Michael Masomi

Das Haus

 

Hundert Jahre stand es schon auf der Straße, nein Entschuldigung, Hundertzehn Jahre. Fast. Auf ein Jahr mehr, oder weniger kommt es wohl nicht an. Worauf es ankommt, ist, dass ich es sofort geliebt habe. Als ich meinen Fuß über die Schwelle des großen, rosa Hauses schob war ich von ihm gefangen. Zuhause! Zuhause, dröhnte es in den Windungen meines Hirns. Du bist daheim! Angekommen.

Die Straße selbst war eine Bundesstraße. Was heißt, dass der Verkehr zu bestimmten Zeiten lautstark vor unserer Türe zum Stillstand kam. Die Straßenbahn rauschte alle zehn Minuten vorbei und erschütterte die Wände, von denen dann hier und da der Putz fiel. Dennoch, oder gerade deswegen, fand ich es bezaubernd. Carol natürlich nicht.

Eine Bruchbude!“ schnaubte sie und ihr Akzent zog das U extrem lang. „Hier bleiben wir wohl nicht lang!“

Die Wohnung ist riesig.“ meinte ich knapp. „Und warm!“

In unserer letzten zog es wie auf einem Bahnhof. Selbst im Hochsommer liefen einem Schauer über den Rücken.

Miriam, unsere älteste, blickte mit ihrem blass geschminkten Gesicht hinter Carols Schulter hervor und ihre schwarzen Lippen entblößten weiße Zähne in einem faszinierenden Lächeln. Zur Zeit war sie ein Vampir, davor war sie ein „Dark People“ und davor ein Emo. Stephenie Meyer, Bella und Edward hatten meine sechzehn jährige Tochter fest im Griff. Ob als Buch, Film, oder Soundtrack ich entkam dem Hype nicht.

Das ist ja Uralt.“

Quatsch!“ meinte Sarah.

Sarah war vierzehn, aber irgendwie war sie viel reifer, als ihre große Schwester. Sie machte keine Phase durch, zumindest bis zu diesem Zeitpunkt. Sie war stets sie selbst. Als sie ihre Periode bekam, durchwühlte sie kurz Carols Schrank und stopfte sich eine Binde in die Unterhose. Damit war alles gesagt. Miriam machte aus ihrer ersten Blutung ein Festival. Erst schrie sie, dann weinte sie, dann wurde sie plötzlich erwachsen, nur um danach als jammerndes Kind zu enden. Jeden Monat verfluchte sie ihre Regel, ihr neuster Spruch war der: „Wäre ich doch bloß ein Vampir dann würde ich Blut trinken und nicht vor mich hin bluten!“

Dann bück dich und sauf' es!“ Sarah verdrehte immer ihre Augen und verließ den Frühstückstisch, wenn es bei ihrer Schwester wieder so weit war.

Hundert Jahre sind nicht alt!“ beharrte sie nun. „Das ist knapp sechzig Jahre mehr als Papa!“

Danke mein Schatz! Ich liebe dich auch.“ Ich schüttelte grinsend den Kopf.

Hier sind doch bestimmt schon viele Menschen gestorben?“ fragte Miriam eher, als sie es feststellte.

Ich will es mal nicht hoffen!“ Carol knurrte fast.

Ihre amerikanische Hochnäsigkeit kam zu solchen Anlässen besonders zum Tragen, irgendwie glaubte diese Frau nach dreißig Jahren immer noch in Mississippi zu wohnen. Ihr Vater, ihr Daaad, wie sie ihn nannte war hier am Niederrhein stationiert gewesen. Nachdem die Amerikaner uns dann in den 90zigern verließen, blieben die Burkes einfach hier. Sie hatten Deutschland ins Herz geschlossen und Carol und ihr Bruder gingen ja auch hier zur Schule. Doch ihren Akzent hatte sie nie abgelegt. Als sei er ein Stück Heimat. Jeder sollte hören, dass sie eine Amerikanerin war. Eine angelsächsische Amerikanerin. Und eine, die zur anglikanischen Kirche gehörte. Wir haben in der Gegend nicht so viele anglikanische Gotteshäuser, also blieben ihr bloß die Bibel und die Protestanten. Doch für die meisten Protestanten war sie zu radikal, man mied sie, wie der Teufel das Weihwasser. Also blieb eigentlich nur die Bibel.

