Jürgen Berndt-Lüders

Moderne Amazonen

Ukraine. Zahlreiche Gräber (Kurgane) bei Pokrovka.

 

„Nun seien Sie doch nicht so kriegerisch“, rief Professor Udowenko seiner Assistentin zu. „Alle wichtigen archäologischen Entdeckungen und sämtliche Erkenntnisse daraus haben Männer getroffen. Reinigen Sie mal lieber Ihre Fossilien...“

 

Oksana hatte keine Lust mehr, sich dieses Machogehabe Udwenkos anzutun. „Ich habe noch in der Nekropole zu tun. Fossilien putzen, wie Sie sagen.“

 

Oksana Luzenko und der Professor gehörten zum Stab der amerikanischen Archäologin Jeannine Davis-Kimball, die in der Ukraine nach Spuren einer Volksgruppe suchte, mit der erstmals die Giechen zu tun gehabt hatten. Im Laufe der Jahrhunderte schien sich die ethnische Gruppe Richtung Nordosten gewandt zu haben. Die Ursachen waren noch nicht bekannt, und Oksanas Aufgabe war es zusammen mit anderen, diese heraus zu finden.

 

Alles wiederholt sich, überlegte Oksana, während sie den Jeep bestieg, der sie zu dem Gräberfeld brachte. Wir haben Frauenskelette gefunden, die zweieinhalb Jahrtausende alt sind, und solche, die erst 300 vor Christus begraben wurden, und alle zeigen die gleichen Auffälligkeiten.

 

Petro Poroschenko, ihr Fahrer,  war erst um die zwanzig und wesentlich zugänglicher für Oksanas Überlegungen. Wenn er auch an ihren Schlussfolgerungen zweifelte, so hatte er doch Respekt vor ihren Fachkenntnissen und ihrer kämpferischen Energie, mit der sie sich mit allem, was sie für richtig erkannt hatte, auch durchzusetzen vermochte.

 

„Oksana“, rief er, während er das ehemals sowjetische Militärfahrzeug über die Holperpiste lenkte. „Wieso sollte sich alles wiederholen? Meinen Sie, dass es schon einmal Atombomben gegeben hat, oder dieses IPhone von Apple?“

 

Oksana lachte und schüttelte den Kopf. „Nein, so meine ich das nicht. Sehen Sie, Petro, die Erde hatte viele Eiszeiten und massenhaft Warmperioden. Es gab viele unterschiedliche Entwicklungsformen des Homo, die alle wieder ausgestorben sind, bis auf den  Homo Sapiens sapiens, mit dem es die Welt nun zu tun hat. Wer weiß, ob sich eine Rasse entwickelt, die schon einmal da war.“

 

Petro überlegte, während er sich daran machte, mit Vollgas ein Flussbett zu durchqueren. „Und mich? Hat es mich auch schon mal gegeben? Oder Sie? Oder Professor Udowenko?“

Beim Namen des Professors warf er einen schelmischen Blick in Oksanas Richtung, weil er wusste, dass sie diesen alten Patriarchen auf keinen Fall leiden konnte.

 

„Den hoffentlich nicht“, rief Oksana und schüttelte ihr blondes Haar, was locker über ihre slawischen Wangenknochen fiel. „Aber wir können ja mal nachsehen, ob wir im Mark der Frauenleiche mit den Grabbeigaben noch DNA finden.“

 

„Einhundertzehn Pfeilspitzen haben sie der ins Grab gelegt“, staunte Petro. „Die hat wohl ein Mann dort verloren. Was soll eine Frau mit soviel Pfeilspitzen?“

 

„Schießen“, vermutete Oksana. „Was denn sonst?“

 

„Und wenn so eine wiedergeboren würde, möchte ich mit der aber nichts zu tun haben“, vermutete Petro und lachte laut.

 

Sie hatten das eingezäunte, geöffnete Grab erreicht und entfernten die Plane, die es vor Regen schützte. Balken sicherten die drei Meter tiefe Grube vor dem Einstürzen.

 

Kaum hatte Oksana damit begonnen, Holzreste beiseite zu räumen, die ehemals Bestandteil einer Grabbeigabe gewesen waren, entdeckte sie neben den Knochen der Frau eine Reihe von Goldperlen, die die Frau in der Hand gehabt haben musste. Wohl als Wegezoll für den Übergang ins Totenreich gedacht.

 

„Eine Amazone, ganz klar“, dachte Oksana. „Blond wie ich, aber mit gebogenen Oberschenkelknochen und gestauchtem Steißbein. Eine Reiterin also, die die Griechen einst das Fürchten gelehrt hat.“

 

Ein Knirschen konnte sie nicht aus der Ruhe bringen, und sie  hörte auch nicht auf den Warnruf von Petro, als einer der Balken einbrach und die Erdmassen Oksana und die Amazone unter sich begruben.

 

Die Archäölogin dachte an ihr Erbe aus alter Zeit, das noch nicht erwiesen war, das sie aber stark vermutete. Sie gab nicht auf. Die Erdmassen um sie herum nahmen ihr den Atem, aber sie wollte leben. Überleben, und das letzte, was sie hörte, bevor der fehlende Sauerstoff ihr das Bewusstsein nahm, waren Grabungsgeräusche von oben...

*

Professor Udowenko traute seinen Augen nicht, als er die DNA-Analyse vom Institut erhielt.

 

„Oksana und die Kriegerin, sie stammen beide vom Volk der Amazonen ab, die, von den Griechen vertrieben, von den Skyten aufgenommen wurden.“

 

„Also bin ich eine Amazone, eine verspätete zwar, aber immerhin“, flüsterte Oksana glücklich.

 

Sie trug ihren Arm in der Schlinge.

 

„Ich glaube, ich hätte doch etwas mit denen zu tun haben mögen“, stammelte Petro unter Tränen.

 

„Ich auch“, fand Professor Udowenko. „Wir sollten uns mal über Ihre Theorien unterhalten, Kollegin.“

Die Geschichte hat einen realen Hintergrund. Man konnte nachweisen, dass einige Frauen direkte Nachfahren von Amazonen sind.

Jürgen Berndt-Lüders, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.01.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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