Ralf Bruggmann

Paul

Das ist die Geschichte von Paul. Auch wenn sie sich eigentlich nur über kurze Zeit erstreckt, so ist es doch die Lebensgeschichte des erwähnten Menschen, denn nur in dieser Zeit durfte sich sein Leben tatsächlich Leben nennen, nur in dieser Zeit war Paul nicht nur am Leben, sondern auch Leben in Paul.



Dennoch muss die Geschichte noch vor eben diesem Leben beginnen, und zwar genau am 25. November 1974, als eine andere Geschichte, ein anderes Leben zu Ende ging, nämlich jenes von Nick Drake. Jenem Nick Drake, der drei wunderbar melancholische Alben aufnahm, wobei jedoch in jedem Song die Depressionen durch einen zarten Gitarrenvorhang schimmerten, die ihn lange Zeit quälten und ziemlich direkt zu seinem Tod führten. Er wurde in seinem Bett liegend gefunden, mit einer Überdosis Antidepressiva in seinem Blut.



Am gleichen Tag, nur wenige Minuten später, wurde Paul von einem überaus gut aussehenden Arzt in die Welt gezogen. Optisch zwar durchaus reizvoll und auch leidlich intelligent, war dieser Mediziner jedoch äusserst ungeschickt und unbeholfen. Als er den winzigen Paul in seinen grossen Händen hielt, stiessen auf der Strasse vor dem Krankenhaus zwei Autos lautstark zusammen, was den Arzt so erschrecken liess, dass ihm das kleine Bündel Mensch aus den Händen glitt. Paul fiel mit dem Kopf voran zu Boden, schliesslich war jener auch zuerst zur Welt gekommen. Natürlich war der Aufprall sehr schmerzhaft, doch Paul weinte und schrie nicht, denn er kannte den Text noch nicht. 

Dieser kleine Zwischenfall erwies sich in der Folge als gravierender, als man aufgrund der auf einen kurzen Absatz beschränkten Formulierung vermuten würde. Denn als sich der kleine Kopf und der kalte Boden trafen, blieb der Boden davon zwar unbeeindruckt, der Kopf hingegen geriet gehörig durcheinander und konnte mit dem Ereignis nicht sonderlich gut umgehen. Er entschied sich, die Entwicklung von Paul nachhaltig zu verlangsamen. 

Erst mit acht Jahren lernte Paul laufen, mit zwölf sprach er sein erstes Wort. In seinem achtzehnten Lebensjahr wurde er endlich eingeschult. Der beträchtliche Altersunterschied zu seinen Klassenkameraden machte ihm eigentlich nicht zu schaffen, die Klassenkameraden jedoch bekundeten Mühe, Paul als ihresgleichen zu akzeptieren. Dies änderte sich auch im weiteren Verlauf seiner Schulzeit nicht, doch er beschwerte sich nie. Er verwendete seine ganze Energie darauf, möglichst viel zu lernen, verbrachte seine gesamte Freizeit in ausschliesslicher Gesellschaft von Büchern, da niemand das Bedürfnis zu verspüren schien, sein Freund zu sein. 

Dass Pauls Eltern bisher ohne Erwähnung blieben, liegt nicht zuletzt daran, dass der Vater noch vor seiner Geburt an Liebeskummer starb und die Mutter Paul verlassen hatten, als er zwei Tage alt war. Eigentlich hätten beide aus dem Krankenhaus entlassen werden sollen, doch die Mutter war bereits verschwunden, als die Krankenschwester an jenem Morgen in das weiss gestrichene Zimmer trat. Nur Paul lag in seinem kleinen Bettchen und schlief noch. Auf dem Nachttisch standen vertrocknete Blumen und ein Glas voller Tränen. Mehr hatte die Mutter nicht hinterlassen. Paul wuchs daraufhin in einem Tierheim auf, weil man ihn im Waisenhaus nicht haben wollte. 

Dank grossem Lernwillen und einer stetig wachsenden Auffassungsgabe brachte Paul seine Schuljahre überdurchschnittlich schnell hinter sich, übersprang einige Klassen und schaffte im Alter von 23 Jahren den Hauptschulabschluss. Zu jener Zeit war ausserdem der Leiter des Tierheims zur Ansicht gelangt, dass Paul nun auf eigenen Füssen stehen könne, und besorgte ihm eine Wohnung, die gar nicht so zufällig ein Stockwerk über einer Zoohandlung lag, in welcher Paul einige Monate lang arbeitete. 

