Simone Willrich

Resi und Jakob

 

Langsam schlurft Jakob durch die Gänge des Seniorenheims. Das Mittagessen hat er ohne viel mit den anderen reden zu müssen ganz gut hinter sich gebracht, nun ist er auf dem Weg zu seinem Zimmer, das eigentlich gar nicht richtig seines ist, sondern das er mit Alois teilen muss. Vielleicht hat der sich ja noch ein wenig in den Garten  verzogen, denkt Jakob hoffnungsvoll, denn Alois nervt ganz fürchterlich mit seinem endlosen Gelaber. Alles hier nervt Jakob. Das Haus, mit seinem ständigen Geruch nach Medizin, der Garten, mit dem immer perfekt kurzgehaltenen Rasen, Löwenzahn und Wildblumen findet man hier nicht, die Pfleger, immer aufgesetzt freundlich, und natürlich all die anderen alten Menschen, jeder mit seiner eigenen, traurigen Geschichte. Nur ganz wenige sind wirklich zufrieden und fast sogar glücklich. Die meisten anderen spielen sich selbst etwas vor. Selten sagt mal einer wie unglücklich er hier ist und das er sich für den Lebensabend eigentlich etwas ganz anderes vorgestellt hatte. Viele sind hier, weil die Familie Platz im Haus brauchte, das Zimmer von Oma oder Opa wollte der Teeni für sich haben. Andere waren freiwillig gegangen, um eben der jungen Familie nicht zur Last zu fallen. Manche sind zu Pflegefällen geworden, die Angehörigen kamen damit nicht zurecht. Und solche wie Jakob gibt es natürlich auch, solche, die gar keine Familie mehr haben.

Jakob hatte sogar einmal einen eigenen Bauernhof besessen, doch nach langem Kampf verlor er ihn an einen Baulöwen, der sich in den Kopf gesetzt hatte, dort ein hochmodernes Einkaufszentrum zu bauen. Mit den finanziellen Verpflichtungen kam Jakob nie zurecht, dafür war immer seine Frau zuständig. Als Trude ihren eigenen Kampf gegen den Krebs verlor, nicht mehr da war, um ihrem Mann den Rücken zu stützen, verlor dieser seinen geliebten Bauernhof und landete mehr oder weniger freiwillig hier, im Altenheim Friedenmut.

 

„Na, Jakob, geht’s zum Mittagsschläfchen?“

Jakob schreckt aus seinen Gedanken. Auf der Bank am Ende des Flures sitzen Peter und Rudi und machen mal wieder ihre doofen Witze. Jakob umklammert seinen Stock ein wenig fester und beschleunigt den Gang. Als er an den beiden vorbei ist, hört er sie miteinander tuscheln. „Also dem Jakob geb ich auch nicht mehr lange, so wie der hier rumschlurft und mit keinem reden will, der stirbt noch vor der Lore an Vereinsamung.“

„Ich bin dabei,“ sagt Rudi „zwanzig Mark drauf. Aber weißt du, die Erna von zweiten Stock hat heut Morgen mal wieder ganz schön gehustet, bei der ist es auch nicht mehr lange.“

„Also gut, auf den Jakob zwanzig und auf die Erna dreißig.“ ,antwortet Peter.

Hoffentlich verschluckst du beim Abendessen dein Gebiss, denkt Jakob ärgerlich und ist nun endlich vor seiner und Alois Zimmertür angelangt. Bevor er öffnet, presst er sein Ohr ganz fest gegen die Tür, um zu horchen, ob Alois drinnen ist, der Kerl schnarcht so laut, dass man ihn auch ohne Hörgerät unmöglich überhören kann. Alles ist ruhig. Gott sei dank, langsam öffnet Jakob die Tür, lugt vorsichtig um die Ecke, niemand da. Erleichtert tritt er ein, geht zum Fenster.

