Pierre Heinen

Fantasy-Rollentausch 2 – Der Flötenspieler

Die erste Nacht in der Wildnis war die garstigste für Akzet gewesen. Neben dem Pilgerweg hatte er, als es zu dämmern begonnen hatte, auf einer Lichtung sein Reisegepäck niedergelegt und zuerst etwas gegessen. Er hatte es anschließend nicht fertig gebracht ein Feuer zu entzünden und die vielen gewöhnungsbedürftigen Geräusche der Natur hatten ihm später den Schlaf geraubt. Er hatte weinend und zitternd bis zum Sonnenaufgang in den Klauen der Angst gelegen. Die Einsamkeit und das Nicht-Versagen-Wollen hatten sich hier draußen mehr als jemals zuvor in seinem Leben bemerkbar gemacht.

Nach nun fast vier Tagen hatte der Zwergenmagier sich so langsam an das Pilgerdasein gewöhnt. Wie oft hatte er einfach aufgeben wollen? Wie viele Male hatten die Blasen an den Füßen oder die wundgescheuerten Innenseiten der Oberschenkel nicht mehr weitermarschieren wollen? Wie oft hatte er zurück geschaut, auf den Weg den er bereits gemeistert hatte und wollte umkehren? In den Augenblicken dachte er an Worrdak.

Er wollte, dass sie stolz auf ihn waren! Er wollte seinen Namen in den Büchern geschrieben sehen! Als der Zwerg, der es seinem Volk ermöglicht hatte, zurück in ihre alte Heimat zu kehren. Er würde beten und die Götter bitten, den Rollentausch rückgängig zu machen. Nichts und niemand würde ihn aufhalten können. Er musste allein gegen seinen inneren faulen Zwerg gewinnen, dann könnte er alles schaffen!

Jeden Abend suchte Akzet den Horizont ab, um die Spitzen der Weißen Berge zu finden. Sie waren jedes Mal größer und der Zwerg wusste, dass er auf dem richtigen Pfad war. Auf dem Weg dazu, ein wahrhaftiger Mann zu werden. Ganz zu schweigen davon, dass er seit dem Beginn der Reise beachtlich an Gewicht verloren hatte und die Strecken die er jeden Tag zurücklegte immer länger wurden. Das Marschieren und die karge Kost hatten seinem fünfunddreißigjährigen Körper gut getan. Er fühlte sich robust, selbstständig und vor allem berufen.

*

Der hagere Mensch hockte am Wegesrand auf einem moosbedeckten Stein. Je näher Akzet ihm kam, umso unheimlicher war dem Zwerg zumute. Menschen gegenüber sollte man immer misstrauisch sein, hatte Mutter ihm beigebracht. Und das hatte er bislang beherzigt. Obwohl der Pilger sich nach Konversation sehnte, nahm er sich vor, den Großen allerhöchstens zu grüßen.

„Wanderer, habt Mitleid mit mir!“, fing der Mann an, um die Aufmerksamkeit des Zwergen zu buhlen. „Ich habe seit Tagen nichts anständiges gegessen! Bin seit Monden unterwegs!“

Akzet blieb stehen. Er wollte nicht die erste Person, die er nach vier Tagen begegnete, einfach so ignorieren. Der lange Weg, den er noch vor sich hatte, würde durch unbewohntes Terrain führen. Dort hatte er genug Zeit der Stille zu huldigen.

Der Mann in dem schwarzen Gewand stand mühselig vom Stein auf. Er schulterte seine Flöte, die so lang war, wie der Zwerg hoch und näherte sich Akzet.

„Für etwas Brot spiele ich dir Lieder und begleite dich des Weges!“

Akzet grübelte. Auf der Karte war auf der anderen Seite der Weißen Berge ein Menschendorf eingetragen, welches er eigentlich umgehen wollte, aber in Begleitung eines Menschen könnte er dort neue Vorräte kaufen.

„Ich gebe dir zu essen“, murmelte der Zwerg in der Unionssprache und setzte seinen vollgepackten Rucksack auf den schmierigen Boden. „Dafür musst dich mich aber bis ins Dorf jenseits der Berge begleiten!“

Der Flötenspieler zögerte keinen Atemzug lang.

„Vielen Dank!“, frohlockte er und fiel auf die Knie. „Oh Götter, dankt diesem Zwerg angemessen, denn ich kann es nicht!“

Akzet reichte dem Menschen einen Kanten Brot und ein Stück des harten Käses. Er selbst nahm lediglich einen Schluck Wasser zu sich. Der Flötenspieler stopfte alles in sich hinein. Zum Schluss grinste er und sah Akzet an. Einen Augenblick lang fragte sich der Pilger ob er das richtige getan hatte. Dann erhob sich der Flötenspieler.

