Klaus-Peter Behrens

Artefaktmagie, Teil 20

 

 

Grimmbart nickte und gab seinen Leuten einen kurzen Befehl. Dann begaben sich Zwerge, Elbin, Mensch und Wühler, angeführt von Grimmbart in den weiten Talkessel hinab, das Heulen der Bestien im Rücken. Unten angekommen, folgten sie weiter dem Verlauf der uralten Straße, die quer durch das Tal und dann entlang des Seeufers führte, vorbei an dem steinernen Bollwerk einer längst vergangenen Zeit, bis zum westlichen Ende des Talkessels, wo sie eine breite Treppe zum Plateau hinauf erklommen. Die Sonne war inzwischen ein deutliches Stück tiefer gesunken, und das Heulen klang nun näher als zuvor. Die Furcht vor den Bestien ließ Michaels Blick immer wieder zu der tiefen Spalte zurückwandern, die wie eine gezackte Narbe in dem massiven Fels wirkte, aber dort rührte sich nichts. Mit einer bösen Vorahnung im Hinterkopf wandte er den Blick ab und erklomm die letzte Stufe zum Plateau hinauf. Ehrfurcht ergriff ihn, als er das hoch aufragende, pechschwarze Tor aus nächster Nähe sah. Es war groß genug war, um einen Eisenbahntunnel zu verschließen und wirkte, als sei es mit dem Gestein verschmolzen. Michael war es völlig schleierhaft, wie der Zwerg diese gigantische Platte, die unzählige Tonnen wiegen mußte, bewegen wollte.
„Das nenne ich mal ein Tor“, kommentierte Glyfara beeindruckt den Anblick, der sich ihnen bot, während sie beobachtete, wie der Zwerg sich dem uralten Tor näherte und mit der schwieligen Hand prüfend über die tief in den Stein eingekerbten Runen strich. Ein Schatten der Besorgnis legte sich auf sein Gesicht, als er leise die uralte Warnung übersetzte. „Fürchtet die Jagd der geheimnisvollen Schatten tief in den Eingeweiden der Berge“, murmelte er unheilverkündend, während im Hintergrund das Heulen ihrer Verfolger erklang.
„Sie holen auf“, stellte Glyfara besorgt fest. „Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, um von hier zu verschwinden. Wir bekommen jeden Moment Besuch.“
Grimmbart, der völlig in sich gekehrt vor dem steinernen Portal gestanden hatte, als sei die Welt um ihn herum im Nebel der Zeit versunken, zuckte bei diesen Worten sichtlich zusammen, und als er sich umdrehte, hatte Michael das Gefühl, daß der Zwerg um Jahre gealtert war. Sein Blick glitt prüfend über die Gefährten, die es sich so gut es ging auf dem rauhen Untergrund bequem gemacht hatten. Einige von ihnen spähten jedoch besorgt Richtung Westen, wo die Sonne bald hinter dem Felsgrat versinken und die Nacht hereinbrechen würde. Andere ließen den Spalt am anderen Ende des Tals nicht aus den Augen.
„Alle mal herhören“, verschaffte sich Grimmbart Gehör. „Bevor ich dieses Tor öffne, gibt es noch ein paar Dinge zu erklären. Wenn wir dort drin sind, müssen wir dicht zusammen bleiben. Jeder achtet auf seinen Nachbarn und hält die Waffe griffbereit. Wir wissen nicht, was uns dort erwartet, aber die Warnung unserer Vorfahrens sollten wir nicht leichtfertig in den Wind schlagen. Es ist nicht auszuschließen, dass irgendetwas tief in den Eingeweiden dieses Höhlensystems überlebt hat. Etwas, das uns gefährlich werden könnte und dessen Aufmerksamkeit wir tunlichst nicht wecken sollten.
