Lieselore Warmeling

Das zweite Standbein

Sieglinde ( 30), nach wie vor auf der Suche nach Mister Right, ging mir mal wieder erheblich auf den Senkel.

Sie verstand sich als Ratgeber in allen Lebenslagen und selbigen vergab sie dann reichlich und vor allem unerwünscht.
Sie wurde schmallippig wenn man sich weigerte, ihre Sicht aufs Leben als stimmig anzusehen.
Was aber schon deshalb häufig geschah, weil ihr eigenes Leben eher einem Aneinanderreihen von Pannensituationen glich.

Ihr erstes Date - Folge eines Internetkontaktes - verlief katastrophal, denn der etwas unschlüssige Kandidat wollte sie auf einer Inlineskatbahn treffen und Sieglinde hatte vergessen zu erwähnen, dass sie Bewegungslegastheniker war .
Ihre totale Unsportlichkeit war leider im Vorfeld nie ein Thema gewesen.

Desaster vorprogrammiert.
Dass man einfach nur ums Haus marschieren könne und das dann als sportliche Variante in Frage komme, war ihm nicht zu vermitteln.

Ich kannte Sieglinde aus Studienzeiten, wir hatten uns ein Zimmer geteilt und schon damals war sie auf dem Weltveränderungstrip, aus dem dann allerdings auch nichts wurde.
Sie gab den auf, als sich erwies, dass die Polizei sie bei einer Blockierung der Straßenbahngleise nicht mal wegtragen wollte, sondern sie ihren Protest gegen eine Fahrpreiserhöhung im strömenden Regen aussitzen ließ, die Bahn war ohnehin mit einem technischen Schaden im Betriebshof geblieben.

Wir verloren uns nie aus den Augen.
Auch nicht, als Sieglinde als jugendliche Naive in einem Provinztheater anheuerte und fortan endlich die Miete für ihre Dachgartenwohnung ohne die Finanzierung ihrer Eltern aufbrachte.

Nach einer Serie zwischenmenschlicher Pannen, nach denen sie jedesmal bei mir aufkreuzte um den jeweiligen Lover tränenreich zu bezichtigen, ihr das Herz gebrochen zu haben , wurde es Zeit zu einer zielgericheten Planung ihres künftigen Daseins.

Wir saßen bei einem Glas Rotwein auf ihrer Terrasse und Sieglinde eröffnete mir, dass sie sich ein zweites Standbein zulegen werde und müsse, denn die Schauspielerei habe durchaus ihre Grenzen, als komische Alte wolle sie also nicht im Spielplan auftauchen.

Nicht, dass sie hätte beraten werden wollen, meine Zustimmung brauchte sie lediglich für den ersten Einsatz bei der Organisation eines so genannten Jumping-Dinners.
Wortreich erklärte sie mir, dass dies die moderne Variation einer Partnervermittlung sei und bis ins hohe Alter gewinnträchtig betrieben werden könne.

Meinen Einwand, dass ich immerhin in einer festen Beziehung sei und Andreas, mein Zukünftiger, es wohl nicht so gerne sehe, wenn sie ihr zweites Standbein mit meiner Hilfe aufbaue, fegte sie kurzerhand mit der Bemerkung beiseite, ob ich etwa wolle, dass sie irgendwann, ausgemustert am Theater, ihr Dasein auf dem Rummel in einer Geisterbahn friste.
Sieglinde wartete meine Antwort gar nicht ab.
Bei ihrer wortreichen Schilderung hatte ich allerdings den Eindruck, dass sich auf dieser Kontaktbörse der besonderen Art, die Letzten der

es-hat-schon-wieder-nicht-geklappt-Enttäuschten  auf neutralem Boden trafen.

Die erste Zusammenführung geschah zwischen drei Männern und drei Frauen, die nicht mehr voneinander wussten, als dass sie sich jeweils als Köche zu beweisen hatten , was wohl als eine Art Auflockerung gedacht war.

Sieglinde und ich hatten das Anfangslos gezogen  -zugegeben mit einigen Tricks von Sieglindes Seite - und durften in ihrer Wohnung die Vorspeise anbieten.
Es wäre erheblich bedenklicher geworden, wenn Sieglinde das Hauptgericht hätte auftischen müssen. Das hätte mit einem kulinarischen Fiasko geendet, denn meine liebe Freundin konnte allenfalls eine dekorative Kleinigkeit servieren, als Köchin war sie die totale Fehlbesetzung , ihre Braten hatten die Konsistenz altbackener Schuhsohlen und die Beilagen waren zumeist derart verkocht, dass nicht mehr zu erkennen war, aus welchem ernährungsbewussten Umfeld sie stammten.

Unsere Gäste waren eine Dame - geschätzte Enddreissigerin - mit dem Gehabe einer Sonderschullehrerin, was bedeutete, sie nannte dreimal ihren Vornamen *Tilda* und starrte uns dann aufmerksam an, als wolle sie erkennen, ob diese Nachricht angekommen und vor allem verstanden worden sei.

Die drei Männer, Leo, Markus und Erich, konnten unterschiedlicher gar nicht sein.

Leo, markige Stimme, allerdings etwas flachbrüstig, was vermuten ließ, er habe die Stimme in einem Wochenendseminar für Laienschauspieler trimmen lassen.
Markus, sanftes Gesicht, Augenwimpern wie ein Model für Wimperntusche, aber Hände wie ein Schaufelradbagger, was ihn für Sieglinde nicht uninteressant machte, denn sie liebte das, was sie *zupackende Hände* nannte.

