Petra Schwarz

Tyrannen der Nacht

Kennen Sie das?  
Ein Sommertag neigt sich dem Ende entgegen. Die Sonne versinkt mit einem spektakulären Farbenspiel am Horizont und die heißen Tagestemperaturen fallen langsam, ganz langsam. Sie öffnen weit alle Fenster, um mit der frischen Nachtluft die stickige Hitze aus Ihrer Wohnung zu vertreiben.
Sie sehnen sich nach einer erfrischenden Dusche und wollen endlich nach einem anstrengenden Tag in den kühlen Laken versinken, den nervenden Chef, die mobbenden Kollegen und überhaupt den ganzen Alltagsstress vergessen.
Ein Schlummertrunk wird Sie sacht in rosige Gefilde tragen, der Sie die raue Wirklichkeit aus angenehmer Entfernung betrachten lässt.
Dann endlich – die Sonne bescheint längst andere Gefilde unserer Mutter Erde – fallen Sie mit einem tiefen Seufzer in die je nach Geschmack weichen oder nicht so weichen Federn.
Schon bald umarmt Sie die samtene Dunkelheit der Nacht. Eine Fee erscheint vor ihren geschlossenen Augen und verspricht Ihnen erholsames Vergessen. Nichts mehr denken, nur noch schlafen!
 
Sanft gleiten Sie in einen Traum. Doch irgendetwas ist seltsam an diesem Traum. Ein leises Geräusch, unangenehm, durchdringend. Entlockt ein unsichtbarer Geiger seinem Instrument schräge Klänge? Nein, das ist es nicht.  
 
Es kommt näher.  
 
Srrrrrrrrrrr …..
Ein summender Ton tropft in Ihr Ohr. Sie ignorieren es, drehen sich einfach auf die andere Seite um. Aber es hilft nicht.
Srrrrrrrrrrr …..
 
Er überwindet das Trommelfell und kriecht durch Ihren Gehörgang in jeden Winkel Ihres Geistes.
Srrrrrrrrrrrrrr….
Das Sirren sägt an Ihren Nervensträngen, bringt sie zum Vibrieren wie die Saiten einer Geige. Also doch ein Geiger!
Ein kaum wahrnehmbarer Lufthauch huscht über Ihr Gesicht.
Langsam steigt aus den Tiefen Ihrer Erinnerung eine Ahnung auf.
 
 
Ein Kribbeln auf Ihrem Arm bringt Ihnen die grausame Gewissheit.
 
Ja, sie sind es.
Die Ungeheuer mussten bereits gelauert und nur den richtigen Moment für den Angriff abgewartet zu haben. Kleine, hinterhältige Blutsauger, gierig auf Ihr Lebenselixier.
An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Sie müssen den Kampf aufnehmen. Was ist die beste Strategie? Licht anknipsen und wild auf alle einschlagen? Ein rascher Blick über die Wände Ihres Schlafzimmers im schwachen Schein Ihrer Nachttischleuchte lässt Sie diese Idee schnell wieder verwerfen. Nicht eine Mücke ist zu entdecken. Sie haben keine Ahnung, wo sie sich versteckt haben können.
 
Vielleicht war es auch nur ein einsames Insekt. Naja, aber so richtig darauf vertrauen wollen Sie auch nicht. Also erst einmal schlafend stellen. Der nächste Angriff lässt auch nicht lange auf sich warten. Wo ist das Zielgebiet? Kaum senkt der Blutsauger seinen Rüssel in Ihr Fleisch, schlagen Sie zu. Getroffen! Angestrengt lauschen Sie. Jetzt kommen sie gleich von zwei Seiten. Einen Plagegeist erwischen Sie, die anderen entkommen.
 
 Aus den Tiefen Ihres Geistes taucht plötzlich die Erkenntnis auf, dass Sie von den Amazonen der Mücken angegriffen werden. Auch wenn Sie im Normalfall auf Weibchen stehen, warum sollten gerade Sie als Blutwirt herhalten für die Vermehrung dieser nächtlichen Tyrannen? Erst vergnügten sie sich mit ihren männlichen Artgenossen und jetzt wollen sie Ihr Blut für ihre Eier, aus denen neue Heerscharen von Mücken hervorgehen werden! Das muss man doch verhindern! Sie wehren sich tapfer, erschlagen eins, zwei, drei ….
Dann ändern die Angreiferinnen ihre Taktik – ein Fluggeschwader täuscht einen Angriff vor, den Sie heldenmütig zurückschlagen. Doch aus der anderen Richtung nähern sich weitere Biester, lassen sich auf den nackten Armen und am Hals nieder. Hungrig rammen sie ihre Stachel in Ihre bloße Haut. Vielleicht hätten Sie statt Duschgel mit einem Antimückenspray duschen sollen!  
Wieder und wieder drehen die Biester ihre Runden über Ihnen, mal näher an Ihrem Ohr, mal entfernter. Sie wehren sich tapfer, schlagen auf sie ein. Und Sie nehmen auch die blauen Flecke in Kauf, die Sie sich bei der Abwehr der nächtlichen Bedrohung selbst zufügen.
 
Nach einer gefühlten Ewigkeit nehmen die Angriffe ab. Haben Sie alle erlegt? Oder sind die Damen einfach nur satt?  
Erschöpft vom Kampf mit den blutrünstigen Ungeheuern sinken Sie zurück in die Kissen. Mit einem Ohr lauschen Sie noch immer angespannt, ob sich noch ein Tiefflieger in Ihre Reichweite wagt.  
 
Irgendwann nimmt Sie Morpheus doch in seine Arme und geleitet Sie für einige wenige Stunden in das erholsame Tal der Träume, bis Sie am nächsten Morgen vom schrillen Klingeln Ihres unbarmherzigen Weckers unsanft in die Wirklichkeit zurückgeholt werden. Dunkel kehrt die Erinnerung an Ihren verzweifelten Kampf gegen die blutsaugenden Ungeheuer zurück. Sie erwarten hunderte der erschlagenen Feinde in Ihrem Bett vorzufinden. Doch nicht einmal diesen Triumph gönnen Ihnen die Biester, mehr als drei oder vier können Sie nicht finden. Nur Ihr über und über mit Stichen übersätes Spiegelbild grinst Sie im Bad gequält an und bezeugt, dass der nächtliche Kampf kein Traum war.
Kennen Sie das?
P.S. Noch ist Winter, und ein langer, eisiger dazu! Doch tief im Verborgenen kann ich sie schon wieder ihre Stachel wetzen hören. Der nächste Sommer kommt bestimmt!
 
 
 
 
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.02.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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