Wir werden daher nach Möglichkeit dem alten Transportweg nach Norden folgen und die tieferen Regionen meiden. Streitaxt und ich  übernehmen die Führung, Morgenstern und Bluthand die Nachhut. Die übrigen verteilen sich im Mittelfeld. Es wird nicht völlig dunkel sein, denn die Felsen sollten mit Leuchtmoos bewachsen sein. Trotzdem werden wir Fackeln ausgeben, jeweils eine für zwei Kameraden. Wenn alles gut geht, sollten wir in drei Tagen Felsenturm erreichen. Irgendwelche Fragen?“
„Ja!“
Michael erhob sich von der felsigen Umrandung des Plateaus, auf der er sich einen Augenblick von dem anstrengenden Aufstieg ausgeruht hatte und baute sich vor dem grimmigen Zwerg auf.
„Wenn ich schon in den Bauch der Erde hinabsteige, dann wüßte ich doch gerne, was es mit dem Fluch auf sich hat. Vielleicht begeben wir uns ja vom Regen in die Traufe, und das, was hinter diesem Portal verborgen liegt, könnte noch schlimmer sein, als das, was uns auf den Fersen ist.“
Ein beifälliges Murmeln ertönte. Grimmbart schürzte die Lippen und schien abzuwägen, was er preisgeben sollte.
„Sag es ihm. Er hat ein Recht, es zu erfahren“, bemerkte Streitaxt. Grimmbart seufzte.
„Als unsere Vorväter diese Hallen einst anlegten, lief zunächst alles problemlos. Die Mine lieferte gute Erträge, und der Handel blühte auf. Alles ging gut, bis meine Vorfahren eines Tages einen Stollen tiefer in das Gestein trieben als jemals zuvor und plötzlich auf ein gigantisches Höhlensystem stießen, das unvorstellbar tief in die Erde hinab reichte......“
Grimmbart zögerte einen Moment, bevor er weiter sprach. „Expeditionstrupps wurden ausgesandt, um das  Höhlensystem zu erforschen, aber bis auf einen schwer verwundeten Späher kehrte niemand zurück. Bevor er starb, kam nur noch ein Wort über seine Lippen: Drachen! Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Die Schreckensherrschaft der Drachen lag zwar schon ein paar Jahrhunderte zurück, aber die Geschichten über ihre Grausamkeit hatten überlebt. Der Legende nach, hatten sich die letzten ihrer Art an einem geheimen Ort tief unter der Erde zurückgezogen, wo sie angeblich düstere Pläne schmieden und ihre Rückkehr vorbereiten sollten. Also sandte man Soldatentrupps aus, um zu erkunden, was an der Sache dran war. Aber auch diese kehrten nicht zurück, und allmählich begann sich Unmut unter den Arbeitern auszubreiten. Als dann auch noch ganze Schichten von Minenarbeiter spurlos verschwanden, war der Ältestenrat gezwungen zu handeln. Sie entschlossen sich dazu, den Minenbetrieb stillzulegen und ließen beide Eingänge zur Mine durch den besten Tormeister der damaligen Zeit versiegeln. Seither hat kein Zwerg einen Fuß in diese Hallen gesetzt“, beendete Grimmbart mit ernstem Gesicht seine Ausführung, indes in der Ferne die Bestien erneut heulten. Ihr Heulen klang jetzt hohler, als würden sie sich bereits im Inneren des Spalts befinden. Michael war wohl bewußt, daß ihnen die Zeit davon lief, trotzdem wollte er sich vergewissern, welche der beiden Alternativen die bessere war. Der Kampf mit den Kreaturen des Wandlers, oder das Betreten der verfluchten Mine, die womöglich noch immer von Drachen bewohnt wurde. Vielleicht waren sie im Begriff, die Büchse der Pandorra zu öffnen.
„Wer sagt dir, daß die Gefahr jenseits dieses Portals nicht immer noch real ist?“
