Otakar Lachman

DIE ENTFÜHRUNG

EINE SCIENCE FICTION TAXI KURZ-GESCHICHTE

 

DIE ENTFÜHRUNG

 

 

 

  Ende Juni war ungewöhnlich heiß in diesem Sommer. Mein Kopf war auch von der ewigen Lernerei in den letzten Tagen ziemlich überhitzt. Ich stand  kurz vor den Semesterprüfungen. Weil  ich  etwas Abstand vom  Lernstoff  gewinnen  wollte, die  Kasse  leer war und die Julimiete langsam wieder an meinem Kontostand klopfte, rief ich die Firma an und fragte, ob ein Taxi frei wäre. Es war.

 Seit einigen Jahren verdiene ich mein Studiengeld durch Taxifahrerei. Es ist ein harter Job, aber ich will kein Bafög in Anspruch nehmen. Ich hab' grundsätzlich etwas gegen Schulden. Das Taxi habe ich bei dem Unternehmer am Freitag Abend abgehollt, um mich durch die nächsten drei Nachtschichten durchzubeißen. Die Sekretärin im Büro sagte mir, daß der Tagfahrer seinen Urlaub genommen habe und weil kein Erzatzfahrer auf den Wagen angesetzt werden könnte, dürfe ich das Taxi bis Montag früh bei mir behalten. Das verbesserte gleich meine Laune, weil ich mir so die Zeit und Arbeit mit der täglicher Abgabe sparen und mich über das ganze Wochenende als mein eigener Herr fühlen konnte.

 In der Stadt herrschten Ruhe und ein angenehmer, warmer Juniabend. Die meisten Einwohner sind aus der stickigen Metropole in die Natur weggefahren und anscheinend auch die vielen Kollegen, weil nur einige wenige Taxis unterwegs zu sehen waren, ich machte einen guten Umsatz. Kurz nach Zehn senkte sich die Dunkelheit über die Stadt und das Nachtleben kam langsam ins Rollen.

 In Moment ist leider der Taxigeschäft etwas träge geworden. Die Leute, die sich am Anfang des Abends in die Stadt fuhren ließen, sitzen jetzt in den Restaurants und Kinos. Das Taxi wird erst nach Mitternacht verstärkt gefragt, und besonders um eins, wo die meisten Kneipen zumachen und die Menschen wieder nach Hause gelangen  wollen.

 Ich blieb am Herkomerplatz als Zweiter stehen. Besser  Zweiter an diesem kleinen Taxistand am Stadtrand, als Sechster oder Achter an einem im Stadtzentrum, wo sich jetzt sicher die meisten Taxen konzentrierten. Mit ein bißchen Glück kann man auch auf sogenannten kleinen, wenig benutzten Ständen, eine gute Fahrt kriegen. Falls sich binnen des nächsten zwanzig Minuten nichts rührt, werde ich runter zur Philharmonie fahren, wo die Veranstaltung  - ein Konzert mit Jehudi Menuhin, wie ich auf einem Plakat las - zu Ende gehen mußte, was eine Menge Fahrgäste bedeutet. Ich nahm ein Buch zur Hand. Es war ein Band mit Science-Fiction-Stories, eine Sammlung mit Geschichten von verschiedenen Autoren, die mit den Hugo- und Nebula-Preisen - das sind die Oscars im SF-Metier - ausgezeichnet wurden. Beim Taxifahren kann ich nicht Weltliteratur oder etwa meine Unistudienbücher lesen, weil mir dazu die Ruhe fehlt. Man muß ständig mit einem Ohr am Funk bleiben, um ja keinen Funkauftrag zu verpassen, das schlechte Leselicht und andere Störfaktoren lassen einem keine Konzentration zu. Krimis mag ich nicht. SF ist genau das Richtige.

 Der Kollege vor mir bekam einen Telefonanruf und fuhr weg. Ich rückte nach und stand auf dem Taxistand als Erster. Ich mußte gähnen. In den letzten Nächten probierte ich, das dicke Anatomiebuch in meine Gehirnwindunen einzuspeichern und bekam nicht viel Schlaf. Ich wurde schläfrig. An der gegenüberliegenden Seite des Platzes sah ich ein kleines Bistro, das einladend den leeren Platz mit seiner farbigen Neonreklame bestraelte. Ich dachte darüber nach, mir einen Kaffee zu holen, aber war im Moment einfach zu faul. Vielleicht später. Ich vertiefte mich wieder in das Buch, wo die Raumschiffe nur so mit  Lichtgeschwindigkeit über die Seiten hin und her flogen und gähnte erneut. Dann schlief  ich ein...

 Um fünf vor elf stieg eine ältere Frau in Dirndl zu mir ins Taxi ein. Sie wollte in ein kleines Dorf, das etwa zwanzig Kilometer hinter der Stadtgrenze lag, was natürlich für mich einen guten Stich bedeutete. Unterwegs erzählte sie, daß sie ihre Tochter in der Stadt besuchte, daß die Ernte gut war und daß es heiß und trocken sei in diesem Jahr. Ich brachte sie zu ihrem kleinen Hof, wo wir von einem bellenden schwarzweißen Mischling heftig begrüßt wurden. Für die Fahrt bekam ich achtundvierzig Mark und zwei Mark Trinkgeld noch dazu. Ich bedankte mich sehr und wünschte eine schöne gute Nacht. Ich fuhr auf eine schmalen, von Bäumen eingesäumten Landstraße, in die Stadt zurück. Ich war sehr zufrieden, so einen guten Auswärtsstich bekommt man nicht jeden Tag. Die Straße war leer. Ich öffnete das Schiebedach, schaltete das Radio an und drückte aufs Gas. Am Himmel strahlten die Sterne und irgendwo weit weg blitzte es.

