Marion Redzich

Die Kofferbombe

                                          

 

Der Tag war anstrengend. Jetzt wollte ich eigentlich nur noch nach Hause. Ein bisschen fernsehen, die Füße hochlegen. Abschalten.

Es war schon spät am Abend. Die meisten Berliner waren wohl längst zuhause. Bei ihren Familien. Auf dem Bahnsteig standen kaum noch Menschen.

Endlich fuhr die U-Bahn ein. Ich war allein im Abteil. Nein, stimmt nicht, in einer Ecke lag ein schmuddelig wirkender Mann in einem dreckigen langen Mantel, der sicher schon bessere Zeiten gesehen hatte. Neben ihm eine mehr oder weniger volle Bierflasche.

Ich verkrümelte mich in die entgegen gesetzte Ecke des Abteils und guckte aus dem Fenster.

Der Zug fuhr los und ich ließ den Tag noch mal Revue passieren.

Meine Blicke schweiften durch das Abteil und blieben an einem Koffer hängen, der in der Nähe des Obdachlosen neben der Abteiltüre stand. Er war nicht allzu groß, sah aus wie ein Designer-Aktenkoffer. Schwarz, gepflegt mit silberfarbenen Schnallen.

„Merkwürdig. Den muss wohl jemand hier vergessen haben“ dachte ich nur, dann schaute ich zu meinem Abteilnachbarn rüber. Der schien tief und fest zu schlafen.

Der Zug hielt an der nächsten Station. Niemand stieg ein.

Unruhig schaute ich wieder zu dem Koffer rüber. Die Warnungen auf den U-Bahnhöfen, auf fremde Gepäckgegenstände zu achten, schossen mir durch den Kopf.

Offensichtlich war dieser Koffer hier herrenlos.

„Und wenn da ne Bombe drin ist?“ Dieser Gedanke ließ mich nicht mehr los. Zu oft hatte es in den letzten Wochen Schlagzeilen über mögliche Terroranschläge in Deutschland gegeben.

Plötzlich war ich hellwach. Die Gedanken in meinem Kopf überschlugen sich.

„Wenn da wirklich eine Bombe drin ist? Dann werde ich meine Familie nie mehr wieder sehen. Aber ich hab doch noch so viel vor. Nein, so will ich nicht enden. Ich will mich doch wenigstens von meinen Lieben verabschieden können“ Meine Gedanken rasten. Mein Puls auch. Mir war schlecht und ich schwitzte, obwohl es Winter war und das Abteil kaum beheizt. Plötzlich glaubte ich, aus der Richtung wo der Koffer stand, ein Geräusch zu hören.

Ich lehnte mich weit vor und lauschte.

Ja, tatsächlich. Ich hörte, leise zwar, aber deutlich vernehmbar ein rhythmisches Klopfen.

„In diesem Psycho-Thriller neulich. Da war doch auch so ein Klopfen zu hören, kurz bevor die Bombe hochging“ dachte ich. Mir wurde schlecht.

Wenn der Zug anhielt, wollte ich aussteigen und sofort die Polizei benachrichtigen.

Doch noch während ich damit beschäftigt war, Fluchtpläne zu schmieden, erhob sich mein Mitreisender von seinem Sitz, ging zur Tür und griff nach dem Koffer.

Ich hielt den Atem an.

Der Zug hielt ebenfalls, die Tür öffnete sich und der Mann stieg mitsamt dem Koffer aus.

Mein Herz klopfte. Es war das gleiche Klopfen, das ich vorhin gehört hatte…

 

 

 

 

 

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