Nicole Fröhlich

Triff mich auf meinen Weg

Triff mich auf meinen Weg

Ein quirliger, hellbrauner Hund drängte sich knurrend in den Hausflur.

Hau ab, zischte ich.

Er sprang zurück und sah mich einige Sekunden lang verwirrt an, dann bellte er. Es war ein unsympathischer Hund, mit schmuddeligem Fell und trotteligen Blick

Sammy, komm rein, rief eine Frau vom Ende des Flurs. Der Hund bellte noch mal, dann kehre er um und verschwand durch eine offene Wohnungstür, die wenig später krachend ins Schloss fiel.

Glück gehabt, dachte ich und zitterte vor Angst und Aufregung.

Langsam schlich ich die Stufen hinauf in den ersten Stock. Die Wände waren lieblos verputzt und die Böden mit glanzlosen Fliesen belegt. Zahlreiche matte, weiße Türen schirmten mich von den Mietwohnungen ab. Hinter einer dieser Türen musste er wohnen. Das hatte ich nicht erwartet. Eher war ich davon ausgegangen, Alex würde in einem freundlichen, hellen Häuschen mit Garten leben. Dieses Haus aber war so trostlos und kalt, das absolute Gegenteil von ihm.

Ich schlich weiter und las jedes Schild an den Türglocken. Es war schummerig um mich herum und ich musste mich sehr anstrengen, um die Namen entziffern zu können. Am Ende des Flur las ich dann Hoffmann. Endlich hatte ich seine Wohnung gefunden. Ich hoffte, dass er zuhause war. Vorsichtig drückte ich mein Ohr an die Tür, um hören zu können, wer drinnen war. Ein Kind lachte.

Das muss Jonas sein, dachte ich und lächelte.

Jonas ist sein Sohn. Er ist ungefähr vier Jahre alt. Kurz bevor der Kontakt abgerissen war, war er zur Welt gekommen. Damals hatte ich nur Fotos von dem Baby gesehen. Ich fragte mich, ob Jonas sein einziges Kind war. Alex war immer sehr um seinen Sohn bemüht gewesen. Unser Vater war es nie. Alex hatte er immer verleugnet und mich hatte er oft mit meiner Mutter alleine gelassen. Nach der Scheidung meiner Eltern interessierte er sich auch für mich nicht mehr. Ein paar Jahre hatte ich noch mühsam den Kontakt zu meinen Vater gehalten, doch irgendwann hatte ich aufgegeben.

Ich hörte Alex’’ Stimme. Seit Jahren hatte ich sie nicht mehr gehört, doch ich war mir absolut sicher, dass er es war, der da redete. Neue Freude und Hoffnung flammten in mir auf. Am liebsten hätte ich die schwache Tür aufgestoßen und wäre hineingestürmt, um ihm um den Hals zu fallen.

Ich wusste nicht, ob er mich überhaupt noch sehen wollte. Wäre ich ihm wirklich wichtig gewesen, hätte er sich gemeldet in den vergangen Jahren. Doch ich hatte kein Lebenszeichen von ihm erhalten, keine Nachricht, keinen Anruf, nichts. Selbst auf meine Nachrichten hatte er nie geantwortet. Die Letzte hatte ich immer noch in meinem Handy gespeichert. Kurz bevor ich losgefahren war, hatte ich sie noch mal gelesen:

Hallo Alex Wie gehts dir denn? Ich muss so oft an dich denken und habe schon so lange nichts mehr von dir gehört. Bei mir hat sich viel geändert, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Melde dich mal. Würde mich wirklich sehr freuen. Lg Barbara.

Ein knappes halbes Jahr war es nun her, dass ich das geschrieben hatte und jeden Tag in diesen vergangen Monaten, hatte ich mir den Kopf darüber zerbrochen, warum er nichts mehr von mir wissen wollte.

Ich musste davon ausgehen, dass seine Frau auch hier war und ich konnte nicht klingeln. Hastig strebte ich zur Haustür und flüchtete ins Freie. Dort war es nicht mehr dunkel. Die Augustsonne lachte mich an. Sie konnte mich nicht trösten. In meiner Brust war es viel zu finster. Ich begriff nicht, warum ich nicht bei ihm sein konnte; hatte ich doch seine Festnetz- und Handynummer und wusste wo er wohnt. Doch ich konnte nur in seiner Nähe sein, nie ganz bei ihm.