Ihr Vater nahm mich mal zur Seite und sagte mir im Vertrauen, dass ich für einen Katholiken gar nicht mal ein so schlechter Kerl sei. Ich glaube, er meinte es als Lob. Ich selber bin nicht religiös. Das liegt vielleicht an meiner Arbeit.

Ich bin Lehrer an einer Behindertenschule. Ich meine nicht für geistig verwirrte, sondern körperlich benachteiligte. In meiner Karriere, habe ich einige Fälle erlebt, die mich nicht nur an Gott zweifeln ließen, sondern, sollte es ihn wirklich geben, war Hass das einzige, was ich für ihn über hatte. In einem Jahrgang hatte ich ein Mädchen, sie hatte von Geburt keine Arme und Beine, aber einen überaus hohen IQ. Sie hätte alles werden können, sie machte ihr Abitur mit 1,0, ihr Studium schaffte sie ebenfalls mit Auszeichnung. Aber auf Grund ihrer Behinderung fand sie keine Anstellung. Ich weiß es ist verboten Behinderte zu diskriminieren, und manche bekommen auch vielleicht Jobs, für die Nichtbehinderte besser geeignet wären, aber dieses freundliche, nette und intelligente Mädchen bekam nichts. Sie hatte mich auch nach der Schulzeit oft kontaktiert und mich um Rat gefragt. Sie starb mit einundzwanzig. Hielt es nicht aus, dass sie niemand haben wollte, weder für die Liebe, noch für sonst ein Tätigkeit.

Ich schlief mit ihr, da war Miriam neun, ein Jahr vor ihrem Suizid.

Wie kann Gott einen Menschen so voll Hoffnung leben lassen und diese dann nie erfüllen?

Ein weiterer, sehr intelligenter Junge, den ich kennen lernte, war als Kind von seinen Eltern so geschlagen worden, dass für ihn nur noch der Rollstuhl blieb. Wenn Sie in so verzweifelte Kinderaugen schauen, können Sie an keinen Gott mehr glauben.

Aber ich schweife ab.

Unsere Wohnung erstreckte sich über drei Etagen. Sie waren mit Treppen verbunden. Früher war das riesige Wohnzimmer ein Spirituosengeschäft gewesen, die Wohnung dahinter läuft zu einem großen Garten. Es gab sieben Zimmer, plus Küche und drei Bäder. Vor zwanzig Jahren waren es drei Wohnungen und ein Geschäft, nach einem Brand hatte der vorherige Besitzer das Haus umgebaut und es dann verkauft. Dann hatte der jetzige Besitzer mit seiner Familie darin gewohnt, aber vor zwei Jahren waren seine beiden Kinder ausgezogen und ihm wurde die Wohnung zu groß.

Ich war sofort begeistert, als ich mit ihm im Wohnzimmer stand. Offener Kamin auf einer Straße, wo der Mietpreis rapide mit der Lebensqualität fällt.

Wir haben vier Kinder. Wir sind zwar nicht die Schweigers, aber nah dran, ist einer meiner Lieblingssprüche, für Außenstehende . Nun hatte also jeder Spross sein eigenes Zimmer und Papa sein Arbeitszimmer, wo er sich vor Mutters Zorn verstecken konnte. Sie müssen wissen ich rette mich vor Bibelsprüchen, indem ich mich in Abenteuer mit anderen Frauen verstricke. Meist Kolleginnen, oder Praktikantinnen, doch hin und wieder auch mal Schülerinnen. Ich glaube nicht an Treue, aber ich glaube an Familie. Klingt Paradox.

Wir hatten uns nach unserem Umzug recht schnell eingerichtet. Ich glaube es dauerte etwas länger als zwei Wochen, aber irgendwann fand ich mich in meinem Arbeitszimmer wieder, lang gelegt auf meinem alten Jungesellensofa und einem Buch von Louis de Bernieres. Ich glaube es war Senor Vivo und die Kokabriefe. (Eine meiner Schülerinnen hatte mir de Bernieres' Corellis Mandoline empfohlen und ich fraß mich nun in mein zweites Buch des Autors.) Ich fühlte mich wie ein Schwein im Schlamm. Wie soll ich es erklären? Richtig.

