Sie saß in ihrem großen Wohnzimmer und sah verträumt in das Feuer, das geräuschvoll im Kamin knisterte. Was hatte sie heute gesehen? Das Bild wollte nicht aus ihrem Kopf. Fotos lagen auf dem hellen Teppich. Alle verstreut. Eine Reise durch ihre gemeinsame Zeit.
Ben war immer ihre große Liebe gewesen. Ihr Beschützer, ihr Tröster, ihr Gefährte. Bester Freund und Geliebter. Wie im Märchen. Aber haben moderne Märchen glückliche Enden?
Sie hörte den Schlüssel klappern und erstarrte. Ben. Jetzt. In diesem Moment. Den ganzen Tag hatte sie darüber nachgedacht, wie dieser Moment verlaufen würde und jetzt war ihr Kopf leer.
„Hallo Prinzessin!“ Ben kam ausgelassen ins Wohnzimmer und ließ sich neben sie auf die Couch fallen. Er wollte sie küssen und war erstaunt, als sie sich gar nicht zu ihm umdrehte. „Was ist los Prinzessin? Hast Du Kummer?“ Sie schluckte. Normalerweise liebte sie ihn für seine Gabe, ihre Stimmungen sofort zu erkennen. Es brauchte keine großen Worte, er war einfach da. Sie ermahnte sich, dieses eine Mal stark zu sein. „Ben, ich wollte Dich heute morgen abholen…“ „Hab ich einen Termin vergessen?“ „Nein, ich wollte dich überraschen!“ „Oh… und warum hast Du nicht?“ Sie sah ihn an. Er wirkte ahnungslos wie ein kleines Kind. Der Mann, den sie so gut zu kennen glaubte. Tat sie ihm unrecht? Sie hatte es doch mit eigenen Augen gesehen.“ „Ben, ich habe dich gesehen. Dich und… das Mädchen…“ Sie rang um ihre Fassung, um Worte. Ben stützte das Gesicht in die Hände und atmete schwer. Kein Wort kam über seine Lippen. „Wirst Du es mir erklären? Gibt es etwas zu erklären?“ Was für alberne Fragen. Im Geiste belächelte sie sich selbst. Ben schwieg. „Was ist das mit euch?“ Wollte sie das wirklich wissen? Neigen betrogene Frauen zu Masochismus? Auf einmal war der Wunsch danach in seinen Armen zu liegen so groß, dass sie sich fast noch kleiner gemacht hätte, als sie in diesem Moment ohnehin schon war. „Könntest Du etwas sagen?“
Er saß wie ein geprügelter Hund vor ihr. Hilflos und fast Mitleid erweckend. Ein widerliches Gefühl von Arroganz und Überheblichkeit keimte in ihr auf. Hatte sie gerade in seinen Armen liegen wollen, so fühlte sie sich jetzt so überlegen.
Ben fuhr sich durch die Haare und sah mit leerem Blick durch den Raum. „Sie ist so lebendig. So spontan und wild.“ Wie lächerlich. Was war das, was sie beide bis heute morgen hatten? Für sie die Erfüllung eines lang gehegten Traums. Ein Leben voller Annehmlichkeiten, Verlässlichkeit, Vertrauen, Liebe, Verlangen… Für sie war nichts zu kurz gekommen. Sie freute sich jeden Abend darauf, wenn er nach Hause kam. Sie liebte es, ihn zu überraschen, auf die profansten Arten. Sie liebte, wie sie einander ergänzten, wie sie einander kannten und sich aufeinander verlassen konnten. Hatte sie in einer Scheinwelt gelebt? Wann war das passiert?