Erschöpft schleppte ich mich zum Auto, das ich mehrere Straßen entfernt geparkt hatte.

Ich ließ ich mich auf den Sitz fallen, der durch die Sonne fast unerträglich heiß geworden war, und wartete. Auf was, wusste ich nicht.

Als mein Handy piepste, erschrak ich. Meine beste Freundin Maria hatte mir eine SMS geschickt: Hallo. Alles klar bei dir?

Mehr stand da nicht, aber eine solche Nachricht war ich von ihr gewohnt. Sie schickt sie mir immer, wenn sie mehrere Tage nichts von mir gehört hat. Mit der Zeit hatte ich diese Gewohnheit von ihr übernommen.

Hast du Zeit? Kann ich kurz vorbeikommen?, antwortete ich.

Sie wollte wissen, was passiert war. Maria ahnte immer, wenn etwas nicht stimmte und sie meldete sich immer im richtigen Augenblick bei mir. Ich vertröstete sie auf später und versprach in einer Stunde bei ihr zu sein.

Die Zeit war knapp für die weite Stecke, die ich vor mir hatte, doch ich war fünf Minuten eher bei ihr, als abgemacht. Maria war alleine zuhause. Das ist sie meistens, denn ihr Mann ist sehr oft beruflich unterwegs und sie ist oft traurig darüber. Es dauerte eine Weile, bis meine Freundin mir die Tür öffnete.

Tut mir leid, ich bin gestern auf der Treppe gestolpert und habe mir den Fuß verstaucht. Sie ging auf Krücken und hatte über ihren rechten Fuß nur einen dicken Strumpf gezogen. Trotz ihrer Verletzung kam sie mir in diesen Moment weniger hilfloser vor, als ich es war.

Was willst du trinken?, fragte Maria, bevor wir uns setzen.

Nur Wasser, ich hab solchen Durst.

Mit zwei vollen Gläsern kam sie aus der Küche gehumpelt, die nur durch eine halbe Wand vom Wohn- und Esszimmer abgetrennt war. Ich fragte mich, wie sie das schaffen würde, und wollte ihr die Gläser abnehmen, doch bevor ich aufstehen konnte, hatte sie sich schon neben mich auf die hellbraune Couch fallen lassen.

Ich war in Regensburg, erzählte ich.

Was hast du denn da gemacht?

Ich wollte Alex besuchen.

Maria erstarrte kurz. Wer ist denn Alex? Bist du nicht mehr mit Simon zusammen? Sie sah mich an, als würde sie mit einer Verrückten reden.

Doch, wir sind schon noch zusammen. Weißt du nicht mehr, wer Alex ist? Vor ein paar Jahren habe ich dir öfters von ihm erzählt, als wir noch unsere Fahrgemeinschaft in die Berufsschule hatten. Erinnerst du dich nicht mehr?

Sie sah mich einige Sekunden mit zusammengekniffenen Augen an.

Nein, ich kann mich nicht mehr erinnern.

Mein Halbbruder.

Nun verstand sie mich.

Das ist der andere Sohn deines Vaters.

Genau. Ich hab seit ungefähr vier Jahren nichts mehr von ihm gehört.

Maria sah mich erstaunt an. In den vergangenen Jahren hatten wir nicht über dieses Thema gesprochen.

Dann erzählte ich ihr alles. Worüber wir bei unseren letzten Treffen gesprochen hatten, wie sehr ich ihn vermisste und wie er nie auf meine Nachrichten reagiert hatte.

Du glaubst also, er will nichts mehr von dir wissen, weil du bei eurem letzten Treffen deinen Vater zu sehr verteidigt hast, der sich nie um ihn gekümmert hat?, fasste Maria meinen Monolog zusammen.

Kann doch sein?”

Aber du redest doch selbst nicht mehr mit deinen Vater.

Das weiß er doch nicht. Ich habe erst einige Monate nach unseren letzten Treffen den Kontakt zu Papa abgebrochen, sagte ich.