Ich hatte den Keller relativ fix entdeckt und vor allem seinen Sinn. Ein Weinkeller. Ein perfekter Weinkeller, wo ich alle meine edlen Tropfen sammeln konnte, die ich so gerne trank. Das Klischee des Wein trinkenden Lehrers ist zwar schon sehr ausgetreten, aber ich erfülle es doch nur zu gern. Gibt es etwas schöneres, als gegorenen Rebensaft? Die Götter wussten noch wie sie die Menschen glücklich machen konnten. Aber wieder will ich zu weit ausholen.

Ich habe schon in neueren Häusern gelebt und glauben Sie mir, es gab helle Keller und dunklere Keller, doch nie so einen düsteren wie der des rosa Hauses. Und trotzdem hatte ich in den anderen immer ein Gefühl des Beklemmens. So als würden mich tausend Dämonen beobachten. Oder ein zähneknirschender Clown unter den Treppen hausen, der einem wirren Gehirn aus Maine entsprungen war. Immer wieder sah ich im Dunkeln Monster ihre Klauen nach mir ausstrecken und mir nach dem Leben trachten. Hier in diesem Keller war eine Art Frieden, den ich noch nirgends empfunden hatte. Sicherheit. Vielleicht diente er im zweiten Weltkrieg als Bombenkeller?

Nach einer Zeit, ich glaube es waren drei Monate, oder so, fragte ich mich ob ich je irgendwo anders gelebt hatte. Natürlich hatte ich das, und sollte ich es wirklich vergessen haben, so brachte Carol die Erinnerung immer wieder gerne zurück.

Hier ist alles kaputt! Frank es ist das schlimmste Haus in dem ich gewohnt habe!“

Der Boden war schief, die Wände und dann unsere beiden Nachbarn. Mit solchen Leuten hatte sie noch nie unter einem Dach gelebt.

Die lungern nur herum!“ war Carols Meinung.

Ich fand sie wie das Haus sehr nett. Hans Zier war Rentner. Er war mal Seemann gewesen, wie er es ausdrückte immer unterwegs. Hamburg – Sao Paulo, Sao Paulo – Hamburg. Dann blieb er an Land. Berlin, Frankfurt, Mainz, Köln und zum Schluss: Hier! Das rosa Haus. David Schlüter war der andere. Fünfundzwanzig, arbeitslos und sehr belesen. Er saß einmal mit Hemingways „Schnee auf dem Kilimandscharo“ vor unserer Türe. Er grüßte Freundlich und ich setzte mich zu ihm. Nach einer Woche dutzte ich beide Männer und wir saßen spät Abends noch im Garten und tranken einen guten Tropfen, oder saßen in Hans' Keller und schauten seiner Merklin hinterher, wie sie durch Kunsttunnel fuhr und tranken Wein. Mit beiden diskutierte ich über Cecov, Nabokov und Gorki und trank Wein. Erzählte von meiner Arbeit und beide lauschten beeindruckt und tranken Wein.

Ich mag sie nicht!“ war Carols Meinung.

Sie mochte eigentlich niemanden, der nicht aus ihrer Familie war und ich mochte ihre Familie nicht. Miriam fand David süß. Sie sagte er habe was von Edward.

Jeder unterzuckerte, dürre und arbeitsscheue Typ hat was von Edward!“ höhnte Keleb mein ältester Sohn, der mit fast dreizehn festgestellt hatte, wie leicht man seine Schwestern auf die Palme bringen konnte.

Nun, viele Veränderungen hatte der Umzug nicht mitgebracht. Die Kinder gingen immer noch in ihre Schulen, obwohl einige länger fahren mussten, das Stadtzentrum war nur fünf Minuten entfernt und ich konnte sogar eine halbe Stunde länger auf der Toilette morgens verbringen, da mein Arbeitsplatz nur noch zwanzig Minuten zu fuß weit weg lag. Das positive war, drei Supermärkte um die Ecke, mehrere Internetshops und zwei Friseure. Das was geblieben war, war Carols Laune. Und nach dem vierten Monat, vielleicht waren es auch sechs – Wenn es einem gut geht verfliegt die Zeit wie im Fluge – , aber der Sommer war allmählich zu ende, begannen Joshuas Alpträume.