Nach einem längeren Sprachaufenthalt in Burkina Faso begann er schliesslich ein Studium mit Biologie als Hauptfach, ausserdem belegte er Kurse in Japanologie, angstfreier Gartenarbeit und Literatur. Noch immer war er eigentlich der einzige Mensch in seiner Welt, hatte weder Freunde noch Feinde, und mit den anderen Studenten pflegte er nur innerhalb der Universität und während des Unterrichts Umgang. Wenn er seine Zeit nicht mit Lernen verbrachte, nutzte er sie, um eigene Experimente im Bereich der Mikrobiologie durchzuführen. 

Diesen Experimenten widmete er sich auch, als er sein Studium als Lehrgangsbester abgeschlossen hatte, nebenbei arbeitete er wieder in der Zoohandlung. Monatelang brütete er über Arbeitsbüchern und Reagenzgläsern, ohne ein zählbares Resultat zu erzielen, doch eines Tages gelang ihm eine revolutionäre Entwicklung. Dank der Mischung von diversen Kräuterextrakten, Paprikapulver, Himbeersirup und eigenem Schweiss schuf er einen Impfstoff, der Tiere vor Migräne bewahrte. An Menschen konnte das Mittel nicht angewendet werden, da sie im Gegensatz zu Tieren über ein Gen der Bösartigkeit verfügen, das die Wirkung des Impfstoffes zunichte macht. Doch immerhin blieben fortan Tiere von heimtückischen Kopfschmerzen und Übelkeit bewahrt. Seine Entdeckung erregte schnell Aufsehen in Fachkreisen, und im Jahr 2002 erhielt er von der biologischen Fakultät der Universität Merthyr Tydfil in Wales eine hoch dotierte Auszeichnung sowie einen Ehren-Lehrstuhl als Professor der Mikrobiologie. 

Nun könnte man meinen, dass Pauls Leben damit nach anfänglichen Widrigkeiten doch noch eine glückliche Wendung genommen hätte. Doch bis zu jenem Zeitpunkt war Pauls Leben noch gar kein Leben, sondern ein Existieren. Er war alles andere als glücklich, und immer mehr wurde er von düsteren Gedanken und Gefühlen heimgesucht, die sich schliesslich zu hartnäckigen Depressionen entwickelten. Zwar lernte er durch seine beruflichen und wissenschaftlichen Erfolge vermehrt Menschen kennen, doch er wusste mit diesen Bekanntschaften nicht viel anzufangen. Gespräche spielten sich ausschliesslich auf professioneller Basis ab, weder liess er sein – eigentlich gar nicht vorhandenes – Privatleben nach aussen noch jenes von anderen Menschen an sich heran dringen. Er legte einen erschreckenden Verbrauch an Papiertaschentüchern an den Tag, weil er sich jede Nacht in den Schlaf weinte und dabei die Platten von Nick Drake hörte, und immer mehr wuchs in ihm die Gewissheit, dass sein sinnloses Sein allmählich ein Ende nehmen sollte. Eines Abends schluckte er seinen gesamten Vorrat an Antidepressiva, hatte zuvor jedoch vergessen, den Wasserhahn im Badezimmer abzustellen, und wurde nicht von Gevatter Tod, sondern von einem eiligst herbeigeeilten Hausmeister gefunden. 

Und dann, ohne Vorwarnung, begann sein Leben doch noch. Paul war mittlerweile 31 Jahre alt und sein Gesicht vor Verbitterung bereits ein wenig grau. Er hatte längst jede Hoffnung aufgegeben, seiner Welt jene revolutionäre Entwicklung verschaffen zu können, die er dem Tierreich beschert hatte. Eigentlich hatte er auch sich selbst bereits aufgegeben. Niemals hätte er sich selbst retten können und hatte auch gar kein entsprechendes Verlangen mehr. Wider Erwarten tauchte dann aber eine Person auf, die durchaus Interesse daran hatte, die auch Interesse an ihm hatte. Nicht bloss am Wissenschaftler Paul, sondern vor allem am Menschen Paul, dem dies zum ersten Mal in seinen immerhin 31 Jahren widerfuhr.

Bei der erwähnten Person handelte es sich um eine Frau, die zwar keinen Namen hatte, aber sonst über alle Eigenschaften verfügte, die einen Mann im Allgemeinen und jemanden wie Paul im Speziellen glücklich zu machen vermochten. Sie sah wunderschön aus, vor allem, wenn ein unschuldiger Sonnenstrahl ihre zarte Haut streichelte oder ein leichter Windstoss ihr eine Haarsträhne ins Gesicht wehte. Ihre Intelligenz war erstaunlich in Anbetracht der Tatsache, dass sie nie eine Schule besucht hatte, sondern von ihrer Mutter unterrichtet wurde. Von ihr hatte sie auch einen Sinn für Humor geerbt, der in seiner Trockenheit wohl gewöhnungsbedürftig war, an den sich Paul aber überaus gerne gewöhnen mochte.

