Lena Beumler-Moon

Der weibliche Traum von Freiheit III

 

 

„Das ist die Küche!“ „Ah, ja, na dann kenne ich ja schon mal den Raum, der für mich am wichtigsten ist.“ Ich dachte ich könnte mit diesem Spruch die Stimmung etwas aufheitern, aber anscheinend ist er nicht so schnell aus der Reserve zu locken. Stumm guckt er mich an und sagt „Folgen Sie mir bitte nach oben, ich zeige Ihnen jetzt Ihr Schlafzimmer!“ Eine leicht geschwungene Treppe aus edlem Holz führt in den ersten Stock des Hauses. Der Flur ist mit roten Teppichläufern ausgelegt. Am Ende des Korridors steht eine Tür einen Spalt offen, die Sonnenstrahlen suchen sich ihren Weg und werfen Licht auf das Purpurrot. Er geht auf die offene Tür zu und ich folge ihm. Wir betreten ein wunderschön eingerichtetes Kinderzimmer, am Schreibtisch sitzt ein kleines Mädchen, ich würde es auf etwa sechs Jahre schätzen. „Anna, schau! Das ist Antonia, sie wird uns im Haushalt helfen solange Mama nicht da ist.“ Auf einmal hat er einen Ton an sich, der so gar nicht in mein Bild passt, welches ich bisher von ihm gewonnen habe: Sanft-und gutmütig, aus seiner Stimme erklingt Liebe. Der Doktor kniet sich neben ihr an den Schreibtisch und wartet auf eine Reaktion, Anna dreht sich langsam um, ein trauriges Kindergesicht blickt mir entgegen. Ich gehe auf sie zu, knie etwas nieder und reiche ihr die Hand, zaghaft reicht sie mir die Selbige. „Ich bin Antonia und du bist also Anna. Ich freue mich dich kennen zu lernen!“ Es folgt kein Wort von ihr, etwas irritiert schaue ich zu ihm, aber er schaut weiterhin auf seine Tochter. Etwas hilflos in dieser Situation verharrend, weiß ich nicht, wie ich reagieren soll, ich lächle sie einfach an, aber ich erhalte keine Mimik zurück. „So, ich wollte Ihnen noch Ihr Schlafzimmer zeigen, kommen Sie!“ Ich gehe ihm hinterher. „Ich hoffe das genügt Ihren Ansprüchen?!“ Ein hell und freundlich eingerichteter Raum mit edlem Parkett, hellen Vorhängen und einem breiten Bett überraschen mich und übertrifft all meine Erwartungen, die ich an ein Dienstmädchenschlafzimmer gestellt hätte. „Ich würde sagen, ich könnte mir kein schöneres Schlafzimmer wünschen, danke!“ „Das ist selbstverständlich.“ „Darf ich Sie etwas fragen?“ „Stellen Sie erst einmal Ihre Frage, dann entscheide ich, ob ich antworten werde!“ „Kann oder will Ihre Tochter nicht sprechen?“ Er neigt seinen Kopf auf den Boden, zögert einen Moment und sieht mich dann an. „Seit dem Tag, an dem ihre Mutter in die Stadt gereist ist, spricht sie kein Wort mehr. Sie sind jetzt sicherlich erst einmal damit beschäftigt, sich hier einzurichten. Ich werde Hans, den Stalljungen bitten, Ihren Koffer hoch zu bringen. Um 18.00 Uhr gibt es bei uns Abendessen, decken Sie bitte den Tisch für drei Personen im Esszimmer!“ „Gut, ich weiß Bescheid.“ Ich habe das letzte Wort noch nicht ausgesprochen und er dreht sich schon um und verlässt den Raum. Ein Gentleman ist an ihm jedenfalls nicht verloren gegangen.

 

Angelehnt an seinen Rücken spüre ich seine Wärme und es ist, als ob ein starker Sehnsuchtsdurst endlich gelöscht wird, fest umklammert hält er mich und ich sage: „Lass mich nie wieder los, versprich mir das, ja?“ Als ob ich von meinen eigenen Worten geweckt wurde, schrecke ich auf und weiß im ersten Moment gar nicht, wo ich bin. Es ist noch hell und ich bin hier in meinem neuen Zimmer, alles ist in Ordnung, oder auch nicht? Wer war er? Der fremde Mann in meinen Träumen, welcher wieder nur ein wunderbares kaum beschreibbares Gefühl, aber weder einen Namen noch eine Erinnerung an sein Gesicht hinterlassen hat? Eine innere Stimme sagt mir: Das ist der zweite Teil deiner Seele! Mein Blick wandert zur Uhr und ich muss erschrocken feststellen, dass es schon 17.15 Uhr ist. Um 18.00 Uhr muss das Abendessen auf dem Tisch stehen!

 

Hier haben wir also schon einmal das Brot. Mal schauen, was sich hier noch so finden lässt. Ah, da ist der Schinken, mmh und Leberwurst liegt auch daneben, fehlt nur noch etwas Käse und irgendetwas Frisches, vielleicht ein paar saure Gurken oder Ähnliches.

