Peter Vyskovsky

“Flucht“ aus Singapur

 

 

 

Ich mag Singapur. Weil man sich sehr leicht zurecht findet und gut verständigen kann. Weil das Raffles Hotel mit dem legendären Singapore Sling noch immer eine unüberbietbare Atmosphäre hat. Weil es englisch ist – und doch nicht.

 

Weil es bunt, vielfältig, bestens organisiert und sauber ist. Weil mein komfortables Hotel am Clarke Quay, jedes Mal wenn ich komme, einen anderen Namen trägt. Weil es chinesisch ist – und doch nicht.

 

Weil der Merlion, dieses Fabelwesen aus Löwe und Fisch, welches das Wahrzeichen der Stadt bildet, schon vom Kern her ihre Vielschichtigkeit symbolisiert. Eben Löwe – und doch nicht.

 

Weil Singapur atmosphärisch schon ein bisschen die Vorfreude auf Ferienstrände in Malaysia, Indonesien oder Thailand vermittelt, im Kern aber eine ernsthafte Business Stadt ist, die immerhin den größten Containerhafen der Welt beherbergt. Als einer der sogenannten Tigerstaaten schaffte Singapur innerhalb weniger Jahrzehnte den Sprung von einem Schwellenland zu einem Industriestaat bzw. einer primär auf Dienstleistungen ausgerichteten Volkswirtschaft. Business pur – und doch nicht.

 

 

Schmelztiegel der Kulturen

 

Weil es ein fabelhafter Kreuzungspunkt wichtiger Kulturen ist, die hier offenbar  gut organisiert ein recht harmonisches  Zusammenleben schaffen. Weil es einem die ansässige Airline leicht macht, den 5 Mio Stadtstaat zu entdecken. Little India, Arab Street, Chinatown  – der SIA-StopOver-Bus macht alles bequem erreichbar und erlebbar. Und ich mag die Vielfalt der Küchen in diesem Schmelztiegel, die man an jeder Ecke probieren und genießen kann. Ob in den Garküchen am Straßenrand, den Sushi Shops in der Orchard Road. oder den noblen Restaurants im Financial District.

 

Weil mich der durch die MRT gewährleistete hochmoderne öffentliche Nahverkehr, gekennzeichnet durch die den Bahnkörper vom Bahnsteig trennenden hohen Glaswände,  in Windeseile überall hinbringt, wo ich will. Zu meinem privaten Schneider zum Beispiel, der Hemden und Anzüge sorgsam, kreativ und geduldig  meiner Figur anpasst und den ich mir als Kunde u.a. mit den Piloten einer finnischen Fluglinie teile.

 

Oder nach Sentosa mit dem Themenpark und vielen anderen touristischen Attraktionen. Am beeindruckendsten ist  für mich der Zoo mit den Nacht-Safaris, die Gelegenheit bieten, nicht nur nachaktive Tiere in alle Ruhe zu beobachten. Die friedlich futternde Giraffe im Abendrot, den stets unruhigen Gepard  oder die Orang Utans, als „Wappentiere“ des Singapore Zoo bekannt. Alle haben sie ein weitläufiges Areal zu ihrer Verfügung und werden doch durch strategisch angelegte Futterplätze in die Nähe von uns Beobachtern gelockt. Geheimnisvolle Bewegungen für uns seltener Geschöpfe in einem zauberhaftes Schauspiel von Dunkel und Licht

 

Schauplatz Changi Airport

 

Der Changi Airport im Osten der Stadt wird von 64 Fluglinien angeflogen und ist knapp 20 min vom Zentrum entfernt.  Und dort beginnt diese beschauliche Geschichte aus den 90er Jahren hektisch zu werden.

