Jürgen Berndt-Lüders

TESS POLY IM EINSATZ (5) Die Müllbeutel-Aktion

Bei Tess klingelt das Handy. Melodie: OH DU SCHÖNER WESTERWALD. Tess klickt sich rein und meldet sich. „ Tess Poly am Apparat. Bitte melden.“

 

„Tag Frau Poly. Streber hier. Die Buchhaltung bringt mir eben einen Beleg über 250 Müllbeutel, blau, je 120 Liter. Die haben sie als Spesen eingereicht. Wieso das denn?“

 

„Tag Herr Chef Streber. Ähm, sie wissen doch, dass ich viel Zeit habe, weil Uffz Wackernagel mit seiner Frau ausgelastet ist. Da gehe ich an den Wochenenden in den Wald und sammle Müll auf. Man muss ja was für die Allgemeinheit tun. Ich werde schließlich aus Steuermitteln bezahlt.“

 

„Das glauben sie doch wohl selber nicht, Frau Poly. Es reicht, wenn sie Falschparker aufsammeln. So wie ich sie kenne, haben sie wieder irgendetwas Schlitzohriges vor.“

 

„Herr Chef Streber, ähm, es ist eine gute Investition für die Stadt. Genehmigen sie einfach meine Aktion und die Gelder fließen. Dann kann die Gewerkschaft auch fünf Prozent Gehaltserhöhung für den Öffentlichen Dienst verlangen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.“

 

„Hat die sowieso nicht, Frau Poly. Wenn die nichts heraus schinden, verlieren die Funktionäre noch ihren Job, weil alle Mitglieder unzufrieden sind und austreten. Aber jetzt sagen sie mal, wofür die Müllbeutel sind.“

 

„Daraus mache ich Kapuzen für mich und meine Kolleginnen. Damit wir auch bei Regen weiter Falschparker aufschreiben können. Sehschlitze genügen. Dann müssen wir uns weder die Argumente der Falschparker anhören noch darauf eingehen.“

 

Streber schnaubt vor Entrüstung. „Sie erzählen mir hier einen vom Pferd. Sagen sie jetzt die Wahrheit. Ich verspreche ihnen, dass es unter uns bleibt.“

 

Tess will ablenken.

 

„Und außerdem haben sie mir immer noch nicht das du angeboten. Ich komme mir vor wie eine Außenseiterin, wenn ich im Amt bin. Alle duzen sich, nur ich werde gesiezt.“

 

„Frau Poly, um ehrlich zu sein: das hängt mit ihrem, sagen wir, hormonellen Zustand zusammen. Wenn ich sie duze, glaubt meine Frau, wir hätten was zusammen.“

 

„So ein Quatsch. Dann müssten sie ja was mit allen haben, denn sie duzen ja auch alle.“

 

Streber überlegt sich die richtige Antwort.

 

„Wer sagt ihnen denn...“

 

Tess schaltet schnell.

 

„Etwa auch mit den Männern?“

 

„Nein, die duze ich, weil ich mir dann sicher bin, dass sie meiner Frau nichts erzählen. Eine Krähe hackt der anderen schließlich kein Auge aus.“

 

Tess freut sich, dass Streber vom Thema Müllbeutel runter ist.

 

„Sowas, und ich dachte immer, dass die Leute nur Müll erzählen, wenn sie über die Moral im Öffentlichen Dienst lästern.“

 

„Apropos Müll. Gut, dass sie mich erinnern. Ich wäre fast vom Thema runter gewesen. Wozu haben sie denn nun letztendlich die Müllbeutel gekauft?“

 

„Naguuut, ich sag’s ihnen, denn ich könnte sie ja jetzt meiner Kenntnis über sie und die Kolleginnen erpressen. Mich betrifft das ja nicht, weil sie mit mir noch nichts hatten. Frühmorgens vor Beginn der Parkzeit stülpe ich die Müllbeutel über die Parkscheinautomaten. Die Leute glauben, das Ding sei außer Betrieb...“

 

„...ah, und später kommen sie und nehmen die Beutel wieder ab. Und weil die Leute keinen Parkzettel haben...“

 

„So ist das mit den Männern“, spottet Tess.

 

„Wie denn?“

 

„Man muss sie als Frau erst auf etwas bringen, und wenn sie es dann kapiert haben, tun sie so, als sei die Idee von ihnen.“

 

Streber lacht. „Frau Poly, sie haben mir letzt was vom Dienstweg erzählt, der von oben nach unten geht. Ich bin ja nun über ihnen...“

 

„...nur dienstlich. Vorerst jedenfalls. Wegen ihrer Frau.“

 

„...unterbrechen sie mich nicht immer. Ich bin ja nun über ihnen, und deshalb ordne ich an, dass sie die Müllbeutel-Aktion einstellen. Vorerst jedenfalls. Wegen der Zuständigkeiten. Bei Gelegenheit geben sie die Müllsäcke beim Bauhof ab. Was die damit machen, werden sie dann sehen.“

 

„Aber eine Tüte müssen sie mir lassen. Für den Automaten vor dem Rathaus. Damit ich nicht immer so wütend werde, wenn der Herr Bürgermeister mal wieder falsch parkt und ich ihn nicht aufschreiben darf.“

 

„Frau Poly, in diesem Fall wählen wir eine andere Lösung. Haben sie noch den Kleber, den ich ihnen für ihr Schiffchen gegeben habe?“

 

„...den für mein Cappy?“

 

„Ja, den. Tauchen sie eine Euro-Münze in den Kleber und werfen sie die ein. Dann ist der Automat vor dem Rathaus außer Funktion, und zwar nachhaltig.“

 

„Herr Chef Streber, der Automat nimmt auch 50-Cent-Stücke. Wir müssen sparen.“

 

„Gut, genehmigt, Frau Poly.“

 

„Roger. Ich muss aufhören und Feierabend machen. Den Kleber habe ich nämlich zu Hause. Over and out.“

 

 

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