Jule Sonnenschein

Winternacht

 

Spät fährt sie in dieser Nacht nach Hause, jedoch viel zu zeitig um wirklich dort sein zu wollen. Die letzten Stunden liegen wieder einmal schwer auf ihrer Haut und ihrer Seele Sie kann es förmlich riechen, den Geruch der kranken, des Desinfektionsmittels. Sie sieht auf ihre rauen Hände, wie sie das kalte Lenkrad umfassen, verbrauchtes Werkzeug, am Ende eines noch so jungen Körpers. Ihre Gedanken sind wie immer irgendwo im Nichts, nicht auf der Straßen wo sie sein sollten. Die Lichter der Stadt ziehen an ihr vorbei, Menschenleere auf den Straßen, es ist eisig kalt. Als sich die Tür ihrer Wohnung öffnet, fällt ihr wieder einmal mehr auf das sie hier nicht sein will, doch sie muss, sie hatte keine andere Wahl. Schon vor Monaten eingezogen, hatte alles den Anschein als befände sie sich auf der Durchreise, nur wusste sie nicht wo die Reise hingehen sollte. Sie streifte sich ihre Kleider ab und versuchte die unsichtbaren unter der Dusche ab zuwaschen. Heißes Wasser floss über ihre Haut, errötete sie, tötete ab was sich in den letzten Stunden gesammelt hatte. Sie dachte an ihre Gesichter, an die fahlen blassen Haarlosem Frauen, die sie täglich mit unwirksamer Chemie voll pumpte und die oft vergebens auf ihren tot warteten. An die leeren Augen die sie wortlos anflehten sie vom Leid zu befreien, an die hilflosen Augen der Angehörigen, die sie anflehten sie zu retten, an die endlosen Tränen und schmerzen die sie täglich sah. All das sollte das heiße Wasser mitnehmen, den Abfluss hinunter, aus ihren Kopf heraus, um zur Ruhe zu kommen. Doch wie sollte sie zu Ruhe kommen, in einer Wohnung, weiß und kahl in der sie unter tränen und schmerzen einziehen musste weil sie an einem anderen Ort nicht mehr sein durfte. Das Handtuch um den nassen, nackten Körper gewickelt tapste sie, spuren hinterlassen in ihre Küche, selbst der Inhalt des Kühlschranks, leer! Nicht ein kleiner Tropfen zum betäuben war da, nichts was sie hätte besser schlafen lassen, unerträglich der Gedanke. Schnell zog sie sich an, trocknete ihre langen Haare, die wunderschön im Schein der Lampe glänzten. Sie entschied sich für schwarz, wie immer, und eng, um sich zu fühlen. In Nächten wie diese geht sie am liebsten in eine dunkle Bar, wo sie weiß das sie zwar nicht allein ist, aber im besten falle in ruhe gelassen wird spätestens wenn ihre Beobachter, deren gierigen Blicke auf eine einsame attraktive Frau fallen, mitbekommen haben das sie den ersten Versuch einer anmache unter schmunzeln des Barkeebers erfolgreich abwehren konnte. Sie betritt den Raum und alles ist wie immer, die gleiche Musik, die gleichen Tische die gleichen Stühle, der Geruch, die Gesichter die sie mustern. Am liebsten würde sie sich jetzt lautlos bewegen die hohen Absätze ihrer Schuhe, die sich am Ende ihrer langen Beine elegant um ihre Füße schmiegen verhindern dies jedoch. Grazil bewegt sie sich zur Bar, viele Plätze sind frei, neben Männern die sie einladend anschauen, doch das ist es nicht was sie will, worauf sie aus ist in dieser Nacht. Schnell schwenkt ihr Blicke von rechts nach links während sie mit scheinbar gezielten schritt auf den einen Stuhl zusteuert der direkt neben der einzigen Schulter steht die sich noch nicht umgedreht hat. Der Mantel findet seine Bestimmung über der Lehne, an die sie sich in der nächsten Minute entspannt lehnt. Der Duft ihres Parfums strömt durch ihre Nasenflügel während sie mit ihren nackten Armen nach der Karte greift. Eigentlich ein sinnloser Griff, denn sie weiß genau was sie will, wie der Mann hinter der Bar dies weiß und ihr im selbigen Moment den Drink hinstellt. Mit einem lächeln nimmt sie das Glas in die Hand, voller Vorfreude auf das Gefühl was sich gleich in ihr breit machen wird, nachdem sie den ersten Schluck mit ihren vollen Lippen durch den Strohhalm gezogen hat. Dieses anfänglich kalte prickeln auf der Zunge, was mit einem warmen Erguss in ihrem leeren Magen endet und wenige zeit später bis in ihren Fingerspitzen zu spüren sein wird. Sie schließt für einen Moment die Augen und genießt die kurze zeit des Entfliehens.
