Werner Müller

Der Frauenmagnet

                               ( eher für Feminas für geschrieben ... oder ??)

 Diese leicht erotische Überschrift, ich bitte um Verzeihung, die Überschrift vielmehr, sie stellt keineswegs einen tollen Männermenschen in den Mittelpunkt. Nicht wie erwartet sicherlich, wird ein angehimmelter Dandy beleuchtet, einer mit Dreitagebart womöglich. O nein, etwas völlig anderes steht an. Es hat aber durchaus mit Frauen zu tun, und zwar nur mit Frauen, auch mit süßen ...     ... bitte sehr "Madame".
    Es ist der erste Frühlingstag. Um genauer zu sein, der ersten Vorfrühlingstag. Er scheint sich zu schämen fast für das plötzliche Beenden der so kalt nassen Jahreszeit:
   „Entschuldigung“, sagt er, „ist es wohl zu warm für Sie? Ich meine jetzt am Morgen bereits-
    Störe ich etwa?“
   „O nein, keine Ursache. Ich bin leider auch etwas früh schon hier. Noch eine Stunde fast bis
     zum Beginn der mittelwichtigen Besprechung. So ist das eben.“
Und nun, was tue ich jetzt hier in der Fußgängerzone, um zehn nach neun?  Der Mantel scheint fehl am Platz inzwischen. Es ist einfach anders als bisher. Vielleicht sollte man, oder besser könnte man ... und sieh da, ein Straßencafé. Eines, das die Stühle bereits herausgestellt hat, und die Sonnenschirme gleich dazu. Diese natürlich noch geschlossen. Wir wollen nicht übertreiben.
   „Was darf ich bringen, der Herr?“ schmeichelt und lächelt die junge Bedienung, angepasst, wie mir scheint, der optimistischen Warmluft. Ja ja, der Frühling kommt.
   „Ein Bier bitte. Nein, einen Kaffee, einen Kaffee lieber. Man soll den Frühling nicht mit Schaum
    begrüßen, dazu noch am Morgen, oder?“
Sie schmunzelt und dreht sich um. Durchaus elegant geht sie. Während ich ihr nicht ungern nach sehe. Rein zufällig natürlich. Na ja, Frauen haben es doch besser als wir groben, als wir ungehobelten Männerklötze. Zumindest in diesem Bereich. So einen Gang, wer bringt den schon von unsereins? Ich müsste mich gewaltig anstrengen. Irgendwie freier sind sie in ihrem Betonen von Äußerlichem, in der Wertschätzung eines guten Erscheinungsbildes halt.
Noch eine Dreiviertelstunde Zeit für mich, Gott wie lange noch.
Und was für ein Treiben das zur Morgenstunde ist, ich meine, so mitten und einfach in der Woche. So, als wollte man alles nachholen, als wollte man dem alten Winter schlankweg eine Nase drehen.
Und zusätzlich, nebenbei fällt mir noch etwas auf. Ich merke, dass die Frauen deutlich in der Überzahl hier sind. Vier zu eins gegen die Männerwelt, so würde ich sagen. Sie schlendern und flanieren schon fast jetzt am mittelfrühen Morgen. Während ich auf meine Arbeit warte immerhin. Ist das fair?
Allerdings fällt mir auf, dass dort links, schräg gegenüber, dass dort immer wieder jemand herumsteht. Schon vorhin ist mir das aufgefallen. Und zwar Frauen, nur Frauen halten an. Sie bleiben stehen einen Moment, dann stöckeln sie weiter, so als sei nichts geschehen. Jetzt wieder eine, hält an für zehn, fünfzehn Sekunden. Und geht weiter. Was spielt sich dahinten bloß ab?
    Aber klar... natürlich. Wie spät ein Mann das doch bemerkt. Ein Modeladen, fashion-fashion oder so, natüüürlich. Rot ist der Name, rot die Preise. Und sogar rote Luftballons. Wie süß ist das!
