Stephan Lill

Zeus auf dem Wolkenkratzer

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Ein greller Blitz durchbrach die Schwärze, aber Prometheus war schneller als der Blitz.
Er wich dem Blitz aus und schrie in den Himmel hinein: „Blitzeschleudernder Zeus! Wirst du alt
und müde? Ist es vorbei mit deiner Treffsicherheit? Du zahnloser Löwe. Wie willst du nun
deine Göttergesellen beherrschen, kontrollieren? Sie werden aufbegehren, wie ich es tat. Sie
werden meinem Beispiel folgen!“
Erneut zuckte ein Blitz. Prometheus konzentrierte sich. Er baute sein Schutzschild auf: ein
Kraftfeld, das mit einem grünlichen Schimmer leuchtete. Der Blitz von Zeus prallte daran ab.
Eine Stimme vom Himmel herab ertönte: „Sieh dich um Prometheus. Wohin hat uns deine Tat
gebracht? Deine Züchtung, deine Kreation überwuchert diese Erde. Unkraut ist es. Genauso
unnütz wie der Gärtner, der es pflanzte.“
Prometheus blickte hinunter von dem Wolkenkratzer. Tief unter sich sah er die Lichter der
Großstadt. Zeus schwebte hernieder und landete neben Prometheus. „Bist du stolz auf deine
Menschen? Was sollen sie? Uns verdrängen? Ich kann sie nicht kontrollieren. Du hast den
Menschen geschaffen wider meinen Willen. Hast mich nicht überredet oder mir das
Zugeständnis abgerungen im schlauen Gespräch. Nein! Einfach selber entschieden, gehandelt
– soll ich das dulden? Soll ich es noch länger dulden? Ich weiß nicht, wer oder was dich
schützt. Doch ich werde heute Nacht dich und dein Werk vernichten! Denn ich bin nicht
allein. Ich habe mir Rat geholt und Beistand eines Mächtigen.“
Prometheus drehte sich um zu Zeus. „Du bist verlogen: Du betrügst deine Frau Hera mit den
schönsten Töchtern der Menschen. – Das Feuer sollten sie nicht haben? Sieh dich um, was sie
gemacht haben aus dem Feuer, was ich ihnen gab: verwandelt haben sie es; sich geschmiedet
damit Kultur, Technik, Maschinen. Sie sind meine Schöpfung; mein Wille steckt in ihnen. –
Geschützt habe ich sie über die Jahrtausende hinweg. – Nur weil du sie nicht berechnen
kannst, bedrohen sie dich? Deine Sorge ist gestiegen mit den Jahren ins Wahnhafte. Du siehst
nur den möglichen Schrecken – nicht aber das tatsächliche Glück.“
Zeus deutete mit seinem Arm auf die unter ihm liegende Stadt. „Die Welt ist verkehrt. Die
Sterne leuchten von unten herauf zu uns. Siehst du ihr Lichtermeer? Künstliches Licht. Die
Menschen sitzen dort unten inmitten ihres künstlichen Lichts und achten das ewige Licht
gering – blicken kaum auf zu den Sternen, die dort funkeln. Blicken kaum auf zu mir. Uns
hüllt das Dunkle ein, wir verschwinden in der Schwärze. Kann mein Blitz mich daraus nicht
befreien? Nun denn, ich kämpfe fortan nicht mehr allein. Poseidon, mein Bruder, wird bei mir
sein.“
Ein leuchtender Streitwagen schwebte vom Himmel hernieder. Poseidon stand aufrecht in
dem Streitwagen und hielt die Zügel von drei geflügelten Pferden. „Ich bin deinem Wunsch
gefolgt und bin hier erschienen; doch ob ich kämpfen werde, weiß ich nicht. Ich beherrsche
die Meere, was kümmern mich Menschen? Soll ich meinen Dreizack richten auf sie, um sie
zu zerschmettern? Ihre Bauten zu überfluten und erbeben zu lassen – was hätte ich davon?
Treibt mich Rache? Zorn? Woher soll ich die Energie nehmen für solche Tat? Am Willen
fehlt es. Zeige mir, worauf mein Zorn sich richten könnte. Was sollte mich in dieser
friedlichen Nacht empören?“
Zeus: „Kämpfe aus Pflicht. Weil ich es befehle. Vertraue meinem Urteil.“
Prometheus ging zum Streitwagen von Poseidon. „Was ihr vorhabt ist Mord. Ihr fürchtet
keinen Richter?“
Zeus: „Jeden Richter, der über mir sein könnte, habe ich vernichtet, entmachtet. Die Titanen
sind eingesperrt tief im Hades; sollen sie aus dieser Unterwelt aufsteigen – als meine Ahnen
und meine Richter?“
Poseidon: „Unser Bruder Hades bewacht sie. Auf deinen Befehl hin. Du befiehlst viel. Und du
stehst machtlos den Menschen gegenüber? Die Menschen beginnen mein Interesse zu
erregen.“
Prometheus: „Gib ihnen noch ein paar Jahrtausende – dann besiegen sie euch beide völlig
mühelos. Ihr Erfindungsgeist ist erfreulich.“
Poseidon: „Das würde dich erfreuen? Zeus und ich sind Götter. Unantastbar. So haben wir es
selbst bestimmt: wir sind die Heiligen.“
Prometheus: „Trotz eurer Übellaunigkeit, eurem Argwohn, dem Neid und der Raffgier?