 ' Ein Gewitter ', dachte ich und wartete auf den Donner. Plötzlich blitzte es direkt über meinem Kopf. Meine Augen wurden schmerzhaft von einem starken stechenden Licht geblendet. Instinktiv machte ich sie zu und stieg auf die Bremse. Der Magen ging mir hoch und im Kopf fühlte ich einen großen Druck. Dann war ich weg...

 Durch einen unangenehmen Ton bin ich aufgewacht. Ich lag auf dem Lenkrad und drückte mit den Kinn auf die Hupe.

 ' Unfall! ', dachte ich als erstes, aber der Mercedes, der quer auf der Straße stand, schien in Ordnung zu sein und auch sonst sah ich niemanden. Die Scheinwerfer beleuchteten einen Graben, eine junge Linde und ein Stück vom Feld neben der Straße. Ich wußte nicht was passierte, aber fühlte mich wieder gut, und weil ich nicht so gefährlich auf der Gegenspur stehen bleiben wollte, startete ich, schob der ersten Gang rein und trat auf das  Gaspedal. Der Benz bewegte sich artig voran, doch sofort stand ich wieder voll auf der Bremse. Dia Straße war nicht mehr da! Direkt vor dem Mercedesstern hörte sie auf zu existieren. Es war überhaupt nichts da. Die Scheinwerfer beleuchteten eine milchweiße, metallisch glitzende Ebene. Sie sah aus wie eine große gefrorene Wasserfläche.

 ' Aber jetzt, im Juni ? Und hier ?', ging es mir durch den Kopf. Ich starrte verwirrt auf die Bescherung und drehte den Kopf nach allen Seiten. Der Motor war schon vorher abgewürgt. Langsam stieg ich aus dem Wagen. Einen halben Meter vor dem vorderen Reifen endete der Asfalt mit einem sauberen Schnitt, das sich über den Straßengraben hinaus ins Feld fortsetzte. Auf der rechten Straßenseite zerteilte er eine junge Linde sauber in die Hälfte. Der zerschundene Baum neigte sich Richtung Feld. Um weiter zu sehen, war es zu dunkel. Ich mußte erst den Wagen etwas drehen. Auch direkt unter meinen Füssen sah ich nichts. Ich schob mit der Schuhspitze einige kleine Steinchen über die Kante des Schnitts. Sie fielen runter auf etwas, was sich metallisch anhörte. Ich schätzte die Höhe der Kante auf etwa einen Meter. Ich ging entlang der Schnittkante durch den Graben in den Acker. Nach einigen Metern konnte ich wegen der Dunkelheit nichts sehen und so ging ich auf allen Vieren, mit der Hand die Kante tastend, weiter. Die frisch gepflügte Erde bröselte unter den Fingern und fiel runter. Sie roch angenehm. Die Augen gewöhnten sich langsam an die Dunkelheit. Über mir waren keine Sterne zu sehen. Auch weit und breit herum waren keine Lichterquellen auszumachen. Normalerweise müßte ich doch die Großstadtlichter sehen, die sich am Himmel über der Stadt spiegelten und schon von weiten zu sehen waren. Ich sah nur das leuchtende Taxi auf der Straße hinter mir stehend. Plötzlich ertasteten die Finger das Ende der Kante. Sie führte in einem rechten Winkel nach links. Ich folgte ihr noch etwa fünf Meter im Acker weiter, aber dann brach ich die Suche ab, stand auf und ging zum Taxi zurück. Es waren genau sechzehn Schritte. Ich wollte mit dem Auto drehen, damit die Scheinwerfer mehr von den Ungebung zeigten.

 Eine Weile rangierte ich mit dem Benz hin und her und beleuchtete die Umgebung, konnte jedoch nur so viel ausmachen, daß ich mich auf einem 30 mal 30 Meter großen Stück Erde befand: Die Fahrbahn, zwei weiße Pfosten, links der Straßengraben,  drei junge Linden  und der frisch gepflügte Acker. Rechts standen auch nicht allzu große Lindenbäume, von denen eine sauber in zwei Hälften zerteilt auf dem Boden lag. Sonst erstreckte sich  rundherum , so weit ich in den Fernlichtkegeln sehen konnte eine große, glatte, silberglänzende unbekannte Ebene. Ich holte mir aus dem Schubfach eine Taschenlampe, mit der ich sonst die unter die Sitze sich weggerollten Münzen suchte.

Ich rannte dann auf meinen Inselkönigreich von einer Seite zur anderen und schrie und warf Steine so weit ich konnte. Sie rollten auf der seltsamer Ebene, bis sie von der Dunkelheit verschluckt wurden.

'Scheiße, in was bin ich denn geraten?'

 Ich fühlte mich wie eine Stück Torte, die jemand abgeschnitten hatte und auf einen unglaublich großen silbernen Tablett servierte.

 ' Ich träume! Sicherlich hatte ich einen Unfall und jetzt liege ich auf dem Operationstisch von den Medikamenten betäubt und  alles ist nur ein Werk meiner Fantasie.'

Nur, daß die Fantasie verdammt realistisch ausschaute.

 Ich saß wieder im Auto und schlug fest mit den Fäusten aufs Lenkrad, dann auch mit der Stirn. Es tat weh, aber ich wollte den Schmerz fühlen. Normalerweise müßte ich jetzt aufwachen, aber die Lage in der ich  mich befand, hatte sich nicht geändert. Ich massierte mir die angeschlagenen Knöchel und  mein Blick blieb auf den beleuchteten Radioskala stehen.

' Daß mir das nicht gleich einfiel!'

 Ich drehte die Lautstärke voll auf, bis die Lautsprecher vibrierten und jagte den Zeiger durch alle Wellenbreiten. Nichts. Absolute Stille.

