Jürgen Berndt-Lüders

Keine hundert Jahre für Dornröschen!

Griseldis wusste nicht, ob sie das Knirschen geweckt hatte, das durch die nur angelehnte Tür zu ihr herein drang. Sie war plötzlich wach geworden und nahm trotz der Helligkeit kaum etwas von ihrer Umgebung wahr.

 

Ihr war kalt. In ihrem Hirn spielte sich nicht viel ab, das einzige, was sie registrierte, war die Tatsache, dass es sie noch gab.

 

Griseldis hörte Stimmen vom Flur her. Irgend etwas  sagte ihr, dass die Stimmen nicht von weit her kamen, denn sie waren kaum verhallt.

 

Griseldis war nicht mehr müde. Sie hatte lange genug geschlafen und wollte Leben um sich herum, wollte Menschen sehen. Irgend etwas sagte ihr, dass sie selber noch Mensch war, und alles in ihr drängte auf ein Ende dieses langen Schlafs.

 

Langsam registrierten ihre Augen Einzelheiten. Gegenstände nahmen Schärfe an. Schrankteile, wie für den Abtransport auseinander gebaut, lehnten an der Wand. Kartons standen ineinander gesteckt an der Wand. Ein Besen, ein Schrubber, eine Haushaltsleiter.

 

Noch langsamer formten sich die ersten Gedanken in ihr.  Abstellkammer, fiel ihr ein, ich liege in einer Abstellkammer, aber sie lag in einem Bett, das mit einem weißen Laken bezogen war. Po und Rücken ruhten auf weichen Unterlagen.

 

Jemand stieß sich draußen an der Tür. Die Tür bewegte sich nur leicht, und dieser Jemand schimpfte. Etwas in Griseldis sagte, dass dieses Schimpfen nichts mit ihr zu tun hatte. Das beruhigte.

 

Was hatte überhaupt etwas mit ihr zu tun?

 

„Was machen wir mit unserem Dornröschen?“, fragte eine dunkle Stimme. „Unsere neue Wohnung ist kleiner. Wir können es nicht pflegen. Dornröschen müsste...“

 

Eine helle Stimme unterbrach. „Sowas darfst du nicht mal denken. Griseldis gehört zu uns. Und nenn sie nicht immer Dornröschen. Ich bitte dich.“

 

Papa und Mama, dachte Griseldis. Ihr Gehirn konnte sich plötzlich an den Klang dieser Stimmen erinnern, und ihre langsam wieder aufkeimende Logik sagte ihr, dass dies Papa und Mama sein mussten.  Sie versuchte sich aufzurichten, aber es gab keine Muskeln, die den Befehl ihres Hirns hätten umsetzen können. Griseldis war einfach gefangen in sich selbst, eine Gefangene ihres hilflosen, schwachen Körpers.

 

Früher war sie stark gewesen. Eine richtige Sportskanone.

 

Früher, dachte Griseldis. Früher, das war, als ich mit dem Kopf zuerst in den See gesprungen bin, und plötzlich war alles dunkel gewesen. Aber jetzt war es hell, zu hell, denn die Helligkeit blendete ihre Augen, und sie kniff sie zu einem schmalen Spalt zusammen.

 

„Damit ist das Thema nicht vom Tisch“, sagte Papa draußen vor der Tür. Sie oder Papa, oder vielleicht beide zusammen, schoben einen schweren Gegenstand über den Flur.

 

Ich muss helfen, dachte Griseldis, so wie früher, ich muss sagen, dass ich wach bin, und sie versuchte, sich auf die Seite zu drehen, um mit Schwung aus dem Bett zu kommen. So wie früher. Aber ihr Körper gehorchte nicht. Sie konnte die Hand kaum heben. Wenige Zentimeter, ja, aber dann verließ sie die Kraft.

 

„Mama“, rief Griseldis. „Mama, komm, ich hänge an einem Schlauch, wie damals nach der Blinddarm-Operation. Der Schlauch muss ab, damit...“

 

Ihre Stimme war schwach, unhörbar schwach, so wie alles an ihr schwach war.

 

Ich bin gelähmt, dachte Griseldis. Warum bin ich gelähmt? Ist es dieser Sprung in den See, der mich gelähmt hat? Aber Griseldis war nicht gelähmt, Griseldis konnte sich bewegen, wenn auch nur wenige Zentimeter.

 

„Hol die Sackkarre, Herbert“, sagte Mama. „So kriegen wir die Waschmaschine nicht nach vorn.“

 

Die Tür öffnete sich und Papa kam herein. Er schien absichtlich nicht zu Griseldis schauen zu wollen. Der Blick auf eine Tochter, der er nicht helfen konnte war so traurig, und was er sehen würde war so unabänderlich. Er starrte in die Ecke und holte die Sackkarre, ein Gegenstand, den Griseldis nicht kannte. Griseldis war schließlich eine Achtjährige, wenn auch inzwischen eine sehr große.

 

„Papa“, flüsterte Griseldis. „Papa“.

 

Herbert Wunderlich hielt inne. Man sah ihm an, dass er glaubte, sich geirrt zu haben. Er stand wie erstarrt und schüttelte leicht den Kopf.

 

Mama stieß die Tür mit dem Ellenbogen auf. „Hast du die Karre? ich kann nicht mehr...“

 

Mama sah zu Griseldis, so wie sie ständig zu Griseldis sah, wenn sie den Raum betrat, und Mama bemerkte, dass Griseldis geringfügig anders lag als sonst. Sie sah auch, dass sie die Augen leicht geöffnet hatte. Mama registrierte sofort, dass etwas mit Griseldis geschehen sein musste, etwas, auf das sie zwölf Jahre lang gewartet hatten, sie, Papa und Georg, Griseldis’ Bruder.

 

„Mama“, flüsterte Griseldis. „Mama“.

 

Mama und Papa starrten Griseldis an, und als sie ihre Starre überwunden hatten, begannen beide zu weinen und liefen zu ihr ans Bett. Sie griffen ihre Hände, und Papa und Mama taten ihr Leid, unendlich Leid. Nur weil sie weinten taten sie ihr leid...

 

„Sie ist wach“, flüsterte Mama, als ihr Verstand die Überraschung besiegt hatte. „Nur nicht überfordern.“

 

Papa sprang auf. „Ich hole Georg“, sagte er kaum hörbar, und er räusperte sich und sagte dasselbe noch einmal deutlicher.

 

„Nein, lass“, sagte Mama. „Warte damit. Vielleicht ist es nur kurz. Ruf’ Doktor Hubschmidt an.“

 

„Griseldis, mein Liebling, und Papas Dornröschen“, flüsterte Mama mit unterdrückten Tränen in der Stimme. „Endschuldige, dass wir dein Zimmer als Abstellraum nutzen. Bist du wirklich wach? Sag etwas.“

 

„Ich kann mich kaum bewegen, Mama“, flüstere Griseldis besorgt.

 

Mama hockte sich anders hin, denn ihre Beine schliefen ihr ein, und jetzt begann sie erst richtig zu weinen. Sie schluchzte lautlos, denn sie wollte Griseldis nicht erschrecken.

 

„Mama, ich habe kein Taschentuch für dich“, sagte die gute Tochter Griseldis.

 

„Aber du hast dein Leben wieder“, flüsterte Mama kaum hörbar und weinte in Griseldis’ Bettzeug.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.01.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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