„Niemand. Aber die Hallen meiner Vorväter sind riesig, ungeachtet des gigantischen Höhlenlabyrinths, das meine unglückseligen Vorfahren geöffnet haben. Wir werden uns daher an den alten Transportweg halten und darauf vertrauen müssen, daß sich die Drachen, sofern sie denn noch leben sollten, in den tieferen Regionen aufhalten. Auch mir behagt es nicht, diese verfluchten Hallen zu betreten, aber ich habe die Verantwortung für meine Männer. Sieh dich um! Dieses Tal ist eine Sackgasse. Durch den einzigen Ausgang dringt der Feind zu uns vor, und wir sind zu wenige, um dem Angriff dieser Kreaturen standhalten zu können. Sollten sie Armbrustschützen dabei haben, könnten sie uns problemlos aus der Ferne erledigen, ohne das wir etwas dagegen unternehmen könnten. Wir Zwerge scheuen zwar keinen Kampf, aber ein Kampf, den man nicht gewinnen kann, ist es nicht wert, geführt zu werden, insbesondere dann nicht, wenn es eine andere Option gibt. Außerdem haben wir etwas bei uns, das auf keinen Fall in ihre Hände gelangen darf, es sei denn, ihr hättet mich belogen, was die Bedeutung dieses Artefakts anbelangt.“
Michael schüttelte den Kopf.
„Angesichts der Streitmacht, die uns auf den Fersen ist, bin ich geneigt, euch zu glauben. Mein Entschluß steht daher fest. Wir werden uns durch die Hallen meiner Vorväter absetzen.“
Damit war das Gespräch für Grimmbart beendet. Ohne Michael weiter zu beachten, drehte er sich um und ging zu dem düsteren Tor hinüber. Hilflos wandte sich Michael an Streitaxt.
„Warum sagst du nichts dazu?“
„Befehl ist Befehl“, erwiderte Streitaxt düster, wenngleich sein Gesicht etwas anderes ausdrückte. Glyfara hingegen sah die Angelegenheit nüchtern.
„Mir sind ein paar verstaubte Drachen lieber als diese Kreaturen. Außerdem können die im Zweifel mit dem Artefakt nichts anfangen. Wenn wir schon sterben müssen, dann wenigstens nicht umsonst. Das Artefakt wäre für alle Zeiten sicher verwahrt.“
„Geht’s dir noch gut?“
Michael war geschockt.
„Ich denke, deine Kollegen brauchen es, um die Welt zu retten. Hältst du da einen Drachenmagen für einen geeigneten Aufenthaltsort?“
„Wer sagt dir, daß es die Drachen überhaupt je gegeben hat. Und selbst wenn, dürften sie heute kaum noch leben. Wann wurde die Mine noch stillgelegt?“, wandte sich Glyfara an Streitaxt.
„Vor dreihundert Sommern, also praktisch gestern, jedenfalls aus Drachenperspektive“, erwiderte Streitaxt.
„Du hast so eine aufmunternde Art“, bemerkte Michael bissig.
„Dafür bin ich bekannt“, kam es stoisch zurück.
Frustriert stieß Michael die Hände in die Hosentaschen und begab sich zum Treppenabgang hinüber. Mit Zwergen konnte man sich einfach nicht vernünftig unterhalten, und Elben waren auch keinen Deut besser.
„Wenn wir schon sterben müssen“, brummte er verärgert über die Worte Glyfaras. Er für seinen Teil hatte nicht die Absicht, hier zu sterben. Sein Blick wanderte hinüber zu dem klaffenden Spalt am anderen Ende des Tals. Vielleicht täuschte er sich ja, aber die Schatten kamen ihm dort plötzlich dunkler vor. Er glaubte sogar Bewegungen auszumachen und hoffte, daß dies alles nur Einbildung war.
Bevor die Sonne hinter dem Grat verschwindet, werden sie hier sein, gingen ihm Glyfaras Worte durch den Kopf, die ebenfalls den Spalt nicht aus den Augen ließ. Als hätte er mit der Erinnerung an diese düstere Prophezeiung das Unglück heraufbeschworen, schob sich plötzlich ein pechschwarzer, massiger Körper in der Größe eines Kalbs aus der finsteren Spalte in das verblassende Licht der untergehenden Sonne.
„Besuch“, brummte der Wühler warnend.