 Ich schaltete den Funk an und meldete mich: " Fünfzehnnullvier an die Zentrale! Hallo Zentrale, bitte melden sie sich..." Nichts. Nicht mal ein Kratzer. Ich ließ der Funk auf Empfang und überlegte  weiter.

 Irgendwie war mir klar. Wenn ich etwas mehr erfahren wollte, mußte ich  mich mit der seltsame Ebene näher beschäftigen, in die ich samt einem Stück Welt hineingestellt war. Ich stieg aus dem Taxi aus. Mit der Taschenlampe zwischen den Zähnen brach ich einen etwa zwei Meter langen Ast von der entzweiten Linde ab. Aus der Bruchstelle sproß das klebrige Harz. Nicht nur der ganze Stamm, sogar auch die kleinsten Zweige und auch die Blätter waren von einer unbekannten Kraft säuberlich zertrennt. Die zweite Hälfte des Baumes war einfach Weg.

' Laser!', dachte ich ', bin ich etwa ein Zeuge, ein zufälliges Opfer von einem geheimen Experiment der Weltmächte geworden?' Oft habe ich schon von  geheimnisvollen Rätseln gelesen, die sich auf der Erde abspielten. Philadelphia Experiment, Bermuda Dreieck und die allen unerklärlichen Geschehnisse über die man sprach.

'Naja, wir werden sehen', dachte ich.

 Mit dem Stock pickte ich eine Weile in den silbernen Tafel unter mir, dann sammelte ich meinen Mut zusammen und sprang runter. Es ist nichts passiert. Die EBENE war nicht durchgebrochen, hatte mich nicht gefressen. Mit den Fingern ertastete ich die glatte Oberfläche, auf dem Bauch liegend schmeckte ich sie mit der Zunge. Es war absolut glatt, schmeckte nach nichts. Trotzdem mußte ich spucken.

 In den Scheinwerferlichtern brach ich ins Unbekannte auf. Hundert Meter, zweihundert Meter, keine Änderung. Nach etwa dreihundert Metern wurde es dunkler und dunkler. Ich leuchtete mit der Taschenlampe unter meinen Füssen und warf ab und zu einen Stein nach vorne. Die Steine pickte ich vorher von der Wand des Schnittes aus der Schicht unter dem Asfalt und füllte mir die Taschen voll. Dann hatte ich mich an die Dunkelheit gewöhnt und fing an die Taschenlampenbatterien zu sparen. Ich schob den Stock von mir und hoffte, daß ich mit dem Ast vor einem Hindernis oder einem Loch in der Dunkelheit vor mir rechtzeitig gewarnt wurde. Ich fühlte mich wie ein Entdecker, wie ein Nomade aus den Urzeiten der Menschheit, der  in das Unbekannte vorstieß um für sein Volk das gelobte Land zu suchen.

' Verdammt, auf etwas muß ich doch endlich stoßen!'

 Ich bin einen guten Kilometer gegangen, bis ich mich umdrehte. In der Ferne leuchteten die Lichter von meinem Taxi und schienen weit weg zu sein.

Ich setzte mich auf die EBENE und spüerte die Angst. Nicht, daß ich mich vor der EBENE oder der Dunkelheit fürchtete, aber es war mir plötzlich klar, daß ich mich nicht auf der Erde mehr befinden konnte. Keine bekannte Technik der Erde  wäre im Stand, so eine große  glatte Metallebene ohne eine einzige Naht zu erschaffen und ein Stück Erde, sauber abgeschnitten auf dieser zu transportieren! Die einzige logische Erklärung, die mir einfiel, falls ich nicht das alles träumte, wäre: ich wurde von Außerirdischen entführt !

' Ja, das ist es, das sitzt!'

 Und ab diesen Moment fühlte ich mich etwas entspannter. Der Mensch fühlt sich gleich besser, wenn er für die Probleme, die ihn plagen, eine Erklärung findet, egal ob sie richtig  ist. 

' Na gut, von einem UFO entführt. Aber wo sind sie? Langsam sollten sie sich zeigen!'

" Hallo, hallo da bin ich, zeigt euch....halloooo...!", mit diesen Indianerschreien rannte ich zum Auto zurück.

 Eine gute Stunde saß ich im Taxi auf dem Fahrersitz und überlegte, wartete auf den Kontakt, durch den Kopf jagten die verschiedensten Gedanken. Früher las ich oftmals die Berichte übers UFOs, deren Beobachtungen und sogar Erzählungen von Leuten, die angeblich eine Begegnung mit Außerirdischen selbst erlebt hatten. In meiner Bibliothek besaß ich ein paar Bücher über diese Thematik. Eine Zeit lang schnitt ich auch die Zeitungsartikel und Magazinenberichte aus und sammelte sie in einem Ordner. Irgendwie leuchtete mir ein, daß an der Sache etwas dran sein könnte. Sicherlich sind wir in dem weiten Universum nicht alleine. Immer habe ich mir gewünscht ein UFO auch mal selbst vor die Augen zu bekommen. Und immer sehnte ich mich danach, ein großes Abenteuer zu erleben.

' Na, jetzt hab' ich es. Bin bis über die Ohren drin. Nur die Ruhe bewahren, keine Panik, abwarten, abwarten, bis sie kommen.'

 Ich war müde. Sieben Uhr, Samstag früh. Die Zeit, wo ich  gewöhnlich nach der Nachschicht schlafen ging. Ich krümmte mich zusammen auf dem Rücksitz und schlief relativ schnell ein. Kein Wunder, es war absolut dunkel und totenstill rundherum.

