Christiane Mielck-Retzdorff

Muttertag

 

 

Sabine betrachtete zufrieden, doch auch mit einem verschmitzten Lächeln die mit wertvollem Porzellan stilvoll geschmückte Kaffeetafel. Auf Blumen hatte sie wohlweislich verzichtet, weil sie mit Sicherheit einen mächtigen Strauß von ihrem Sohn Lucas erhalten würde. Ebenso verlässlich war Lea bei der Wahl ihres Geschenkes zu diesem Ehrentage. Es würde ein großer und teurer Kasten Pralinen sein.

 

Das Vorhersehbare gab diesem Tag etwas Beständiges und unterstrich so den Wert familiären Zusammenhalts. Dabei waren Phantasie oder Veränderung eher hinderlich, und in einer Zeit des ständigen Wandels bestanden gerade ihre Kinder auf diese jährlich wiederkehrende Zeremonie.

 

Lea und Lukas waren wohl geratene Kinder, die die Schule problemlos gemeistert und anschließend erfolgreich ihre Ausbildungen abgeschlossen hatten. Lukas hatte einen gutbezahlten Job bei einer großen Bank, und Lea war Fachkrankenschwester für Anästhesie geworden. Beide lebten mit festen Partnern zusammen, die Sabine schon in ihr Herz geschlossen hatte. Allerdings bestanden die Kinder darauf, den Muttertag mit ihr alleine zu verbringen. Diesmal sollten sie sich allerdings irren.

 

Sabine liebte ihr Haus in dem renommierten Vorstadtviertel, auch wenn es mit seinen vielen Zimmern eigentlich zu groß für sie alleine war. Ihr Mann, der mit 55 Jahren viel zu jung gestorben war, hatte ihr neben einer Rente noch ein beachtliches Vermögen hinterlassen, so dass sie sich eine Haushaltshilfe und einen Gärtner für das weitläufige Grundstück mit Swimmingpool leisten konnte.

 

Es läutete und, wie immer, pünktlich standen ihre beiden Kinder strahlend in der Tür. Sie übergaben die erwarteten Geschenke und erfreuten sich an der jährlich gleich gedeckten Kaffeetafel. Doch dann stutzte Lea.

„Du hast nicht selber gebacken?“ stellte sie mit einem enttäuschten Blick auf die Kuchenauswahl eines Konditors fest.

„Tut mir leid, Liebes, aber ich bin nicht mehr dazu gekommen.“

Ihre Kinder sahen sie leicht befremdet an.

„Hast Du ein neues Hobby, Mama?“ fragte Lea erstaunt.

„Ja, so kann man es auch nennen“, lachte Sabine ihr entgegen.

„Das ist doch schön“, sagte Lukas ohne sich weiter dafür zu interessieren. „Können wir jetzt anfangen. Ich bin schon 20 Kilometer Rad gefahren und nun echt hungrig.“

 

Die Familie setzte sich. Sabine schenkte Kaffee ein, verteilte Kuchen, während die Kinder  munter von ihrer Arbeit, ihren Erlebnissen und ihren Partnern plauderten. Sabine ließ sie gewähren, hörte aber nur mit einem Ohr zu. Sie wartete auf einen günstigen Augenblick, um ihren Kindern ihre Neuigkeit mitteilen zu können. Schließlich, als alle satt  und bei einem Glas Sekt angelangt waren, konnte sie reden:

„Kinder, ich habe mich verliebt.“

Mit den aufgerissenen Augen, die sie nun anstarrten, hatte sie gerechnet.

„Er heißt Johannes und wir gleich vorbeikommen, damit ihr ihn kennenlernen könnt.“

Lea und Lukas waren sprachlos. Lukas hatte sich zuerst gefangen:

„Will dieser Johannes etwa hier einziehen?“

„Um ehrlich zu sein, er wohnt schon gelegentlich hier.“

„Mama!“ entfuhr es Lea empört.

Lukas dachte kurz nach, während Lea ihren restlichen Sekt in einem Zug leerte und sich selber nachschenkte.

„Na, ja, warum eigentlich nicht?“ stellte Lukas sachlich fest. „Papa ist seit 5 Jahren tot und warum sollst Du nicht etwas von deinem Leben haben. Ist er schon in Rente? Dann könnt ihr ja zusammen reisen. Das hört sich doch gut an.“

„Was ist denn das überhaupt für ein Typ?“ fragte Lea skeptisch.

Sabine hatte bereits einen Wagen vorfahren hören und antwortete:

„Davon könnt ihr euch gleich selber ein Bild machen.“ Dann stand sie auf und ging zur Tür. Lea und Lukas mussten sich beherrschen, um nicht ebenfalls aufzuspringen.

„Das hätte ich nie von ihr gedacht“, flüsterte Lea. „Ich glaubte immer, Papa sei ihre große Liebe gewesen.“

„Na, ja, kleine Schwester, du hattest ja auch mehrere große Lieben in deinem Leben“, bemerkte Lukas.