Ein Lächeln erscheint auf seinem sonst so grimmigen Gesicht. Da ist sie ja wieder! Die Schöne von gegenüber. Noch nie hat Jakob ein solch feines, wunderbares, so zartes Wesen gesehen. Sie steht vor einem gepflegten Einfamilienhaus im wunderschönen Garten. Sämtliche Blumensorten blühen um sie herum. Liebevoll streicht sie mit der einen Hand über eine Rosenblüte. In der anderen Hand hält sie eine kleine Harke. Ihr langes, weißes Haar hat sie heute zu einem Knoten gebunden, sogar von dieser Entfernung aus meint Jakob ihre Augen strahlen zu sehen. Sie sind bestimmt blau, so blau wie der Himmel an einem wunderschönen Sommertag.

Nun bückt sie sich und als sie wieder aufstehen möchte passiert es, sie kommt offensichtlich nicht mehr hoch, vielleicht ein Hexenschuss. Halb gebückt torkelt Jakobs Traumfrau durch den Garten, ruft etwas, doch niemand kommt.

Ich muss ihr helfen! Jakob schnappt seinen Stock und schlurft schneller als je zuvor Richtung Fahrstuhl, vorbei an Peter und Rudi die ihm mit offenen Mündern nachstarren. Aufgeregt hämmert er auf den Rufknopf, doch der verdammte Fahrstuhl lässt sich mal wieder alle Zeit der Welt. Endlich, nach geschlagenen drei Minuten öffnet das Ding seine Türen, Jakob hechtet fast hinein, bleibt dann mit seinem Stock an der linken Tür hängen. Er flucht, zerrt und zieht bis sich der olle Stock endlich löst und die Fahrstuhltüren zufrieden zuschnappen. E drückt er, E drückt er mindestens zwanzigmal bis sich die Türen wieder öffnen und Jakob beim Rauseilen Alois fast umwirft.

„ Ja, Jakob, was ist denn in dich gefahren?“, hört er Alois noch verwundert fragen, dann ist Jakob auch schon im Garten des Heimes. Hier noch schnell durch, dann hab ich’s gleich geschafft, denkt er und sieht von weitem seine Angebetete noch immer gebückt herumkraxeln. Immer näher kommt er ihr, jetzt ist er gestolpert, fängt sich aber wieder und ignoriert auch den Schmerz in der Lunge.

Zum Glück ist der Gartenzaun nicht allzu hoch, Jakob schafft es fast problemlos diesen zu übersteigen. Der Riss im Hosenboden ist egal. Und nun, nun steht er vor ihr, kam schnaufend an wie eine Dampfwalze und hat sie vollkommen erschrocken. Sie sieht nur seine Filzpantoffeln, hört seinen Atem, weicht entsetzt zurück.

„Wer, wer sind sie?? Was wollen sie von mir? Im Haus ist ein großer Hund, den rufe ich jetzt gleich!“

„Oh nein.... ich will nicht.... was denken sie.... ich möchte doch nur....“, stottert Jakob verzweifelt.

Zum Glück sieht sie sein Gesicht nicht, er hat einen hochroten Kopf bekommen, und zwar nicht nur vor Anstrengung.

Seine Stimme hört sich nicht an wie die eines Verbrechers, Resis Schreck weicht Ungeduld. „Ja, was wollen sie denn jetzt?“, fragt sie etwas genervt „sie sehen doch, ich befinde mich in einer recht unglücklichen Situation, ich habe mir beim Bücken irgendetwas ausgerenkt, glaube ich.“ 

„Ja, deshalb bin ich ja da“ meint Jakob unbeholfen. „Ich habs doch gesehen... da von meinem Fenster aus.“ Jakob zeigt Richtung Altersheim, dann fällt ihm ein, dass sie seinem Finger ja gar nicht folgen kann, schließlich muss sie immer noch auf den Boden gucken. Jakob bückt sich, dreht sein Gesicht nach oben, guckt genau in das ihre. Oh, oooh, ihre Augen sind wirklich Sommerhimmelblau. Jakobs Wangen werden noch roter, er schnauft immer noch ein bisschen. Einige Sekunden sehen sie sich an, dann meint Resi:

„ Wollen sie mir denn nun helfen oder mich endlos anstarren? Lange halte ich das nämlich nicht mehr aus!“

„Oh, Verzeihung, natürlich helfe ich Ihnen, hier nehmen sie meine Hand, ich werde sie zur Bank dort drüben führen.“

Sie richtet sich ein wenig auf. „Ich glaube es geht schon ein bisschen besser.“

Dann legt sie ihre zierliche, kleine, zarte Hand in Jakobs große, raue Pranke. Ein kleiner Schauer überläuft ihn. Langsam, behutsam führt er Resi zur Bank, und gerade als er ihr beim Hinsetzen helfen will, erscheint eine große Frau in der Terrassentür.

