Erstes Kapitel
Der Wanderer
Wie ein Geist flog der junge Mann durch das dichte Unterholz, wobei ihm das schwarze, schulterlange Haar in den Nacken flog. Behende wie ein Glym glitt er nahezu lautlos über jedes Hindernis hinweg. Ein Grinsen huschte für einen Moment über sein braungebranntes Gesicht, und in seine azurblauen Augen trat ein amüsierter Ausdruck als er daran dachte, wie leicht er seine schwerfälligeren Jagdgefährten abgehängt hatte.
Als Jäger und Waldläufer konnte ihm nun einmal keiner das Wasser reichen.
Hinter einem umgestürzten Baumstamm sank er auf ein Knie hinab und zog gleichzeitig den schweren Jagdbogen von der linken Schulter. Flink legte er einen Pfeil auf die Sehne, während er die Lichtung jenseits des Baumstammes nicht aus den Augen ließ. Er spürte, daß er hier jeden Moment Erfolg haben würde.
Auch dies war eine der Fähigkeiten, um die ihn alle anderen im Dorf beneideten. Er konnte Dinge erahnen, ohne daß er erklären konnte, wie er dies erlernt hatte. Schon als Kind hatte er entdeckt, daß er über diese Fähigkeit verfügte, und im Laufe der Jahre hatte er sie perfektioniert. Früher hatte er deshalb viele schräge Blicke erdulden müssen, und man hatte über ihn hinter vorgehaltener Hand getuschelt. Über den jungen Tork, der nicht nur von seinem Erscheinungsbild so völlig anders war, als alle anderen Kinder im Tal und der darüber hinaus auch noch über ein paar unheimliche Fähigkeiten verfügen sollte. Aber auch das hatte sich im Laufe der Jahre gegeben, und die Bewohner des Tales hatten den hochgeschossenen, kräftigen jungen Mann inzwischen akzeptiert, auch wenn er immer noch etwas deplaziert zwischen seinen überwiegend hellblonden, untersetzten Altersgenossen wirkte.
Das kaum hörbare Brechen eines morschen Astes am anderen Ende der Lichtung ließ ihn erstarren.
Etwas näherte sich.
Allerdings schien es weder ein Reh noch ein Hase zu sein, was dort durch den Wald schlich.
Das war irritierend.
Genau genommen, hatte er so eine Präsenz noch nie gespürt. Die friedlichen mentalen Impulse der Waldbewohner ähnelten sich alle irgendwie. Sie waren auf einer Ebene, die sich deutlich von den individuelleren Impulsen der Bewohner des Tals unterschied. Aber das, was sich dort auf leisen Sohlen näherte, sandte einen völlig anderen Impuls aus, für den es nur eine Beschreibung gab:
Bösartigen Haß!
Zum ersten Mal bedauerte Tork, daß er sich von seinen Jagdgefährten abgesetzt hatte, nur um nachher im Tal mit seinem Jagderfolg anzugeben und Eindruck bei Myrian, der Tochter des Bäckers zu schinden.
Verdammt!
Das hatte er nun davon.
Aber zurück konnte er auch nicht mehr.
Mit einem unguten Gefühl registrierte Tork, daß der Wald vollkommen verstummt war. Fast so, als würden alle Geschöpfe des Waldes den Atem anhalten.
Ihm wurde mulmig zumute.
Was bei Morguls rostiger Axt verbarg sich neuerdings in den Tiefen dieser Wälder?
War etwa doch etwas dran an den Erzählungen über die wilden Wölfe, die angeblich im Norden gesehen worden waren? Ganze Rudel sollten sich dort herumtreiben, und es gab Gerüchte über Feldarbeiter, die im letzten Winter spurlos verschwunden waren. Manche behaupteten sogar, daß die Feldarbeiter am Rande des Dunkelwalds auf Dämonen aus dem eisigen Nordland gestoßen wären, die sich neuerdings in dieser Gegend herumtreiben würden. Zwar gab es keinerlei Beweise dafür, aber die Gerüchte hielten sich hartnäckig. All dies ging Tork durch den Kopf, während die Spitze seines Pfeils leicht bebend auf die Seite der Lichtung zielte, wo das Wesen vermutlich aus dem Wald treten würde.
Erneut brach ein morscher Ast.
Näher als beim letzten Mal.
Tork fing an zu schwitzen. Was immer sich der Lichtung näherte, es konnte nur noch wenige Schritt vom Waldrand entfernt sein, denn die Aura, die er empfing, spülte über ihn hinweg wie eine Flutwelle. So etwas hatte er noch nie erlebt. Mühsam schottete er sich gegen die unangenehme Empfindung ab und wartete.
Ein schweres, rasselndes Atmen drang nun leise über die Lichtung zu ihm hinüber. Torks Nackenhaare richteten sich bei diesem Geräusch auf. Er fragte sich, wie wohl sein Vater in dieser Situation reagiert hätte. Oft genug hatte er ihm von seinen Abenteuern aus seiner Zeit als Waldläufer berichtet. Der Konfrontation mit wütenden Bären, Wölfen und seinem Kampf mit einem Snilg, den echsenhaften, äußerst wehrhaften Jägern der Mittelgebirge. Allerdings hatte er offenbar vergessen zu erwähnen, wie mies man sich in so einer Situation fühlt.
