Christiane Mielck-Retzdorff

Die Traumfrau

Die Traumfrau

 

George erwachte mit einem Gefühl warmer, innerer Zufriedenheit und stillen Glücks. Er versuchte dieses Gefühl zu bewahren, festzuhalten, aber das schrille Leuten des Telefons seiner Hotelsuite zersägte die Erinnerung, bis von ihr nur noch die Hülle von Bildern geblieben war, die kurz vorüberschwebten und dann mit der Luft zur Unsichtbarkeit verschmolzen. Hilflos nahm er den Hörer ab und erfuhr, daß es 7.30 Uhr war und er gewünscht hatte, geweckt zu werden.

 

Es herrschte angenehmes Wetter in Venedig. Die Sonne strahlte von azurblauem Himmel, leichter Wind kräuselte den Canale Grande und die Kanäle der Stadt verströmten noch nicht den üblen Geruch sommerlicher Fäulnis. Heute würde die Biennale eröffnet werden und George, als Ehrengast und Sonderpreis einer Benefizveranstaltung, die sich unverschämt, aber nur aus lauteren Motiven, an die Kunstveranstaltung angehängt hatte, würde nach einem kurzen Frühstück noch Zeit finden, durch die schmalen Gassen zu streifen, immer auf der Suche nach jenem Ort, wo er sie gefunden und geküßt hatte.

 

Damals weilte er zu Dreharbeiten in Venedig und hatte in einer schlaflosen Nacht das Hotel verlassen, um im Licht der gerade aufgehenden Sonne in den menschenleeren, engen Gassen ein wenig von der ursprünglichen Magie dieses Touristenmolochs in sich aufzunehmen. Zuerst meinte er nur im Zwielicht eine bunte Gestalt um eine Ecke huschen zu sehen. Vielleicht ein Harlekin fern der Karnevalszeit. Neugierig folgte er der Erscheinung und fühlte mit jedem Schritt jene allumschlingende Freude aufkeimen, die nur eine Frau in ihm zu wecken vermochte.

 

Auf einem von hohen Häusern rechtwinkelig an vier Seiten umschlossenen Platz, wo die alte Pracht bereits dem Verfall gewichen und Fenster mit Brettern vernagelt waren, sah er sie endlich im Schatten stehen. George verharrte stumm in ihrer Betrachtung, denn er wußte, sie war eine Meisterin darin, sich ihm immer wieder zu entziehen. Als sie langsam auf ihn zutrat, begann seine Seele zu leuchten und eine schmerzende Sehnsucht ließ seine Glieder schwer werden. Als sie vor ihm stand, wagte er nicht sie zu berühren, und als ihre Lippen sich sanft geöffnet seinen näherten, wagte er nicht die Augen zu schließen aus Angst, sie könnte wieder verschwinden. Doch dann lag sie in seinen Armen, leicht wie eine Feder und gegenständlich wie ein Fels. Sie küßten und liebkosten sich, scheu und erwartungsvoll, wissend wie fragend. Eine Sekunde? Eine Ewigkeit? Als George seine Augen wieder öffnete, fand er sich allein auf dem Platz, aber selig erfüllt von Liebe. Keine Unruhe trieb ihn, sie zu suchen. Sie war fort und würde wiederkehren, wenn es ihr gefiel.

 

Er kehrte oft an die Orte ihrer Begegnungen zurück, weil es ihm dort manchmal gelang, die Gefühle aus seiner Erinnerung hervorzuholen, doch waren diese nur noch blasse Erscheinungen wie weiße Segelboote an einem milchigen Horizont. Dann legte er sich an den Strand, wo er ihr vor mehr als 30 Jahren zum ersten Mal begegnet war, wohl wissend, daß er diesen Abschnitt nur wegen seiner Prominenz betreten durfte, denn es war mittlerweile der Privatstrand eines Luxushotels, das seinem Wunsch, den Abschnitt für eine kurze Zeit nur für ihn zu sperren, für ein gewisses Salair gerne nachkam, da sie mit den Spleens der Hollywoodstars vertraut waren. Und während George versuchte, den Lärm aus der Nachbarschaft zu ignorieren und nur dem Klang der Wellen zu lauschen, tauchte vor seinen Augen wieder das Bild des jungen Mädchens auf, das einsam im Sand saß und hinaus auf das Meer blickte. Sie trug nichts weiter als eine braune Bikinihose, während ihre zarten, kleinen Brüste von lockigen Haaren gleicher Farbe bedeckt wurden. Ihr, ihm halb zugewandter, leicht gebräunter Rücken war Einladung und Abwehr im Gleichklang. Zögernd setzte er sich in wohldosiertem Abstand neben sie, ohne sie anzusehen.