„ Mama, was ist denn hier los?“, ruft sie unwirsch.

„Es ist wieder der Wirbel, Madlen, ich komme nicht mehr hoch.“ antwortet Resi. Aufgeregt kommt die Frau näher, schiebt Jakob unsanft zur Seite, greift nach ihrer Mutter und verfrachtet diese Richtung Haus, lässt Jakob einfach stehen.

„Ja, auf Wiedersehen, dann, und gute Besserung.“ ruft Jakob ihr hilflos nach.

„Auf Wiedersehen und vielen Dank, Herr...“

„Miesel“ schreit Jakob fast.

„Herr Miesel.“ wiederholt Resi leise. Nur ihre Tochter hört es und drängt die Mutter schneller ins Haus. Jakob sieht ihr noch nach bis die Terrassentür geschlossen wird und der Vorhang zugezogen ist. Dann macht er sich langsam auf den Rückweg. Ihre Hand spürt er noch immer in der seinen.

 

Pfeifend erscheint Jakob zum Abendessen. Pfeifend schnappt er sich seinen Teller und pfeifend geht er an all den anderen Tischen vorbei, setzt sich an seinen und fängt mit ungewöhnlichen Appetit an zu essen. Er bemerkt nicht, dass ihn fast alle anstarren. Als er nun aufsieht, blicken die anderen schnell woanders hin und beginnen eifrig miteinander zu tuscheln. Alois sitzt zwischen Peter und Rudi, die nun beschlossen haben, ihn vorzuschicken. „Du kennst ihn doch am besten, sieh mal zu, was du rausfinden kannst, los, geh.“

Also setzt sich Alois in Bewegung, langsam schlendert er auf Jakob zu, bleibt wie zufällig neben diesem stehen, rückt seine Fliege, die er immer beim Abendessen trägt, gerade.

„Ach Jakob, da bist du. Ich hab schon mit Peter und Rudi zu Abend gegessen, weil du ja mal wieder nicht pünktlich warst. Aber ich leiste dir gerne noch ein wenig Gesellschaft.“

Und setzt sich, bevor Jakob sich wehren kann, neben ihn.

„Also, erzähl mal, was hast du es denn heute so eilig gehabt, hast mir ja fast ’n zweites Holzbein verursacht, hahaha.“

Da Jakob so fröhlich wirkt, versucht es Alois mit Humor. Doch zu seiner großen Enttäuschung nützt es überhaupt nichts.

„Geht dich und deinen Arthritis Klub überhaupt nix an, wo ich war.“, murmelt Jakob zwischen zwei Bissen.

„Aber Jakob“, säuselt Alois nach einem Blick auf Peter und Rudi, die ihm drängend zunicken, „ich mach mir doch nur Sorgen, nicht das noch irgendetwas Schlimmes passiert ist.“

Jakob blickt von seinem Teller hoch.

„Weißt du, Alois, so verkalkt bin ich noch nicht, dass ich pfeife, wenn etwas Schlimmes passiert, so was könnte höchstens dir passieren. Und jetzt lass mich in Ruhe essen bevor der Fraß hier Füße kriegt und mir vom Teller hüpft.“

„Irgendwann wirst auch du alter Sturkopf merken, dass du nicht immer alleine sein kannst, aber dann werde ich dir vielleicht nicht mehr helfen“, schmollt Alois und zieht von dannen um den anderen nichts zu berichten.