„Seit wann Ben?“ „Das ist doch egal…“ Es kam gedehnt. Länger also, als sie befürchtet hatte. Scheinbar kannte sie ihn doch nicht. Scheinbar war alles anders, als sie gedacht hatte… „Es ist nicht egal Ben, denn bei all dem Schlamassel geht es ein winziges bisschen auch um mich.“ „Prinzessin…“ Sie sah ihn erschrocken an. Er hatte seit heute morgen kein Recht mehr, sie so zu nennen. „Lass es mich erklären…“ „Ich denke nicht, dass es etwas zu erklären gibt, Ben. Es ist passiert, irgendwas ist mit deinen Gefühlen passiert… Ich kann nicht fassen, dass Du mir nicht die Chance gegeben hast, etwas zu ändern, etwas zu begreifen… etwas zu ahnen.“ Sie wischte sich die dummen Tränen aus dem Gesicht. „Du hast mir keine Chance gegeben, um Deine Liebe zu kämpfen. Nur ein gezielter Stoß ins Herz!“ Du wirst theatralisch… brems dich- sie holte tief Luft, so tief es mit zugeschnürtem Hals möglich war.
„Warum bist Du ins Büro gekommen?“ „Ich…“ „Ich meine, warum hast Du nicht vorher angerufen?“ Was sollte da jetzt draus werden? „Willst Du mir sagen, es wäre besser gewesen, ich hätte Euch nicht gesehen? Und Du hättest mich weiterhin beschissen? Du hast Recht. Es wäre sicher besser gewesen. Für Dich vor allem bequemer! Pass auf Ben, ich möchte eigentlich nichts mehr von Dir hören. Pack das Nötigste und verlass mein Haus. Es gibt nichts mehr zu sagen. Es war eine wunderschöne Zeit mit Dir und ich wünschte, sie hätte für den Rest meines Lebens gedauert. Und jetzt geh bitte.“ Er sah sie an und sie kämpfte. Sie bekam kaum Luft, so sehr versuchte sie die Tränen zurück zu halten. Endlich stand er auf. Er war geschockt, holte Luft um zu sprechen, schwieg aber dann doch. Leise schloss er die Wohnzimmertür hinter sich und ging.
Endlich konnte sie weinen. Die Tränen liefen ihr über das Gesicht, sie war verzweifelt. Traurig. Alles war vorbei. Sie räumte die Fotos zusammen und stand am Fenster, bis sie sein Auto wegfahren sah. Sie musste raus. Irgendwohin. Einen klaren Kopf bekommen. Unschlüssig ging sie vom Wohnzimmer ins Schlafzimmer, wieder in die Küche… Überall war Ben. Ein nachlässig auf die Spüle gestellter Kaffeebecher, die völlig zerlesene Zeitung auf dem Küchentisch, das zerwühlte Bett, in dem sie noch in der letzten Nacht so glücklich gewesen war… Wahllos warf sie in paar Sachen in eine Tasche und setzte sich ins Auto. Sie fuhr zu ihrer besten Freundin.
Sophia war erstaunt, als sie ihre Freundin völlig verweint vor der Tür empfing. „Mein Gott, was ist denn mit Dir passiert?“ Sie führte die Freundin ins Wohnzimmer, angelte im Vorbeigehen nach der Kleenex-Packung und gab ihrem Mann zu verstehen, dass er die Spielkonsolen-Freigabe hatte. „So, und jetzt der Reihe nach. Was ist passiert?“ „Er ist weg.“
Wenige Monate später saß sie im Büro und packte ihre Sachen zusammen. „Du wirst mir fehlen. Ich glaube nicht, dass ich nach einem neuen Partner suchen werde.“ „Es tut mir leid, dass ich die Pläne über den Haufen werfe. Mein Plan sah auch anders aus. Das glaub mir!“ „Wenn Du Hilfe brauchst, bitte melde Dich jederzeit!“ Ihr Freund und Partner Daniel drückte sie an sich und half ihr, ihre persönlichen Sachen ins Auto zu tragen. „Wir sehen uns?“ „Sicher Daniel. Danke für Deine Hilfe und Deine Freundschaft!“ „Du wirst doch keinen Unsinn machen?“ „Hey, ich bin ein großes Mädchen!“ Sie küsste ihn auf die Wange und setzte sich ins Auto. Sie sah Daniel neben dem Kanzleischild stehen und langsam im Rückspiegel kleiner werden. Ihr Name würde bald durch einen neuen ersetzt werden. Dessen war sie sich sicher. Niemand war unersetzlich. Das hatte sie am eigenen Leib erfahren.