„Nun denn mein Wanderfreund, gehen wir!“, forderte der Mensch den Zwergen auf und stiefelte in Richtung der Berge. „Es ist ein langer Weg bis nach Zartinko!“

Erleichtert schulterte Akzet sein Gepäck und versuchte dem Mann zu folgen. Dieser fing an ein fröhliches Lied auf seiner Flöte zu spielen. Als er aber bemerkte, dass seine Reisegefährte nicht so schnell weiterkam, blieb er auf einer Anhöhe stehen.

„Wie ist dein Name?“, wollte er vom keuchenden Zwergenmagier wissen, als dieser oben angekommen war.

„Akzet vom Clan der Kupfernen“, gab der Zwerg nach einer Weile melancholisch von sich. „So hieß ich in Worrdak. Auf der Magierburg nennen mich alle bloß Akzet aus dem kleinen Feuerturm. Aber als Magier tauge ich nichts, so wie viele Zwerge.“

„Ja der Rollentausch ist schon eine komische Sache. Wenn ich mir die zierlichen Elfen in den Minen vorstelle, die Magier im verwunschenen Wald“, stimmte der Flötenspieler dem Zwerg zu und hängte sich sein Musikinstrument wieder über die Schulter. „Allein die Menschen sind bislang verschont geblieben. Aber meiner Meinung nach, ist das nur eine Frage der Zeit. Wohin geht die Reise denn überhaupt?“

„Zum Tal der Türme“, antwortete Akzet stolz. „Ich werde die Götter im Namen aller Zwerge bitten den Rollentausch rückgängig zu machen.“

„Na da hast du dir aber mal was vorgenommen!“, gab der Mensch bewundernd von sich. „Wo liegt denn dieses Tal?“

„Hinter den Weißen Berge, hinter der Ebene der Stille und hinter dem Hang der Götter. In dem Tal hat jede Rasse ihren Turm errichtet“, wusste Akzet zu berichten. „Auch ihr Menschen!“

„Hab ich aber noch nie gehört von“, murmelte der Flötenspieler und beugte sich hinab, um dem Zwerg auf die Schulter zu klopfen. „Eine weite Reise hast du da vor dir, mein Freund! Eine gefährliche obendrein! Respekt! Viele Räuber lungern entlang des Weges! Da musst du vorsichtig sein!“

Akzet ließ seinen Rucksack abermals zu Boden gleiten. Seitdem sich der bisher relativ flache Weg zwischen den Hügeln emporschlängelte, wurden seine Energiereserven arg strapaziert. Ob er es überhaupt bis über die Berge schaffen würde?

Der Zwerg öffnete die Schnüre an seinem Beutel und zeigte dem neugierigen Menschen seine Habseligkeiten. Respekt hatte Akzet besonders vor den kleinen Säckchen mit dem Pulver, die ihm sein Lehrmeister mitgegeben hatte. Vielleicht würde man damit leicht ein Feuer entzünden können? Nachdem der Zwerg seine Ausrüstung dem Flötenspieler gezeigt hatte, musste dieser zugeben, dass er sich wohl selbst schützen könnte.

„Ich bin übrigens der Niclas“, stellte sich der Mensch vor. „Ich versuche mich als Musikant mehr schlecht als recht durchs Leben zu spielen. Vielleicht kann ich dir ein paar Sachen abnehmen. Die Last ist dann gerechter verteilt. Oder was meinst du?“

Akzet nickte dankbar und so machten sich beide wenig später wieder auf den Weg. Der Zwerg voll Freude und um einiges erleichtert, der Mensch, schwer mit sich selbst beschäftigt.

Wenn ich ihm all das Zeug abnehmen könnte, brächte ich ein Jahr lang keinen Finger mehr krumm zu machen, dachte der Flötenspieler bei sich. Bei der erstbesten Gelegenheit ist der Zwerg dran! Sobald er schläft ...

*

(Folge 1: Fantasy-Rollentausch – Zwergenmagier-Dasein – siehe Steckbrief des Autors)

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Pierre Heinen).
Der Beitrag wurde von Pierre Heinen auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.02.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Buch von Pierre Heinen:

cover

Payla – Die Goldinsel I von Pierre Heinen



Auf Payla, der lukrativsten Provinz des Königreiches Lotanko, neigt sich der Sommer des Jahres 962 dem Ende entgegen. Die schier unerschöpflichen Goldvorräte der Insel lassen Machthungrige Pläne schmieden und ihre gierigen Klauen ausfahren. Wer den Winter überstehen will, muss um sein Leben kämpfen, wer über die Goldinsel herrschen will, muss in den Krieg ziehen.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Fantasy" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Pierre Heinen

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Froschknutscher gesucht! von Pierre Heinen (Fantasy)
Der Rosenmann von Margit Farwig (Fantasy)
Verdummung der Kunden von Norbert Wittke (Glossen)