 

Am nächsten Morgen, Alois schnarcht noch friedlich, schaut Jakob als Erstes aus dem Fenster. Und tatsächlich, da ist sie wieder, pünktlich mit der ersten Morgensonne sitzt sie auf der Bank zwischen ihren Blumen. Das mit dem Wirbel scheint sich wieder getan zu haben, denn sie bewegt sich zwar vorsichtig aber recht gut. Bildet er sich das nur ein oder schaut sie  zu ihm hin? Auf jeden Fall blickt sie lange in seine Richtung, es ist unmöglich, dass sie ihn hinter der Scheibe sieht, doch er geht sicherheitshalber einen Schritt zurück, will ja nicht noch als Spanner verschimpft werden.  Dann wendet er sich ab und zieht sich so schnell es geht an. Frühstück brauch ich heute nicht, denkt sich Jakob und marschiert geradewegs hinaus, Ziel: Einfamilienhaus von gegenüber.

Langsam schlendert er am Garten vorbei, riskiert einen Blick zu ihr hinüber. Sie sieht ihn an.

„Ja, guten Morgen gnä Frau, geht es ihnen heute ein wenig besser?“, fragt er nachdem er seinen ganzen Mut zusammen genommen hat.

„Ach, sie sind es, ich habe sie nicht gleich erkannt, doch ihre Stimme...“ sie blinzelt verlegen. „Also, eigentlich brauche ich keine Brille, nur manchmal... doch das ist ein anderes Thema.“ Nun lächelt sie.

„Aber Herr Miesel, möchten sie sich vielleicht ein wenig zu mir setzen, mir etwas Gesellschaft leisten?“

Jakobs Herz rast.

„Aber gerne“ Fast behände und diesmal ohne kaputte Hose steigt er über den Zaun, verbeugt sich kurz vor ihr und setzt sich langsam, vorsichtig neben dies wunderbare Geschöpf. „Übrigens, mein Name ist Resi, Resi von Baumann.“ Grazil reicht sie ihm die Hand. Er nimmt diese in beide Hände und schüttelt sie etwas unbeholfen.

„Und ich heiße Jakob, meinen Nachnamen wissen sie ja bereits.“ strahlt er sie an.

 „Nun Herr.... Jakob Miesel, würden sie mir meine Hand bitte wieder geben, ihr Druck ist etwas stark.“

„Oh,“ Jakob bekommt wieder knallrote Ohren „das ist mir aber... bitte entschuldigen sie.“ und er zwingt sich sie freizugeben. Nun sehen sie sich in die Augen und Jakob fühlt sich wieder wie ein junger Bursche. Er ist aufgeregt, Herzklopfen, weiß nicht was er sagen soll. Nach einiger Zeit ergreift sie das Wort.

„So, Herr Miesel, sie wohnen also dort drüben im.....im...“

„Sagen sie es ruhig, im Altersheim wohne ich, ja das ist richtig. Nur keine Scheu vor dem Wort. Manch einer lebt halt bei seiner Familie in einem wunderschönen Haus mit Garten, und ein anderer landet im Altersheim.“, sagt er bitterer als er wollte.

Resi schnappt nach Luft. „Also, glauben sie mir, auch in einem wunderschönen Haus lebt es sich oft nicht einfach, es ist nicht alles Gold was glänzt, wissen sie.“ und sie senkt ihren Blick. Jakob spürt, dass sie traurig wird, versucht das Thema zu wechseln.

„Ich hatte mal einen Bauernhof, da war ein Garten mit wunderschönen Rosenbüschen, aber ihre Rosen sind wirklich noch schöner gewachsen. Wie machen sie das bloß? Haben sie nie Probleme mit Schädlingen?“

Sie sieht wieder auf, lächelt ihn an.

„Oh, da habe ich meine speziellen Mittelchen, wenn sie interessiert sind, kann ich sie gerne in mein Rosengeheimnis einweihen.“ 

Jakob strahlt, es hat geklappt.