Der Dritte aber ließ auch bei mir zumindest erwachendes Interesse aufflackern.
Auf den ersten Blick stinknormal, äußerlich eher unauffällig, bis auf ein leichtes, kaum merkbares Hinken seines linken Beines, aber mit einem Mutterwitz gesegnet, der die beiden anderen im Handumdrehen zu Statisten degradierte.

Witz muss angeboren sein, und Erich war der beste Beweis für die Theorie, dass echter Witz den Hörer ebenso überrascht wie den Sprecher, er ist einfach situationsbedingt und entsteht auch aus dieser Situation.
Was konnte zudem komischer sein, als ein solches Treffen und Erich verstand es, daraus eine einzige Quelle der Heiterkeit zu machen.
Unverkrampft und leicht wie Mousse au Chocolat..und...ebenso gehaltvoll.

Zweite Station auf der kulinarischen Reise dieses Abends war Tildas Wohnung und ein Hauptgericht für Veganer, das die angenehme Stimmung, die sich dank Erichs Humor eingestellt hatte, jäh abflachen ließ.

Erich rettet das Fiasko mit der Idee, einander mit dem Zitieren von Sprüchen zu unterhalten, was unsere Oberlehrerin sofort damit versöhnte, dass ihre fleischlose Katastrophe fast unangerührt wieder abgeräumt wurde.
Hier war sie in ihrem Element oder glaubte es zu sein, wobei sich ihre Zitate allerdings eher Bibelsprüchen näherten, zu denen einem beim besten Willen nichts einfiel, dass sie bezüglich Trockenheit hätte toppen können.
Ehe die kleine Gesellschaft in Tristesse ersaufen konnte, deklamierte Erich heiter:


Es sitzt ein Vogel auf dem Leim,
er flattert sehr und kann nicht heim
ein schwarzer Kater schleicht herzu
die Krallen scharf, die Augen gluh.
Am Baum hinauf und immer höher
kommt er dem armen Vogel näher.
Der Vogel denkt, weil das so ist
und weil mich doch der Kater frisst
so will ich keine Zeit verlieren
will noch ein wenig quirilieren
und lustig pfeifen wie zuvor,
der Vogel scheint mir, hat Humor

(W. Busch)

Ob Tilda den diskreten Hinweis verstand war eher zweifelhaft, sie hatte dem süffigen Tischwein mehr als die Ehre erwiesen und war inzwischen ziemlich angesäuselt. was gar nicht zu ihrem Veganer-Status passte und sie zudem leicht weinerlich machte.
Als Markus zum Aufbruch drängte, weil in seiner Wohnung der Nachtisch zu servieren war und er befürchtete, sein sorgfältig hergestelltes Soufflè dürfte eventuell seine locker flockige Konsistenz verlieren, schoss sie den Vogel ab.
Mit leicht verschwimmendem Blick klammerte sie sich an Markus Arm und hielt ihm ihren Nacken hin mit der Aufforderung, zu bestätigen, dass man nichts mehr sehen könne.


"Sehen? Was?" fragte der etwas verblüfft.
" Meine O.P, Du musst nämlich wissen, ich bin ein medizinisches Wunder," gab Tilda mit etwas verhuschter Stimme bekannt, "ich hatte neulich eine Geschwulst im Nacken und als die rausgeschält wurde, was meinste wohl, was man dabei gefunden hat?"
Weder Markus noch der Rest der kleinen Gruppe schien sonderlich daran interessiert, irgendwelche unappetitlichen Einzelheiten zu erfahren, aber Tilda war nicht zu stoppen.
"Man hat mir meinen Zwilling herausoperiert, sagte sie weinerlich, und stell Dir mal vor, das war ein winziger Embryo, mit Zähnen und allen Knochen, bis auf das linke Beinchen, das muss ihm abhanden gekommen sein.. Jetzt frage ich Dich, was hat das zu bedeuten?
Bin ich eine Mörderin, weil ich diesen Zwilling doch offensichtlich verhindert habe, ihm jede Nahrung weg gefressen haben muss? Die Vorstellung, dass ich auch sein linkes Beinchen"..Tilda brach schluchzend über dem Tisch zusammen.

Der samtwimprige Markus umfasste Tilda mit seinen riesigen Händen und fragte tröstend, aber wenig hilfreich: " Ach so, deshalb bist Du Veganer, wusstest Du denn nicht, dass eine fleischlose Ernährung den Sextrieb gegen Null fährt?"

An der Stelle zischte Sieglinde; " lass uns abhauen, ich glaube, dieses Fiasko hier wird mit Sicherheit nicht mein zweites Standbein, ich eigne mich wohl nicht zur Unternehmerin.

Bliebe noch festzuhalten, dass wir beide mit Erich in Verbindung blieben, sein Humor Sieglinde unwiderstehlich anzog und beide ein Jahr später im Ehehafen landeten.

Und das, obwohl sich heraus stellte, dass sein leichtes Hinken dem Tragen einer Beinprothese zuzuschreiben war, er hatte sein linkes Bein bei einem Unfall verloren, was weder sein Leben, noch das von Sieglinde im geringsten beeinträchtigte.

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