Margit Farwig

Gefangen

 

 

 

Zu diesem schönen Erlebnis verhalf uns unsere von allen geliebte Schnute, ein Kaninchen, Englischer Schecke, weißgrundig mit tiefschwarzen Punkten und Flecken. Über das Rückgrat verlief ein schwarzer Streifen bis hin zum Stummelschwänzchen. Die Flanken zeigten sich schwarz gesprenkelt, und zwar ebenmäßig auf beiden Seiten. Die Ohren, Augenumrandung und der Mund besaßen das gleiche Schwarz. Eben darum der Name „Schnute“. Das Fell glänzte seidig, zeugte also von guten Futterbedingungen. Und es kam nicht von ungefähr. Neben Trockenfutter, Kräutern und Möhren gab es hin und wieder Abfallblätter vom Rosenkohl. Ein gern gemochtes Gemüse auch für Kaninchen.

Eine Tüte mit Abfällen stand nun im Keller und wartete darauf, jeden Tag ein paar Blättchen für Schnute bereit zu halten. Der Einfachheit halber nahm ich die ganze Tüte gleich mit nach draußen und entnahm an Ort und stelle eine Handvoll. Heute aber bewegte sich etwas in dem Behältnis. Die Blätter lagen friedlich zuhauf, das war eine Tatsache, die nicht erst untersucht werden musste. Sollte etwa eine kleine Maus heimlich beim Naschen sein? Hat der Duft von Kohl sie angelockt oder sah sie eine segensreiche Möglichkeit, hier zu überwintern?

D i e  Maus musste ich kennen lernen. Schnell packte ich die Tüte ganz fest am oberen Ende und holte einen Eimer. Da hinein schüttete ich den Inhalt und entdeckte auch gleich den Nager. Er war so winzig und doch war alles dran. Natürlich wollte dieses menschenscheue Tierchen fliehen, aber geschickt balancierte ich die Eimerwände so aus, dass jeder Fluchtversuch scheitern musste. Es fiel immer wieder auf den Boden des Eimers.

Eine Idee hatte sich ebenfalls schon gefunden, wie ich mir die Gesellschaft und die damit verbundenen Beobachtungen erwerben konnte, und sei es auch nur für kurze Zeit.

Im Schrank befand sich eine Glasvase mit den richtigen Maßen. Höhe wie Breite 22 cm und da die Breitseiten abgeflacht waren, ergab sich noch eine Schmalweite von 12 cm. Die Vasenöffnung, sozusagen in diesem Falle der Einstieg, betrug 10 cm. Da hinein lagerte ich nun die Rosenkohlblätter 10 cm hoch. Zu guter Letzt lief ich ins Badezimmer und entnahm dem Beutel für Kosmetiktupfer einen Wattebausch in Pink als willkommene Ruhe- oder Aufenthaltsstätte für meinen kleinen Gast.

Für alle Fälle streute ich noch kernige Hafenflocken und gemischte Körner obenauf, eine Maus lebt ja nicht von Kohl allein. Nun war alles für eine solide Einquartierung hergerichtet. Mit Spannung erwartete ich ein Naturschauspiel und wurde nicht enttäuscht.

In die Sache kam Bewegung. Es wölbte, senkte und verdickte sich, mal sah ich zwei Mäusepfötchen, mal nur den Schwanz. Na, sagen wir Schwänzchen. Kreuz und quer arbeitete sich die Emsige durchs Blättergewirr. Nun war mir klar, dass sie sich ihre Wohnung selbst einrichtete nach ihren Vorstellungen und Bedürfnissen. Der Instinkt war vollkommen intakt. Viele Gänge gaben Sicherheit und dienten gleichzeitig zur Hortung von Nahrung. Was sie dann fleißig betrieb. Endlich gönnte sie sich ein wenig Ruhe.

Nun trat das ein, worauf ich gehofft hatte. Dieses putzige Mäuschen setzte sich auf den Wattebausch, griff nach einer großen, runden Haferflocke und knabberte seelenruhig daran. Aufrecht sitzend, Grau auf Pink, die kleinen spitzen Krallen die platte Haferflocke umfassend, biss sie mit ihren scharfen Zähnen ein Stückchen nach dem anderen ab. Es war zu niedlich. Immer wieder warf ich einen Blick auf dieses kleine Wunder, zumal das Glashaus sowieso einen Ehrenplatz in der Küche inne hatte.

Am nächsten Morgen genoss ich noch einmal diese Idylle und dann, schweren Herzens, schaffte ich die „Mausefalle“ in den Garten und entließ meine Gefangene in die Freiheit. Blitzschnell war sie verschwunden, begleitet mit allen guten Wünschen für ein langes Mauseleben.

 

© Margit Farwig

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.02.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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