Fritz Frey

Die Saite

Mißmutig holte er die Gitarre aus der Ecke. Schlurfte zum Notenständer. Setzte sich vor die Noten. Langsam strich er über die Saiten. Schlug jede einzeln an. Da, eine schepperte. Die A-Saite. Sie klang ironisch nach Anfänger, androgynem Altruismus, Affe, alter Esel, Anthropos, All, Allwissenheit, am Berg wie ein Ochs, Alca-C, an sich sein, Ar... Dieser blödsinnige Mißklang des scheppernden A.

Angewidert kramte er in der Tischschublade.

 Es gab dort noch eine A-Saite. Also, Schraube lösen. Mit einem leisen Aaoooing verabschiedete sich die Abgenützte, Verbrauchte. Saite einziehen. Schraube drehen, anziehen. Saite anschlagen. Aaoooing. Schrauben. Anschlagen. Aaaoooing. Schrauben. Anschlagen. Aaoooing. Schrauben. Anschlagen. Aaaah. Endlich. Nun denn. A-Dur. Klingt nicht schlecht. A-Moll. A-Septim. Die Harmonien heiterten den Angeschlagenen auf. Nochmals die A-Saite allein. Anschlagen. Aaaooing. Mißklang. Verdammt. Sie hielt nicht. Schrauben. Anschlagen. Aaoooing. Schrauben. Anschlagen. Aaoooing. Schrauben. Anschlagen. Ding-Dong. Das Läuten der Wohnungsglocke mischte sich unter das Ertönen der A-Saite.

„Wer stört mich denn jetzt beim Üben? Gerade jetzt hätte die Saite gestimmt...“ murmelte Mißmut vor sich hin. Schlurfte zur Wohnungstüre. Drückte den Türöffner. Da hellte sich seine düstere Miene mit einem Mal auf. „Sollte vielleicht sie... Wenn sie auf einen Sprung vorbeikäme... Ich steige schnell die Treppe runter... Nimmt mich doch wunder, ob sie...“

Da eilte sie schon die paar Tritte hinauf.

Gott. Frisch wie ein Kopfsalat im Morgentau und knackig.

Zum Teufel mit der A-Saite.

„Ich komme mal auf einen Sprung vorbei,“ sagte sie.

 Sie trat ein. Ein quirliges Orange tanzte die Wände entlang. Ihre Worte klangen ihm wie das gekonnte Zusammenspiel der Saiten seiner Gitarre. Aber so mühelos. So geschenkt. Ein helles, duftendes Grün gesellte sich zum Orange, vermischte sich aber nicht mit ihm, blieb rein. Das tiefe Blau ihrer Augen erklang zwischen den Worten. Und die Vokale und Konsonanten gaben ihrem Erleben die Form einer farbigen Erzählung, die ihn wie eine lustvolle Sonate berührte.

Weg war der Mißmut.

Weg der Aff.

Weg das bedrückende Gefühl des hoffnungslosen Anfängers.

Weg der Ochs am Berg.

Weg das Bedürfnis nach Alca-C.

Lebendige Harmonie erfüllte den Raum. Er umarmte sie kurz. Hätte sie am liebsten nie mehr losgelassen. Aber sie war keine Gitarre, die alles mit sich machen lassen mußte. Sie ließ sich auch nicht in die Ecke stellen, bis man sie brauchte. Sie war eine Frau.

Die Zeit zerrann. Zeitlosigkeit verzehrte sie. War sie eine Sekunde da. Waren es Stunden.

Hat keine Bedeutung.

Sie war da.

Sie taucht dort auf, wo sie will. Sie erlebt. Sie läßt erleben.

Es bleibt dasselbe Erleben zurück, wenn die Sonne die frischen Tautropfen vom Kopfsalat küßt.

Andere erwarten sie. Keiner hat ein Recht darauf, sie zu besitzen. Sie ist keine Gitarre. Aber ihre Harmonien sind ungleich schöner. Sie sind nicht gespielt. Sie sind.

Als sie weg war, holte er die Gitarre aus der Ecke. Schlug die A-Saite an. Wie schön sie klang.

Lebendigkeit schwang in den Harmonien mit.

Er lächelte vor sich hin.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.01.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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