Sie lernten sich kennen, als beide in einem Park auf nebeneinander stehenden Bänken sassen und Spatzen fütterten. Zuerst tauschten sie nur schüchterne Blicke aus und warfen den Vögeln unbeirrt Brotstücke hin, doch dann zauberte sie ein Lächeln auf ihre Lippen, das in Paul das Gefühl entstehen liess, jemand lege wärmende Hände um sein Herz. Erstaunt versuchte er, das Lächeln zu erwidern, was ihm zu seiner eigenen Überraschung offensichtlich gelang, denn die schöne Frau setzte sich zu ihm auf die Parkbank, ohne ein Wort zu sprechen. Schweigend fütterten sie die Spatzen, während Paul sich fragte, weshalb das Vogelgezwitscher plötzlich so viel freundlicher, die Luft reiner und die Bäume höher schienen. Da flog ein Spatz auf und hin zu Paul, setzte sich auf seinen Arm, klemmte seinen Hemdsärmel in den Schnabel, hob kurz ab und zog seine Hand auf jene seiner Banknachbarin. Unter fröhlichem Singen hüpfte der Spatz wieder zu Boden und überliess die beiden überraschten Menschenwesen jenem Blickkontakt, in den sie sich gefügt hatten und der Paul den Atem raubte. Die Frau schien ihrerseits noch genügend Luft zu haben, um ihren ersten an ihn gerichteten Satz zu sagen: „Spatzen kennen die Menschen besser als die Menschen sich selbst."

Was der kleine Vogel ins Rollen gebracht hatte, entwickelte sich zu einem Zustand, den sowohl Paul als auch die Frau ohne Namen nur als Liebe bezeichnen konnten, ein Zustand, der neu in Pauls Welt war, den er aber nie mehr missen wollte. Er konnte nicht glauben, dass ihm dieses Wunder bisher verborgen geblieben war, doch nun, da er es erleben durfte, trauerte er nicht den vergangenen und unerfüllten Jahren des Existierens nach, sondern versuchte, in jeder Sekunde die Schönheit des Lebens zu atmen, das er erst jetzt gefunden hatte.

Die Frau ohne Namen lehrte ihn, den Geruch von frisch geschnittenem Gras, den Geschmack von Erdbeeren und gegrillten Marshmallows und das Geräusch von Schmetterlingsflügelschlägen zu lieben, zeigte ihm, wie schön es sein kann, durch den Sommerregen zu laufen und nebeneinander in einem grossen Bett zu erwachen. Und sie küsste ihn, war die erste Person, die je ihre Lippen auf seine legte, und Paul konnte sich kein schöneres Gefühl vorstellen. Über Monate hinweg konnte er fliegen, nicht flügelschlagend wie ein Vogel, sondern anders, besser, und zum ersten Mal betrachtete er das Älter- und Altwerden nicht als Qual, sondern als durchaus angenehme Vorstellung. Sofern es mit ihr stattfinden würde.

Zu Beginn glaubte er sich in einem Traum und erkannte erst allmählich, dass all die wundersamen Dinge Realität waren. Paul musste lernen, das Leben zu leben, doch er hatte schliesslich schon immer gerne gelernt. Und eigentlich wäre nun der Moment der Geschichte erreicht, um sie mit einem märchenhaften Satz abzuschliessen. ‚Und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende.' Und tatsächlich taten sie dies auch, nur kam das Lebensende schneller als erwartet.

Der Himmel war beinahe schwarz, obwohl es früher Nachmittag war. Wolken türmten sich auf, am Horizont leuchteten Blitze auf, und erste schwere Tropfen fielen zu Boden. Paul und die Frau ohne Namen machten, dem drohenden Unwetter trotzend, einen ausgedehnten Spaziergang und gingen Hand in Hand über eine grosse Wiese, als das Gewitterzentrum sich unerwartet schnell in ihre Richtung bewegte. Lächelnd schauten sie abwechselnd nach oben und einander in die Augen und zuckten nur leicht zusammen, wenn der Donner immer lauter grollte. Der Regen wurde allmählich heftiger, die Abstände zwischen Blitz und Donner kürzer, und Paul und die Frau ohne Namen fügten sich in eine innige Umarmung, einen ewigen Kuss. Dann schlug der Blitz in sie ein, so heftig und heiss, dass sie miteinander verschmolzen, zu einem Körper wurden und schliesslich erstarrten. Als das Gewitter sich verabschiedet hatte, flog ein kleiner Spatz laut zwitschernd über die Wiese und setzte sich auf das seltsame Gebilde aus zwei Menschen, die nichts mehr trennen konnte.

Und damit endet die Geschichte von Paul nun wirklich, denn es gibt kein Leben nach dem Tod. Doch immerhin gab es für Paul ein Leben vor dem Tod. Und weil er noch immer passt, doch noch der märchenhafte Satz: Und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.01.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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