Güngör Bayrak

Lautlos - fast leise!

 

Lautlos – fast leise!

 

(Ich möchte meine Liebe beweisen,

„Lautlos – fast leise!“,

was soll das denn heißen…)

 

Bewegungslos verschwunden sind all die Tage der gleichgültig entspannenden Momente. Hell ersehene Lichter blinzeln noch die Erinnerungen aus frühster Zeit herbei, so als würde sie mich mit ihren kleinen Augenliedern erneut so anblinzeln, wie am ersten Tage. Wie das Wasser im Fluss still und einsam dahinfließt und die Tauben mit sich zieht. Die Zeit fließt auch dahin, zieht meine Erinnerungen mit sich, nimmt meine Gedanken an sich. All belastende Gedanken dieser Tage fest in ihre Arme geworfen, so wie sie sich jedes Mal in meine schwachen Arme warf. Jedes Mal mit einem kleinen Schrei der Erleichterung. Tagtäglich die ersehnte Freude im Arm der einzigen Geliebten auf Erden. Nur so will ich die Welt wieder lieben lernen, wie sich das gehört in den weichen Armen jener Tage. Hilfloses Staunen über die vergangenen Stunden auf halber Strecke zusammengefasst – lautlos, ja fast leise!

-*-

Welche Liebesgeschichte will sich jetzt mir anvertrauen; ihre vertrauensvollen, weinenden Blicke in mich hinein graben; mich begleiten bis in die letzten Sekunden meiner Atemzüge. Ein letzter leiser, fast lautloser Schrei der Seele aus deinem Munde spüre. Deine Zunge leidenschaftlich und unbekümmert an meine führe. Klangvoll begeisternd die Bewegungen deiner Zunge in meinem Munde. Der Tod solle mich holen; du und ich, nur im Verbunde.

Mit halb geöffneten Lippen betrachte ich die weiße Zimmerdecke. Alles möchte ich in mich hineinführen, solange sich meine Welt dreht in deinen Zungenbewegungen. Lasse alles in mich hinein. Lasse mich in dich hinein, so tief ich nur kann. Nur in deiner Tiefe kann ich mich vergessen, nur in dir wie besessen. Die letze Straße, so traurig wie die Welt, soll sich allem verschließen, was nach dir verlangt. Vor der Entlassung aus deinem Herzen will ich noch die Welt umarmen. Nur dein schönstes Gelächter in mein Herz hineinpacken bevor ich lautlos entgleiten werde in die Verlassenheit. Hilflos und ungeschützt, gegenüber den vertrockneten Tränen der einsamsten Nächte. Nur meine Auslieferung aus dieser Welt kann mich erneut der Liebe vertraut machen. Belanglose Brutalität der Verzweiflung. Nur das einsame und stille Leben von jeher zieht mich unverhofft fast mystisch an.  Erneut so leben zu lernen, dass man sich von der Welt lossagt; dies die letzte vibrierende Wahrheit meines Herzens. Der riesige Schatten einer dunklen Wahrheit. Nur die letzte Zurückgezogenheit in mir hat ein eigenes Gepräge erhalten. Die tief unersättliche Leidenschaft, die das Leben verschlingt und mich in eine andere Sphäre treibt. Meine allerletzte Waffe richtet sich langsam gegen mich, und vergiftet all Jugend, wenn nicht sogar dich.

-*-

Wenn Gewohnheiten zur Last wird und die einzelnen Teile der verletzten Seele sprengt, sobald jemand danach ruft, wenn Erinnerungen wach werden und ich mich wieder wie gefesselt und blind nur um eine Sache auf dieser verdammten Welt beschäftige; mein ganzes Wesen für diese Sache hinhalte. Gewohnheiten kann die Auffassungsgabe erlahmen, kann einen Menschen betäuben. Sich an etwas gewöhnen, das heißt nichts weiter, als sich die Sinne für Neues schließen. Nur die routinemäßige Gewohnheit an die Verhältnisse in dieser Welt, in unserer Welt, hält uns am Leben. Denn anders wäre die Wirklichkeit vom Traum nicht zu unterscheiden. Der einzige Unterschied ist die Gewohnheit an ein geordnetes oder ungeordnetes Leben. Das einzige was uns am Leben hält und uns vor der illusionären Drogenwelt abhält, das ist die Gewohnheit an das ewige Sein eines Mitmenschen.