Genau vor dieser Orgie aber stehen einige Ständer. Und diese metallenen Gestelle, behängt mit Blusen und was weiß ich denn noch, die allein scheinen der Grund der Stockungen zu sein, der weiblichen zumeist; besser gesagt, ausschließlich dieser.
Die eine Frau da zum Beispiel, sie kam von links. Vom Alter her scheint sie übermittel. Und gekleidet ist sie gutbürgerlich, eine Beamtin vielleicht? Sie kam. Und jetzt steht sie da. Sie steht einfach so vor den Ständern. Denkt wohl nach über irgend etwas Wichtiges. Ruhe strahlt ihr ganzer Körper aus. Es ist fast wie eine Meditation in der Morgensonne.
    Doch jetzt, unvermittelt plötzlich greift ihre linke Hand entschlossen an eine der hängenden, der kurzärmeligen Blusen. Sie fasst an die Schulter des knallroten Stoffes und schiebt das leuchtende Objekt, samt Bügel natürlich, ein gutes Stück nach links. Ratsch! So vehement ist die Kraft der süßen Hand, dass vier, fünf andere Blusen gleich mitgeschoben werden. Und das trotz einer leicht störenden Handtasche im festen Griff.
Und jetzt weiter? Achtung, genau hingucken!
Die rechte Hand, sie ergreift das erste der rechts von ihr hängenden, der noch nicht Geschobenen. Sie fasst gleichfalls an die runde Schulter und dreht das Objekt dann ein wenig. Somit ist das Pullöverchen besser zu sehen für Sie. Es scheint wohl zu flüstern:
     „Hier bin ich, Frau soundso! Sind sie zufrieden? Passen wir beide nicht zusammen?“
Doch es folgt zu meiner Überraschung sehr wenig. Nicht mehr als ein äußerst kurzer Blick auf die Textilie. Ein Überfliegen eher, würde ich sagen. Und schon wird die Drehung der Bluse rückgängig gemacht.
Das war alles?
Nein nein, das geht weiter. Fast selbstbewusst übergibt die Gutbürgerliche die Baumwolle (oder Seide? ich kenn´ mich da weniger aus) gibt den durchgefallen Prüfling halt in die Zuständigkeit der linken Hand erneut.
   Und das gleiche Spiel wiederholt sich: Ein Drehen der nächsten Bluse, kurzer Blick, Weitergabe nach links. Drehen, gucken, ab nach links. Drehen, prüfen, ab nach ...  Im Takt geht das sozusagen (die Frau hat Rhythmusgefühl) sekundenmäßig praktisch folgt Bluse auf Bluse, wird der hängende Stapel abgearbeitet.
Ein Akkordlohn wäre eigentlich angebracht. Mit einem Zuschlag sogar würde ich meinen, wegen Hinderung durch eine Handtasche. Sechsmal, achtmal genau derselbe Ritus. Wie oft denn noch gnädige Frau?  Drehen, prüfen, ab nach links, drehen ...!
   Mit einem Schlag aber jetzt, unpassend eher,  setzt der Rhythmus aus. Es halten inne sozusagen zwei müde Arbeitshände. So meine ich jedenfalls.
Aber nein, wieder scheint stofflich Interessantes zu winken für Madame. Denn ein ganzer Bügel, eine Stange samt kompletter Bluse wird herausgezogen nunmehr. Und in luftiger Höhe, am ausgestreckten Arm im Frühlingswind, baumelt das Ding.
Prüfend auf und ab geht ihr Kopf. Während ihr Oberkörper, samt steifem Hals, ein wenig zurückweicht, nach hinten sich lehnt. Ich vermute, diese kurzärmelig mittelrote Bluse wird ernsthaft begutachtet nunmehr, wird unter die Lupe genommen. Ein äußerst kritischer Blick taxiert das Kleidungsstück, das winzige.
Was mag die Frau jetzt wohl denken? Was geht durch ihren modebewussten Kopf im Augenblick? Sieht sie sich mit dem Lila am Körper schon die Freundin ausstechen vielleicht? Will sie dem eigenen Mann gefallen, endlich einmal wieder? Oder dem Freund womöglich? Hat sie wohl einen?