„Gerne, Frau von Baumann, das würde mich ganz enorm freuen.“

„Also, hören sie gut zu“ Resi schlägt einen geheimnisvollen Ton an. „Zuerst müssen sie bei abnehmenden Mond..“

„Mutter! Was machst du denn schon wieder? Ich dachte du würdest mir beim Essen vorbereiten helfen, du weißt, dass wir heute Gäste haben.“

„Ihr habt Gäste“ flüstert Resi und laut: „Ja, mein Kind, ich komme ja schon!“

Damit steht sie zu Jakobs Entsetzen schon auf und verabschiedet sich von ihm.

„Ihre Gesellschaft war wirklich reizend Herr Miesel, ich danke ihnen für die angenehme wenn auch leider kurze Unterhaltung.“

Jakob springt trotz seiner Beinschmerzen auf, sagt gehetzt:

„ Auch für mich war es sehr schön, vielleicht..., vielleicht könnte man es wiederholen?“ „Mutter, nun komm!“ ruft die Frau, die immer noch in der Türe steht und beide mit Argusaugen beobachtet. Resi geht einige Schritte auf ihre Tochter zu, dreht sich noch einmal um und sagt:

„Gerne, Herr Miesel, schauen sie doch mal wieder vorbei.“

 

Das muss sie ihm nicht zweimal sagen, gleich am nächsten Tag steht Jakob wieder am Gartenzaun, und auch am übernächsten und am darauffolgenden Tag.

 

Seit dem Tod seiner Frau vor einer kleinen, langen Ewigkeit hat er sich nicht mehr so gut unterhalten.

 

Resi und Jakob reden über viele wunderbare und manchmal auch traurige Dinge. Doch sie werden immer wieder gestört. Entweder von Resis Tochter, die ihre Mutter bewacht wie ein eifersüchtiger Ehemann, oder von Peter und Rudi, die die ganze Sache nun doch herausgefunden haben und sich an den Gesprächen beteiligen wollen. Es ist zum Verrücktwerden. Da ist man nun schon so alt und darf immer noch nicht ungestört turteln. Nach einer Woche meint Resi zu Jakob

„ Herr Miesel, vielleicht wäre es besser, wenn wir uns von nun an zu Spaziergängen verabreden würden, wie sie sicher schon gemerkt haben, ist die ganze Sache meiner Tochter nicht recht, sie meint, es würde sich in meinem Alter nicht mehr schicken, sich mit einem Mann zu treffen. Sie ist da etwas....“

„Altmodisch und verbohrt“ fällt ihr Jakob ins Wort. „Liebe Frau von Baumann, ich beobachte das nun schon die ganze Zeit, lassen sie sich doch nicht so von ihrer Tochter terrorisieren, das ist nicht richtig, wie sie mit ihnen umgeht.“

„Aber Herr Miesel, sehen sie, ich muss doch dankbar sein, dass ich hier wohnen darf und ich falle den jungen Menschen doch schon genug zur Last.“

„Zur Last?!“ erbost sich Jakob „Die müssen doch froh und dankbar sein eine so fantastische Frau wie sie im Haus wohnen zu haben. Zur Last!“

Jakob beginnt vor Wut zu zittern. Aber bevor er ganz die Beherrschung verliert, legt ihm Resi zart einen Finger auf die Lippen.

„Nun regen sie sich doch nicht so auf“ flüstert sie, „ich...“

„Na, wen haben wir denn da, übernimm dich bloß nicht, Jakob, lass die hübschen Frauen lieber für ganze Gentleman, so wie wir es sind!“

Die haben mir gerade noch gefehlt, denkt Jakob. Peter, Rudi und Alois kommen grinsend angeschlendert. Jeder mit einer Rose in der Hand.

„Eine Rose für die schönste aller Blumen“ säuselt Rudi und reicht Resi seine Rose, mit Handkuss. Die anderen tun es ihm nach. Dann lehnen sie sich links und rechts von Resi und Jakob an den Zaun, Alois versucht Jakob ein wenig rüberzuschubsen, gibt aber sofort auf als er dessen Blick begegnet.

„Was findet eine solch begehrenswerte und gebildete Frau wie sie bloß an einem solchen Bauern, erklären sie mir das mal bitte, liebste Frau Resi.“, schleimt Peter.