Ob ich was träumte, weiß ich nicht. Nach sechs Stunden wachte ich durch den Schmerz im eingeschlafenen linken Bein auf. Während ich mir die Waden massierte, wurde mir wieder klar wo ich mich befand und konnte nicht behaupten daß sich meine Laune dadurch verbesserte.  Ich kroch nach Vorne und schaltete die Scheinwerfer ein. Die weiße EBENE begrüßte mich unverändert.

' Was habe ich erwartet? Eine Empfangskommitte? Wäre langsam Zeit...'

 Der Magen meldete sich. Ich stieg aus und ging nach hinten zur Kofferraum. Die Luft war gut und die Temperatur der Umgebung die gleiche wie in dem Moment meiner Entführung. Angenehme Wohnzimmertemperatur um die zwanzig Grad, wie gestern Nacht. Auf dem Horizont rundherum nichts. Die Dunkelheit. Aus dem Kofferraum kramte ich meine Taxitasche, in der ich immer die Stadtpläne, etwas zum lesen und mein Pausenbrot für die Nachtschicht trug, heraus. Ein Keksepäkchen, ein Äpfel und eine angefangene Mineralwasserflasche.  Etwas davon habe ich gegessen. Unterbewußt fing ich an zu sparen.

' Falls sich in der nächsten Zeit nichts ereignen wird, wie lange konnte ich durchhalten? Einige Tage? Eine Woche? ' Es war keine angenehme Vorstellung.

 Ich setzte mich nach vorne, schaltete die Lichter aus und zündete mir eine Zigarette an, eine Camel, knipste die Innenbeleuchtung an schob eine Kassette in das stumme Radio ein. Es funktionierte. Die guten alten Stones wußten wo die Zäune hingten und ich genoß den guten Sound und die Zigarette. Bei der Vorstellung, daß ich in einem Raumschiff mit unglaublich großer Geschwindigkeit durch den All, weit weg von Mutter Erde sauste, während aus den Repros das 'Satisfaction' Lied dröhnte, mußte ich lachen.

 Dann meldeten sich die inneren Organe und ich mußte mal. Vom  Licht der Taschenlampe unterstützt, mit einigen Zeitungsseiten unter den Arm, trat ich ein paar Meter in den Acker ein. Mit den Füßen hob ich eine flache Grube in die Erde aus. Nach dem Geschäft schüttete ich brav, wie ein Hundchen, alles wieder zu und die Zeitungsreste pickte ich auf einen Ast auf, der mitten im Acker zufällig aus der Erde ragte. Damit wurde der Ort als offizielles WC von meinem Königreich bestätigt. Und dann wartete ich in Dunklen, damit die Batterie sich nicht entlud, nur auf den Kontakt.

 Die Stunden flossen an mir vorbei. Es passiere nichts. Ab und zu drückte ich an den Fernlichterhebeln und betätigte die Hupe. Nichts und wieder nichts. Zum Mittagessen servierte ich mir drei kleine Kekse und einen Schluck Wasser. Natürlich dachte ich intensiv die ganze Zeit über die komische Lage nach, in der ich mich befand. Ich war ein Gestrandeter, gefangen auf einem Stück Erde inmitten einer undenklich leeren, eisernen EBENE. Sie starrte mich aus ihrer undurchdringlichen Dunkelheit an, als ob sie darauf  wartete was ich unternähme. Ich kratzte das Feuerzeug an und beleuchtete das Zifferblatt der Uhr. Sie zeigte  Mitternacht von Samstag auf Sonntag. Das letzte an das  ich mich vor meiner Entführung erinnerte, war, daß auf ARD die Mitternachtsnachrichten liefen. Das hieß, daß ich mich in dieser unbegreiflichen Lage schon genau vierundzwanzig Stunden befand. Ich schloß die Hypothese, das ich mich in eigenen Träumen gefangen befände, aus. Natürlich hatte ich kurz über diese Alternative nachgedacht, als ich zu mir kam und erstmals die Umgebung untersuchte. Ich kannte meine Träume. Sie waren oft  sehr seltsam, fantastisch, lustig auch sehr erschreckend und oft farbig. Sie dauerten Sekunden oder Minuten lang und alle waren ziemlich unrealistisch. So wie die Träume eben sind. Im einem Traum kann man schweben, durch die Wände gehen, sich in unglaublich schnellen Sequenzen an verschiedenen Orten befinden oder an mehreren gleichzeitig. Nichts davon entsprach der momentanen Situation. Die war absolut real und dauerte schon so lange. Die letzten Stunden verbrachte ich mit Warten und Überlegen. Höchste Zeit etwas zu unternehmen!  Zu erst mußte ich mal die EBENE gründlicher erforschen. Dort mußten die Antworten auf meine Fragen  liegen. Wie Groß ist sie? Wohin führt sie? Vorher bin ich einen Kilometer weit gegangen. Was versteckte sich weiter in der Dunkelheit?