Ich war vom Wein leicht angetrunken, als ich zusammen zuckte und verstört wach wurde. Hatte jemand geschrien? Mir war fast so. Dann wieder dieser schrille Ton, gefolgt von Carols Ruf: „Frank! Frank! Schnell!“

Ich ließ mein neues Buch, ein Kurzgeschichtenband von Richard Yates, auf den Boden fallen und lief in den zweiten Stock runter und stürmte in das Zimmer meines Jüngsten. Josh war auf seinem Kopfkissen zusammen gekauert und es machte den Anschein, als versuche er in die Wand hinter sich zu kriechen. Irgendwie musste er es wirklich versucht haben, die Tapete hinter ihm war von Fingernägeln durchfurcht. Seine Augen schauten an mir und meiner Frau vorbei und starrten wie wirr auf die zurück gestoßene Decke auf seinem Bett. Seine Playmmobilfiguren, die er neben sich auf seinem Nachttisch stehen hatte, waren wild verteilt. Sie sahen aus wie kleine Menschen, die einem Amoklauf zum Opfer gefallen waren. Dann gefror mir das Blut in meinen Adern. Er schaute immer noch fassungslos auf eine imaginäre Stelle, als sich plötzlich, wie in Zeitlupe, eine seiner Strähnen erst grau und dann schneeweiß verfärbte. Ich griff nach ihm und schüttelte ihn kräftig durch. Ich hatte angst, er könne einem Herzinfarkt erliegen. Als er wieder zu sich kam schrie er nur ein Wort, aber das gleich dreimal: Böse!

Ich muss ihnen nicht sagen, dass an Schlaf nicht mehr zu denken war. Nicht mit einer Frau, deren religiösen Ansichten knapp hinter denen der Taliban liegen. Sie zeterte Bibelsprüche, schimpfte mit mir, weil ich mich so gottlos verhielt, nicht nur dass ich nicht an Gott glaubte, nein ich gehörte auch noch immer zu den Gottlosen, die den Pope (Sie sagte wirklich Pope zum Papst!) mehr verehrten als Jesus unseren Heilland und Gott. Sie stritt mit Miriam über ihre gottlosen Bücher über Vampire und wedelte mit einem Taschenbuch herum, welches sie auf dem Bett unserer Tochter als Nachtlektüre gefunden hatte. „Blutige Leckerbissen“ von einem gewissen Masomi, der mir jetzt gar nichts sagte. Als sie dann Miriam mit dem Buch schlug ging ich dazwischen.

Fass mich nicht an!“ schrie sie. „Ich bin nicht eine deiner Schlampen!“

Ich schaute sie erschreckt an. Sie warf „Blutige Leckerbissen“ durch den Flur, dann fuhr sie Sarah an: „Ja mein Kind, dein ach so toller Vater treibt 's hinter meinem Rücken!“

So wie Sarah wortlos nach der Binde gesucht hatte, so wortlos klatschte sie ihrer Mutter eine, dass dieser der Kopf leicht zurück flog. Die Wange meiner Frau verfärbte sich rot.

Du sollst Vater und Mutter ehren!“

Von dem Scheiß kann man nur Alpträume kriegen!“ wütete Sarah. „Wir leben seit Jahren auf einem Pulverfass! Glaubst du wirklich Papa ist wegen dir hier?“

Carol war so getroffen, als hätte man sie mit Eiswasser übergossen. Und ich erst. Ich schaute in die blitzenden kobaltblauen Augen meiner jüngsten Tochter, hielt meinem Sohn auf dem Arm und hatte schon fast vergessen, dass Carol und ich Probleme hatten. Seit wir in dem rosa Haus wohnten war ich glücklich. Ich war nicht einmal fremd gegangen, während der Zeit.

Sarah und ich hatten eine besondere Beziehung. Als sie zwölf war erwischte ich sie mit einem Jungen. Sie küsste ihn bloß, doch irgendwie merkte ich, dass sie ganz nah dran war. Als ich mit ihr sprechen wollte sagte sie nur: „Papa es gibt Kondome! Mach dir keine Sorgen ich bin nicht dumm!“

Dumm war sie nie. Sie hatte unsere Ehe mit einem Wort beschrieben: Pulverfass!

Ich weiß nicht, warum ich geblieben bin, mögen es die Kinder gewesen sein ...