    Versunken sind die Beiden, vertieft in ein stummes Zwiegespräch. Und dabei scheint es die Aufgabe der weiblichen Frauenhand nun, wie soll ich sagen, eine äußerst wichtige Frage an das süße t-shirt zu stellen. Zwischen zwei Fingern reibt sie den Stoff des rechten Stummelärmels. Sie schiebt ihn hin und her. So, als hätte sie ein paar Sandkörnchen zwischen Daumen und Zeigefinger.
Was soll das denn? Was für eine unnötige Spielerei macht sie jetzt? Ist das Material vielleicht zu dick? Oder zu glitschig? Oder zu steif?
   Ich bin unsicher, da diesmal nicht unbedingt vom Fach. Was will sie heraus bekommen die Gute, was? Ich denke nach, ich grüble fast.
Bis es mir schwant. Ganz plötzlich, aus dem Nichts heraus wächst mir die wahre Erkenntnis.:
   Sie will natürlich wissen, ob der Stoff kratzt. Das, und nur das ist der Prüfungsteil. Das womöglich ekelhafte Kratzen dieser Bluse, zumal, wenn sie auf bloßer Haut aufliegen muss, wird getestet jetzt, ganz sicher. Und pass, auf was kommt. Ihr Gesicht wird sich verziehen, garantiert. Rote Flecken werden sich melden, und tönen der Hass sodann:
     Weg mit dir, du kratzendes Biest. Du scheuernder Typ, zieh ab!
Aber nein, o Wunder, wie komisch! Nicht verärgert oder wütend gar durch ein unschönes Trage-Vorgefühl hängt sie das Textilchen zurück an den Galgen. Nicht enttäuscht, nein, ruhig und neutral bleibt die Miene der Frau. So wie die ganze Zeit. Locker, gleichgültig fast beendet Madame ihr kurzes Examen. Und schon ist die Bluse wieder bei ihren Schwestern im Gedränge.
   Jetzt pass auf, jetzt kommt der Rhythmus von eben wieder, ganz sicher. Das kennen wir ja schon: Drehen, prüfen, drehen ...
   Doch ist das möglich? Kann das sein? Sie lässt einfach, sie lässt alle Baumelden wackeln auf der Stange. Sie schaut sie nicht mehr an. Sie probiert kein einziges Stück mehr. Keins, das eventuell und möglicherweise doch etwas sanfter sein könnte auf ihrer nackten Haut. Sie würdigt all der Kostbarkeiten auch nicht des geringsten Blickes mehr. Schluss, aus, Ende.
Und so, als seien überhaupt keine Textilien da, noch jemals dagewesen, geht sie langsam aber bestimmt weiter.
   Und wieso? Was soll das? Sie wollte doch was kaufen, oder? Gibt man dann auf? Einfach so mitten in konzentriertester Arbeit? Ist das eine weibliche Spezialität womöglich?
Seltsam. Sie ist weg.
  
 Na ja, Pause. Die kratzbürstigen Hemden dürfen durchatmen, und erzählen von ihrem erotischen Abenteuer. Haben sie so etwas schon mal erlebt? Eher kaum. Es dürfte was absolut Neues für sie sein, ganz sicher. Jetzt ist Feierabend.
   Nein, pass´ auf! Ganz abrupt scheint das geplante Plaudern beendet schon. Nicht erholen dürfen sie sich. Denn die Nächste kommt ja schon.
   Pass´ auf, die da, die mit den kurzen Haaren, die mit schwarze Hose und klein schwarzem Rucksäckchen am Rücken. Flache Schuhe, kurze Haare. Ganz eilig zu haben scheint es die Gute, ausgesprochen eilig. Lauftempo fast.
   Nun ja, nicht jeder kann so sitzen und Kaffee genießen wie ich. Fast rennt die Kleine, so würde ich sagen, Morgenwalking.
   Dann aber, aus schnellem Schritt heraus – bums - hält sie an. Eine Notbremsung findet hier statt. Ein Stoppen ohne jede Vorwarnung.