„Lieber einen Bauern, als einen Affen!“ erwidert Resi mit einem süßen Lächeln, sagt dann zu Jakob:

„Morgen wieder?“ und geht schwingenden Rockes davon.

Als Jakob die verblüfften Gesichter der drei sieht, muss er lauthals loslachen, schnappt seinen Stock und verschwindet vor sich hinsummend Richtung Seniorenheim. 

 

Einige wunderschöne Nachmittage später, Jakob holt Resi mal wieder am Treffpunkt ab, sieht er ihr schon gleich an, das etwas nicht stimmt. Und Resi rückt auch gleich mit der Sprache heraus:

„Lieber Jakob“ mittlerweile sind sie per du „es tut mit unendlich leid, aber wir können uns nicht mehr wiedersehen“

Jakob traut seinen Ohren nicht, er dreht an dem rechten Hörgerät

„Resi, was hast du da gesagt, ich hab verstanden...“

„du hast richtig gehört“ fällt sie ihm ins Wort „es geht nicht mehr, meine Familie... und auch die Belastung die du im Heim hast, ich weiß doch, wie sie dich alle aufziehen...“

„Das macht mir nichts!!!“ ereifert sich Jakob etwas zu laut. „Mensch Resi, das kann uns alles egal sein, wir haben doch uns..“

Aber Resi schüttelt traurig den Kopf.

„Manche Dinge, lieber Jakob, gehen nicht immer so, wie man sie will, man kann nicht immer mit den Kopf durch die Wand wollen! Und, was haben wir beiden Altern uns nur gedacht, führen uns auf wie zwei Teenager! Das geht doch nicht. Leb wohl, Jakob.“ Und damit dreht sie sich um und geht langsam zurück.

Jakob versteht die Welt nicht mehr, wie soll er nur die restliche Zeit seines Lebens ohne die Mittage mit Resi zubringen. Sie gab ihm wieder Freude am Leben, sie gab ihm einen Sinn. Langsam schleicht Jakob ins Altersheim, ignoriert die heißen Tränen, die ihm die Wangen herunterlaufen. Früher hätte er sich dafür geschämt zu weinen, doch nun war sowieso alles egal.

 

Natürlich dauert es nicht lange, bis die anderen ahnen, was geschehen ist. Die blöden Sprüche bleiben natürlich nicht aus.

„Na, Jakob, hat dich dein Liebchen sitzen lassen?“

„Ha, die hat sich sicher nen feineren gesucht“ lachen Peter und Rudi.

Nur Alois sagt zuerst nichts. Er beobachtet Jakob eine Weile, und beginnt dann vorsichtig eines abends zu sprechen:

 „Mensch Jakob, so schlimm hast du ja noch nie ausgesehen, ich weiß, du willst nicht darüber reden, aber manchmal tut das ganz gut, glaube mir.“

„Was verstehst du denn schon von meinen Problemen“ seufzt Jakob auffällig zahm „sie kann mich nicht mehr treffen, sagt sie, ihre Familie, sagt sie.“

„Und das lässt du dir einfach so gefallen? Wenn du meinst, dass sie es wert ist, dann kämpfe um sie, was hast du denn schon zu verlieren?“

Jakob blickt Alois an. Er überlegt.

„Es ist zwar fast nicht zu glauben, aber ich denke du hast ausnahmsweise einmal recht. Was hab ich denn schon zu verlieren?“

Mit diesen Worten steht Jakob auf und schiebt den verdutzten Alois unsanft aus dem Zimmer. „Entschuldige, aber ich muss mal kurz alleine sein.“

Dann sperrt Jakob die Türe ab und beginnt zu grübeln. Blumen mag sie... und Gedichte. Beides werde ich ihr bringen, heute Nacht.

Durch die geschlossene Tür ruft er:

„He, Alois, bist du noch da?“

„Ja“ kommt die gedämpfte Antwort.