“Ich verstehe nicht, warum du immer so zu deinen Vater gehalten hast. Er hat deine Mutter schon immer betrogen und seine Kinder waren nur eine Belastung für ihn gewesen.”

“Ich dachte eben, ich wäre verpflichtet zu meinen Vater zu halten”, sagte ich leise und schüttelte den Kopf. “Bis ich gemerkt habe, wie egal ihm seine Familie wirklich ist.”

Und wenn du Alex schreibst, dass du den Kontakt zu deinen Vater abgebrochen hast?, schlug Maria begeistert vor.

Glaubst du, dass er das lesen würde?

Lesen wird er es bestimmt.

Ich fühlte mich unwohl mit dieser Idee.

Soll ich ihn mal anrufen? Das ist typisch Maria. Sie will nie lange diskutieren, sondern immer sofort handeln.

Bloß nicht, wehrte ich energisch ab.

Du bist ein Feigling, tadelte ich mich selbst im Gedanken.

Ich muss heim, beendete ich das Gespräch.

Maria sah mich verständnislos an, begleitet mich aber dann ohne noch etwas zu sagen hinaus. Ich hatte furchtbare Kopfschmerzen und ertrug die Hitze draußen kaum noch.

Hastig fuhr ich nachhause und legt mich sofort ins Bett.

Als Simon mich weckte, dämmerte es draußen bereits. Mein Schlaf war sehr tief gewesen und als mich an die vergangen Stunden erinnerte, fühlte ich mich von den Ereignissen so durchgeschüttelt, wie die Blätter eines Baumes während eines Herbststurms.

Bist du gerade erst gekommen?, fragte ich Simon.

Nein, ich bin schon länger da, aber du hast so fest geschlafen. Geht es dir nicht gut?

Mir ging es gar nicht gut. Doch daran war weniger meine körperliche Verfassung schuld. Mühsam schälte ich mich aus dem Bettzeug. Meine Kleidung war völlig durchnässt. Scheinbar war die Decke zu warm gewesen.

Du bist ja ganz durchgeschwitzt. Soll ich dir beim Umziehen helfen?

Danke ich kann das selber. Schließlich bin ich schon 28 Jahre alt und groß, bemerkt ich spöttisch, dabei war ich froh, dass Simon sich so um mich sorgte.

Als ich in die Küche kam, schnitt Simon eine Zwiebel in milimeterfeine Würfel.

Ich mach was zu essen. Hast du auch Hunger?

Es war bereits halb zehn abends, aber das war mir egal. Mir war nur wichtig, dass ich nicht mehr mit Simon darüber sprechen musste, was ich heute getan hatte.

Nachts fühlte ich mich noch schlechter als tagsüber. Meine Bettdecke war immer noch zu warm und dennoch hatte ich mich bis zum Gesicht darin eingehüllt. Dieser weiche Gegenstand gab mir etwas von der Geborgenheit, nach der ich mich so sehr sehnte. Neben mir atmete Simon gleichmäßig. Ich streichelte ihm über den Kopf, ohne ihn aufzuwecken. Dann berührte ich sein Gesicht mit den Fingerspitzen, und verlor schließlich langsam den Kampf mit der Müdigkeit.

Zwei Tage später hielt ich es plötzlich nicht mehr zuhause aus und fuhr ins Dali. Dort hatte ich mich früher oft mit Alex getroffen.

Während ich auf das Essen wartete, stellte ich mir vor, wie mein Leben wohl verlaufen wäre, wenn ich eher von Alex erfahren hätte. Seine und meine Mutter waren zur gleichen Zeit von meinen Vater schwanger gewesen. Vater hatte meine Mutter geheiratet und meinen Bruder mit ihr bekommen. Erst elf Jahre später wurde ich geboren. Als ich sechzehn war, hatte mir meine Mutter von Alex erzählt. Bis dahin hatte niemand je von ihm gesprochen. Auf Unterhalt hatte seine Mutter Agnes verzichtet und sein Erbe hatte mein Vater vorzeitig ausgezahlt. Danach war die Sache für ihn erledigt gewesen. Kurz nachdem ich den Namen meines Halbbruders erfahren hatte, hatte ich mir seine Telefonnummer über das Internet besorgt und ihn angerufen.

