur Sex-Geschichten? Ich kann dir nur raten, sei dankbar für deine Erfahrungen mit Cornelia. Und irgend etwas muss DEINE Cornelia ja an diesem angeblichen Seelchen, das du ja angeblich mal warst, gefunden haben.

Vielleicht deine ja was... Geilheit?

Du solltest die Story trotzdem veröffentlichen. Ich halte sie eigentlich nicht für klassische Pornografie.

Die Arbeit erhebt ihr grausiges Haupt. Shit aber auch!

 

Daniela

 

SIE HABEN POST!!!

 

Einen Tag später war seine Antwort da. Es war also nur ein Missverständnis gewesen. Daniela atmete tief aus und las gierig seine Mail.

 

Liebe Daniela,

ich muss nicht sagen, dass ich wegen des Unfalls Deiner Mutter mit Dir fühle. Das klingt wie eine Floskel, aber ich bewundere Dich dafür, dass Du mir in so einer Zeit überhaupt geschrieben hast.

Ich habe das Gefühl, in Deiner Mail nicht ganz so gut wegzukommen. Also, das Thema Cornelia lasse ich nach nur einem weiteren Satz endgültig beiseite. Ich kann mir gut vorstellen, dass für sie die Beziehung zu mir, einem wesentlich jüngeren Mann, der dazu ziemlich gut beieinander war, von Bedeutung war. Es war zu den Zeiten noch sehr ungewöhnlich und nonkonformistisch. Genau das war für sie ziemlich wichtig.

Was Du über die Frauen und ihre Erfahrung und Einstellung zu sexuellen Dingen schreibst, möchte ich fast nicht glauben. Liegt das denn nicht zu großen Teilen an den Männern? Dann doch lieber gar keinen Sex als eine so einseitige Veranstaltung.

Es deckt sich auch nicht mit meinen Erfahrungen, und ich bin ein ganz durchschnittlicher Liebhaber, glaube ich. Man liest immer wieder davon, dass die Frauen den Männer im Bett etwas vormachen, und es kann ja auch sein, dass sie gute Schauspielerinnen sind. Aber wer kann denn zum Beispiel eine ganz fleckig durchblutete Haut oder Gänsehautinseln vortäuschen, mal abgesehen von all den anderen, naheliegenderen Veränderungen.

Bin ich, wie Du schreibst, von dem Thema völlig besessen? Es gibt Leute, die ihr Leben lang einen Kiesgarten harken, um das vollkommene Muster in die Steine zu zeichnen, und andere schlagen mit Holzstöcken durch die Luft auf der Suche nach dem ultimativen Schlag. Warum sollte sich da nicht jemand mit dem ultimativen sexuellen Höhepunkt beschäftigen, an dessen Ende man nicht doch irgendwie unbefriedigt zurück bleibt. Der Gedanke beschäftigt mich manchmal, und ich glaube, dass Phantasie da eine ganz wichtige Rolle spielt.

Ich lese nicht den ganzen Tag erotische oder Sexgeschichten. Ich weiß nicht, ob ich Dir geschrieben hatte, dass ich mich allerdings sehr für von Frauen geschriebene erotische Geschichten interessiere. Die waren, bevor es das Internet gab, ja ziemlich selten. Beim Autoren-Forum sind die Frauen ja reichlich vertreten. Ich habe mir angewöhnt, vor allem nach den Kommentaren zu gehen und interessiere mich also für solche Geschichten, zu denen es viele Kommentare gibt, insbesondere von Frauen. Ich wundere mich immer öfter, welche Geschichten gerade von Frauen positiv bewertet werden, wenn es Männer wären, okay, aber so. Aber Du hattest mir ja bereits geschrieben, dass Frauen durchaus an Details interessiert sind.

In Bezug auf von Frauen geschriebene erotische Geschichten weiß ich genau, wie es begann. Ich bin mit drei Schwestern zusammen aufgewachsen, zwei davon älter als ich. Mein Vater war auch selten zu Hause, so dass ich in diesem weiblich dominierten Haushalt als junger Mann oder Mann gar nicht so recht wahrgenommen wurde. Ich hatte damit keinerlei Probleme, schon gar nicht nach außen, also im Hinblick auf andere Jungs. Ich spielte ziemlich gut Fußball und damit war das Thema durch.

Meine jüngere Schwester und ich hatten ein sehr gutes Verhältnis zu einander. Von ihr bekam ich eines Tages ein sehr erotisches, wenn nicht gar pornographisches Buch ausgeliehen, nur stundenweise, und ich erlebte zum erstenmal einen Höhepunkt ohne Schuldgefühle. Die Geschichte lief weniger lapidar ab, und auch die hab ich aufgeschrieben, aber natürlich nicht veröffentlicht. Ich mail sie Dir aber gern, wenn Du magst.

Ich hoffe sehr, du hast ein schönes Wochenende.

 

Liebe Grüße Michael

 

P.S. Hoffentlich nicht wieder so viele Flüchtigkeitsfehler?