Als Josh nach nur fünf Abenden sein charmantes Braun der Haare komplett verlor, Konsultierten wir einen Arzt. Der fragte ob wir Filme sahen, die nicht für Kinder geeignet waren, ob ich meine Frau schlagen würde, oder sonst irgendwie Gewalt in unserer Familie vorkomme. Er schickte mich und meine Frau zu Psychologen, dann die Kinder, dann als Joshs Träume schlimmer wurden und zum Bettnässen führten, überwies er ihn in eine Schlafklinik. Das war kurz vor Weihnachten. Zu der Zeit lebte mein Sohn schon in seinen Traumwelten und war für niemanden mehr erreichbar.

Weihnachten verbrachte ich nach fast siebzehn Jahren wieder das erste Mal alleine. Carol war mit den Kindern zu ihren Eltern gefahren. Sie sagte, dass wurde uns allen gut tun. Sarah hatte protestiert, aber nach einer Weile gab sie klein bei und ich saß am heiligen Abend mit einem Baguette und einer Dose Tunfisch vor dem Kamin und las Charles Dickens „Weihnachtsgeschichte“ und trank einen roten Burgunder. Carol hatte mich angerufen die Kinder sagten sie wurden mich vermissen und am nächsten Tag in den Cinedom gehen um die Vorpremiere von Avatar zu besuchen.

Grandpa hat uns eingeladen!“ frohlockte Keleb.

Und obwohl wir wegen Josh so viel zu erleiden hatten, fühlte ich mich plötzlich glücklich. Glücklich. Endlich alleine, nach all den Jahren. Nicht hoch schrecken, während man ein Buch las, oder sich vor dem Computer auf einem Porno einen wichste. Flackerndes Feuer im Kamin. Warm, Platz und alleine.

Hans und David hatten mich kurz besucht und Geschenke für die Kinder gebracht und sich nach Joshs Gesundheitszustand erkundigt. Wir tranken zwei kleine Schoppen und ich versprach ihnen am ersten Weihnachtstag mich mit ihnen zu treffen und zu essen.

Ich muss eingeschlafen sein, denn ich schreckte auf, weil ich ein Quietschen vernahm. Als ob eine Narbe eines Rades geölt werden musste. Nein, die Narben von zwei Rädern!

Ich war nicht mehr alleine, das spürte ich am ganzen Körper. Quiiiieeeeeeee!!

Etwas plumpste auf den Boden und robbte über den Teppich.

Frank!“ Ein Flüstern.

Ich drehte den Kopf vom Feuer weg und schaute über meine Schulter. Hinter mir stand ein Rollstuhl. Ein alter, fast verrosteter, so wie man ihn in Südstaatenfilmen sehen kann. Irgendeine kleine, schwarze Oma sitzt meist darin und schaut einen misstrauisch an. Etwas schmatzte.

Der Rollstuhl bewegte sich nicht und ich wollte nicht zu Boden sehen. Ich hatte angst, dass ein garstiger Ghoul neben meinem Sessel kroch und anfing meine Füße zu fressen.

Frank!“ Wieder dieses Flüstern.

Ich schaute zu Boden und blickte in die rehbraunen Augen meiner Schülerin.

Esther? Du bist ...“

Tschsch!“ machte sie und wie durch Geisterhand saß sie plötzlich auf ihrem nackten Hinter und ihre nackten, runden Brüste wippten lustig hin und her. Wo ihre Extremitäten sitzen sollten war nichts mit gewachsen. Nur ein Torso, ein schlanker Hals ein normal großer Kopf mit einem engelsgleichen Gesicht und feuerrotem , wallendem Haar. Titten und eine rasierte Fotze. Ihre Schamlippen berührten den Teppich und sie schien mit ihnen auf mich zuzukriechen.

Sie hob vom Boden ab und landete zielsicher in meinem Schoß. „Na, wie geht' s dir Frank!“

Es war so surreal. Es musste ein Traum sein, das war mir sofort klar und ich entspannte mich. Wenn dir die Fantasie einen Streich spielt, dann genieße es! Es war zwar ein sehr wirrer Traum, aber sind das wirkliche Träume nicht immer?