Leider bemerkt sie erst jetzt das sie ihr zweites Überlebenselixier vergessen hat, verdammt. Kurze Verzweiflung steigt in hier hoch, bevor sie sich auf dem weg zum Zigarettenautomaten machen will, sie wollte sich doch heute nicht mehr bewegen es sei den es ist der weg nach hause, den sie hoffentlich dann nicht mehr wirklich realisieren wird. Gerade als sie aufstehen will schiebt die Hand, die zu dem Mann neben ihr gehört, dessen Gesicht sie jedoch noch nicht gesehen hat, ihr eine dunkle Schachtel vor die Nase und Streichhölzer hinterher. Ohne ihn anzuschauen nimmt sie sich eine heraus und zündet sie in scheinbarer Zeitlupe an. Sie inhaliert den ersten Zug der Nacht so tief es geht um den Rest des Todes durch ihre roten Lippen in den Raum zurück zu blasen, das tat gut. Erst jetzt sieht sie zur Seite, jedoch nur um sich zu bedanken. Er nickt kurz, wortlos. Es soll ihr recht sein, keine anstrengende Unterhaltung nach so einem Tag, keine fragen wer sie sei, wo sie her käme wo sie hinginge und vor allem warum das ganze allein. Sie weiß nicht wie lange sie schweigend nebeneinander saßen, wie oft sie sich aus seiner Schachtel wie selbstverständlich bediente, bis er sich schließlich doch zu ihr drehte, was sie nur aus dem Augenwickel war nahm. „Du trinkst zu viel süße“ sagte er mit tiefer stimme. Nein zu wenig dachte sie, denn noch bin ich Herr meines Verstandes. „Sagt wer?“ Erwiderte sie ihm, während sie sich lächelnd zu ihm wand, was sie hätte besser nicht tun sollen, nicht heute Nacht, wo sie einfach nur ihre ruhe haben wollte. Völlig ohne Vorwarnung, ohne ein Zeichen der Gefahr prallten ihr seine blauen Augen entgegen. Alles in ihr wand sich, hätte sie nicht gesessen, hätte sie es spätestens jetzt tun müssen. „Wir kennen uns bereits“ war seine Antwort auf ihre Frage, sie brachte kein Wort raus, was sie jedoch lässig zu überspielen versuchte, in dem sie sich einfach von ihm ab wand. Wie versteinert saß sie da, sie kannten sich? Woher? Nein das konnte auf gar keinen Fall sein, dass wüsste sie, diese Augen hätten sich in ihr Gedächtnis eingebrannt, und zwar für immer und ewig. „lass uns gehen“ war das nächste was sie von der Seite traf wie ein erneuter Schlag in die Magengrube, gehen? Wir? Zusammen? Sie war absolut unfähig sich zu wehren und stand auf. Er legte ihr den Mantel über die Schultern und schob sie sanft zur Tür. Was passiert hier gerade? Hatte sie sich schon so zulaufen lassen das sie begonnen hatte zu halluzinieren? Genau, das war alles gar nicht echt, sie lag schon lange in ihrer kalten Wohnung, in ihrem kalten viel zu großen Bett und träumte mal wieder eine ihrer träume die sie dann tagelang nicht aus dem Kopf bekam. Doch spätestens als sie die Wucht der eisigen Kälte ins Gesicht traf, war ihr bewusst das sie nicht schlief, dass sie sich gerade auf dem Weg in ein Taxi befand. Wieso hatte sie keine angst, wieso ging sie mit? Sie war noch nie im Leben mit einem Mann irgendwohin mitgegangen, nicht in ihrem realen leben. Die fahrt durch die dunkle Stadt dauerte nicht lange