 Aus dem zerteiltem Baum brach ich einen dicken Ast ab und fing an die Erde im Graben von dem Rand links neben den Fahrbahn, runter auf die EBENE zu schieben. Mit einem ähnlichen Zweig hatte der Cromagnonmensch vor sechzigtausend Jahren begonnen seine Kornfelder zu kultivieren. An einigen Orten  unserer Welt, etwa in Äthiopien tut  man das immer noch so. Den Straßengrabenwinkel ausnützend, schaffte ich, verbissen arbeitend - schweißüberströmt, mit blutigen Händen, am Knien die Jeans zerrissen - in fünf Stunden eine brauchbare Rampe zu bauen. Nach der Schufterei, ich umschichtete gut drei Kubikmeter Erde, war  ich ziemlich geschafft, aber Neugier trieb mich weiter. Ich startete den Benz und rollte sehr langsam und vorsichtig  die Rampe auf die EBENE runter. Nach zehn Metern hielt ich an und stieg aus. Ich mußte einen Plan festlegen, wohin die Erforschung führen sollte. Den Rand der Insel, der ich runter fuhr, legte ich als Westen fest. Einfach darum, weil auch die Straße, auf der ich vorher in die Stadt gefahren bin, nach Westen führte. Dann stieg ich wieder ein, richtete die Räder gerade aus und gab Gas. In langsamen Tempo erklomm ich zwei Kilometer. Die EBENE vor mir hatte sich nicht geändert. Der dritte und vierte Kilometer. Plötzlich erschienen direkt vor mir  zwei Lichter. Es sah so aus, als ob sie direkt auf mich zurasten. Ich stoppte, schaltete die Scheinwerfer aus und offnete die Tür bereit abzuspringen. In gleichen Moment jedoch waren die Lichter verschwunden. Nach eine Weile sammelte ich meinen Mut und blinkte kurz an und auf. Im gleichen Intervall antworteten die unbekannten Lichter. Es war eine Spiegelung. Nach weiteren drei hundert Metern Fahrt wußte ich es genau. Die EBENE ging in eine Wand über.

 Ich stoppte fünf Meter vor ihr und stieg aus, um dieses neue Phänomen zu untersuchen. Die Metallwand stieg nicht mit einem rechten Winkel, sondern mit einer kleinen Rundung aus der EBENE empor. Wiederum waren keine Nähte, Verbindungen oder Türschlitze festzustellen. Alles glatt, wie gehabt. Aber trotzdem: die EBENE war nicht unendlich und das war immerhin eine neue Erkenntnis. Aus dem Kofferraum holte ich aus der Werk- zeugtasche einen Schlüssel. Nr. sechzehn war es. Mit aller Kraft warf ich ihn nach oben mit der Hoffnung, die Decke zu erwischen. Ohne Erfolg. Die Decke war Höher als ich werfen konnte, wenn überhaupt eine da war. Dann baute ich kurzerhand einen von den Scheinwerfern aus, ließ ihn an den Drähten angeschlossen und leuchtete direkt nach oben. Die glitzernde Wand ging einfach geradeaus zum Himmel ohne Ende. Nun ja, wenigstens Luft hätte ich voraussichtlich genug. Ich montierte das Licht wieder zurück und überlegte ob ich nach rechts oder nach links der Wand entlang fahren sollte. Weil es eigentlich egal war entschied ich mich nach rechts, so wie die Uhren laufen. Vorher noch  drehte ich aus einigen Zeitungsseiten drei große Kegeln, die ich in Abstand von zehn Metern in der Linie aus der ich gekommen bin, ausrichtete. Sie dienten als Markierung. Ich wollte die Insel später wieder finden. Dann fuhr ich los. Ich hielt ständig etwa vier Meter Abstand von der Wand und schaute aufmerksam nach irgendwelchen Unregelmäßigkeiten, Öffnungen und ähnlichem. Aber Nichts da. Glatt und Unbekannt. Immer nach fünfzig Metern kam sie dem Wagen näher und ich mußte mit dem Lenkrad ein wenig nach rechts drehen um sie nicht zu rammen. Das hieße, daß die Wand nicht gerade war,  sondern, daß sie sich krümmte.

Monoton häuften sich die zurück gelegten Kilometer auf dem Tachozähler. Fünf, zehn, zwanzig Kilometer. Nach genau siebenunzwanzig kam ich wieder zu den drei Kegeln, die einsam auf der EBENE standen und lange Schatten warfen. Ja, ich fuhr im Kreis.

Ich drehte der Benz  um und fuhr jetzt gegen der Uhrzeigersinn der Wand entlang alles sorgfältig beobachtend, wollte ja nichts übersehen. Nach siebenunzwanzig KM war ich wieder an der, durch die Kegel markierten Stelle gelangt.  Die EBENE, die von der Wand begrenzt wie eine riesengroße Halle wirkte, konnte der Großstadt München Platz bieten. 

,Warum war die Halle so groß wenn in der Mitte nur ein kleines, 30 mal 30 M großes Stück Erde stand?'

 In der Mitte? Der Umfang der sich ständig krümmende Wand betrug 27 KM. Die Entfernung von der Insel zu der Wand war 4.3 KM. Ich erinnerte mich an die Schuljahre und grub aus meinen  Gehirn die Ludolphische Zahl aus. Der Durchmesser wäre 8.6 KM mal 3.14 sind, ... ja genau 27 ! Das bedeutet, daß der Grundriß ein Kreis ist.

Nach dieser Erkenntnis richtete ich das Taxi  in die Kegellinie aus und fuhr zur Insel zurück. Die tauchte nach vier Kilometern aus der Dunkelheit auch tatsächlich aus.

 Ich parkte der Wagen neben der Nordseite, aß die letzten drei Kekse und rauchte eine Zigarette.

,Was nun?'

 Um in Bewegung zu bleiben startete ich erneut das Auto und brach Richtung Osten auf. Die Wand erschien nach 4 KM, genau 4.3. Ich ließ eine Markierung aus Zeitung an der Stelle, drehte um und fand der Insel wieder. Dann unternahm ich noch  zwei Entdeckungsreisen von Norden und Süden aus zur Wand und bestätigte somit meine Vermutung, daß die Halle einen Kreisgrundriß hatte. Sicherlich war ich stolz auf das Ergebnis, aber wie ich mir weiter helfen sollte, wußte ich in Moment nicht.

 Es war sechs Uhr, Sonntagfrüh. Ich ließ das Taxi an der Westseite stehen, wollte nicht die Rampe auf die Insel hochfahren. Wozu auch. Ich benutzte nur das Kloplätzen und ging ins Bett. Ich wälzte mich auf dem Rücksitz herum und probierte einzuschlafen. Ich hatte Durst. Ich hatte Hunger. Ich fühlte mich kraftlos und wurde ständig von furchteinflößenden Gedanken verfolgt: 'Du wirst hier sterben, sterben...'