Überwindet! Das jedenfalls verlange ich von den Menschen. Sie lernen. Kommen voran. Sie
werden die wahren Götter sein eines Tages!“
Zeus schleuderte mehrere Blitze auf die unter ihm liegende Großstadt. Einige Wolkenkratzer
stürzten ein. Zeus wandte sich zu Poseidon. „Steh mir bei. Was nützen mir Trümmer und
zerstörte Häuser? Davon erholen sich die Menschen rasch. Das mächtige Meer ist das
mächtigste Heer. Es überrennt und begräbt die Menschen.“
Poseidon: „Dein Feuer genügt nicht?“
Prometheus kippte den Streitwagen von Poseidon zur Seite. Dann entriss er Poseidon seinen
Dreizack. „Ihr kennt die Menschen nicht! Sprecht mit ihnen. Gebt ihnen die Chance sich zu
verteidigen. Übt Gerechtigkeit.“
Poseidon streichelte seine geflügelten Pferde, um sie zu beruhigen. „Gut. Lass uns sprechen
mit den Menschen. Wenn sie einen so eifrigen Verteidiger haben – dann scheinen sie es wert
zu sein, dass man als Gott sich Zeit für sie nimmt.“
Zeus sandte noch einige Blitze in die Stadt. „Ein klägliches Feuer nur entfache ich heute
Nacht. Mir fehlt Kraft. Mag sein, dass ein Gespräch mit den Menschen mich wieder richtig
wütend macht. Ich brauche mehr Wut in mir. Dann gelingen mir bessere Blitze. – Aber ich
entscheide, mit wem wir sprechen. Wer sich angezogen fühlt von meiner Wut, der ist als
Gesprächspartner gut.“
Zeus streckte seine Arme aus über die Stadt und drei Menschen schwebten zu ihm empor.
„Ich könnte sie jetzt stürzen lassen in die Tiefe.“
Prometheus: „Dann würde dich der Dreizack durchbohren.“
Zeus ließ die drei Menschen bis zum Streitwagen schweben. Dann ließ er sie niedersinken auf
die drei geflügelten Pferde. „Also, Arkus, Satho und Kara – macht mich wütend. Ich glaube
kaum, dass ihr weise Worte finden werdet, nach dem üblen Schrecken, den ich euch angetan
habe. Ließ euch schweben aus euren Häusern hier hinauf zu eurem Richtplatz. Ich kenne eure
Namen; ich kenne euch Menschen leider zu gut. Darf ich vorstellen: Das ist Poseidon, mein
Bruder. Und dieser Gott ist Prometheus.“
Arkus stieg von seinem geflügelten Pferd. Er kniete nieder vor Prometheus. „Wenn die alten
Sagen stimmen, dann verdanken wir dir unser Dasein, unser Leben. Mit Verstand und
Vernunft können wir uns selbst gewahr werden und der schönen Welt.“
Zeus stieß den knienden Arkus an, so dass dieser umfiel. „Erinnere mich nicht daran! Athene,
meine Tochter, gab euch den Verstand und die Vernunft. – Doch, erinnere mich daran! Es
macht mich wütend – und heute ist die Nacht der Wut und der Glut. Verbrennen will ich eure
Städte. Untergehen sollen sie im Meer. Atlantis wird verschwinden! Das ist mein fester Wille.
Doch die Kraft – woher nehme ich die Kraft dafür?“
Zeus schwebte zu Kara. Er riss sie vom Pferd und hielt sie in seinen Armen. „Du könntest
Atlantis retten. Lenke mich ab durch deine Schönheit. Nutze sie, um die Menschen zu retten.“
Kara zog einen Dolch unter ihrem Gewand hervor. „Lass mich los. Erobere meine Gunst
durch deine Persönlichkeit. Vertraust du so wenig deiner Ausstrahlungskraft?“
Zeus setzte Kara vorsichtig wieder auf das geflügelte Pferd. Satho: „Ich bin einer der Ältesten
in Atlantis. Wollt ihr unsere Weisheit prüfen? Unsere Würdigkeit neben euch Göttern
bestehen zu dürfen? Was wollt ihr? Vergängliche Schönheit bestaunen? Ich sehe, dass du
deinen Blick kaum wenden kannst von Kara. Zeus, in meinen Visionen sah ich dein
Erscheinen voraus. Ließest du mich mit Absicht davon wissen: sollte das meine Qual steigern?
