Klaus-D. Heid

Carla

Es irritierte mich ein wenig, dass Carla offenbar keinerlei Notiz von mir nahm. Die Frage, ob sie mich nicht sehen ‚konnte’ oder nicht sehen ‚wollte’, stellte sich nicht, da ich etwa einen Meter von dem Bett entfernt stand, auf dem sie’s gerade genüsslich mit Salvatore trieb. Salvatore? Salvatore ist unser arbeitsloser Nachbar aus der siebten Etage, dem der Ruf vorauseilt, dass ihm keine Frau wiederstehen kann. Dieser Ruf bestätigte sich nun beinhart, da Carla kaum nackt unter Salvatores behaartem Körper lag, weil sie ihn mit unserer Heizdecke verwechselt hatte.

Carla... Carla..., wie lange sind wir nun verheiratet? Neun Jahre? Und Du weißt immer noch nicht, dass ich ein überaus eifersüchtiger Ehemann bin, der derlei Auswüchse nicht einfach so als ‚versehentlichen Zeitvertreib’ abtut? Was, herzallerliebste Carla, soll ich also nun tun, hm? Soll ich mucksmäuschenstill in die Küche gehen, um mir einen Cappuccino zu genehmigen? Soll ich im Wohnzimmer ein Hanfseil am Deckenbalken befestigen, um mich aufzuhängen? Möchtest du, dass ich für ein, zwei Stunden fernsehe?

All diese Fragen stelle ich meiner Carla nicht, da sie viel zu beschäftigt scheint, um mir antworten zu können. Auch Salvatore macht einen überaus beschäftigten Eindruck, während er, italienische Lustlaute ausstoßend, auf und in Carla sein Bestes gibt.

Bin ich nicht ein bedauernswerter Mann, dass ich nicht ein winziges bisschen wahrgenommen werde? Gebietet es nicht zumindest der Anstand, dass man mir wenigstens ein freundliches ‚Hallo, Schatz!’ und ein ‚Guten Abend, Herr Nachbar!’ spendiert?

Ich sehe, wie Carla Salvatore ihre überdimensionierten Fingernägel in den Hintern jagt, während sie zuckend und wild wackelnd, unter meinem Nachbarn liegt. Ich sehe auch, dass Carlas Körper schweißüberströmt ist – und ich frage mich ernsthaft, wieso sie ‚bei mir’ immer so tut, als würde sie an Unterkühlung sterben.

Viel länger kann ich mir dieses orgiastische Treiben nicht ansehen. Ich denke, es ist besser, wenn ich in meine Stammkneipe um die Ecke gehe und mir ein paar gepflegte Bierchen genehmige. In spätestens zwei stunden stehe ich aber wieder auf der Matte und werde ein ordentliches Machtwort sprechen, damit Carla weiß, wer der Herr im Haus ist!

„Ludwig...?“

Carla hat mich also doch wahrgenommen! Obwohl Salvatore keinerlei Anstalten macht, seine animalischen Rammeleien einzustellen, scheint da vielleicht noch ein klitzekleines Restchen von moralischem Anstand in Carla zu sein.

„Ja, Carla...?“

„Ludwig... Salvatore hat keine Zigaretten mehr. Bringst du ihm wohl zwei Päckchen Marlboro aus der Kneipe mit...?“

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Langsam gehe ich auf das sechzigste Lebensjahr zu. Da hinter mir nahezu jede emotionale Erinnerung »verschwindet«, besitze ich keinerlei sichtbare Erinnerung! Vieles von dem, was ich Ihnen aus meinem Leben berichte, beruht auf alten Notizen, Erinnerungen meiner Frau und meiner Mutter oder vielleicht auch auf sogenannten »falschen Erinnerungen«. Ich selbst erinnere mich nicht an meine Kindheit, Jugend, nicht an meine Heirat und auch nicht an andere hochemotionale Ereignisse, die mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin.

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