„Bist Du sicher, dass Du das so durchziehen willst?“ Sophia sah ihr zu, wie sie ihre Koffer zu schnallte, sorgfältig überprüfte, ob alle Fenster geschlossen waren, ihre Jacke überzog und entschlossen zu ihrem Wagen ging. „Ja Sophia. Ich will hier nicht bleiben.“ „Du wirst Hilfe brauchen in der ersten Zeit.“ „Die werde ich schon bekommen. Andere schaffen das auch.“ „Bitte überschätz dich nicht! Du bist meine beste Freundin, ich möchte Dich gut aufgehoben wissen. Dich und…“ „Wir telefonieren. Wenn es sein muss jeden Tag. Und ich wünsche mir, dass ihr mich bald besuchen kommt. Ich bin froh, dass ich Dich habe. Aber das muss ich jetzt allein durchstehen.“ „Ich hoffe so sehr, dass Du wirklich so stark bist, wie Du den Eindruck erwecken willst! Komm her, ich werde Dich so vermissen!“ „Ich werde Dich auch vermissen, Sophia. Danke für alles!“
Sie startete den Wagen und fuhr los. Viele Stunden Fahrt lagen vor ihr. Sie war aufgewühlt, nachdenklich. Kilometer um Kilometer entfernte sie sich von der Stadt, in der so viele Jahre ihre Heimat gewesen war. Was war dort nicht alles geschehen. Wie viel Leid hatte sie erfahren? Aber wie glücklich war sie auch gewesen… Sie war voller Unruhe und Vorfreude. Sie war so lange nicht dort gewesen. Im kleinen Haus hinter den Dünen. Der Fluchtort ihrer Eltern, ihr Lernziel während des Studiums. Ruhe, Einsamkeit, das Meer, der Wind und Zeit. All die Dinge, die sie so nötig zu brauchen schien. Je näher sie ihrem Ziel kam, um so schneller fuhr sie, fühlte sich fast wie ein Kind… wie ein Kind.
Sie hatte schon einige Tage in ihrem neuen Zuhause verbracht, lebte sich ein, hatte eingekauft, die Heizung lief, es wurde wohnlich und gemütlich. Jeden Tag ging sie an den Strand und spazierte stundenlang durch den Sand. Es war herbstlich nass und kalt, rau und stürmisch, genau wie sie es liebte. Früher war sie mit ihrem Vater oft spazieren gegangen, wenn sie Probleme hatte und Rat brauchte. Er fehlte ihr. Auch die Mutter, die dann zu Hause gewartet und schon Kakao für die müden Wanderer gekocht hatte, fehlte ihr. Sie fühlte sich allein wie niemals zuvor in ihrem Leben. Als dieser schreckliche Unfall passierte, war Ben für sie da. Er fing sie auf, half ihr wieder aufzustehen. Jetzt war auch er fort. Sie ging in die Stadt und ignorierte die Schmerzen, die nicht länger nur seelisch waren.