bis das Auto vor einem Hotel halt machte, sie kannte es, wie alles in dieser Stadt, was in dem Moment sehr beruhigend wirkte. Doch was ist daran beruhigend mit einem fremden Mann mitten in der Nacht in sein Hotelzimmer zu gehen? Schweigend standen sie sich im Fahrstuhl gegenüber, mit seinen blicken hätten er die gesamte Hölle neu entzünden können, die Luft wurde immer dünner, oder wieso hatte sie das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen? Sie betraten sein Zimmer, unpersönlich wie sie es erwartete hatte, ein Koffer, ein paar Kleidungsstücke mehr nicht. Er setzte sich auf den einzigen Stuhl im Raum und beobachtete sie wie sie zielgerichtet zu Minibar schritt, er zündete sich eine Zigarette an, sie spürte seine blicke in ihrem Nacken, er zog sie aus, Stück für Stück langsam, ihre dünne Bluse, durch die sich das wenige darunter dezent abzeichnete. Über die kurven ihrer Hüften, die Beine hinunter, bis zu den hohen Schuhen die sie noch immer trug. Sie holte die Flasche Wein heraus, öffnete sie gekonnt und goss beiden etwas ein, um schnell davon zu trinken, aus angst das die Wirkung doch rascher nachlassen könnte als ihr lieb war. Sie sah ihn in die Augen und lief die wenigen Schritte auf ihn zu, fiel jedoch vor ihm auf die knie und legte ihre arme auf seine Oberschenkel, die er gerade öffnete um sie näher an sich heran kommen zu lassen. Der Rauch seiner Zigarette wehte ihr entgegen als sie anfing langsam ihre Bluse zu öffnen, alles um sie herum begann zu flackern, das Blut in ihren Adern kochte, sie ließ keine Sekunde mehr von seinen Augen. Er drückte seine Zigarette aus und zog sie hoch, auf seinen schoss. Sie roch nach Alkohol, ihre langen dunklen Haare fielen auf ihre nackten weißen Schultern, nur noch wenige Zentimeter lagen zwischen ihren Lippen bis sie sich endlich berührten. Sie schloss die Augen und gab sich seinen Händen hin die jetzt spürbar an jeder stelle ihres Körpers zu sein schienen.
Als sie am nächsten morgen aufwachte war er weg. Sonnenstrahlen vielen in das Zimmer, auf das Bett, in ihr Gesicht, sie zog sich die decke über den Kopf, der leicht schmerzte als Geschenk der letzten Nacht. Sie schloss die Augen und sah ihn vor sich. Ihre Hände, ihre haut, alles roch nach ihm, sie wünschte es hätte kein ende gegeben, doch genau das war es. Er war nicht mehr da, genau sowenig wie sein Koffer und seine Sachen. Nichts, nicht ein Schnipsel erinnerte an ihn, als hätte es diesen Mann nie gegeben. Sie zog sich an und lies die Tür nach einem letzten Blick durch den Raum ins schloss fallen. Sie war froh das sie ein Stück laufen konnte, an diesen Sonntagmorgen im Winter die frische Luft tat ihr gut. Später als sie zur Arbeit fuhr, dachte sie Nocheinmahl an ihn und sie musste wieder lächeln, ein ruhiges lächeln, weil sie genau wusste das er wieder kommen würde, irgendwann, in ihre Bar, um sie ab zu holen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.02.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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