 Ich hatte Angst!

 Dann bin ich eingeschlafen und Träume kamen wieder. Mein Bewußtsein, meine Gehirnwellen wurden plötzlich von irgendetwas berührt. Es war eine unglaublich starke Kraft, die um meine Gedanken einen kugelförmigen gitterähnlichen Käfig aus mächtigen Wellen aufbaute. Sie drang in meine Gehirnströme ein, als wolle sie es unter ihre Kontrolle bringen.

'Was ist das? Was ist los...ist das der Kontakt?' dachte ich nach,: 'Halloo...halloo...ich bin hier! Halloo...' und dann hörte ich es.

""WAS BIST DU   WAS BIST DU   WAS BIST DU""

"Haallooo, ich bin da..., ich bin ein Mensch, ein Mensch von der Erde...hallo...hallo ich will nach Hause...ich will wieder auf die Erde zurück! Sonst werde ich hier sterben...sterben!!!"

""WAS BIST DU   WAS BIST DU"", fragte die unbekante Kraft immer wieder und die Fragen schienen aus allen Richtungen auf einmal zu kommen. Dann spürte ich, wie der jetzt voll um meinen Gehirn aufgebaute Gitterkäfig zuschnappte. Wie mein Bewußtsein gebändigt, und von einem mächtigen Wellenstrahl aus meinem Schädel, aus meinem Körper entführt wurde. Ich flog durch das Taxidach durch, über die Insel, über die EBENE, durch ihre Wände und querdurch unzählige andere riesige Räume, die meinem, wo in der Mitte meine Insel stand, ähnelten.

 Auf einmal befand ich mich im offenen Weltall. Ich sah unglaublich große, kugelförmige, metallisch schimmernde Raumschiffe, die einige tausend Kilometer Durchmesser haben könnten. In dem weiten Universum um mich herum strahlten die Sterne. Ich versuchte die Sonne zu finden. 'War es der Stern da, der etwas heller als die anderen schien?' Aber wahrscheinlich befand ich mich schon sehr, sehr weit von unseren Sonnensystem entfernt. Dann war ich wieder in dem Inneren des Schiffes zurück. In einem kugelförmigen Raum, der, wie alles auf diesem Schiff, riesen groß war. Der Raum befand sich genau in dem Zentrum der Sternenschiffes. Woher ich das wußte, vermag ich nicht zu sagen, aber ich wußte es. Die Wände des Raumes waren aus dem gleichen Material wie die EBENE. Es war mit blau-grünem, von grellen warmen Lichtstrahlen beleuchtetem Nebel ausgefühlt.

 Verschieden große - zwischen einem halben, bis drei Meter - grüne Kugeln tauchten aus dem Nebel auf und schwebten auf mich zu. Auf deren Oberfläche und im Inneren wälzte sich rotierend ein plasmaähnlicher Stoff. Es erinnerte an die Bewegungen eines Lavastromes. Die Farbe wechselte von hellgrün, besonders bei den kleineren Kugeln, bis zum dunklesten Grün bei den Großen.

""WAS   BIST DU   WAS BIST DU""

"Hallo, ich bin ein Mensch, von der Erde!"

""WAS   BIST DU   WAS BIST DU""

"Ich bin ein Mensch, ich denke, ich bin ein denkendes Wessen!"

""WAS   BIST   DU   WAS   BIST   DU""

"Hallo ich kann denken...2 und  2 sind 4, 3 6 9 12..., 6 mal 6 sind 36...", aber die Fragen: Was bist du, hörten nicht auf.

"Warum versteht ihr mich nicht?"

Ich erinnerte mich an Pythagoras und ließ ein rechtwinkliges Dreieck entstehen. Über die Seiten malte ich, wie es auf einem Computermonitor geschieht, die drei Quadrate. Dann schob ich die zwei kleineren in den Inhalt des Großen, bis sie ihn voll ausfüllten.

""WAS   BIST   DU   WAS BIST   DU""

'Die begreifen immer noch nicht', dachte ich, und hatte eine weitere Idee, die Ludolphische Zahl, wenn die so alles kugelförmige lieben. Ich zeichnete einen Kreis, schnitt ihn mit einer Linie, dem Durchmesser, in zwei Hälften und legte den Durchmesser in den Umfang genau 3.14285714285714285714 mal an. Ich habe mal, auf der Grundschule, die zwanzig Zahlen nach dem Komma auswendig gelernt, um meine Klassenkameraden und den Lehrer zu beeindrucken und bis heute nicht vergessen.

 Die dringenden Fragen waren nicht mehr da. Ich schöpfte eine Hoffnung und kämpfte um mein Leben weiter:"Hallo, ich bin ein Mensch und ich will wieder auf die Erde zurück. Ich habe Durst und bin hungrig. Ich werde sonst hier sterben mußen."

 Ich ließ meine Wenigkeit entstehen, mit dem beiden Händen auf meine Brust zeigend, wie ich in meinem Taxi auf dem Rücksitz schlafe. Ich zeigte das Taxi, wie es auf der Insel steht, der wiederum in der Mitte der EBENE, irgendwo in dem riesigen Schiff, stand. Dann zeigte ich ein Bild der Erde, so wie ich es aus dem Satelitenaufnahmen kannte. Es war mir klar, daß ich die Lage der Erde auch irgendwie deuten muß. Womöglich sind wir schon an das andere Ende unsere Galaxis angelangt. Ich erschuf das Bild von unserem Sonnensystem. Erst die große gelbe Sonne mit ihren Protuberanzen, wie sie die Wärme in den Kosmos ausstrahlte. Dann die Umlaufbahn des kleinen Merkur, die, in eine weiße dichte Atmosfäre gehüllte Venus und die blaue Planet Erde, mit der hauchdünnen Atmosfäre, den blaugrünen Ozeanen und Kontinenten. Dann den roten Mars, den großen Jupiter mit seinen Fleck, den Saturn inmitten seiner Ringe, Uran, Neptun und Pluto.