Ihre Lippen, die ihres Mundes fanden meinen Reißverschluss und mein schlaffer Pimmel bäumte sich zu einem Mast auf. Ihre Fotze kletterte hinauf und sie ritt mich. So wild, dass Feuer zwischen uns auflodern wollte. Wie eine Seemannsmöse, nur mit mehr Körperteilen und lebendig, fickte ich sie kräftig durch. Als ich sie vor sieben Jahren wirklich hatte, war ich so vorsichtig, denn sie war behindert, ich wollte ihr nicht weh tun. Nun fickte sie mich und biss mir abwechselnd in die Schultern.

Steh auf!“ forderte sie.

Ich stand da, hielt sie nicht fest, sie hielt sich mit ihrer engen Möse an meinem Schwanz fest. Dann schnellte ihr Kopf wie der einer Moräne vor und ihre Zähne vergruben sich in meine breite Brust. Blut spritzte aus der Wunde und sie riss mein Fleisch von den Knochen. Ich konnte direkt auf meine Lunge und das pochende Herz starren.

Ich schrie so laut, dass mir der Hals zerspringen wollte und mir die Lungenflügel brannten. Ich hatte Dickens ins Feuer und meinen Rotwein umgeworfen. Schwer atmete ich. Saß auf meinem Sessel vor dem Kamin. Ein hässlicher Spermafleck breitete sich auf meiner Hose aus.

Als es schellte, fiel ich aus dem Sessel und krachte auf mein zerbrochenes Weinglas. Ich schnitt mir die Wange auf und blutend schleppte ich mich zur Tür. Hans stand mit seinem Kaiserwilhelmbart im Gesicht vor mir und schaute mich mit forschenden Augen an.

Alles klar, Junge!“

Ja, warum?“

Ich hab dich bis oben schreien hören.“

Ich hatte einen Traum.“

Kein guter, he?“

Kann ich nicht behaupten.“

Das ist nie gut!“ Er lächelte und für einen Moment glaubte ich, das Maden zwischen seinen Barthaaren hervorlugten. „Hast du noch von dem köstlichen Wein?“

Ich ließ in herein, wie einen Vampir musste ich ihn erst herein bitten, dann trat er mit seinen schweren Stiefeln in den Flur und kam an dem Schuhschrank vorbei. Hob das Buch „Blutige Leckerbissen“ auf und meinte: „So was solltest du nicht lesen. Der macht einen verrückt?“

Der?“

Das Buch!“ Er grinste. „Solche Bücher kochen einem das Hirn weich.“

Wir gingen in die Küche, setzten uns an den Tisch und er warf das Buch auf Miriams Stuhl. Ich holte Gläser und Wein und schenkte ein.

Du bist doch kein Trinker, oder?“

Ich hoffe nicht!“ gab ich lachend zurück.

Lehrer neigen zum Trinken. Ich weiß das, ich war selbst einer.“

Ich dachte du warst auf See.“

War ich auch.“

Ich war verwirrt. „Und Lehrer?“

Nee, wie kommst du darauf?“

Weil du es gerade gesagt hast?“

Was?“

Das du Lehrer warst.“

Ich? Nie! Hörst du Stimmen?

Nein du hast...“

Lehrer. Trinken und werden verrückt.“ er lachte. Dann beugte er sich vor und kotzte blutige Maden auf den Tisch. „Das tut mir Leid! Ich vertrage Nachts keinen Wein.“

Die Viecher wimmelten über den Tisch, den Tisch, den meine Schwiegereltern uns zur Hochzeit geschenkt hatten. Seine Zähne waren faul und Gewürm hing zwischen ihnen.

Stell dich mal nicht so an!“ Er wischte sich mit einer schwarzbläulichen Hand über die wulstigen Lippen. „Wer arm- und beinlose Krüppel fickt sollte sich über so was nicht aufregen. Ha, ha! Zum ficken braucht man keine Beine und Arme. Nur eine stinkende Möse. Das ist alles mein Freund!“

Ich träume!“ flüsterte ich.

Möchtest du gerne!“ Er lachte wieder, dabei fielen ihm Brocken von Gedärm aus dem Mund. „Soll ich dir was sagen? Wenn deine blöde Hure aus dem Buch vor liest, brennen meine Gedärme. Ich möchte sie am liebsten mit einem Schürhacken in den Arsch ficken, aber die ist so heilig mit ihren Bibelsprüchen. Soll ich dir was verraten? Deine kleine Fotze von Frau überlegt jeden Tag dich zu verlassen. Jeden Tag denkt sie, sie nimmt die Kinder mit und verduftet. Aber sie hat Angst. Angst dass die Kids nicht mit wollen, denn sie lieben Papi! Sie brauchen Papi! Ohne Papi werden sie genau so eine verrückte Jesusfotze!“

Pulverfass. Es explodierte.

