Die Initiative arbeitet im Untergrund. Und ihre Mitglieder auch. Wenn du ihnen begegnest, dann wirst du sie kaum erkennen, aber du erkennst sie an den Taten, die sie vollbringen. Alles, was sie machen, hat nur einen einzigen Zweck: Dir deine kostbare Lebenszeit zu rauben. Und das ist manchmal gar nicht so einfach für diejenigen, die der Initiative angehören.
Denk einmal darüber nach, wer dir in den letzten Wochen und Monaten so begegnet ist. Und ob diese Menschen einen bleibenden Eindruck bei dir hinterlassen haben. Der alte Mann da vorne an der Kasse, das könnte einer von ihnen sein. Hast du nicht gehört, wie er schreit: „Moment, ich glaub, ich hab’s passend!“? Nun sieh, wie er sich bemüht, sein letztes Kleingeld zusammenzusuchen. Du denkst wahrscheinlich, was für eine bemitleidenswerte Kreatur er doch ist. Aber aufgepasst! Das ist alles bloß Tarnung. In Wirklichkeit hat sich der Alte sein Kleingeld schon längst zu Recht gelegt, doch rückt er es vorerst nicht raus. Lebenszeit rauben! Lebenszeit rauben! Das ist die Devise.
Auch die Frau mittleren Alters am Geldautomaten, die mit den vielen Funktionen dieser Technik restlos überfordert zu sein scheint. Frag sie ja nicht, ob du ihr helfen kannst, denn dann hat sie dich einmal an der Angel. Immer mehr Fragen wird sie dir stellen, bis du schließlich an dem Automaten verzweifelst und eine gute Stunde deines Lebens verloren hast. Geh immer nur weiter deinen Weg und lass dich ja nicht von den vielen Leuten mit den bunten Zetteln in der Fußgängerzone ansprechen. Ignorier sie einfach, denn sie alle sind Teil eines ganz großen Plans: Lebenszeit rauben! Lebenszeit rauben! Das ist ihr Motto.
Aber auch zuhause hast du keine Ruhe: Bist du nicht auf der Straße, dann klingelt dein Telefon. Die unterschiedlichsten Sachen wollen dir deine Mitmenschen verkaufen. Und egal, wie viel Geld du dafür ausgeben musst, immer bist du am Ende der Gewinner. Das ist es, was sie dir suggerieren. Aber lass dich auf einen solchen Kuhhandel nicht ein. Erst recht nicht, wenn dich deine Mitmenschen mit nervigen Tonbandansagen quälen. Das machen sie insbesondere dann gerne, wenn sie zeitgleich noch hundert andere anrufen müssen, von denen sie alle nur eins wollen: Lebenszeit rauben! Lebenszeit rauben! Ohne Ende.
Aber auch deine E-Mails haben sich gegen dich verschworen. Wenn du froh bist, dass dir endlich mal jemand schreibt, kannst du drei von vier empfangenen Nachrichten gleich wieder löschen: Spam. Das ist das Wort, was sie oft benutzen. Spam. Es steht für „Spüre Personen auf und Aergere sie Massig“. Es ist eine Geheimwaffe der Initiative, und sie funktioniert immer. Alleine schon dieser Klang lässt Wut in dir hochsteigen. Während du den ganzen Tag damit beschäftigt bist, wichtige von unwichtigen E-Mails zu trennen, schließlich hast du ja sonst nichts zu tun, reiben sich im Untergrund die Mitglieder der Initiative hämisch die Hände. Lebenszeit rauben! Lebenszeit rauben! Ihr Plan geht auf.
Aber selbst wenn du alle deine Maschinen ausstellst, gibt es immer noch jemanden, der deine Klingel drückt. Und das meistens dann, wenn du gerade einen Kuchen im Ofen hast. „Guten Tag, entschuldigen Sie die Störung! Nur ganz kurz: Haben Sie einen Glauben? Ja? Wir wollten mit Ihnen gerne darüber diskutieren…“ Manchmal fragen sie dich auch einfach, ob du fünf Minuten Zeit für den Tierschutz hättest. Dann vergiss dein schlechtes Gewissen und zähl den Leuten auf, für welche Hilfsorganisationen du schon alles spendest und erkläre ihnen, warum dein Geld nicht mal mehr für vernünftige Kleidung reicht. Denn im Grunde geht es diesen Tierschützern gar nicht um dein Geld, und auch nicht um den Tierschutz. Sie wollen im Prinzip nur eins: Lebenszeit rauben! Lebenszeit rauben! Und dazu ist ihnen jedes Mittel recht.