Dann kehrte ich wieder zu der Erde zurück. Ich ließ Bilder von Menschen entstehen und rief: "Das sind wir Menschen, die auf der Erde leben!"

Ich zeigte mich, meine Wohnung, meine Straße und die Stadt wo ich lebte, die Gesichter von meinen Freunden. Ich schuf ein Bild eines nackten Mannes und einer nackten Frau, wie sie sich lieben. Wie in dem Bauch der Frau ein Embryo entsteht, ein Keimling im Fruchtwasser schwebend an den Nabelschnur angeschlossen, eine Geburt, ein Kind das wächst und sich zu einem Erwachsenen entwickelt bis es ein alter, gebeugter, hautfaltiger Mensch geworden ist und stirbt.

 Um mich herum, oder besser gesagt, um mein Bewußtsein herum; weil mein Körper immer noch auf dem Rücksitz des Taxi lag, versammelten sich die Kugelwessen in einer großen Zahl. Es waren hunderte, oder tausende. Immer neue und neue tauchten aus dem Nebel auf und schwebten an mich heran. Die kleineren drängten sich voran, 'Waren es die neugierige Kinder?'

 Es war unglaublich schön und ich hatte überhaupt keine Angst. Ich spürte ein Verlangen: ""MEHR   MEHR   MEHR"", und so sendete ich weitere Bilder vom Leben auf der Erde. Menschen von verschiedenen Hautfarben, die Tiere, Blumen, Bäume, Landschaften, Wälder, Sandwüsten und Eisberge auf dem Ozean schwimmend. Ich zeigte meine Urlaubsreisen: Paris, Rom, Parthenon in Athen, Pyramiden in Giza, Mittelmeer, Kathedralen, Buddhistische Tempel aus meinen Asienreisen, Los Angeles, die brodelnde Metropole New York...

 Plötzlich konnte ich meine Sendungen nicht mehr kontrollieren. Ein starker Suchstral drang tief in mein Gehirn rein und suchte sich selbst die Informationen aus. Er öffnete sich Zentren, von denen ich keine Ahnung hatte, daß ich sie besaß.

 Ich erlebte mich als Embryo, meine eigene Geburt, mein ganzes Leben defilierte vor mir in einem unglaublichen Tempo vorbei. Ich erinnerte mich an alles, aber an alles was ich je in meinem Leben erlebte, gelernt und überhaupt gedacht hatte, ich erinnerte mich an alle die Bücher, Magazine, Zeitungen, an jede Zeile, jedes Wort, die ich je gelesen hatte. Es erklang Beethovens Neunte, Smetanas Moldau, Bach, Händel, Rock'nRoll, Miles Davis... Ich sah jede Sekunde, die ich vor Fernsehbildschirm oder im Kino verbrachte. Die Wesen saugten sich alle Informationen, die während meines bisherigen Lebens in meinen Gehirnzellen gespeichert hatten, aus. Dann war in meinen Erinnerungzellen anscheinend nichts mehr zu entdecken, weil die unglaubliche Vorstellung zu Ende ging. Es war eine Erregung in der Runde um mich herum zu spüren und dann fühlte ich, wie mein Bewußtsein zurück in meinen Körper kehrte. Die Lichter erloschen, ich dachte nichts mehr. Dunkelheit...

          Durch eine starke Erschütterung wachte ich auf.

'Ein Erdbeben!', dachte ich als erstes und öffnete die Augen.

Ich sah das geöffnete Buch auf meinem Schoß, das Lenkrad, durch die Frontscheibe des Taxis den nächtlichen Herkomerplatz. Der Wagen erschütterte erneut. Ich guckte nach rechts in ein dickes rundes Gesicht einer Frau, die mich anlächelte. Die Frau, eine Matrone, die gut einundhalb Zentner wiegen mußte, deren Gewicht die Autofederung nur mit großer Mühe abzufangen versuchte, sagte: "Oh, tut mir leid daß ich sie geweckt habe. Ich habe es nicht gleich bemerkt, daß sie geschlafen haben."

 Die Frau war unglaublich dick. An sich hatte ich nichts gegen dicke Leute, meistens waren es sehr nette Menschen. Ich wußte, daß ich etwas sagen sollte, aber konnte der Traum nicht so schnell abschütteln. Ich räusperte mich: "Welchen Tag haben wir Heute?"

"Es ist Freitag, halb zwölf nachts, junger Mann", antwortete sie mit einer einfühlsamer Mutterstimme und wunderte sich gar nicht über meine Frage.

 'Ich hatte recht. Sie war nett. Weil jede andere mich schon wenigstens schief angeschaut hätte', überlegte ich schwerfällig. Ich rieb mir die Augen und schüttelte den Kopf.

"Hallo, sind sie schon da?", lachte sie herzlich in ihren hohen Altstimme, mit ihrer großen dicken Hand vor meinen Augen winkend. Endlich schien ich wieder voll der Herr meiner Sinne zu sein und sagte: "Einen schönen guten Abend wünsche ich, entschuldigen sie, ich mußte eingenickt gewesen sein. Wo darf ich sie hinfahren?"

"Also, wenn es ihnen nicht zu viel Umstände machen würde, möchte ich gerne nach Grasdorf, bitteschön."

"A ja, nach Grasdorf", sagte ich zustimmend, startete und grub aus meinem Gedächtnis den besten Streckenvorschlag aus. Das Dorf lag in Osten etwa zwanzig Kilometer hinter der Stadtgrenze.

