Die Welt nach dem Gier-Disaster
Die Gier hatte die Staaten der Welt ruiniert. Alles Geld war wertlos geworden und kein Land konnte weitere Kredite aufnehmen, um sich durch Neuverschuldung kurzfristig und zu Lasten der nachfolgenden Generationen aus der Patsche zu helfen.
Man kam international überein, gegenseitige Schulden zu streichen, so dass jeder Staat die Möglichkeit hatte, bei null anzufangen und die Erfahrungen umzusetzen, die man während der letzten Jahrzehnte im Umgang mit der allgemeinen Geldgier gemacht hatte.
Der Deutsche Bundestag war aufgelöst worden. Ein Gremium, wie einst 1948 vor der Gründung der Bundesrepublik aus allen relevanten Gruppen des öffentlichen Lebens gebildet, setzte sich zusammen und überlegte, wie man den die Wirtschaft neu gestalten könne.
Man kam überein, dass die parlamentarische Demokratie zu schwerfällig sei, um bei einem Neuanfang alle Interessen gerecht und trotzdem sachlich angebracht zu berücksichtigen. Daher wählte man einen Diktator auf Zeit.
Um nicht – wie 1933 – einem sich möglicherweise inzwischen machtgierig gewordenen Despoten die Möglichkeit zu geben, einen neuen Weltkrieg vom Zaume zu brechen, beschloss man, dem vorläufigen Diktator Jauch eine elektronische Fußfessel anzulegen. Würde sich die Mehrzahl der Bundesbürger nicht mehr mit den Entscheidungen des Diktators auf Zeit einverstanden erklären, würde die Fußfessel einrasten, und man würde seiner habhaft werden können, wo auch immer er sich aufhielte.
Aber was würde Günter Jauch tun können?
Alle waren zufrieden. Alle hatten nun die gleichen Chancen, etwas aus sich zu machen, gleichgültig ob ehemaliger ALG-2-Empfänger oder Milliardär.
Es kam wie es kommen musste.
Ein paar reisten für den Rest ihres Lebens in der Weltgeschichte umher (z. B. Paul Uhl). Andere kauften oder mieteten kleine Karibikinseln, ernährten sich von Kokosnüssen und schrieben nur noch Gedichte und Romane (z. B. ich), und wieder andere nahmen jeden Tag ein wenig von dem Geld, was ihnen überlassen worden war und kauften bei Aldi, was sie sonst sowieso gekauft hätten (z. B. die meisten der Normalos). Sie rechneten sich aus, dass ihr Geld auf die Art bis zum Lebensende reichen würde.
Nach einem Jahr hatten die Produzenten von Wirtschaftsgütern längst ihre Fertigungsanlagen von der ESB-Bank, aus den Gewinnen finanziert, gekauft, die Frauen konnten vor Schuhen und Handtaschen ihre Wohnungen nicht mehr verlassen und die Weltreisenden hatten keine Lust mehr, sich weiter umzusehen, weil sie längst alles gesehen hatten (aber nicht Paul).
Weil genügend Geld im Umlauf war und jeder genug davon hatte, erhöhten die Inhaber der Produktionsmittel die Preise bis zur Unkenntlichkeit, die Inflationsrate stieg gewaltig, so dass die Million bald nichts mehr wert war.
Die Mehrheit der bundesrepublikanischen Bevölkerung fand die Entwicklung ungerecht und machten Günter Jauch allein dafür verantwortlich. Die elektronischen Fußfesseln rasteten ein, und man wählte ein Parlament, in dem alle relevanten Gruppen und Kandidaten vertreten waren.
Vielleicht können wir’s in hunderttausend Jahren noch einmal versuchen, wenn die Evolution die Vernunft bevorzugt hat.
Ich glaube nicht dran und bleibe bis dahin auf meiner Insel.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.01.2010.
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