Denn das Vorauswissen gibt dem Schrecken erst die Größe.“
Zeus erhob seinen Arm. „Schweig! Rede nicht unaufgefordert. Antworte dem, der die Macht
hat, der der Herrscher ist in deinem Universum: ich bin es!“
Satho schüttelte den Kopf. „Deine Tochter Athene gab uns etwas Göttliches: Verstand und
Vernunft. Dadurch haben wir Verbindung zu dem Überweltlichen. Du siehst uns als tönerne
Figuren. Wir sind mehr als nur aus Irdischem gemacht.“
Poseidon richtete seinen Streitwagen wieder auf. „Ich bin schon zu lange fort aus meinem
Element, dem Wasser. Ich habe mich daran gewöhnt.“
Zeus: „Dann bringe dein Element hierher. Darum bitte ich dich unentwegt: Überflute Atlantis,
lasse das Meer hier herrschen.“
Arkus: „Wie ich es bereue, dass wir dir Tempel gebaut haben. Man sollte einander
gegenüberstehen, um sich wahrlich zu kennen. Wir verehrten dein Bild. Diesem Bild wollten
wir gleichen. Technik und Wissenschaft sollten uns in deine Nähe führen; dich zu erreichen,
strebten wir an mit allem Erfindungsreichtum. Atlantis ist ein Meisterwerk geworden. Rings
um uns her ist Unwissenheit und Schlichtheit. Wir in Atlantis wollten uns lösen von dem
bloßen Irdischen, uns aufmachen in die Gedankenreiche, die wir gesehen haben in unseren
Visionen. Dorthin zog es uns mit aller Kraft. Wir hielten es für die göttliche Kraft, die uns zog
zu sich heran. – Und nun stehst du vor mir, Göttervater Zeus und beschämst die Götterwelt –
und beschämst uns Menschen in Atlantis.“
Zeus atmete tief ein. „Ich denke, ich bin jetzt in der rechten Stimmung, um mein Werk zu
vollenden. Ich danke dir, Arkus. – Poseidon bleib! Ich zwinge dich. Du bist mein Untertan, so
wie jeder andere in dieser Welt. Mögt ihr auch von anderen Welten reden, ihr Menschen, in
dieser meiner Welt seid ihr unerwünscht! Flüchtet euch in eure anderen Welten. Herrscht in
euren Gedankenreichen.“
Poseidon zuckte die Schultern. „Sicherlich. Ich gehorche dir. – Die Macht hat dich verändert,
Zeus. Du bist zu einem Zerrbild deiner selbst geworden. Die Macht beherrscht dich; du bist
nicht der Herrscher. Die Macht alleine spricht durch dich, wirkt durch dich. Sie ist
verantwortlich für die Zerstörung von Atlantis – und auch für deine Zerstörung, Zeus. Denn
heilig warst du. Heilend, helfend, himmlisch – so zu sein und so zu handeln, das war deine
Absicht, als du anfingst vor vielen Jahren. Damals schwuren wir dir unsere Treue. Bin ich
gebunden noch an meinen Treueschwur, wenn nun ein anderer mir gegenübersteht? Du bist
nicht der Zeus, dem ich gelobte zu folgen und zu gehorchen, mich ihm zu unterwerfen, weil
ich seinem Urteil vertraute und seinem weisen Weitblick. Du bist gescheitert. Zum
Handlanger der Macht bist du geworden. Eine Puppe. Leblos. Ausgehöhlt. Die tönerne Figur
bist du selber nun. Das Göttliche in dir hat sich verdrängen lassen von dem Dunklen, der
Schwärze, der gierigen Macht.“
Zeus: „Ausflüchte. Du suchst einen Grund, um dich mir zu entwinden. Nach wie vor fesselt
dich dein Treueschwur an mich. Kein anderer steht vor dir. Bin derselbe Zeus. Wie könnte ich
mich verändert haben? Du siehst mich mit den Augen der Menschen? Weil sie unbegeistert
mich ansehen, weil aus ihren Augen keine Ehrfurcht mir entgegenblickt – da weicht die
Ehrfurcht auch aus deinem Blick, Poseidon? Es wird anders sein, wenn die Menschen nicht
mehr sind. Diesen aufsässigen Geist haben sie von Prometheus geerbt. Seine Geisteskinder
sind es. Herangezüchtet von ihm, sich groß dünkend. Als ein Meisterwerk empfinden sie sich
und ihre Städte. Mir wolltet ihr gleichen, ihr Menschen? Und euer Vorbild bin ich nun nicht
mehr?“
Kara nickte mit dem Kopf. „Atlantis ist auch dein Werk, Zeus. Wir schufen es, weil wir
hinauf wollten zum Licht, zu dir. Wieso bist du erfüllt von der Schwärze? Zogst du uns nicht
empor zu dir? Wer dann?“
Prometheus hatte Tränen in den Augen. „Dieses Mal kann ich euch nicht retten. Ich kämpfe –
doch meine Kraft reicht nicht aus. Was tat ich? Ich sandte euch auf den Weg zum Licht. Ihr
hättet es erreicht.“
Satho: „Viele aus Atlantis werden gerettet werden durch dich, Prometheus. In meinen
Visionen sah ich, dass die Menschen in sich die Erinnerung verwahren werden an Atlantis.
Sie werden spüren, dass wir es einmal schon fast bis zum Licht geschafft haben. Auch nach
Jahrtausenden wird Atlantis nicht ganz vergessen sein.“

 ENDE

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.01.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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