Dirk Huck

Des Teufels Küche

Südlich von Dublin liegt auf der Anhöhe des Mountpelier Hill die verlassene Ruine eines einstigen Sommerhauses. Kurz nach seiner Fertigstellung (ca. 1725) fegte ein Sturm über das Gebäude und riss das Ziegeldach ab. Man sagte, es war das Werk des Teufels, da das Haus auf der Stätte eines prähistorischen Hügelgrabes erbaut worden war und man die Steine sogar als Baumaterial verwendet hatte. Es wurde ein neues Dach ganz aus Stein errichtet, das der Teufel bis heute nicht abgedeckt hat. Aber vielleicht war er auch mit dem zufrieden, was er in dem Haus bekam.

Die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts war eine einigermaßen ruhige Zeit in Irland. In der Schlacht an der Boyne (1690) war der heftige Streit zwischen Katholiken und Protestanten vorerst (blutig) beigelegt worden, zugunsten der (englischen) Protestanten. Nach der Enteignung der katholischen Landbevölkerung hatten englische Großgrundbesitzer das Sagen. Neben viel Geld hatten sie vor allem eines: Langeweile.

Richard Parsons, Earl von Rosse, und Colonel Jack St. Leger gründeten um 1735 in Dublin den Hell Fire Club. Die Mitglieder waren allesamt Lebemänner, die vor allem eines waren: Reich und gelangweilt. Sie fielen besonders durch anstößiges, aggressives und gefährliches Verhalten auf. In ihren Versammlungen frönten sie ihrer Spielleidenschaft und betranken sich mit einem Gebräu aus irischem Whiskey und geschmolzener Butter. Bei einem dieser Gelage schnappten sie sich eine Katze, tränkten sie in einem Fass mit Whiskey, zündeten sie anschließend an und entließen sie, lichterloh brennend und fürchterlich jaulend, in die Straßen von Dublin.

Der Hauptsitz des Clubs war der Pub "The Eagle Tavern on Cork Hill" in der Nähe von Dublin Castle. Das von William Connolly auf dem Mountpelier Hill errichtete, einsam gelegene Sommerhaus bot ihnen die optimale Stätte für ihre "Versammlungen". Dort konnten sie in aller Ruhe ihren schaurigen Aktivitäten nachgehen. Schon bald beschäftigten sie sich mit schwarzer Magie, hielten schwarze Messen ab und sprachen Trinksprüche auf den Teufel aus.

Der ließ sich nicht lange bitten. Man erzählt sich, wie sie eines Nachts, als ein fürchterlicher Sturm um das Haus tobte, einem fremden Wanderer Unterkunft boten. Sie spielten gerade ein Kartenspiel mit hohen Einsätzen, und der Fremde wurde eingeladen, der Runde beizutreten. Der Fremde nahm die Einladung an und das Spiel ging weiter. Die Einsätze stiegen, und die Stimmung wurde immer ausgelassener. Schließlich setzten sie den höchsten Einsatz: Ihre Seelen. Der Fremde gewann das Spiel. Und dann erst sahen sie zu ihrem Erschrecken, dass er einen Pferdefuß hatte. Geschockt starrten sie ihn an, als er sich langsam von seinem Platz erhob und in die stürmende Nacht hinaustrat.

Einige Zeit später kam er, um seinen Gewinn einzufordern. Die Männer des Clubs beschäftigten einen kleinen Jungen von einer nahe gelegenen Farm als Diener und Schankwirt. Eines Tages verschüttete der Junge aus Versehen etwas Whiskey auf den Mantel des berüchtigsten Mitglieds des Clubs, Richard "Burn-Chapel" Whaley. Dieser, bereits sturzbetrunken, geriet außer sich vor Zorn. Er überschüttete den Jungen mit Whiskey und zündete ihn an. Unter dem Gelächter der Männer rannte der Junge brennend und schreiend in dem Haus herum, und setzte Vorhänge und andere leicht entflammbare Materialien in Brand. Schnell griff das Feuer um sich, und bald schon stand das ganze Haus in Flammen. Ein paar der Männer konnten sich nach draußen retten, die meisten aber, die bereits zu betrunken waren, verbrannten in den Flammen.

Das Feuer von 1740 setzte dem Treiben des Clubs ein Ende. Seitdem steht das Haus leer und verlassen. Noch heute kann man an den Wänden und Decken die Rußspuren sehen, was dem Gebäude den Namen "the Devil's Kitchen" - "des Teufels Küche“ eingebracht hat.

Das Hell Fire Club Lodge ist nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Von der nächstgelegenen Haltestelle (Ballyboden Road/Talbot Lane) muss man einen etwa einstündigen Fußmarsch in Kauf nehmen – oder mit dem Auto anreisen. Man folgt Stocking Lane und Kilakee Road in Richtung Süden, über schmale Landstraßen, die sich langsam die Ausläufer der Dublin Mountains hinaufarbeiten. Kurz nach Massey’s, einer kleinen Häusergruppe entlang der Straße, kommt man zu einem kleinen Parkplatz, der mit dem Schild "Hell Fire Wood“ bezeichnet ist. Vom Parkplatz führt ein schmaler Pfad steil den Hügel hinauf, mitten durch einen dunklen Tannenwald.

Eine unheimliche Stille begleitete mich, und umgestürzte Bäume versperrten den Weg. Obwohl es am Tag meines Ausflugs dorthin sonnig und warm war, war die Kälte, die von diesem Ort ausging, deutlich zu spüren.

Auf der Spitze des Hügels befindet sich eine große Lichtung, in dessen Mitte das verlassene Gebäude liegt. Die Besonderheit des Ortes wird einem schnell bewusst: Von der Anhöhe aus hat man einen wunderbaren Blick auf Dublin. Bei guter Sicht kann man die ganze Bucht bis hinauf zur Halbinsel Howth überblicken. Diesen Anblick müssen auch die Mitglieder des Hell Fire Clubs vor fast 200 Jahren genossen haben. Und er muss ihnen das Gefühl vermittelt haben, von hier oben ganz Dublin in ihren Händen zu halten.

Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, das verlassene Haus zu betreten. Die Räume auf der untersten Etage sind niedrig und dunkel, durch die kleinen Fenster fällt nur wenig Licht. Festgetretene Erde bedeckt den Boden. Eine schmale Treppe führt in die zweite Etage, wo ein langer Gang entlang der Fensterfront zwei etwas größere Räume verbindet. Hoch über mir laufen die groben Steinwände zusammen und formen das ungewohnte Steindach. Deutlich sind in den Wänden die Kamineinfassungen zu sehen, sowie jeweils rechts und links davon kleinere Einfassungen, in denen damals vielleicht Skulpturen oder Kerzen gestanden haben.

Es braucht nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, wie die Männer vor den Kaminfeuern versammelt saßen und beim Blick in die knisternden Flammen ihre schaurigen Pläne schmiedeten. Vor welchem Feuer mag sich in jener stürmischen Nacht der Fremde gewärmt haben, von allen argwöhnisch gemustert, bevor sie ihn zu ihrem verhängnisvollen Kartenspiel einluden?

Der Brand auf dem Hügel hoch über Dublin muss von weither gut zu sehen gewesen sein, und hat sich im Volksmund erhalten. Neue Nahrung erhielt die Geschichte durch einen besonderen Fund im Jahre 1970. Bei Restaurationsarbeiten an einem nahegelegenen Bauernhof entdeckten Arbeiter ein nicht markiertes Grab. In dem Grab befanden sich die Überreste eines Kindes...

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.02.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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