 

„Laß uns schwimmen gehen,“ forderte sie ihn auf und erhob sich grazil.

Nebeneinander schritten sie auf den mächtigen Ozean zu, an dessen Saum sich kniehohe Wellen brachen, ließen sich umspielen, tauchten ein in das salzige Naß und schwammen ruhig hinaus. Dort, wo die Füße den Grund verloren hatte, berührten sich ihre Hände zum ersten Mal, schlangen sich ineinander und lösten sich, um sich wieder zu finden. Sie zogen sich zueinander hin, ständig in Bewegung, um nicht zu versinken, fanden einen gemeinsamen Rhythmus und überließen der Strömung das Spiel mit ihren Körpern. Dann entwand sie sich ihm und dem Sog des Meeres, schwamm zielstrebig, aber ohne Eile zurück an den Strand, schien kurz eins zu werden mit dem Horizont und war verschwunden.

 

Doch hatte sie in George den Wunsch nach Erotik, nach der Verbindung mit einer Frau geweckt, und es fiel George wahrlich nicht schwer, die Aufmerksamkeit des weiblichen Geschlechts zu erregen. Er amüsierte sich trefflich mit mehr oder weniger lange andauernden Bekanntschaften. Von seinen Freunden beneidet, weil seiner Attraktivität kaum eine Frau widerstehen konnte, blieb er doch auf seltsame Weise unbefriedigt. Stets war er voller Sehnsucht nach jenem Gefühl, was sich seiner an jenem Tag am Strand bemächtigt und ihn so gänzlich erfüllt hatte, und das keine der Frauen bisher in ihm zu wecken vermochte. Und sosehr er sich auch bemühte und das ferne Erlebnis in den Bereich der Illusionen verbannte, etwas in ihm konnte die Suche nicht aufgeben.

 

George saß als letzter Gast zu später Stunde ziemlich betrunken in einer Bar, als sie aus der Dunkelheit der Nacht in das diffuse Licht trat und sich neben ihn setzte. Aus glasigen Augen starrte er sie an wie eine Erscheinung, was sie mit einem Lächeln erwiderte.

„Ich nehme auch eine Whisky, am besten gleich einen Doppelten.“

 

Ihm wurde in diesem Moment bewußt, daß sie beide im Laufe der vergangenen Jahre ihre Unschuld verloren hatten, aber die Ausstrahlung der nun erwachsenen Frau faszinierte ihn nicht minder. Ihr Gesicht verschwamm ein wenig vor seinen Augen, als sie sich eine Zigarette anzündete, aber ihre Art wie sie daran zog, hatte etwas verführerisch laszives. Sie erhob das Glas mit Whisky und während sie daraus trank, sah sie ihm über dem Rand des Glases in die Augen. George wollte sie und zwar jetzt. Er wollte ihr die Kleider vom Leib reißen und sie vögeln, bis das Gefühl, das seine Erinnerung beherrschte, endlich für immer ausgemerzt war. Aber er konnte sie nicht berühren. Statt dessen versagte sein Körper, und er fiel vom Barhocker.

 

Als er am nächsten Morgen mit brummendem Schädel erwachte, wußte er, daß sie hier gewesen war. Hier in diesem Zimmer, hier an seinem Bett und das aggressive Verlangen der vorigen Nacht war jener inneren Wärme gewichen, nach der er sich so lange gesehnt hatte. George wurde plötzlich klar, daß er sie wiedertreffen würde. Er wußte nur nicht wann und wo.

 

Fast 10 Jahre später stand sie einfach vor seiner Haustür. Sie war zu einer Persönlichkeit gereift mit wachem Blick und selbstbewußter Natürlichkeit ohne Arroganz. Wie selbstverständlich durchschritt sie mit Anmut und Stolz seine Räumen und fügte sich in das Bild seines Heims, als sei sie seit langem ein Teil davon. Und ihre pure Anwesenheit erfüllte alles mit Leben und Licht, mit Wärme und Harmonie. Erst da wurde George bewußt, daß in allen Räumen Blumen standen, was sie mit einer kindlichen Freude registrierte und ihn dabei an ihre erste Begegnung am Strand erinnerte. Sie setzten sich auf die Terrasse und George, die Haushälterin hatte frei, servierte selber die Drinks. Dann sprachen sie über sein Leben, seine Karriere, seine Pläne, doch nie über sie. Dann gingen sie gemeinsam ins Schlafzimmer, wo sie eine zärtliche, erotische Nacht verbrachten und George am nächsten Morgen allein, aber glücklich erwachte.