„Das ist doch ganz etwas anderes!“ protestierte Lea. „Ich habe doch keinen von denen geheiratet oder wohlmöglich Kinder von ihnen bekommen.“

 

Durch die Wohnzimmertür trat ein blonder, sportlicher  Mann von Mitte dreißig, strahlte selbstbewusst in die fassungslosen Gesichter von Lea und Lukas und sagte fröhlich:

„Hallo, ihr beiden, ich bin Johannes, Johannes Schmidt“, und streckte Lea die Hand entgegen. Reflexartig schüttelte Lea diese, während Lukas zögerte, den dargebotenen Gruß zu erwidern.

Erst jetzt fiel den beiden auf, dass noch ein viertes Gedeck auf dem Tisch stand, und zwar dort wo früher immer ihr Vater gesessen hatte. Wie selbstverständlich nahm Johannes dort Platz, und Sabine bediente ihn mit einem Glas Sekt.

Schon erhob Johannes sein Glas und sprach:

„Ich freue mich, endlich die Kinder von Sabine kennenzulernen. Trinken wir auf unser aller Wohl.“

Ohne der Aufforderung nachzukommen, stammelte Lea:

„Wie lange kennen Sie denn meine Mutter schon?“

„Seit drei Monaten“, antworte Johannes und lächelte Sabine liebevoll an.

„Ja, wir haben uns bei meinem Wellness-Urlaub an der Ostsee kennengelernt. Wir waren im selben Hotel.“

„Da haben sie wohl gearbeitet“, bemerkte Lukas abfällig.

„Ja, das ist richtig“, bestätigte Johannes.

„Als Masseur?“ fragte Lea spitzt, was Sabine und Johannes merklich erheiterte.

„Und wenn?“ konterte Sabine keck. „Es wäre doch gut, in meinem Alter einen Masseur im Hause zu haben.“

„Mama, was ist denn in Dich gefahren?“ fragte Lukas empört.

Sabine kicherte in sich hinein wie ein Teenager.

„So habe ich das nicht gemeint“, entrüstete sich Lukas laut, während Lea nach Luft schnappte.

„Herr Schmidt, Sie haben unsere Mutter offensichtlich um den Verstand gebracht“, bemerkte Lukas um Sachlichkeit ringend.

„Das will ich doch hoffen“, entgegnete Johannes lachend. „Das gehört doch zu der Liebe dazu, wenigstens am Anfang.“

„Liebe!“ schluchzte Lea beinahe. „Das ist doch keine Liebe. Sie sind nur hinter ihrem Geld her. Ein Gigolo.“

„Lea, mäßige dich bitte!“ tadelte Sabine sie sehr streng. „Es mag euch zwar schwer fallen, aber ihr müsst akzeptieren, dass Johannes und ich uns lieben und dass er zukünftig der Mann an meiner Seite sein wird.“

„Aber Mama, er ist viel jünger als du“, wimmerte Lea.

„Du musst doch zugeben, liebe Mutter, dass sich der Verdacht aufdrängt, dass ein mitteloser Hotelangestellter sich von einer wesentlich älteren Frau eine Versorgung verspricht und ein sorgloses Leben in einem großen Haus von Papas Geld“, trug Lukas ziemlich überheblich vor. 

Johannes mischte sich ein.

„Haltet ihr eure Mutter für so wenig liebenswert und attraktiv, dass sie es nötig hat, sich einen Mann zu kaufen?“

„So kann man das doch nicht sagen“, jammerte Lea.

„Wie denn, mein Kind?“ wollte Sabine wissen. „Und außerdem scheint ihr mich noch für dumm und weltfremd zu halten.“

„Aber Mama, bei der Liebe setzt doch oft der Verstand aus. Das hat Johannes auch gesagt“, wand Lukas ein.

„Johannes meinte das im Positiven Sinne“, antwortete Sabine. „Doch glaubt mir, das Alter hat den Vorteil, dass man sich selber besser kennt und selbst emotionale Situationen realistischer einschätzen kann. Ihr konntet mir doch auch nie etwas vormachen.“

 

Lea und Lukas mussten erkennen, dass ihre Mutter vollkommen überzeugt von ihrer Entscheidung war. Ihr Weltbild war gehörig ins Wanken geraten. Angesichts der deutlich sichtbaren Harmonie zwischen ihre Mutter und diesem Johannes suchten sie ihr Heil in der Flucht. Sabine und Johannes brachten sie zur Tür. Zum Abschied sagte Johannes:

„Besucht uns doch mal mit euren Partnern in dem schönen Grandhotel an der Ostsee. Ihr bekommt auch jeder eine Suite. Das Hotel gehört nämlich mir:“    

   

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.01.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Buch von Christiane Mielck-Retzdorff:

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Trug und Wahrhaftigkeit: Eine Liebesgeschichte von Christiane Mielck-Retzdorff



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