  Und eilig ernst, oder ernst eilig steht Sie vor der langen Ständerstange nun, vor der Fashion-Dingsbums, Modegewühl, oder wie das heißt.
   Absolut resolut packt ihre Hand jetzt an irgend einen der Bügel, mitten hinein in den Wust der Textilanten. Ratsch nach links. Alle Mann nach links, jawoll. Ich werde euch schon zeigen, wer Herr im Hause ist.
   Aggressiv fast zieht sie ein blaues, wenn natürlich gleichfalls kratziges Ding heraus. Und urplötzlich, wie ein Schuss fast streckt sich sodann ihr Arm, steht starr in der Morgensonne, mit einer leichten Tendenz nach oben. Weit von sich ab hält die Mittelgroße somit ihr ins Auge gefasstes Hemd.
   Hm, hm... Deutlich nach unten weisen die Mundwinkel, zwei Sekunden, drei. Dann schüttelt der Kopf selbstbewusst das kurze, ihr gelb-rotes Haar. Es ist mehr ein Zucken als ein Schütteln. Nein nein, weg damit, weg! Der metallene Knall beim Zurückhängen des Bügels ist deutlich zu vernehmen.  Die nächste Bluse bitte ...
  Aber, ja ist das denn möglich? Es passiert fast dasselbe schon wie bei der Vorgängerin, der Beamten-Frau. Auch dieser kaum begonnene Einkaufsversuch wird völlig unerwartet, wird grundlos beendet sozusagen. Schluss, wie aus dem Nichts heraus, nach einem einzigen Negativ-Test.
  Und die junge Frau nimmt den vollen Gang, den von vor der Bremsung, wieder auf. Der Geschwindschritt kommt zurück. Sie hat keine Zeit mehr jetzt, das sehe ich deutlich.
Allerdings, so frag ich mich leicht erstaunt, warum blieb sie dann überhaupt stehen? Zumal aus dieser vollen Fahrt heraus? Ihre Arbeit rief doch wohl, oder was sonst noch? Ihr Freund vwomöglich? Hat sie wohl einen? Man eilt zur Pflicht bitte schön, und träumt dabei allenfalls von schicken Dingen. Versteh doch einer diese Wesen. Auch die sanft maskulinen...?
  
    Ah, wie gut tut doch der Schluck Kaffee dagegen. Ohne Hast getrunken. Freizeit vor sich, bemessene sicherlich, aber immerhin. Und dazu interessant Neues zu erleben. Man lernt eben nie aus.
   Nun baumeln die Enttäuschten wieder an den Galgen, die Aufgehängten. Sie schämen sich ihrer Unfähigkeit zu gefallen wohl. Ganz sicher.
  Der Nächste bitte...
Ein Ehepaar ist es jetzt, das sich nähert. Wohlgesittet, aber mit eher gleichgültigem Blick, so wandern die Zwei leicht älteren den Einkaufsweg entlang. Ist das ein Ehepaar eigentlich? Woher weiß ich das denn? Doch doch, ganz sicher. Dieses verliebte Schauen, in verschiedene Richtungen, das muss ein Paar ja sein.
   Und auch die bleiben stehen nun. Oder genauer gesagt, die Frau bleibt stehen zuerst. Sie unterbricht das Gehen, und wendet sich den uns schon bekannten Stoffobjekten zu. Hantiert in der vorgeschriebenen Weise natürlich. Die Technik dürfte dem Leser bekannt sein inzwischen. Der komplizierte Vorgang aber findet diesmal wieder in eher betulicher Art und Weise statt. Sicher war der Vorfall von gerade nur die Ausnahme.
   Eine Minute, zwei Minuten. Völlig weggetreten scheint die Frau. Interessant verlockend halt, sehr wichtig sind hängend bunte Stöffchen wohl. Der weibliche Kern unserer Zeit?
  Aber er, der vermeintliche Gatte? Was ist mit dem?
