Pierre Heinen

Das hier ist meine Straße, Amigo!

Ich mag es, wenn es nieselt. Ich fühle mich dann erfrischt und rein. Regen ist mir zu nass und die Tropfen sind zu spürbar. Sprühregen verteilt das Wasser viel sanfter. Aber an das Wetter sollte ich jetzt keinen weiteren Gedanken mehr verlieren. Ich stehe nämlich an einer Kreuzung und suche vergebens seit einiger Zeit nach Passanten. Ich bin allein und habe mich verlaufen. Da kann ich das Wetter auch noch so schön finden, meine Orientierung ist es, die ich jetzt verfluchen sollte.

Wo bin ich vorhin falsch abgebogen? Die Straßen in diesem Viertel sehen irgendwie alle gleich aus: trist, grau und leer. Bislang habe ich noch nicht mal ein Auto vorbeifahren sehen. Ist das eine Filmkulisse?

Die Armbanduhr gibt mir noch etwa eine Viertelstunde, dann wird sie und die vielen anderen Zeitmessgeräte meinen Zug abfahren lassen. Ob ich den Bahnhof überhaupt rechtzeitig finden werde?

Ich überquere die Straße. Ein Mann kommt mir auf einmal entgegen. Wo kommt der denn plötzlich her? Vielleicht eine Person die sich hier auskennt? Mir helfen kann?

Er trägt einen altmodischen Geschäftsanzug und einen breitkrempigen Hut. Freundlich sieht er nicht aus, eher hinterlistig, wie ein kleiner Gauner auf der Suche nach einer passenden Gelegenheit. Er stellt sich mir breitbeinig in den Weg. Das gefällt mir schon mal gar nicht.

„Das hier ist meine Straße, Amigo!“, knurrt er mich an und schaut auf eine kleine Karte die er in den Händen hält.

„Können Sie mir helfen?“, frage ich vorsichtig. „Ich suche den Hauptbahnhof und habe mich verlaufen.“

„Das kann jeder sagen!“, gibt er mir hämisch grinsend zu verstehen und hält mir seine leere Hand hin. „Das macht 250 Euro! Bar auf die Hand! Sofort!“

Ich schlucke und sehe ihn fassungslos an.

„Das Haus da hinten gehört mir, das mit den grünen Fensterrahmen“, fügt er kaltschnäuzig hinzu.

Ich bin verblüfft. Was soll ich denn davon halten? Anstatt mir zu helfen, will der Lump einfach so Geld von mir? Ich räuspere mich und setzte meinen Weg fort. Ich ignoriere ihn am besten. Das letzte was ich tun werde, ist einem Unbekannten mein schwer verdientes Geld unter den Hut zu schieben. Dann noch lieber in den A....

„Amigo!“, schreit der Mann mir hinterher. „So geht das aber nicht!“

Ich fange an zu rennen. Irgendwo muss doch wer sein. Was, wenn er eine Waffe hat? Wer wird mir dann helfen?

„Stehenbleiben!“, brüllt er und ich höre, dass er hinter mir herläuft. „Ich will mein Geld!“

„Ich will zum Bahnhof!“, rufe ich laut und biege um die Ecke.

„Du schummelst!“, zetert er und kommt näher an mich heran. „Du bist ein Spielverderber!“

Mir gefällt der sanfte Niesel. Er schreit mich nicht an und will kein Geld von mir. Er ist lieb.

Max steht auf und reißt das Minipilo-Spielbrett zu Boden. Figuren, Geldscheine und Karten liegen auf dem Teppich verstreut, so als hätte eben eine Bombe eingeschlagen.

„Ich spiel nie wieder mit dir!“, brüllt Tom, der ältere Bruder von Max. „Du Idiot!“

„Könnt ihr nicht etwas leiser sein?“, fragt die Mutter aus der Küche. „Robert bekommt gerade seinen Brei.“

Draußen scheint die Sonne.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.02.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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