'Ein verdammt guter Stich', dachte ich: 'Also hat sich das Warten doch gelohnt.' Gleichzeitig erinnerte ich mich wieder an den Traum, der auch mit einer solchen Fahrt in ein zwanzig Kilometer entferntes Dorf begann, aber dachte mir nichts dabei.

 Während der Fahrt auf der Autobahn erzählte mir die Frau, daß sie beim ihrem Sohn zu Besuch in der Stadt war, daß die Salatgurken in diesem heißen Sommer besonders gut gediehen und daß sie eine Katze habe. Ich antwortete nur höflich mit: "Ah ja, richtig", und "sehr schön", und haßte mich dabei weil  ich mich normalerweise schon um meine Fahrgäste herzlicher kümmere und mir kein Gespräch entgehen lasse, aber das Traum erlebnis fesselte immer noch meine Gedanken.

 Ernstaundlicherweise konnte ich mich an jedes Detail, das ich in dem Traum erlebte, klar erinnern. Ich stellte mir die Frage, warum mich mein Gehirn mit so einer seltsamen Traumreise bescherte.

'Habe ich es bei der intensiven Anatomielernerei in den letzten Tagen überlastet, durcheinander gebracht?' Das Gehirn ist das am wenigsten erforschte Teil des menschlichen Körpers. Sicherlich fand es Anregungen in den SF Buch, das ich vorher las, aber da war keine Geschichte drin, die eine Begegnung mit kugelförmigen grünen Außerirdischen beschrieb. Den Traum lieferte mir nur meine Fantasie allein. Ich mußte lachen, ich bräuchte nur einzuschlafen und schon hätte ich die Idee für eine SF-Story, die ich glatt aufschreiben könnte. Da könnten die Sf-Autoren neidisch werden.

 Das, von den Fernlichtern angestrahlte Schild  AUSFAHRT  GRASDORF  10 KM, das aus der Dunkelheit herausguckte, entriß mich meiner Gedanken. Ich mußte mich auf das Einreihen in die Ausfahrtspur rechts, konzentrieren. Erst auf der engen Landstraße, die links und rechts von Bäumen gesäumt wurde, setzte ich meine Überlegungen fort.

Wer waren die Raumfahrer, rein theoretisch natürlich, die mit ihrem riesigen Sternenschiff auf ihre Patrouille durch das unendliche All unterwegs waren? Woher kamen sie und wohin wollten sie? Wie sahen sie wirklich aus? Waren sie die grünen Kugeln selbst, oder war es nur ihr Skafander, eine Schutzhülle mit eigenen Mikroklima drin? Warum haben sie keinen Kontakt mit den Erdeinwohnern gesucht? Wir sind doch intelligent. Oder nicht genug für sie?  Für jemand, der über Telepathie und Teleportation verfügt ist die Menschheit auf der Entviklungsstufe des Ameisens. Ein Mensch denkt auch nicht, beim Betrachten eines Ameisenhaufens mit seiner komplizierten Innerenstrukturen, mit seinem kleinen fleißigen Volk, wo die Aufgaben präzise aufgeteilt zu sein schienen, an einen Kontakt, oder? Vielleicht haben die uns gar nicht bemerkt. Nur ihre Automatischen Sonden sammelten beim Vorbeiflug Proben auf. Das Stück Landstraße, wo ich mich rein zufällig mit meinen Taxi auch befand. Aber das war nur ein Traum.'

 Ein heftig blinkender und hüpfender Opel Kadett, der aus der Gegenrichtung kam, machte mich darauf aufmerksam, das ich über die weiße Linie in der Mitte der Straße fuhr. Auch die Frau neben mir sagte etwas. Ich verdrängte die Traumanalyse und konzentrierte mich auf das Fahren. Der Kadettfahrer dachte sich bestimmt: diese Mercedesfahrer denken, die Straße gehöre ihnen. Ich verstand ihn, oft dachte mir dasselbe.

 Am sternenklaren Himmel über uns blitzte es und nach einer Weile ertönte ein Donner. Die Frau äußerte sich besorgt, daß sie die Fenster offen gelassen hatte - es war so heiß - und ob wir noch rechtzeitig vor dem Regen ankommen wurden.

 Ich beruhigte sie: "Aber sicher, ist ja schon gleich um die Ecke und der Sturm scheint noch weit weg zu sein."

 Bald darauf kamen wir an der Ortstafel vorbei.

 Ich bekam für der Fahrt achtundvierzig Mark plus zwei Mark Trinkgeld. Genau wie in dem Traum.

'Reiner Zufall', dachte ich: 'ich glaube nicht an Vorahnungen, Träume die sich erfüllen, ich glaube nicht an Horoskope.' Ich glaubte nur an die Zufälle, und das war einer.

 Wir verabschiedeten uns mit: "Danke, und alles gute", und ich wünschte ihr eine schöne gute Nacht.

"Und fahren sie vorsichtig, der Regen kommt!" rief sie mir noch nach und ich winkte.

 An der geöffneten Tankstelle am Ortende hielt ich kurz an. Für teueres Geld - die Tankstellen verdienen mittlerweile durch den Lebensmittelverkauf mehr als am Benzin - kaufte ich Schokoriegel, Kekse und drei große Mineralwasserflaschen und verstaute die Vorräte sorgfältig im Kofferraum. Man kann nicht wissen, was so alles auf einer Nachtrückfahrt auf einer verlassenen, mit Bäumen links und rechts bepflanzten Landstraße passieren könnte.

 Über meine Kopf blitzte es erneut und die Gewitterfront schien sich schnell dem Stadtgebiet zu nähren.       

 

 

ENDE

 

 

 

 

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