Lena Beumler-Moon

Der weibliche Traum von Freiheit I





„Dein Herz muss springen, dein Herz
muss springen, dein Herz muss springen, hörst Du mich? Das musst du
mir versprechen!“ Aufgeschreckt von diesen Worten fahre ich hoch
und sehe das einfallende Mondlicht auf die seidene Rosentapete
scheinen. Was war das? Ach Mensch, was fragst du, du weißt es ganz
genau! Mein Blick schwenkt über zur Standuhr, es ist 3.00 Uhr. Wenn
nicht jetzt, dann bist du für immer gefangen, willst du das? „Dein
Herz muss springen“ waren seine letzten Worte, also worauf wartest
du noch, wenn du jetzt nicht gehst, ist die Chance für immer vertan,
dein Herz jemals springen zu spüren. Ich hüpfe aus dem Bett, gehe
zum Schrank, nehme den Koffer heraus, lege ihn auf`s Bett und stopfe
alle meine Kleider hinein. Den voll gepackten Koffer, ich kann ihn
kaum tragen, und das, obwohl ich weiß Gott nicht schwach gebaut bin,
ziehe ich hinter mir her, auf den Flur. Ein Glück, das Mondlicht
scheint so hell, dass ich keine Kerzen anzünden brauche, zum einen
würde es viel zu viel Zeit kosten und zum anderen würden sich die
anderen nur wundern. Naja, das Schleifen des Koffers auf dem
Steinboden ist auch nicht gerade unauffälliger, aber immerhin, ich
bin jetzt schon mal unten. Schnell noch in die Küche und etwas
Verpflegung für die nächsten Tage einpacken. Und jetzt aber ab in
den in den Stall. Was für ein Glück, die Kutsche steht noch mit
Geschirr parat. Ich brauche nur noch meinen Artus aus der Box holen,
ein Kinderspiel. Ich führe meinen Besten mitsamt der Kutsche aus den
Stallungen. Ach du Schreck, vor lauter Aufregung und lauer Märznacht
habe ich total vergessen mich umzuziehen. Na gut, das mache ich
schnell hier draußen, meine Sachen sind eh schon alle im Koffer.
Endlich kann ich meinen selbst genähten Hosenrock anziehen ohne
argwöhnische Blicke meiner Mutter zu ernten. Die ist bequem und
schenkt mir die Beweglichkeit, die ich auf meiner Reise brauche, ohne
dass jeder gleich sieht, dass ich keinen Rock trage. Noch einmal
schaue ich zurück auf die, ja ich muss sagen, wirklich schöne
Stadtvilla, aber ich bin nicht traurig, das ist nicht das Richtige
für mich. Ich brauche jetzt die Natur und es gibt nichts, was mich
hier noch hält. Oh, ein Licht, das ist Eduard`s Zimmer. Keine Zeit
um in Gedanken zu versinken, Antonia, das kannst du später immer
noch tun! Lebt wohl!


Eine leichte Staubwolke vom
aufgewühlten Sand der Pferde verbleibt, als Eduard die Tür öffnet
um nach dem Rechten zu schauen. Hm, das war wohl nur eine
vorbeifahrende Postkutsche, beruhigte er sich. So etwas in der Art
hatte er sich schon gedacht, ansonsten wäre er auch nicht hinaus
gegangen, dafür ist er viel zu ängstlich. Nachdem er die Tür
geschlossen hatte, schlich er in seinem Morgenmantel wieder hinauf,
die Uhr zeigte mittlerweile schon 3.45 Uhr an. Ein leichtes Grinsen
fuhr über seine Lippen, denn er wusste, nicht mehr lang und er würde
Antonia „seine Frau“ nennen können, um genau zu sein, nur noch
11 Stunden und 45 Minuten. Viele Männer beneiden ihn um sie, aber
schließlich konnte er ihr einiges bieten und so eine tolle Frau hat
ein prunkvolles Leben verdient. Das Merkwürdige ist nur, er hat
immer wieder das Gefühl gehabt, als schiene es ihr gar nicht wichtig
zu sein, im Luxus zu leben. Viele Frauen würden gern mit ihr
tauschen, sie suchen sich extra einen Mann, um mit ihm ihren Traum
eines mondänen Lebens zu führen. Aber Antonia ist einfach anders:
auf ihre Art wunderschön, sie weiß genau, was sie will und lässt
sich von keinem Mann etwas sagen, manchmal benimmt sie sich wie ein
Kerl, aber nie versteckt sie dabei ihren weiblichen Charme und wo
immer sie ist, hinterlässt sie eine Spur der Erotik. Sie ist nicht
mehr die Jüngste und schon viele Männer hat sie abgewiesen, andere
Frauen in ihrem Alter würde man als alte Jungfer abstempeln, aber
wie schon gesagt, Antonia ist einfach anders. Ich mache mir nichts
vor, sie ist nicht in mich verliebt, das weiß ich, aber ich werde
alles tun, um sie glücklich zu machen. In seinem Bett angekommen,
legt er sich zufrieden nieder und schließt seine Augen um in einen
tiefen traumlosen Schlaf zu fallen.