Nun ja, er steht auch. Er steht kerzengerade. Er steht stumm vor allem. Ein deutliches Selbstbewusstsein strahlt er aus, oder glaubt es zumindest darzustellen. Oder ist sein Habitus eher als Verlegenheit zu deuten? Es ist schwer zu entscheiden so aus relativem Abstand. Mir scheint, er fühlt sich nicht unbedingt überwohl in seiner Haut. Ärgerlich neutral mag er sein. Ja ja, das passt noch am ehesten.
   Ruhig schauen seine Augen ins Weite, verlieren sich in der Länge der Einkaufsmeile. Augen und Gedanken, die bei keinem Kleiderbügel sein dürften im Moment. Eher dahinten, bei den drei Schätzchen. Was für Hüften, und unter der Bluse erst ... Oh, pardon.
Er blickt an der Hausfassade jetzt hoch ... wechselt tief hinunter zu seinen Schuhen ... streicht sich über den Hinterkopf, bis in den Nacken ... die Armbanduhr tut ihren Dienst...
   Und den plötzlichen, so tiefen  Seufzer, der die ganze Brust deutlich gehoben hat, ihn scheine ich zu hören bis hier:
  Wielange denn noch? Muss das denn immer sein? Ewig dieser Kleiderkram. Wozu braucht man das Zeug? Die Sachen hängen doch zu Hause im Schrank. Die sind doch alle da, immer schon. Nun mach´ mal hinne, Elvira.
   Ohne ein Wort auch nur zu sagen, erzählt der Kollege mir jetzt seine halbe Leidensgeschichte. Über die kleine Entfernung hin scheinen wir im Augenblick Brüder zu sein, Brüder im Leiden. Doch doch, so ansatzweise fällt es mir ein, so irgendwie hab ich das auch schon mal erlebt. Es ist immer dasselbe, Kollege: Frauen haben zu sagen, nichts als Frauen. Das muss wohl so sein.
   Jetzt natürlich noch ein anderer Ständer für Elvira. Das war doch klar. Und schau mal, er geht mit. Er folgt ihr ein, zwei Meter, auch drei. Er verlässt die Gattin nicht, nein nein. Es gehört sich so. So macht man das eben als Mann.
   Doch dann aus den Augenwinkeln heraus, sie warnen die beiden, wendet sich Elviras Blick ihm zu. Eine leicht verzogene Miene, ansatzweise säuerlich, deutet auf Ungutes hin. Ein Gewitter scheint sich zu brauen. Eine Predigt nach dem Schema womöglich:
   Hugo, wieso interessierst du dich eigentlich nicht für das? Mal ein bisschen wenigstens? Ich  mache es immerhin für dich immerhin, Hugo! Du könntest ja wohl, also zumindest solltest du ...
   Aber wie komisch, wie unerwartet. Es folgt durchaus keine Gardinenpredigt im Freien. Tiefes Schweigen hat das Sagen wieder. Die Ehe zeigt ihr Wesen.
   Bis ganz plötzlich, bis urplötzlich ein einzelnes, ein fast kaltes Wörtchen den Frühling durchschneidet:  „Komm, komm !“
   Es ist bis zum Kaffe-Tischchen deutlich vernehmbar. Komm! - mehr nicht. Eine Silbe, eine einzige reicht schon. Und zwei Verliebte, mit abgelaufenem Verfallsdatum, sie wandern wieder, so als sei nichts geschehen durch heitere Frühlingsträume. So also geht das auch? Wozu Mode nicht alles fähig ist.
 
   „Darf ich noch einen Kaffe haben?“
   „Gerne, der Herr. Sieht das nicht viel schöner alles aus, jetzt endlich?“
   „Selbstverständlich, mindestens.“
Da hinten aber nun, da kommen zwei echt Verliebte. Enger geht es wirklich nicht mehr. Dieses sanfte Klammern, dieser beidseitige Besitzanspruch deutet auf ein gegenseitiges Kennen von erst wenigen Tagen hin. Vielleicht sogar von Stunden nur So etwas ist jedem anderen Verhalten turmhoch überlegen. - Aber die Beiden, die werden doch wohl kaum bei den Bügeln ... oder doch?