 

Wir befanden uns von - einem Vortrag aus Hongkong kommend -  nach einem dreitägigen Singapur-Stopover  auf der Taxifahrt zum Rückflug nach Wien und spürten irgendwie ungewöhnliches Verkehrsaufkommen. Groß wie immer, aber seltsam gemächlicher als sonst. Auch am Flughafen beim Einchecken mit unseren AUA-Tickets bei Singapore Airlines, welche in diesen Jahren Partner von Austrian war. Alle machten höflich und pflichtbewusst ihren Dienst, aber irgendwie schien es, als gäbe es nichts zu versäumen ....

 

Nach dem Zoll eilten wir dann flott zum Duty Free, plötzlich allerdings erhob sich die Frage: Warum gibt es so viele wartende Leute an den Gates ? Bei unserem Boarding Schalter zur Singapore-Maschine dann die Gewissheit: Streik. Streik der Fluglotsen irgendwo in Indien, was ein Überfliegen dieses Landes heute unmöglich machte. Russland anderseits war für SIA vertragsmäßig als Überflugzone nicht vorgesehen, so die uns gebotene Erklärung.

 

Wir waren also gefangen in Changi und hatten kaum Aussicht auf den heutigen Start unseres Fliegers - wie die vielen anderen  Airlines mit Europa Destinationen und deren Gäste auch. Es war 19 Uhr. Zurück konnten wir  nicht, denn unsere Hotelzimmer waren inzwischen von Neuankommenden belegt, .Nach vor ging es nicht, weil der, wenn auch weit entfernte Streik die Maschinen offenbar an den Boden fesselte.

 

 

Ratlos und gefangen

 

Vorschläge von SIA ?  Fernöstliche Geduld und warten auf neue Nachrichten. News noch heute abend ? Möglich, aber ungewiß. Stand eine Übernachtung am Changi Airport bevor ?  Denkbar, keineswegs unwahrscheinlich. Hotelzimmer ? Absolut undenkbar, siehe oben.

 

Wie andere Passagiere begannen wir uns allmählich mit dem Gedanken anzufreunden, auf dem ehrenwerten Flughafen bzw. dessen Teppichboden zu nächtigen. Anderseits, wenn schon schlafen, was könnte uns besseres als Unterlage dienen, als der stets saubere Teppichboden im blitzblanken Flughafen Changi ?  Das hätte in anderen Airports deutlich schlimmer kommen können, in Asien, Afrika, Europa  oder sonst wo in der Welt.

 

Also her mit einem Drink zur Beruhigung – noch nicht zum Einschlafen, denn das Duty Free Budget hier erlaubt gewiss mehrere Drinks. Und 19.50 Uhr ist ja noch nicht Bedtime. Neue Nachrichten am Schalter ?  Keine außer der Info, dass der Streik etwa 3 Tage dauern könnte und man nach Lösungen sucht, wohl aber nicht mehr an diesem Tag. Ja, das gelte praktisch für alle Airlines für heute Abend, es gäbe nur noch ein paar Flüge nach Japan oder Südafrika abzufertigen.

 

 

Also doch ein Ausweg ?  Flucht nach Südafrika ?  Klingt traumhaft, echt exotisch, liegt aber nicht gerade auf dem Weg. Außerdem, wer zahlt’s ?  Der SIA-Agent: Wir nicht, ausgeschlossen. Richtig, das gilt auch für Japan. Das waren ohnehin schon sehr klare Worte für Asiaten, die sich in ihrer höflichen Welt damit meist sehr schwer tun. Niedergeschlagenheit macht sich breit, der diskret grau-blau gemusterte weiche Teppichboden des Flughafens beginnt unsere Sympathie zu gewinnen. Hochflor wäre noch besser, aber man will ja nicht unbescheiden sein. Einige holen schon die Mäntel hervor, um ein schattiges Plätzchen zu finden. Oder gar eine körpergeformte Metallbank.

 

 

Unterschlupf am Clarke Quay ?