Jeden Abend telefonierte sie mit Sophia. Aber sie vermisste nichts. Nicht das Büro, nicht die vertrauten Häuser, die Stadt, sie war einfach froh, hier zu sein, und die Dinge einfach geschehen zu lassen. Sie hatte alle nötigen Vorbereitungen getroffen. Es gab nichts, was sie sonst noch hätte tun können. Die langen Abende verbrachte sie in Erinnerungen. Sie sortierte Fotos, stöberte in Schubladen und Schränken, fand längst verloren geglaubte Schätze – Erinnerungen an glückliche Tage. Fotos stellte sie zu Alben zusammen; Briefe und Tagebücher las sie, sortierte sie. Im Arbeitszimmer ihres Vaters stand wie immer ihr Foto und eines ihrer Mutter auf dem Schreibtisch. Genauso hatte sie es sich vorgestellt, damals, als sie kurz vor dem Abschluss ihres Studiums stand. Ein solches Büro. Voller Bücher, gemütlich, sortiert. Sie hatte eigentlich nicht in einer Kanzlei arbeiten wollen, wie sie es jetzt tat. Sie wollte nah am Menschen sein, keine abgehobenen überheblichen Egoisten vertreten. Sie wollte beraten, helfen, unterstützen. Wie ein Landarzt, nur eben ohne Medizin. Das war ihr kühner Traum gewesen. Ihr Vater war begeistert gewesen. Er war immer so stolz auf sein kleines Mädchen gewesen…
All ihre Hoffnungslosigkeit und Trauer brach über ihr zusammen. Der Verlust ihrer Eltern, das Bild ihres Mannes mit der anderen Frau, dass sie einfach nicht mehr aus dem Kopf bekam und dieser Umstand…. All das war zu viel. Der Schmerz überrollte sie, sie schnappte nach Luft und griff nach ihrem Telefon. Von dem Moment an wurde es schwarz um sie herum…
Sie wusste nicht, wo sie war, als sie erwachte. Sie lag in einem dämmrigen Raum, sie fühlte nichts, es war niemand da. Alles war wie sonst auch. Aber irgendwas schien anders zu sein. Ein unbestimmtes Gefühl, eine Ahnung breitete sich in ihr aus. Die Tür ging auf und ein Mann kam herein. „Da sind sie ja wieder. Wie fühlen sie sich?“ „Sagen Sie es mir. Ich weiß es nicht. Etwas ist… seltsam.“ „Seltsam ist, dass es nicht viel früher passiert ist.“ Fragen in ihrem Kopf. „Was denn? Was sollte passieren?“ Die Tür ging erneut auf und Sophia stand im Raum. „Sophia? Was um alles in der Welt tust Du hier?“ „Ich sollte Dich ohrfeigen, oder noch besser mich, dass ich dich hab gehen lassen! Was machst Du nur für Sachen? Du kannst mich doch nicht anrufen und am Telefon zusammen klappen! Wie geht es ihr Doktor?“ „Ich denke gut. Alle Werte sind in Ordnung.“ „Und…?“ Er nickte und bat Sophia nach draußen.
Während sie wartete, dass ihre Freundin zurückkam, kam wieder dieses Gefühl in ihr hoch. Etwas wie… Hoffnung? War vielleicht doch nicht alles verloren? Zum ersten Mal glitt ihre Hand hinunter zu ihrem Bauch. Auch wenn es Bens Baby war, war es doch vor allem ihres, oder? Sanft streichelte sie über die runde Wölbung und etwas wie ein Lächeln lag auf ihrem Gesicht. Sophia kam wieder ins Zimmer und umarmte sie fest. „Ich mach mir solche Vorwürfe! Ich hätte dich nie allein fahren lassen dürfen! Es tut mir so leid!“ „Es war das Beste, was du tun konntest! Ich hätte nie zu mir selbst gefunden. Und nie zu meinem Baby! Ich musste mir über so viele Dinge klar werden, so vieles bereinigen.“ Sophia wusste, dass sie jetzt endlich reden würde. Über alles, was geschehen war, alles, was noch vor ihr lag und es war gut. Die ganze Zeit lag ihre Hand auf ihrem Bauch und Sophia wusste, dass sie das Baby endlich annehmen würde, ja sich gar darauf freute. Die Tür öffnete sich erneut und ein junger Arzt kam ins Zimmer. „Guten Abend die Damen.“ Er reichte ihr die Hand und sah sie an. „Wie heißen Sie?“ „Mein Name ist Anna. Und ich bekomme in wenigen Tagen ein Baby…“
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.02.2010.
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