Mächtige Klauen kratzten über die steinige Oberfläche, als die Kreatur an den Rand des Plateaus trat und ein markerschütterndes Heulen ausstieß, das von den Wänden des Tals zurückgeworfen wurde. Mit siegessicherem Blick fixierten die schwefelgelben Augen die Beute über das Tal hinweg.
Es gab kein Entkommen.
Sofort bezogen die Zwergenkrieger am oberen Ende der Treppe Position. Zum allgemeinen Entsetzen schob sich ein weiteres und dann noch eines der furchteinflößenden Ungetüme aus dem engen Spalt ins letzte Tageslicht.
Die Späher der Horde, die unzweifelhaft in Kürze folgen würde.
Mit ihren gedrungenen Körpern wirkten die bewegungslos dastehenden Kreaturen am Rande des Plateaus auf Michaels wie drei besonders häßliche Wasserspeier.
„Warum greifen sie nicht an?“, fragte er nervös.
„Sie warten auf die Horde. Aus ihrer Sicht sitzen wir in der Falle. Ich glaube kaum, daß sie von diesem Tor wissen. Hoffen wir nur, daß unser haariger Freund es aufbekommt, bevor die Horde hier eintrifft, sonst wird es ungemütlich“, knurrte Glyfara, die das Holz ihres Bogens umklammerte und einen Pfeil auf die Sehne gelegt hatte, auch wenn sie wußte, daß die Gegner weit außerhalb der Pfeilschußreichweite waren.
Besorgt warf sie einen Blick auf Grimmbart, der ungeachtet der Gefahr in seinem Rücken fast andächtig mit den Fingern in einem bestimmten Schema über die Linien der Runen fuhr und dazu Worte murmelte, von denen er nicht geglaubt hätte, daß sie ihm einmal das Leben retten würden.
Nachdem er endlich das letzte Wort ausgesprochen hatte, leuchteten die Runen plötzlich grell auf. Dann zogen sich ausgehend von ihnen plötzlich tausende von Linien wie ein Flechtwerk über den tiefschwarzen Stein, der mit jeder neuen Linie an Festigkeit zu verlieren schien. Nach und nach begann er nun an den Rändern zu schimmern, dann breitete sich das Phänomen in Wellenlinien über die ganze Oberfläche des Steins aus, bis er schließlich durchsichtig wurde und den Blick auf ein finsteres Gewölbe freigab an dessen Ende paar ausgetretene Stufen in die Dunkelheit hinab führten.
„Schnell jetzt, das Tor kann sich jeden Augenblick wieder schließen“, drängte Grimmbart sichtlich mitgenommen zur Eile. Das Beschwören der alten Runen war nicht spurlos an ihm vorüber gegangen.
„Das Schönste, was wir erleben können, ist das Mysteriöse. Ich hoffe nur, Einstein wußte, wovon er sprach“, murmelte Michael in Erinnerung an das Lieblingszitat seines betagten Physiklehrers, als er gemeinsam mit Glyfara durch den durchlässig gewordenen Stein schritt. Zu seiner Verwunderung konnte er nichts spüren. Dann folgten die Zwerge.
„Erstaunlich“, bekundete der Wühler, der als letzter durch die magische Barriere schritt. Kaum hatte er das finstere Gewölbe betreten, wurde es schlagartig dunkel, und Michael stellte entsetzt fest, daß der Eingang wieder fest verschlossen war. Auf diesem Weg würden sie jedenfalls nicht mehr zurückkommen. Auf der anderen Seite des Tors hallte das wütende Heulen der Schnüffler durch das Tal, die sich um ihre Beute betrogen sahen.

 

 

 Wenn Ihr Lust habt, Michael in die Unterwelt zu folgen, schaut in 2 - 3 Wochen mal wieder rein. Ich verspreche, es wird spannend!

Euer

Klaus-Peter Behrens

 

 




 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.03.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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