Wenn du denkst, du hältst es hier nicht mehr aus, weil alle Menschen nur an deine Lebenszeit wollen, und du musst dringend raus und was anderes sehen, gibt es zwei Arten der Fortbewegung für dich: Eigenes Auto oder öffentlicher Personennahverkehr. Aber bedenke, dass auch hier die Initiative tätig ist: Fährst du mit dem Auto und verlässt die Stadt über die Landstraße, dauert es nicht lange, bis dir der erste Schleicher die Vorfahrt nimmt und dich ausbremst. Für solche Zwecke hat die Initiative nämlich überall ihre Autofahrer in Stellung gebracht, die nur darauf warten, dass Leute wie du kommen, die von allem die Nase voll haben. Näherst du dich ihnen dann, zwingen sie dich mit riskanten Abbiegemanövern auf die Bremse. Dann kriechen sie mehrere Kilometer lang vor dir her, bevor du endgültig zum Überholen ansetzen willst. Spätestens jetzt heißt es für die Autofahrer der Initiative Gas geben und beschleunigen. Denn wenn sie dich einfach vorbeiziehen lassen, können sie ja eines nicht mehr von dir: Lebenszeit rauben! Lebenszeit rauben! Und das wäre schade.
Hast du dich im Gegenteil dazu entschieden, einen Kurzurlaub mit der Bahn zu machen, dann nimm ausreichend zu essen und zu trinken mit. Ebenso sollten gute Laune und viel Geduld zu deinen Begleitern gehören. Denn die Beschäftigten bei der Bahn haben eine große Gemeinsamkeit: Sie alle arbeiten für die Initiative. Sie alle kommen regelmäßig zu spät, denken sich Triebwagenfehler und technische Defekte aus und bezahlen regelmäßig Suizid-Gefährdete dafür, dass sie vor ihren Zug auf die Gleise springen. Denn das ist ihr großes Ziel, den Menschen so viel Lebenszeit zu rauben wie möglich.
Deshalb bleib am besten zuhause und lass dich nicht ablenken. Vergeude deine Lebenszeit nicht mit irgendwelchen sinnlosen Tätigkeiten wie einkaufen oder reisen, von denen du eh nicht viel hast. Lies lieber ein gutes Buch oder eine Kurzgeschichte. So wie diese hier. Und bevor du dich jetzt wieder ärgerst: Auch diese Geschichte wurde von der Initiative geschrieben, ebenfalls mit genau einem Ziel. Denn während du sie dir seelenruhig und voller Freude durchgelesen hast, haben wir wieder ein paar Minuten deiner kostbaren Lebenszeit einsammeln können. Freust du dich denn gar nicht? Also, wir finden das spitze.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.02.2010.
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Im Takt der Tage
von Ilse Dunkel
„Im Takt der Tage" ist wirkliche Lyrik. Ganz unverbrauchte Wendungen und Bilder findet man in den Texten, und fast immer haben die Gedichte eine philosophische Tiefe. Sie sind (objektiv) wahr und gleichzeitig authentisch gefühlt. Das macht den Reiz dieses Buches aus. Immer wieder ist es die Wonne des Augenblicks, die Ilse Dunkel beschreibt, das Sich-Fallen-Lassen und Genießen im Jetzt. Der Augenblick - er ist das stille, verborgene Thema, das sich durch die 68 Seiten dieses Buches zieht. Die Angst, dass der Moment bleiben möge - und doch immer wieder die Hoffnung, dass sich alles noch weiter entwickelt und nach vorn stürmt. Vorfreude, himmelwärts, zum Gipfel. „Der Gipfel / höchster Genüsse / in der Höhenlage / aller Möglichkeiten", wie die Autorn schreibt.
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