 

Sie besuchte ihn nun häufiger, aber nie öfter als einmal im Jahr. Und niemals tauchte sie auf, wenn George die Bekanntschaft einer anderen Frau gemacht hatte. Auch hatte er nie das Gefühl, sie zu betrügen, denn was sie beide verband, war aus dem Schaum des Meeres geboren wie die Göttin Venus und manchmal, bei der Betrachtung des Abendsterns, war er sicher, daß auch sie dort hinaufblickte und an ihn dachte.

Wie aus dem Nichts tauchte sie aber auch an anderen Orten auf, um ihn zu erfreuen, ihn glücklich zu machen und ihm die Sicherheit zu geben, an seiner Seite zu sein.

 

George war bereits Mitte vierzig, nach einhelliger Meinung „ the sexiest man alive“ und immer noch ungebunden, was seine Freunde und die weiblichen Fans zu allerlei Mutmaßungen hinriß, bis zu dem Verdacht, er sei schwul. Er trug die Spekulationen um seine Person mit Gelassenheit und hatte auch nicht die Absicht, irgend jemanden an seinem Geheimnis teilhaben zu lassen.

 

An diesem Abend war es einer eifrig für Afrika Spenden sammelnden Frau eingefallen, auf ihrer Benefizveranstaltung einen Kuß von George zu versteigern. Er trug es mit Humor und schritt gutgelaunt begleitet von dem Blitzlichtgewitter der Presse über den roten Teppich. Eine kleine Anzahl illustrer Gäste war in dem Festsaal versammelt und etliche andere, wohlhabende Menschen, von denen sich die Veranstalterin  Großzügigkeit versprach. Man trank Prosecco, naschte Fingerfood und plauderte über Klimakatastrophe und G8 – Gipfel. Die Damen in sommerlicher Abendrobe suchten ständig Georges Nähe, während er, wie die anderen Männer im Smoking schwitzte, und sich nach seinem klimatisierten Hotelzimmer sehnte, wo er von der vergangenen Nacht träumen konnte.

 

Schließlich wurde er auf die Bühne gerufen. Dort hielt er eine engagierte Rede über die Armut in Afrika und vergaß dabei nicht, schmunzelnd darauf hinzuweisen, daß ein Kuß von ihm eigentlich unbezahlbar sei. Dann betätigte sich die Veranstalterin persönlich als Auktionatorin, und weibliche Stimmen erhoben sich, um zum Wohle Afrikas und für einen einzigen Kuß Tausende von Euros zu spenden. Während George am Anfang noch die Blicke der bietenden Damen suchte, ermüdeten seine Augen langsam ob der Pracht leuchtender Abendkleider, und seine Ohren nahmen nur noch eine Flut undifferenzierter Stimmen war. Die Realität um ihn herum wurde zu einem heißen Brei wirrer Eindrücke, in dem er langsam versank.

 

Tosender Applaus und kreischendes Gejohle ließen ihn aufschrecken. Die Menschen machten eine Gasse zur Bühne frei für die Gewinnerin des Kusses. George sah die Frau auf sich zukommen, stolz und anmutig und mit einem Lächeln auf dem Gesicht, das keinen Triumph widerspiegelte, sondern reine, wahre Liebe.

George war glücklich und verwirrt, war ihm diese Frau doch bisher nur in seinen Träumen erschienen. Oder war dies ein Traum? War das ganze Leben nur ein Traum? Egal, sie war da!    

    

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.02.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Buch von Christiane Mielck-Retzdorff:

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Die Töchter der Elemente: Teil 1 - Der Aufbruch von Christiane Mielck-Retzdorff



Der Fantasie-Roman „Die Töchter der Elemente“ handelt von den Erlebnissen der vier jungen Magierinnen auf einer fernen Planetin. Die jungen Frauen müssen sich nach Jahren der Isolation zwischen den menschenähnlichen Mapas und anderen Wesen erst zurecht finden. Doch das Böse greift nach ihnen und ihren neuen Freunden. Sie müssen ihre Kräfte bündeln, um das Böse zu vertreiben. Das wird ein Abenteuer voller Gefahren, Herausforderungen und verwirrten Gefühlen.

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