Mit zum Reißen gespannten Nerven musterte Tork das Dickicht auf der anderen Seite der Lichtung.
Das Atmen war verstummt. Dafür vernahm er plötzlich ein anderes Geräusch, daß rasch lauter wurde. Das Bellen von Hunden, begleitet von ein paar deftigen Flüchen, die Tork nur zu gut kannte.
Seine Freunde waren direkt auf dem Weg zu ihm und würden jeden Moment die Lichtung erreichen. Die Erleichterung, die ihm in diesem Moment durchflutete wich jäh einem eisigen Schrecken, als ihm gewahr wurde, was das bedeutete. Sie würden geradewegs auf die furchteinflößende Kreatur treffen. Aber die Angst war unbegründet, denn wer auch immer sich im Dickicht jenseits der Lichtung verborgen hatte, hatte offenbar den Rückzug angetreten. Jedenfalls konnte Tork keine mentalen Impulse mehr empfangen.
Zögernd erhob er sich und trat auf die Lichtung, wo ihn im nächsten Moment zwei ausgewachsene Wolfshunde freudig ansprangen und ihrer Begeisterung mit lautem Gebell Ausdruck verliehen.
„Der große Jäger wurde gestellt“, drang der brummige Baß Mogrus an seine Ohren. Mit unbeholfenen Schritten kämpfte sich der untersetzte, kaum einmetersechzig große Talbewohner durch das Dickicht, gefolgt von dem nicht minder ungeschickten, aber muskelbepackten Begas, der unentwegt fluchte. Tork grinste. Er kannte niemanden, der über ein größeres Repertoire an Flüchen verfügte, als sein Freund Begas, der angehende Schmied.
„Bei Orguls pickeligem Hintern, das ist kein Wald, sondern eine stinkende Modergrube. Sieh dir das an.“
Demonstrativ hob er sein rechtes Bein, das mit einem kniehohen, weichen Stiefel aus Hirschleder bekleidet war. Dreck, Moos und Pflanzenreste bedeckten den größten Teil des Leders, dessen hellbraune Farbe nur noch zu erahnen war.
„Warum bei Nigors stinkendem Atem habe ich nur auf dich gehört. Laß uns abseits der üblichen Wege jagen. Pah! Genauso gut hätte ich gleich in das nächste Moor springen können.“
„Ich freue mich auch, euch wiederzusehen“, begrüßte Tork die Gefährten. „Mehr als ihr ahnt“, fügte er düster hinzu, während er kniend die Hunde hinter den Ohren kraulte.
„Hast du gehofft, daß wenigstens wir Beute machen oder hat deine finstere Miene einen anderen Hintergrund?“, brummte Mogrus, dem der Blick seines Freundes, mit dem dieser den nahen Waldrand musterte, nicht gefallen wollte. Besorgt sah Tork zu ihm auf.
„Irgend etwas hatte sich hier verborgen. Etwas mit einer Aura, wie ich sie noch nie wahrgenommen hatte. Voller Haß.“
„Wahrscheinlich hast du meine Verärgerung über diese Foltergrube von einem Wald vernommen“, knurrte Begas, der erfolglos versuchte, mit einem kleinen Ast den Dreck von seinen Stiefeln zu kratzen.
„Hast du es gesehen?“, fragte Mogrus.
Tork schüttelte den Kopf.
„Nur gehört. Und das hat mir gereicht.“
„Na das paßt ja zu unserem Glück. Nicht nur, daß meine Stiefel dahin sind, nun treibt sich vermutlich auch noch Sigor der Schlächter oder Ugor der Unhold oder vielleicht sogar die Hexe Hulzga, die gerne Menschen ißt, hier herum. Sie mag sie schön knusprig“, zählte Begas mit pessimistischer Miene dem eher ängstlichen Mogrus die Alternativen aus der Welt der Mythen und Sagen auf, der mit jedem Wort noch blasser wurde, als er es ohnehin von Natur aus schon war.
„Jetzt fühle ich mich gleich besser“, knurrte er verdrießlich.
„Keine Sorge, es ist verschwunden“, beruhigte Tork den nervösen Mogrus, wobei er dem verdrießlich dreinblickenden Begas mit vorwurfsvollem Blick bedachte. „Trotzdem denke ich, daß es besser ist, wenn wir die Jagd für heute abbrechen und uns auf den Heimweg machen. Ich glaube nicht, dass uns das Jagdglück heute noch hold sein wird. Das Mitsommerfest heute abend wird auch ohne einen Wildbraten auskommen.“
„Bei Wogurs wabbelnder Wampe, das ist der erste vernünftige Satz, den ich heute von dir höre“, knurrte Begas dankbar dafür, dem modrigen Dickicht den Rücken kehren zu können. Mit Schwung warf er den mitgenommenen Ast ins dichte Unterholz, aus dem unbemerkt zwei rotglühende Augen die Gefährten lauernd beobachtete.
„Laßt uns feiern gehen.“
Wird eventuell fortgesetzt.....................
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.03.2010.
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