 

Daniela las diese Mail zweimal, denn irgend etwas stimmte damit nicht. Und schließlich merkte sie, was es war. Wie hatte es eigentlich angefangen? Ach ja, er wollte ihren Roman lesen als authentische und blablablaa weibliche Sache.

Aber jetzt schrieb er nur noch von sich selber.

Um Danielas im Grunde ein wenig phlegmatisches Gemüt aufzuwühlen brauchte es viel,  aber sie stand jetzt kurz davor, denn sie fühlte sich tatsächlich verarscht.

Dennoch überlegte sie hin und her. Es wäre schade, ihn zu verlieren, aber die Sache lief ihr zu einseitig ab. Was hatte SIE eigentlich davon?

Also entschloss sie sich, allerdings schweren Herzens...

Es fiel ihr wirklich nicht leicht, das zu tun, und der Titel ihrer Mail trug übrigens sinnigerweise den Namen „so long“...

 

Lieber Michael,

ist schon okay wegen meiner Mutter, wir lieben uns nicht besonders. Trotzdem bin ich ziemlich fertig.

Na gut, Cornelia lassen wir mal außen vor.

Frauen und Orgasmus... Sie wollen wohl, nur sie können nicht . Aber du hast zum Glück solche erfahren, die es können, du Glückspilz!

Dann hast du dir wohl die richtigen ausgesucht.

Und wahrscheinlich sind die angeblich durchschnittlichen Liebhaber wohl die besten...

Schade, wenn ich 20 Jahre jünger, nein sagen wir mal 10 Jahre jünger wäre, dann hätte ich dich gerne als Liebhaber kennen gelernt. Das ist natürlich absurd. Leider.

Fantasie ist alles, aber der Höhepunkt ist sooo flüchtig, nimmt eine sooo kurze Zeit in Anspruch, und deswegen verstehe ich einfach nicht, wieso du ihm sooo eine große Bedeutung zuteilst, es sei denn, du würdest in einem Zustand der permanenten Geilheit leben. Kann so etwas sein?

Aber:

Auch ich bin egoistisch. Du kannst mir deine Story ruhig mailen, aber erst, wenn du mir deine Meinung zu ‚SPIELE DER LIEBE’ kundgetan hast. Du wolltest es doch lesen, so als ‚authentische und weibliche’ Erfahrung.  Es ist wirklich nicht so grottenschlecht, dass man es nicht lesen könnte, es sei denn, du wolltest nur deine eigenen Sachen irgendwie kundtun...

Sorry, ich muss hart sein, obwohl diese Härte nicht in meiner authentischen und weiblichen Natur liegt. Aber bei näherer Betrachtung muss ich feststellen, dass sie mir durchaus liegt, denn ohne sie würde ich mich sonst verzetteln in den großen weiten anonymen Feldern des Internets und der pffff... weiblichen Gefühle.

Ich hoffe, auch du hattest ein schönes Wochenende.

So long.

Oder auch nicht...

 

Liebe Grüße Daniela.

 

PS. Keine eklatanten FF (Flüchtigkeitsfehler). Zumindest habe ich keine gesehen.

 

Oh ja, es tat zwar weh, aber sie hatte diesem Typen doch tatsächlich ein Ultimatum gestellt, sie hatte nämlich die Nase voll, er interessierte sich für sie als Person einen Dreck, und ein Sexobjekt war sie auch nicht für ihn. Noch nicht einmal das! Dabei sah sie auf den Bildern ihrer Homepage gar nicht so übel aus, natürlich war sie keine Schönheit, aber mit Sicherheit gab es Schlimmeres.

Was also wollte er von ihr? Dass sie seine versauten Stories las? Das hätte sie ja gerne getan, die waren wirklich nett und törnten sie einigermaßen an, aber so ganz ohne Gegenleistung? Ihr Roman war immer mehr in der Versenkung verschwunden. Wahrscheinlich hatte er gerade mal die ersten beiden Kapitel gelesen, um so zu tun, als würde ihn das interessieren.

Also, was sollte das ganze?

Pffff...  und die Astronomie... Der meinte tatsächlich, wenn er nachts die ISS sieht, dann hätte das schon was mit Astronomie zu tun. Wie kleinkariert! Und sie war darauf reingefallen wie eine Idiotin.

Aber leider würde sie jetzt nie erfahren, wie alt er war, wie er aussah, wie sein Familienstand war und vor allem nicht, wie sich sein Liebesleben nach dem „Geburtstagsgeschenk“ verändert hatte. Das war bitter. Beinahe so bitter wie Cynar.

Daniela wunderte sich über sich selber, aber gleichzeitig war sie ein wenig traurig und hatte zeitweilig sogar das Gefühl, mit ihr selber würde irgend etwas nicht stimmen, denn der gute Mann ließ nichts mehr von sich hören. Es war aus.

Und die Moral von der Geschichte?

Sie hatte keine Ahnung. Sie war jedenfalls schlechter dran als vorher, sie fühlte sich veräppelt, als Frau nicht wahrgenommen und als Autorin einfach ignoriert.

Was würde sie also beim nächsten Mal tun?

 

Sie hatte wirklich keine Ahnung... 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.01.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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