   Und siehe da, sie würdigen den verlockenden Blusen keines einzigen Blickes. Luft sind die bittenden Stoffe für beide. Denn eine Trennung, auch eine kurze nur, wäre das Eingeständnis eines höchsten Desinteresses am Anderen. Hier ist Frau gleich Mann, und Mann gleich Frau. Und die Grenzen der Modewelt werden aufgezeigt sehr deutlich. Was ist schon Kleidung. Und heute Abend erst...
 
   Durch dieses Verhalten der sanft-paarig Liebenden aber wird mir plötzlich etwas anderes, etwas deutliches bewusst. - Und was ?
    Na ja, praktisch alle Männer, nicht nur in Begleitung, sie scheinen unfähig wohl, sich Kleidung zuzuwenden. Sie betrachten Kleiderständer immer als Luft. Ja, sie können gar nicht anders, nie! Nicht eine einzige Person dieser Spezies ändert, verlangsamt auch nur seinen Schritt. Blick und Fuß bleiben treu der Richtung des Gehens. Männer kaufen keine Kleidung. So denke ich jedenfalls. Wenden wir uns also wieder der holden Weiblichkeit zu.
   Gut aussehend diesmal die Frau, Donnerwetter. Und das begleitende Hündchen, ihr Tierchen bindet sie an den Fuß des Gestänges.
  „Sitz, Wolli !  Frauchen hat zu tun. Sitz !“
Und schon beginnt der Ritus, der uns inzwischen überbekannte. Drehen ...schauen ... drehen ... Beim Hervorholen dann wieder die schräge Körperhaltung, der Kopf ein wenig nach hinten (denn vier Zentimeter höhere Augen geben wirklich einen ganz anderen Blick). Und siehe da, sogar ein Blick auf das Preisschild folgt endlich einmal, auf das am Ärmel nervös baumelnde.
   Hm ... vielleicht... oder besser nicht ... Sie denkt.
Jetzt aber, jetzt kommt etwas Neues, etwas Pikantes sogar. Wer hätte das gedacht?
  Die Person stellt ihr behostes Bein (Frauen ordnen sich dem Mann schließlich unter heute) sie stellt also das rechte Bein ein wenig vor, angewinkelt leicht, so wie die Süßen im Moulin Rouge. Und gleichzeitig hält sie das dünne Flittchen vor ihren Oberkörper, voll davor.
   Und wieso, was ist jetzt schon wieder los?
Natürlich, was denn wohl? Passt das Ganze zusammen? Sie prüft. Oder beißt sich Lindgrün mit
Pinkblau womöglich?
Nein nein, da beißt sich nichts. Das ist elegant, absolut !
Und sieh da, das brave Stück wird diesmal auf den Ständer gehakt, und zwar ganz quer, klack:
   „Du wartest hier, mein Liebchen. Ich hab´ mich noch nicht entschieden. In der engeren Wahl
    aber bist du auf jeden Fall. Dieses zu deiner Beruhigung.“
Und weiter in bekannter Manier... schieben ...  schauen ...
Doch auf einmal, ganz plötzlich schiebt sich etwas völlig anderes in den Vordergrund für mich, diesmal für mich. Eine seltsame, eine fast beängstigende Erkenntnis steigt in mir auf. Sieht so etwas nur ein Mann? Absolut sicher.
   Also, aufgepasst:
Das Fassen und das Schieben all der Blusen, es spielt sich stets an gleicher Stelle ab, und nur immer dort. Und niemals woanders! Oben an der Schulter wird angefasst. Exakt da wird geschoben und gedreht. Nur an diesem einen Punkt, immer, immer !!
Und wie oft? Hundertmal am Tag?
Mindestens. Oder öfter noch.
Aber müssten dann nicht, ich schließe das jetzt messerscharf, müssten dann nicht die neuen, die zarten Stücke exakt an dieser Schulterstelle leicht unsauber schon sein? Nicht nur dunkel, ich würde eher sagen dreckig, speckig sich anbieten der träumenden Frau. Hundert Hände, hundert Griffe am exakt selben Platz. Und dann auch gekauft... Aber vielleicht gehört das zum reizvollen Wesen der Stoffe. Ich will mich da nicht einmischen.
