Marion Redzich

Schnee-Liebe


Er beobachtete sie schon seit einigen Tagen. Sie kam jeden Nachmittag zur gleichen Zeit.

Nie war sie alleine. Immer war sie von mehreren jungen Frauen und Männern umgeben.

Sie allerdings war ihm sofort aufgefallen.

Die Art, wie sie ihren Kopf in den Nacken warf, wie ihr langes blondes Haar wie Gold in der Sonne glänzte, ihre Augen, die wie Eisdiamanten strahlten und glitzerten.

Die Art, wie sie sich oben auf der Piste auf ihren Schlitten schwang, ihr glockenhelles Lachen, das er noch Stunden später hören konnte. Selbst dann, als alle Rodler und Snowborder längst gegangen waren. Dann, als nur er noch ganz alleine oben am Rande der Rodelbahn ausharrte. Unfähig, seine Gedanken von der schönen Unbekannten zu lösen.

Aber wie sollte er ihr näher kommen? Wie sollte er Kontakt zu ihr aufnehmen?

Er wusste, dass er tief in seinem Inneren sehr schüchtern war.

Am nächsten Tag stand er wieder am Rand der Rodelpiste. An der gleichen Stelle wie am Tag zuvor. Doch diesmal geschah das Unfassbare.

In dem Augenblick, als sie sich auf ihren Schlitten setzte und sich umschaute, ob die Bahn frei war, begegneten sich ihre Blicke. Sie sah ihn mit ihren blauen Diamantaugen an und schien durch ihn durchzuschauen. Dann lächelte sie, schickte ihm ein Luftküsschen rüber und sauste mit einem atemberaubenden Tempo den Berg hinab.

Ihm wurde ganz warm. Ihm war schwindelig. Er hatte Angst, hier und jetzt bewusstlos zu werden. Sie hatte ihn angeschaut. Neben ihm stand sonst niemand. Also musste sie ihn gemeint haben. Wow. Noch nie hatte er solch widersprüchliche Gefühle erlebt.

Stundenlang stand er nur regungslos da und bemerkte wieder nicht, dass es längst dunkel geworden war und er mal wieder alleine am Rande der Rodelbahn stand und wartete.

Er lebte nur noch für diesen Augenblick, an dem er sie wieder sehen würde. Schon morgen.

In Gedanken malte er sich aus, wie er sie anschauen, wie er sie anlächeln, wie er sie ansprechen sollte. Könnte er überhaupt einen Ton von sich geben, wenn sie vor ihm stünde?

Allein der Gedanke daran ließ ihm einen kalten Schauer über den Rücken laufen.

Er müsste es versuchen. Er wusste jetzt, dass sie füreinander bestimmt waren. Für immer.

Die Zeit bis zum nächsten Nachmittag verging so langsam, dass er das Gefühl hatte, jemand hätte die Zeit angehalten, um ihn zu quälen. Noch immer konnte er nichts anderes tun als an sie zu denken. Er hatte das Gefühl, sie schon seit Jahren zu kennen.

Und da war sie. Ihr Lachen erreichte ihn noch bevor er sie sah. Heute trug sie eine rote Mütze auf dem Kopf.

Sie kam näher.

Noch näher. Plötzlich stand sie so nah bei ihm, dass er ihre Wärme und ihre Liebe spüren konnte. Minutenlang standen sie sich ganz nah gegenüber. Keiner von beiden sagte ein Wort. Nur dieses Funkeln in ihren Augen verriet ihm, dass auch er ihr nicht gleichgültig war.

Es gab für diesen kurzen Augenblick nur sie und ihn.

Es war der schönste Augenblick in seinem Leben.

 

„Was für ein wundervoller Schneemann!“ rief die junge Frau mit der roten Mütze ihren Freunden zu, setzte sich auf ihren Schlitten und sauste laut lachend ins Tal.

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.01.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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