Jürgen Berndt-Lüders

TESS POLY IM EINSATZ (3). Die Daten-CD

Bei Tess klingelt das Handy. Melodie: OH DU SCHÖNER WESTERWALD. Tess klickt sich rein und meldet sich. „ Tess Poly am Apparat. Bitte melden.“

 

„Streber hier. Frau Poly. Wie kommen Sie dazu, das Knöllchen fürs Falschparken unserem Herrn Bürgermeister…“

 

Tess unterbricht.

 

„Es heißt Erfassungs- und Verfolgungsformulare für sich verkehrsordnungswidrig verhaltende Verkehrsteilnehmer im Ruhenden Verkehr, Herr Chef Streber.“

 

„Gestern hieß es bei Ihnen noch Protokoll für Straßenverkehrsordnungswidrigkeiten der Bundesrepublik Deutschland. Sie erinnern sich?“

 

„Ja, da sagten sie noch, dass die Bundesrepublik keine Verkehrsordnungswidrigkeiten begeht. Tut sie aber doch.  Als ich den Herrn Bürgermeister aufschreiben wollte, schrie er, er dürfe falsch parken, weil...“

 

„Lassen Sie ja unseren Chef in Ruhe. Der schmeißt sie raus. Und mich dazu, weil ich sie eingestellt habe.“

 

„Sehen Sie, es ist, wie ich sage. Der Herr Bürgermeister verkörpert den Staat, und er begeht als Staat Verkehrsordnungswidrigkeiten.“

 

Streber gefällt das Thema nicht. Er will seinen Chef nicht verärgern.

 

„Wie auch immer. Gestern hat sich noch jemand über sie beschwert. Sie sollen ihn bestohlen haben.“

 

„Ich? bestohlen? Ach, sie meinen den mit der CD, Herr Chef Streber? Den habe ich nicht bestohlen, ich habe nur die CD sicher gestellt.“

 

„Wieso das denn?“

 

„Er kam mit einer CD aus der Bank, was ja nun eindeutig ist. Er zog am Automaten einen Parkschein, nahm den alten, abgelaufenen weg, warf ihn auf den Gehweg und legte die CD auf den Fahrersitz. Dann ging er wieder weg.“

 

„Und dann haben sie festgestellt, dass das KFZ nicht verschlossen war und haben die CD entwendet.“

 

„Nein, ich habe sie sicher gestellt, wie ich schon sagte. Wenn jemand mit einer CD aus der Bank kommt, will er sie zum Verkauf anbieten, und ich als Überwacherin des Ruhenden Verkehrs habe ich die Pflicht, dafür zu sorgen, dass der Staat so billig wie möglich an geklaute Bankdaten kommt. Genau wie ich die Pflicht habe, dafür zu sorgen, dass alle Falschparker in meinem Gebiet ein Verwarnungsgeld bekommen. Und womöglich auch von solchen, die gar nicht falsch geparkt haben.“

 

„Und warum haben sie ihm dann doch noch ein Knöllchen verpasst, Frau Poly?“

 

„Wegen der Ordnungswidrigkeit mit dem auf den Bürgersteig geworfenen, abgelaufenen Parkschein, Herr Chef Streber. Das ist Umweltverschmutzung.“

 

„Okay, und dann noch was: ihre Nachbarn haben sich beschwert, dass sie so laut Soldatenmusik hören.“

 

„Ach, die nun wieder. Das war doch nur ein Irrtum. Ich habe versehentlich meine Lieblings- CD in den Computer gelegt. Ich wollte die Daten auslesen...“

 

„...aber so laut liest doch niemand Daten aus. Was stand denn drauf auf der Daten-CD?“

 

„Der Verkehrsteilnehmer, seine Ehefrau und seine Oma haben insgesamt fünfhundert Euro Steuern hinterzogen, und sein 3jähriger Sohn bietet sie der Stadt für 2 Millionen Euro zum Verkauf an. Und er als rechtmäßiger Vormund seines Sohnes vertritt ihn, Herr Chef Streber. Steht alles auf meinem Protokoll von gestern.“

 

„Gute Idee. Dass ich da nicht von selber drauf gekommen bin. Der Verkehrsteilnehmer zeigt sich selber an, sein Söhnchen kassiert die 2 Mio und von dem Geld zahlt er die 500 Euro Steuerschuld. Dann ist er straffrei und gleichzeitig Millionär.“

 

„Und genau das finde ich nicht gerecht, Herr Chef Streber.“

 

„Stimmt. Die hinterzogene Summe muss im Einklang zum erpressten Geld stehen. Wenn der Staat etwas kauft, von dem er nicht weiß, was es wert ist...“

 

„...ist das mehr als eine Verkehrsordnungswidrigkeit, Herr Chef Streber. Dann ist das Dummheit.“

 

Streber nickt, was Tess nicht sehen kann, weil ihr Chef keine Webcam hat.

 

„Und was machen sie jetzt mit der CD?“

 

„Entweder ich vernichte sie...“

 

„...was sie nicht dürfen“,

 

„...oder ich lege ihm stattdessen meine CD mit der Militärmusik auf den Fahrersitz und gebe die Daten-CD an die Kripo weiter.“

 

„Super-Idee. Mit der Marschmusik ist er von unserer Seite aus gestraft genug.“

 

„Roger. Over and out, Herr Chef Streber.“

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