 

Wenn ich eine Person schätze und sie auch wertschätze, dann gewöhne ich mich an diese Person; so wie sie ist und nicht anders; weil ich die Person nicht nur dafür liebe, wie sie ist, sondern auch mich dafür, wie ich bin, wenn ich mit ihr bin. Dieser Effekt nennt sich Michelangelo Effekt, der es wusste, aus einem ungemahlenen Stück Stein ein Kunstwerk rauszuhauen, eine Skulptur aus einem viereckigen Steinklotz. Denn das Stück Stein war immer da, nur es musste in Form gebracht werden, zur Erfahrung gebracht werden. So schätze ich auch die liebenswerte Person ein, die in erster Linie ein Mensch wie jeder andere erscheint, aber durch meine Vorstellungswelt in Form gebracht, für mich zu etwas ganz besonderem wird, zu einer liebenswerten Person. Doch selbst die schönste Skulptur kann beschädigt werden, kann den Glanz ihrer Erscheinung verlieren, sobald es, aus welchen Gründen auch immer, zu Boden fällt und in tausend Stücke verfällt, so wie die Liebe auch in Staub verfallen kann. Aus diesem Staub sich befreien, sich den Weg eigens gestalten, das ist fortan die größte Herausforderung. Aus diesem Gedankendilemma hinausfinden, wo der ganze verfallene Staub die Sicht vernebelt und der Mensch den Verstand ausschaltet, um den Weg gefühlsmäßig wieder zurückzufinden. Der Mensch überlässt sich und sein Schicksal in diesen gestörten Beziehungsmomenten, wo die Liebe in große Staubteile verfällt, der Mensch verlässt sich in diesen Momenten seinem Gefühl; er verlässt sich seinem Gefühl, irgendwie da rauszukommen. Und doch wird er keinen Ausweg finden, sich immer tiefer verlieren in den Staubwolken, die ihm die hell sehenden Augen vernebeln werden. Alles verschwindet aus der Sicht, alleingelassen wird man mit den Gefühlen und dem Ich. Nun möge jemand da rauskommen, aus diesem Dilemma. Wer den Ausweg aus seinen Gefühlen findet, der mag wohl Glück haben, wer es nicht findet, muss sich seiner Vernunft bedienen.

Wenn eine riesige Staubwolke den Menschen umgibt, sodass er keinen Ausweg mehr zu finden in der Lage ist; wenn alles geräuschlos in die Dunkelheit verfällt und die Hoffnung ohne weiteres ausgeschaltet wird; wenn sich nur noch die Gedanken bewegen können, dann möge man dieses göttliche Angebot der Erinnerung in diesen schwierigen Situationen annehmen, es zu Herzen nehmen und den Gebrauch davon nicht vernachlässigen.

-*-

Der einzige Ausweg; das ist die stillschweigende Ruhe in der Einsamkeit der Erinnerungen. Nur die treusten Bilder eines Menschen werden ihm das Gefühl geben, sicher zu sein, rein zu sein, glücklich und mutig zu sein. Denn die Augen sind blind, so muss das innere Auge hell aufleuchten, das Gewissen und der ganze Stolz sich an einem, meinem inneren Punkt versammeln und die hoffnungslose Situation meistern, mit Gedanken an die eigene Vergangenheit und an die Erlebnisse die einem die höchsten Gefühle bescherten, die das einstige Kind und den jetzt in den Staubwolken verirrten Mensch hervorbrachten. Der Ausweg ist der Eintritt in das gefühlte Innenleben. Halluzinatorische Kräfte einer in mir herrschenden Urkraft; die Urgefühle eines jeden Menschen. Die „one-man-show“ eines Unbekannten kann beginnen…

-*-

 

Ein Mann, ein Leben, ein Gefühl… Ehre. Eine Straße zu betreten, die so traurig ist, wie die Welt. Ein einsamer Durchlauf durch die engen, gehirnbeschädigenden Gassen der Propaganda. Selbst nach der Verhaftung durch die Liebe, wenn der Raum im Gefängnisse der Gefühle zu eng wird, wenn die Entlassung droht, und die Wahrheit einem sagt „Sie können gehen“ – und die Antwort auf diese unverhoffte Entlassung aus der Gewohnheit der Gefühle nur lauten wird und worüber man sich wahrlich nicht zu schämen braucht - „Wohin?“…

Nur so klingt die Traurigkeit einer heiseren und von langer Stummheit gelähmten Stimme. Die einzige Rettung vor diesem Gefühlswirrwarr ist die Flucht. Die Flucht ohne Ausweg. Denn nur als unauffälliger Gast in dieser klein begrenzten Gegenwart voller Staub und Taubheit werden wir uns von dieser Welt trennen. Wer kann diese Trennung als Fluchtweg ohne Ausweg sehen, wer kann damit abschließen, mit dieser unserer Vergangenheit - das habe ich wahrlich immer am wenigsten gekonnt. Nur wenn ich die schönen Bilder betrachte, die gemalten und fotografierten Bilder in meinem Kopfe, einst wo sich mein Bewusstsein noch frei bewegen konnte ohne bewussten Zweck - genau dieses neu geklärte Bild von meinem weiteren Leben soll sich mir öffnen, worin kein Platz ist für… sie.

Aber auch kein Platz für schlechte Erfindungen meiner verwirrten Phantasien. Die Wirklichkeit ist meine Phantasie; die Gegenwart ihr Ebenbild. Als einzige Verbindung zur Gegenwart sehe ich meine Begeisterung.  Die Begeisterung zum Schreiben… Meine größte Hoffnung ist meine Begeisterung zum Schreiben.

Was ist das Stärkste, was der Mensch erfahren kann, worin er vielleicht die allmächtige Macht erahnen kann. Was treibt den Menschen zum handeln, was so wichtig ist wie atmen. Lautlos, fast leise schaue ich rein.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.03.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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