Während mir der Fahrtwind so langsam
Strähne für Strähne meinen Dutt auflöst, greife ich nach meiner
Taschenuhr. Jetzt ist es schon 7.00 Uhr. Jeden Moment müsste Mutter
aufstehen um dann sofort nach mir zu schauen, schließlich gibt es
noch ein ordentliches Schönheitsprogramm für eine Braut zu
durchlaufen. Ich hätte ihr das Ganze gern erspart, aber ich kann
nicht mit einem Mann zusammen sein, den ich nicht liebe. Zum Glück
konnte ich unter dem Deckmantel der Religiosität jeglichem
Körperkontakt mit Eduard aus dem Weg gehen. Mutter sagt, Liebe muss
nicht immer aus
Verliebtsein entstehen, das sehe ich
anders. Bei Eduard ist mein Herz definitiv nicht gesprungen. „Dein
Herz muss springen“, das waren die Worte von Herrn Rosenbaum. Wenn
ich in Mutter`s Gegenwart nur seinen Namen erwähnte, merkte ich, wie
sie beinahe vor Wut erstickte. „Du immer mit deinem Herrn
Rosenbaum, wenn du nicht bald heiratest, wirst du noch als altes
Mauerblümchen enden! Ich möchte, dass du irgendwann einmal Kinder
bekommst und ich endlich Großmutter werde. Außerdem Kind, von Liebe
ist noch niemand satt geworden. Antonia, auch wenn du nicht mehr die
Jüngste bist, noch bist du ganz hübsch anzuschauen. Du weißt
nicht, wie lange das noch dauert, du kannst froh sein, wenn dieser
Eduard dich will! Denke doch auch mal an deine arme Mutter, ich
möchte auch noch ein wenig von der Sonnenseite dieses Lebens haben.
Unsere Ersparnisse, die dein Vater uns nach seinem Tod hinterlassen
hat, sind bald aufgebraucht. Lange genug hast du an dich gedacht und
dein Leben als alleinstehende Frau genossen, irgendwann beginnt auch
für dich einmal der Ernst des Lebens!“ Jetzt weißt du, was du
davon hast, jetzt bist du ganz allein. Ich hätte für uns beide
sorgen können, ich bin eine patente Frau und hätte schon irgendwie
unseren Lebensunterhalt bestritten. Eduard ist zwar kein Traummann,
aber ein pflichtbewusster Mensch, der seine Beinahe-Schwiegermutter
in seiner Obhut lassen wird, schon allein, weil er die nächsten 10
Jahre darauf hoffen wird, dass ich zurück komme. Eigentlich bin ich
nicht der Mensch, der mit den Gefühlen anderer spielt, aber mir
wurde keine Wahl gelassen. Die Morgensonne spiegelt auf dem Teich, an
dem ich vorbeifahre, dies ist ein guter Ort für meine erste Rast.
Etwas träge steige ich von der Kutsche und hole das Brot,den Käse
und die Milch aus dem Korb. Hach, zwar bin noch ein wenig müde, aber
so lässt es sich aushalten, das ist Freiheit, der Beginn meines
neuen Lebens! Erleichtert lass ich mich ins frische nasse Gras fallen
und breite meine Arme aus. Ganz ehrlich, ich weiß nicht, ob ich es
schaffe, auf Dauer mein Brot selbst zu verdienen, aber trotzdem weiß
ich, dass ich das Richtige tue. Lieber wäre ich verhungert, als
jemanden zu ehelichen, den ich nicht liebe. Wenn ich es nicht
schaffe, gibt es da ja schließlich noch immer den Himmel. Aber erst
einmal kommt das Abenteuer Leben dran, du schaffst das, Antonia!


Das Poltern der Kopfsteinpflaster weckt
mich aus meinen Tagträumen, anscheinend komme ich der Zivilisation
so langsam wieder näher, von Weitem ist schon ein Ortsschild
sichtbar. Wenn ich meine Karte korrekt lesen kann, müsste das
Friedensstein sein. Oh ja, ich habe Recht meine Geographiekenntnisse
sind besser, als ich es vermutet hätte; da soll doch keiner sagen,
Frauen hätten keinen Orientierungssinn. Die Frühlingsluft scheint
viele Menschen aus ihren Häusern gelockt zu haben, auf den Straßen
herrscht buntes Treiben, anscheinend gibt es einen Markt. Ich glaube,
ich werde mir ein Plätzchen suchen, auf dem ich meine Kutsche
abstellen kann, es wird mir gut tun, mich ein wenig zu bewegen,
außerdem ist es schon 15.00 Uhr und so langsam sollte ich mir ein
Übernachtungsquartier suchen. Duft von frischem Kaffee gelangt an
meine Nase, das brauche ich jetzt, einen heißen Schluck Kaffee und
vielleicht noch ein Stück Torte dazu. „Entschuldigen Sie, von wo
kommt denn der köstliche Kaffeegeruch?“ „Dort drüben, junge
Frau, Sie stehen schon fast davor, immer der Nase nach!“, der
ältere Herr schaute mich etwas verdutzt an, kommt anscheinend nicht
so häufig vor, dass fremde Menschen durch dieses Dorf ziehen. „Guten
Tag! Ich hätte gern einen Kaffee und dazu noch...“ - „Ein Stück
Stachelbeertorte?“ „ Ja, genau, das ist meine Lieblingstorte,
aber sieht...“ Die Frau griente leicht „Ja, das sieht man Ihnen
an!“ Ich wusste nicht so recht, wie ich ihren Geistesblitz
einordnen sollte. „Sehe ich etwa so stachelig aus? Naja, um ehrlich
zu sein, ich bin bestimmt nicht der einfachste Mensch.“ „Darf ich
Sie fragen, was Sie hier machen?“ „Emmm, eigentlich wollte ich
einfach nur einen Kaffee trinken, ein Stück Torte essen und mir
danach eine Herberge suchen, in der ich übernachten kann.“ Die
Frau grinste schon wieder über beide Backen „Sie haben Glück, ich
bin die Gastwirtin dieses Dorfes und wir haben tatsächlich noch ein
Zimmer frei, also wie wär`s?“ „Was für ein Zufall!“ Mit
verneinender Gebärde bewegt sie ihren Kopf „Zufälle, mein liebes
Kind, gibt es nicht!“
Fortsetzung folgt!


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.02.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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