   Noch zwanzig Minuten übrigens, es wird bald eng für mich.
Jetzt, Achtung, noch eine Bluse. Im Ganzen sind schon zwei somit auserkoren. Das lässt tief blicken. Diese beiden Stücke aber, sie werden in eine einzige Hand nun genommen, genauer gesagt, am runden Bügelaufhänger festgehalten  ( gut gesagt von einem Mann? ). Es fällt auf, sie ist entschlossen nun, den Laden zu betreten.
  „Wolli, sitz ! “
Und wie erlöst von der langen Qual des Wählens, jetzt aufrecht und selbstbewusst, verschwindet die Frau in der gähnend offenen Glastür des Ladens .
   Es ist geschafft, gottlob. Denn die armen Mädchen des Modeladens, sie haben Zuneigung verdient endlich einmmal. Jawohl, wer Rolldienste mit Ständern leistet morgens, und abends dann, der muss belohnt werden schließlich. Das muss einmal deutlich gesagt werden.
     Nun denn, du dienstlicher Kaffeetrinker, das war´s ja wohl. Noch elf Minuten, ich muss weg,
     die Pflicht, sie ruft.
   „Bitte zahlen!“
   „Das waren zwei Kaffee, der Herr, und ein halb belegtes Brötchen. Achtzehn Euro dreißig.“
   „Fünfundzwanzig, bitte ... Sie bedienen übrigens sehr schön, muss ich sagen, doch doch. Ich
    danke ihnen.“
   „Ich danke auch ... übrigens, also irgendwie meine ich, sie scheinen nachdenklich und fast
    verliebt ein wenig zu sein. Ist das die milde Sonne wohl?“
Und siehe da, wir plaudern ein wenig. Der Frühling ist ein zentrales Themchen dabei. Allerdings, also eventuell und vielleicht? Und ich und sie. Wir lächeln uns ein wenig an...
   Nein nein, komm, Schluss jetzt. Ich habe zu tun. Aufstehen!
Aber da hinten, schau an, da ist sie ja wieder. Sie kommt heraus. Sie grüßt die Sonne, die jetzt schon stärkere. Mit erhobenem Haupt, mit stolz geschwellter Brust, mit der Miene einer Königin schreitet sie fast.
Und womit noch?
Ach, du dickes Ei. Nicht nur eine Plastiktüte (charmant und leuchtend rot) nein falsch, zwei Tüten, falsch, drei Tüten schleppt die Bepackte durch die Tür.
Ja, zum Donnerwetter, die Frau ist doch nur mit zwei mickerigen Blusen in den Laden gegangen, mehr waren es nicht. Ich schwöre es. Und eine der Blusen gewiss nur als Alternative, was denn sonst!
Und jetzt trägt sie, jetzt schleppt sie eine halbe Kleiderschrankfüllung mit sich heraus. Ein Warenlager verlässt den Laden. Wie viele der kratzenden Stücke mögen das wohl sein? Und wer soll das denn alles anziehen (und bezahlen?) Sie selber nur? Was mag überhaupt passiert sein da drinnen, in der käuflichen Frauenatmosphäre? Wurde Sie überzeugt vielleicht von eloquent plaudernder Verkäuferin? Ließ sich überreden womöglich gerne, so genießend. Wer blickt da noch durch?
   Du sicher auch nicht, du liebes Püdelchen. Ja, so lieb hast du gewartet, und gar nicht gebellt dabei. Beim nächsten Einkauf aber wirst du schon Erfahrung haben, ganz sicher. Frau bleibt Frau.
  Und nächste Woche, ich will mir das jetzt vornehmen, nächste Woche, da werde ich auch einmal schieben. Ich werde schieben... und werde ...
Nein, nein. Ihr Lieben, ganz sicher nicht. Niemals !! Es gibt schließlich deutlich wichtigeres für einen Mann:
Bohremaschine  ... Schrauben ... Holzlasur ... Donnerwetter, war schon seit einer Woche nicht mehr im Baumarkt.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.01.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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