„Pass auf, du musst mir einen Strauß Blumen besorgen, die schönsten Rosen die es gibt, und ich brauche den Hauptschlüssel für heute Nacht.“

„Gut , Jakob, ich frage dich jetzt nicht, was du vorhast, versuche dir zu helfen, doch das mit dem Schlüssel wird schwierig.“

„Hach, du schaffst das, und jetzt flott!“, und nach kurzem zögern „Alois?“

„Ja?“

„Danke!“

Alois grinst. „Der Arthritis Klub hilft gerne.“

Jakob setzt sich an den Tisch und denkt und überlegt und grübelt bis ihm der Kopf qualmt. Er ist kein Mann von großen Worten, kein Dichter, kein Schreiberling, doch er gibt sein bestes, für Resi!

 

Es ist halb zwölf nachts. Jakob schleicht durch die Gänge des Altersheim, immer auf der Hut vor dem Nachtpersonal, die sehen es nämlich gar nicht gerne, wenn die Alten nach elf noch unterwegs sind. Nun ist er an der Hintertür, Alois hatte es tatsächlich geschafft und den Schlüssel besorgt, Jakob steckt diesen ins Schloss, hält den Atem an: er passt! Jakob umklammert mit rechts seinen Stock, links den Rosenstrauß, und geht so schnell er kann zu Resis Haus. Vor einiger Zeit hatte sie ihm ihr Zimmer im zweiten Stock gezeigt, mit Balkon. Im Schein eines wunderbaren Vollmondes steht er vor einer großen Efeuranke und erwägt kurz, sich wie in jungen Jahren daran heraufzuschwingen, herauf zu Resi. Doch die Vernunft siegt über das Herz und mit gebrochenen Knochen kann er schließlich gar nichts ausrichten. Also bückt sich Jakob und sammelt kleine Steine auf. Die wirft er dann, zum Glück sind seine noch Augen recht gut, geschickt gegen Resis Fenster. Lange tut sich gar nichts und Jakob ist nun bereit auch einen größeren Stein zu werfen, da geht das Licht in ihrem Zimmer an. Die Balkontür wird geöffnet und mit wehendem Haar lehnt sich Resi nun über die Brüstung. „Was...“

„Resi, ich bins, Jakob“, raunt er ihr zu.

Resis starrt angestrengt in die Dunkelheit, dann sieht sie seinen Schatten.

„Was..“ stottert sie wieder.

„Hör mir nur zu, ich bitte dich“ und er legt los:

 

„Wie der Himmel im Sommer so blau sind deine Augen

Wie Feenhaar, so ist das deine

Dein Blick, so lieblich, dass mein Herz mir rührt

Deine Worte, so schön und so gut und so richtig

Meine Resi, liebste Resi, du gabst mir wieder Sinn

nun geh doch nicht fort, denn ich brauch dich so sehr,

komm jetzt sofort hierhin!

 

„Aber, aber Jakob, was tust du denn?“

„Das habe ich nur für dich geschrieben, und hier, hier hab ich noch einen Strauß für dich, die schönsten Rosen.“ ereifert sich Jakob. „Ich werde ihn dir hoch werfen!“

„Lieber n...“

Zu spät, Jakob wirft, im Affekt fängt Resi und quietscht leise auf, die Dornen.

„Oh, daran hab ich nicht gedacht, hast du dir sehr wehgetan?“ fragt Jakob kleinlaut.

„Es geht“ kommt von oben. „Jakob, du hast dir so viel Mühe gemacht, und das nur für mich“ Resi ist den Tränen nahe.

„Ich...ich hätte nie gedacht es noch einmal in meinem Leben zu sagen, aber ich.. ich liebe dich, Resi“

Nun fließen oben die Tränen.

„Oh, Jakob, bleib wo du bist, ich komme herunter.“ Nach unendlich langen fünf Minuten fliegt Resi, noch im Nachthemd, ihrem Jakob in die Arme.

„Und nun?“ flüstert sie ihm ins Ohr.

„Und nun gehen wir beide fort von hier, ich hab ein wenig gespart und ich wünsche mir ein kleines Häuschen mit Garten für uns beide.“ Damit drückt er ihr einen Kuss auf die tränenfeuchten Wangen.

„Folgst du mir?“ „Bis ans Ende der Welt“ kommt die Antwort. „Ich liebe dich“

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.02.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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