Karl-Heinz Fricke

FC St. Pauli wird 100

 

F.C. St. Pauli’s hundert jähriges Bestehen.

Die Kriegs -und ersten Nachkriegsjahre hatten den beliebtesten Volkssport, den Fussball, in den Städten fast ganz zum Erliegen gebracht. Viele der Sportanlagen und Stadien waren Bombenangriffen zum Opfer gefallen, und der Wiederaufbau von Wohnhäusern und lebenswichtigen Anlagen und Strukturen hatte Vorrang vor Dingen, die damit nicht unmittelbar in Verbindung standen. Der Fussballsport war auch davon betroffen, aber in Städten, die verschont geblieben waren, wurde das braune Leder schon wieder gekickt. Das traf auf meine Heimatstadt Goslar zu, und zwei Vereine nahmen den Betrieb bereits im Jahre 1946 wieder auf. Allerdings lag es mit Spielgegnern noch sehr im Argen, und so wurde hauptsächlich trainiert und Freundschaftsspiele ausgetragen. Ich spielte damals in der ersten Jugendmannschaft von Goslar 08. Die Transportfrage war immer groß, aber wir fanden Gegner in entfernten Orten per Eisenbahn, oder benutzten Fahrräder zu den umliegenden Dörfern. Sehr schnell wurden wir als eine erfolgreiche Mannschaft bekannt und zu unserer Überraschung, bekamen wir im Jahre 1946 eine schriftliche Einladung vom FC St. Pauli mit der freundlichen Aufforderung, anlässlich der Einweihung des Millerntor Stadions gegen die Jugendmannschaft des FC St.Pauli das Vorspiel zu bestreiten. Das Hauptspiel war das erste große Fussballspiel zwischen der Herrenmannschaft des FC St.Pauli und den berühmten Schalker Knappen, die damals noch mit Namen wie Szepan, Kuzorra, Tibulski, Burdenski und den Gebrüdern Hans und Bernie Klodt die Fussball Idole vieler Fans waren. Unsere Begeisterung kannte keine Grenzen, und natürlich sagten wir postwendend zu.

Bei unserem Eintreffen auf dem Hamburger Hauptbahnhof begrüßte uns ein Repräsentant von St.Pauli, der uns auf verschiedene Residenzen verteilte. Mit zwei Mannschaftskameraden kam ich zum Eiergroßhändler Sump, dessen Sohn im Sturm der St.Pauli Herrenelf spielte. Mehrere seiner Mitspieler waren National-spieler, die vorher dem Soldatenklub L.S.V. Hamburg angehört hatten, der unter anderem während des Krieges um die Deutsche Meisterschaft mitspielte.

Die Nacht vor unserem Spiel und dem großen Ereignis am folgenden Tage, ließ uns vor Spannung kaum schlafen. Leider erwartete uns eine Enttäuschung, da man uns mitteilte, dass es nicht möglich sei, im Stadion das Vorspiel verantworten zu können, damit der neue Rasen geschont würde.Heftige Regenschauer waren in der Nacht gefallen. Was allerdings später dem neuen Rasen passieren würde, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht abzusehen. Auf einem Übungsplatz neben dem Stadion fand dann unser Spiel gegen die St,Pauli Jugend vor nur wenigen Zuschauern statt. Der Platz war sehr uneben und ließ ein gutes Spiel nicht zu. Wir verloren dann auch verdient mit 5:3. Nach dem Spiel zogen wir uns schnell um und besetzten die für uns reservierten Plätze nahe der Aschenbahn im Stadion. Schon eine Stunde vor Spielbeginn war es total ausverkauft. Hinter dem Tor jedoch stand eine unübersehbare Menschenmenge, die keine Eintrittskarten mehr bekommen konnte, aber die genau so fussballhungrig war. Kurz vor dem Anpfiff kam Bewegung in die Menge, und nachdem das große eiserne Tor dem Massendruck zum Opfer gefallen war, strömten die Menschen in das voll besetzte Stadion. Sich vorwärts wälzend war nicht nur die Aschenbahn von den Massen eingenommen worden, sondern die Leute standen sogar hinter den Toren und etwa 5 Meter im Spielfeld an beiden Längsseiten. Vor unseren guten Plätzen stand eine dunkle Menschenwand, die es verhinderte, dass wir das Spiel bis auf hochgeschossene Bälle nicht sehen konnten. Man sagte uns später, dass es in einem 1:1 Unentschieden geendet hatte. Enttäuscht verließen wir das Millerntor Stadion, und bereiteten uns vor, der Einladung zu einer Nachfeier im Alcazar auf der Reeperbahn Folge zu leisten. Wir wurden auf diese Weise ein wenig entschädigt und hatten die Gelegenheit mit den großen Fussball Helden zusammen sein zu können. Zu der Zeit mangelte es jedoch noch an vielem, und privat gebrauter Rübenschnaps wurde in dickwandigen Kaffeetassen großzügig ausgeschenkt. Während wir Jungen uns dem Konsum dieses Getränkes enthielten, schien es den anderen Gästen und Herrenspielern kein Problem zu bereiten und sie langten fleißig zu. Die Wirkung davon zeigte sich bald und Fritz Szepan, der damals wohl populärste deutsche Fussballspieler, reichte mir die Hand and sagte lallend er brauche 10000 Zuschauer, die ihn nach Hause brächten. Es war ein Moment, den ich nach all den Jahrzehnten nicht vergaß.

Am folgenden Morgen nach dem Frühstück bedankten wir uns bei unseren Gastgebern  und der Zug brachte uns zurück nach Goslar.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.02.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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