Hundertundneun Jahre mein Freund. Ich habe zwei Kriege erlebt und hier starben eine Menge Leute. Ich habe sie ausgesaugt wie eine Spinne. Gab ihnen Sicherheit, ein Dach über den Kopf und habe sie vor Bomben geschützt. Komm ich zeige dir was!“

Der alte Mann verließ mit mir die Wohnung und wir gingen in den Keller. Links war mein Weinkeller, rechts Hans' Keller und ich hörte einen Zug schnauben. Einen großen. Die Hände des Alten waren Klauen geworden, von denen die schwarzen Krallen fallen wollten. „Sieh sie dir an, mein Sohn! Wie seltsame Früchte hängen sie im Wind. Schaukeln hin und her... Ich liebe diesen Song. Deine Frau wird ihn kennen. Sie hasst Nigger musst du wissen. Ja sie betet zu einem Wüstensohn, aber sie hasst Nigger, Juden und Araber, dein heiliges Mädchen. Und sie hasst ficken! Und sie hasst dich, weil du so gerne fickst. Selbst hier, denn du fickst mich...“

Er marschierte durch mehrere Dutzend Leichen, die von den Wasserrohren hingen. Grau waren sie und blaue Zungen hingen aus ihren verwesten Gesichtern. Es roch nach Lakritze. Hans setzte sich einen Stetson auf seinen kahlen Kopf und seine Augen funkelten wie Kohlen.

Ich weiß, dass du mich liebst. Ich habe es gespürt, als du eingetreten bist. Doch deine Frau wird dich hier weg holen. Und du kannst mit Tausend Krüppeln ficken, du ziehst ihr nach. Wie ein Hund. Ein Hund, der gerne an fremden Ärschen schnüffelt, aber doch nur ein dummer, treuer Hund. Willst du nicht bei uns bleiben? Einer von uns werden?“

Ich...“ hauchte ich. „Ich...“

Du wärst frei!“

Ich weiß nicht mehr wie lange ich in den von Leichen verseuchten Verließ stand und ich weiß auch nicht mehr wann ich JA sagte. Irgendwann hörte ich Tumult von Oben. Rennen, ein Rufen: „Papa?“

Hans grinste und Würmer und Därme flossen aus seinem Mund. David stand auf einmal neben mir. Er war ein Vampir. Er war Edward, er lächelte und hielt ein Beil in seinen schlanken, weißen Fingern. „Sie kommen! Sie kommen dich zu holen ...“

Papa?“

Frank?“

Es war Carols verdammtes Christentum. Mitten in der Nacht bekam sie dieses Gefühl, ihren Mann, den Vater ihrer Kinder, zu Weihnachten und in dieser Krise nicht allein zulassen. Ich seh ihre blutigen Gesichter vor mir, die Hirne, die das Blatt des Beils zerstörte. Das Blut, das in mein Gesicht spritzte. Ihre Schreie. Ihr Bitten und Flehen. Die Augen meiner Töchter, das Wimmern meines Sohnes.

Als ich fertig war, ließ ich das Beil fallen, ging in den Keller und hängte mich neben die anderen, die das Haus verschlang. Ich blieb lange hängen, bis diese Hüllen kamen, die Gaukler des Hauses, das Haus selber. Wann die wahren Männer gestorben waren, kann ich nicht sagen, aber sie müssen besonders gewesen sein, denn sonst würden sie mit uns von der Decke baumeln.

Hans legte eine Bildzeitung auf den Stuhl vor meinen Weinkeller. Wieder nur ein Schicksal das zur Weihnacht ein trauriges Ende gefunden hatte. Eine Lehrerfamilie. Der Vater war durchgedreht. Nur der jüngste Sohn überlebte. Ein Junge mit schneeweißen Haaren. Der irgendwann in der nahen Zukunft hier einziehen wird.

Das Haus weiß es.

Josh weiß es.

Denn er hat es geträumt.

 

 

Copyright by Michael Masomi 2010

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.01.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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