Eine Frau zwängte sich durch die Tische hindurch und an mir vorbei zur Toilette. Sie hatte eine Ausstrahlung, die mich zwang sie anzusehen. Mit ihren kurzen Haaren und der Brille sah sie aus wie eine Lehrerin. Auch der weite Rock und das schlichte Top wirkten nicht besonders aufregend. Aber sie lächelte mich an, als wollte sie sich für die Störung, die sie verursachte, entschuldigen.

Sie ist nett, dachte ich und lächelte zurück. Meine Pizza wurde gebracht und ich achtete nicht weiter auf die Frau.

Erst als Alex eine halbe Stunde später mit ihr in meine Richtung ging, wachte ich auf.

Oh mein Gott, das ist seine Frau, wurde mir schlagartig klar.

Die beiden kamen immer näher. Sie mussten an meinem Tisch vorbei, um zum Ausgang zu gelangen. Es war bereits zu spät zum Flüchten. Sie hätten mich gesehen und es wäre zu offensichtlich gewesen.

Wovor hast du Angst?, tadelte ich mich wieder.

Mein Bruder sah mir einen kurzen Moment in die Augen und ging dann weiter, als würde er mich nicht kennen. Eine Sekunde später wurde mir bewusst, dass er mich wirklich nicht erkannt hatte. Schuld daran war meine Brille, die ich erst seit einem Jahr trug. Bevor ich regieren konnte, war er verschwunden, und ich hatte meine Chance verpasst.

Dieses Treffen hatte mich noch trauriger gemacht, als ich es vorher gewesen war. Nun, da ich ihn wieder gesehen hatte, war mir erst klar geworden, wie sehr ich ihn vermisste.

Im Auto kramte ich mein Handy aus der Handtasche und verfasste eine SMS:

Hallo Alex. Wir haben uns heute im Dali gesehen. Erinnerst du dich? Bitte melde dich bei mir. Ich vermiss dich. Zu Papa habe ich seit zwei Jahren keinen Kontakt mehr. Bitte melde dich. Ich würde mich unheimlich freuen.

Zuhause fing ich an zu kochen. Ich wollte Simon überraschen. Das Handy legte ich neben mir auf den Tisch, aber es piepste nicht. Mehrmals kontrollierte ich das Display, ob ich auch wirklich keine Nachricht erhalten hatte, aber es war sinnlos. Ich hörte Simon kommen und deckte rasch den Tisch. Hunger hatte ich keinen, doch Simon aß mehrere Portionen.

An diesen Abend war ich so müde, dass ich gleich nach den Essen ins Bett ging und erst wieder aufwachte, als Simon schon zur Arbeit gegangen war. Am Nachttisch lag mein Handy und ich schnappte es mir umständlich, um nach der Uhrzeit zu sehen.

Eine Nachricht empfangen, stand im Display.

Die SMS war von Alex. Ich las sie mehrmals. In meinem Magen kribbelte es so sehr, dass mir übel würde, doch die Nachricht nahm bald die Last von meinem Körper.

Hinterher kuschelte ich mich noch mal in mein Bett und genoss die Sonne, die mich durch das Fenster streichelte. Ich freute mich auf den Neuanfang mit Alex, und auf unser Treffen am Sonntag im Dali.

 

Diese Geschichte schrieb ich fur einen besonderen Menschen, der heute Geburtstag hat und den ich sehr vermisse. Nicole Fröhlich, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.03.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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Mittagsläuten von Maike Opaska



Weil ich das Verschwenderische des Lebens begriffen habe, die Extreme erkannte und über den Weg von einem zum anderen nachzudenken anfing, weil ich verstand wie elend es ist, wußte ich auch, wie schön es ist und weil ich erkannte, wie ernst es auch ist wußte ich auch wie fröhlich es ist.

Und weil ich begriff wie lang und wie kurz der Weg zwischen beiden ist, nahm ich ihn auch wahr und so ist mir heute jeder Schritt es wert eingehalten zu werden, weil hinter jedem Ereignis sich ein anderes verbirgt und sichtbar wird.

Und deshalb schrieb ich diesen Gedichtband.

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