 

Sollten wir doch die Flucht zurück in die Stadt wagen ? Wir prüften unsere Tickets, doch da stand: Umbuchung ausgeschlossen. Doch halt: wir hielten Austrian-Tickets in Händen, Singapore Airlines war nur der Carrier.  Sofort der rettende Gedanke: reden wir doch mit Austrian !  Die war allerdings unauffindbar, wird von Singapore Airlines repräsentiert . Wieder zum selben Büro.  Sorry, bitte zurück an den Start .....

 

Da fiel mir mein Handy ein. Wir schildern in Wien das Problem, wo dank Zeitverschiebung beim OS-Customer Care Office normale Bürozeit war. Was ist ? Wie ? Anruf aus Singapur ? Streik ? Aha. Unser Partner tut nichts ? Aha. Wir erklären noch, dass wir dafür volles Verständnis hätten, zumal es sich um tausende Gestrandete handelt, die unmöglich Platz finden könnten, in zwei Japan-Maschinen.

 

Aber wir, wir sind etwas Besonderes, nämlich rare, direkte Kunden von Austrian mit OS-Flugnummer und Billet. Kriegen wir einen Platz auf der Japan Maschine ?  Nicht von Wien aus, doch als OS-Customer Care Agents können wir das befürworten. Befürworten ?  Vielleicht  sogar anfordern ! Wir fühlten, wir hatten offenbar einen goldenen Moment erwischt, denn wann sonst bekommt man in Wien so rasch eine so klare Stellungnahme.

 

 

Agent, bitte übernehmen Sie ...

 

Also mit laufendem Handy-Gespräch zum Gate für den Japan Flug, Zwei Engländer vor uns  - der Rest der Europäer hatte sich offenbar schon in sein Schicksal Changi Carpet gefügt . Dann wir: Gibt es noch Plätze nach .... ?  Ja, wohin eigentlich ?  Nein, Tokyo ist ausgebucht, aber nach Nagoya gibt es noch 5 Plätze. Bestens. Würden Sie bitte dieses Gespräch mit Austrian Airlines übernehmen, das Ihnen alles erklärt. Aha. Unverständnis erst, dann Zuhören, Nachdenkfalten auf der Stirn, zögernde Kontrollfragen, aha, mmh,  kurzes Nicken, die Lösung scheint vorstellbar. Dann ist der Deal komplett, das perfekte asiatische Service-Lächeln erscheint auf dem Gesicht des Mitarbeiters, die Sonne geht auf .....

 

Wir bedanken uns beim Wiener OS-Büro, werden vom SIA-Agent nun offiziell zur Kenntnis genommen,  lächelnd willkommen geheißen und bei aller Freundlichkeit konsequent in Trab gesetzt. Ja, wir versuchen das Gepäck umzuladen, wollen das aber nicht garantieren. Vor allem aber, nehmen Sie alle Ihre Sachen und gehen Sie sofort zum Einsteigen. Nichts lieber als das, dachten wir.

 

Vor 23 Uhr waren wir schon in der Luft. Vielleicht bildeten wir uns das nur ein, aber der Singapore-Service war fast noch besser als sonst. Oder war es bloß unsere Erleichterung, die uns danach auch ein kurzes Nickerchen bis zur Ankunft in Japan gönnte ? Wir verschwendeten keinen Gedanken daran, wie es von Nagoya aus weitergehen würde, irgendwie nach Europa eben.

 

Beim Ankunfts-Gate erlebten wir dann Welcome-Service pur, SIA-MitabeiterInnen in prachtvoller Uniform hielten Namenstafeln von uns und vorwiegend englischen Passagieren in Händen und geleiteten uns in eine VIP-Lounge, wo man uns nun japanisch verköstigte, den weiteren Reiseplan erläuterte und  die aktuellen Flugscheine aushändigte. Mit British Airways sollte es in Kürze nach London und für uns beide weiter nach Wien gehen.

 

Die Flucht aus Singapur war geglückt. Nochmals unser Dank an alle beteiligten Menschen und Organisationen !

 

 

Vy - 

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