 

Von der Küche aus gelange ich direkt in`s Esszimmer, ich breite eine weiße Tischdecke auf der langen Tafel aus, auf einmal höre ich wie sich die Tür ganz langsam öffnet, die kleine Anna schaut mit großen braunen Kulleraugen um die Ecke. „Willst du mir helfen?“ Ich strecke ihr die Gabeln und Messer entgegen, sie kommt mir entgegen, fasst das Geschirr an und beginnt es zu verteilen. „Das ist lieb von dir, vielleicht würde ich es sonst nicht rechtzeitig schaffen und ich glaube dein Vater legt Wert auf Pünktlichkeit, stimmt`s?“ Immerhin kann ich ihr ein leichtes Kopfnicken entlocken. Während ich die Gläser aus dem Schrank hole, frage ich mich, wie man seine eigene kleine Tochter einfach so lange allein lassen kann.

 

Das Abendessen verläuft ziemlich wortkarg, ab und zu stelle ich ein paar Fragen, um die Stille etwas zu durchbrechen, aber außer ein paar kurzen höflichen Antworten entsteht kein weiteres Gespräch. Als der Doktor mit dem Essen fertig ist und Anna nur noch in ihrem Brot herum stochert, steht er auf, nimmt seine Tochter auf den Arm sagt „Gute Nacht“ und bringt sie zu Bett. Erleichtert, dass das verkrampfte Abendessen nun endlich beendet ist, stehe ich auf und fange an, den Tisch zu räumen. Hoffentlich lerne ich noch mit dieser Schweigsamkeit umzugehen, im Moment macht sie mich einfach nur nervös.

 

„...Und da sagte die Bärenmutter zu ihrem Bärenjungen „Nun schlaf schön, morgen warten neue Abenteuer auf dich, dafür musst du ausgeruht sein!“ Anna ist mittlerweile schon eingeschlafen. „Mein liebes kleines Mädchen, wann fängst du nur wieder an zu sprechen? Leider kann ich dir nicht sagen, wann deine Mama zurück sein wird.“ Er klappt das Buch zu, gibt seiner Tochter noch einen Kuss auf die Stirn und löscht dann das Kerzenlicht. Als er die Tür zu Anna`s Zimmer schließt, hört er, wie Antonia die Treppenstufen hinauf geht. Um ihr nicht mehr begegnen zu müssen, verschwindet er schnell in die Bibliothek. Was ist das nur für eine Frau? Wo kommt sie her? Was macht sie in diesem Dorf? Warum ist sie nicht verheiratet? Oder ist sie auch verheiratet und einfach ihrem Ehemann entflohen? Warum stelle ich mir all diese Fragen und warum gehe ich ihr überhaupt aus dem Weg?

 

Als ich ein paar Stufen hinaufgehe, höre ich, wie sich eine Tür schließt. Puuh, zum Glück muss ich ihm nicht noch einmal begegnen und gezwungene Konversation betreiben, ich will einfach nur noch meine Ruhe haben und in mein Bett!

 

„Es ist Sonntag, da möchten Sie sicherlich ein Ei, richtig?“ „Von mir aus.“ Es ist 8.00 Uhr, der Doktor sitzt in seinem Büro und liest in seiner Zeitung. „Haben Sie sonst noch einen Wunsch?“ „Ja, vor allem einen: ich möchte mich nicht solch nichtigen Themen, wie der Auswahl von Speisen widmen!“ Mir fehlen die Worte. Ich gucke ihn nur mit erstaunten weit aufgerissenen Augen an, auch er sieht mich an, aber mit unverändert grimmiger Miene und wendet sich dann wieder seiner Zeitung zu. Ich drehe mich um und kehre in die Küche zurück. Leichte Wut steigt in mir auf. Ganz ruhig, Antonia! Er ist wahrscheinlich einfach nur, als zur Zeit alleinerziehender Vater, überfordert. Du kannst es dir nicht leisten, hier die Rebellin zu spielen, verstanden? Einfach höflich bleiben.

 

Auch das Frühstück gestaltet sich nicht geselliger, als das Abendbrot. Mittlerweile spare ich mir meine Versuche, ein Gespräch anzufangen. Nur wenn er an irgendetwas nicht selbst gelangen kann, bittet er darum, dass ich es ihm herüber reichen möge. Als er seinen letzten Semmel verzehrt hat, greift er in seiner Westentasche nach seiner Taschenuhr. „Es ist 9.00 Uhr. In einer halben Stunde fahren wir zum Gottesdienst. Halten Sie sich bitte bereit!“ „Wie meinen Sie das?“ „Kleiden Sie sich bitte entsprechend und seien Sie pünktlich, ich möchte nicht, dass wir die Letzten in der Kirche sind!“ „Aber ich gehe nie in die Kirche!“ „Das ist nicht Ihr Ernst!“ „In dieser Hinsicht pflege ich nicht zu scherzen, ich glaube zwar an Gott, aber nicht an die Institution Kirche!“ „Es geht hier nicht darum, woran Sie glauben oder auch nicht glauben, hier geht es einzig und allein darum, dass ich in diesem Ort der Arzt bin und bestimmte Verpflichtungen habe. Sie leben zur Zeit unter meinem Dach und haben sich somit auch bestimmten Spielregeln unterzuordnen!...“ „Aber!...“ „Die Menschen hier sind sehr gläubig, auch von mir wird eine gewisse Religiosität abverlangt. Die Bewohner sollen nicht den Verdacht schöpfen, dass ich einer Atheistin Unterschlupf gewähre!“

 

Fortsetzung folgt!

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.02.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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