Jürgen Berndt-Lüders

Der Begriff des Begreifens

Gestern habe ich geschrieben, wie ich mir vorgestern Unterwäsche gekauft habe. Feinripp mit Eingriff, und wie ich meinen frisch erstandenen Terrakotta-Hasen links liegen ließ, nur weil die Verkäuferin, die mir so leckere Dinge in Aussicht gestellt hat, von einem anderen Mann geküsst wurde.

 

Ich bekam ich so viele aufmunternde Ermutigungen von euch, dass ich mich entschloss, es doch noch einmal bei ihr zu versuchen. Ich bin ja kein Hasenfuß, und einen Grund hatte ich allemal, denn es ging ja – zumindest vordergründig – um mein Eigentum, meinen Hasen.

 

Was soll ich sagen? Als ich zum Stand mit dem Unterwäsche – Sonderangebot kam, war der aufgelöst und die Verkäuferin war weg. Mein Hase stand auch nicht mehr dort, und so beschloss ich, nach der Verkäuferin zu suchen. Vielleicht hatte die den Hasen aus Keramik ja in Sicherheit gebracht, bevor er geklaut wurde.

 

An der Kosmetik-Abteilung sah ich sie wieder. Sie verkaufte Nagellack und Nagellack-Entferner, und anderes chemische Zeug.

 

Sie war noch genau so hübsch wie gestern, und ich grüßte freundlich und tat so, als sei es gar nicht selbstverständlich, dass sie sich an mich erinnerte.  Frauen mögen nämlich keine Männer, die sich für unwiderstehlich halten.

 

„Tschulligung“, murmelte ich. „Ich war gestern Ihr Kunde, und ich habe meinen Hasen aus der Deko-Abteilung bei Ihnen stehen lassen.“

 

Sie sah mich genau so erstaunt wie gestern an. „An Sie kann ich mich gut erinnern, aber an Ihren Hasen nicht. Den hat sicher ein anderer Kunde mitgenommen. Es ist ja nicht so, wie es heutzutage ist, wenn man einen einsamen Koffer auf dem Flughafen stehen lässt. Wegen eines Hasens löst keiner Alarm aus.“

 

Sie kannte mich also noch. „Und weshalb verkaufen Sie keine Herren-Unterwäsche mehr?“

 

„Die ist alle. Ich bin sowieso aus der Kosmetik-Abteilung, und weil ich einen so guten Umsatz mit der Herren-Unterwäsche hatte, meinte der Chef, ich sollte doch diese altmodische Nagellackfarbe verscherbeln.“

 

„...und damit Sie kein schlechtes Gewissen haben, verkaufen Sie gleich den Entferner dazu“, vermutete ich.

 

„Ja, aber die Unterwäsche war für Männer. Das war einfach, denn Männer lassen sich alles andrehen, aber Nagellack ist für Frauen, und die kennen sich aus.“

 

Ehe ich mehr oder weniger geschickt auf mein eigentliches Anliegen überleiten konnte, schob mich eine Kundin beiseite, die schon länger auf eine Beratung gewartet zu haben schien.

 

„Den Farbton finde ich geil“, sagte die Kundin mit tiefer Stimme. „Bitte eine Klinikpackung davon. Hundert Stück mindestens.“

 

Ich war also abserviert. Vorläufig jedenfalls, und aus Trauer um meinen Hasen, den ich eigentlich hatte verschenken wollen, beschloss ich, einen anderen zu kaufen.

 

Die Terrakotta-Hasen waren alle, und so kaufte ich den letzten, den sie so kurz vor Ostern hatten. Weiß wie ein Schneehase, und weich wie in Perwoll gewaschene Wolle.

 

 

 

 

 

Die Kasse wickelte den Hasen in Geschenkpapier ein. Mit Schleifchen darum. Er sah aus wie eine ägyptische Hasenmumie, nur in bunt.

 

Als ich zu meiner Verkäuferin zurück kam, starrte sie mir schon entgegen. Sie schien mich vermisst zu haben.

 

„Na, da haben Sie ja doch noch Ihnen altmodischen Nagellack an eine Frau verkauft“, begann ich mein Gespräch.

 

„Nö“, sagte sie und schüttelte heftig den Kopf. „Der Kunde war ein unsäglicher Glücksfall für mich. Brauchte Nagellack und war trotzdem dumm genug.“

 

„Die Kundin“, verbesserte ich.

 

„Nein, ein Transvestit ist für mich so lange ein Mann, jedenfalls körperlich, wie er dieses gewisse...“

 

Weil sie rot wurde, vollendete ich ihren Satz. „Solange er noch keine OP hatte. Aber woher wissen Sie, dass er noch komplett war?“

 

„Weil er mich nach der Unterwäsche von gestern gefragt hat. Wozu braucht ein Trandsvestit einen Eingriff, der schon seinen Eingriff hatte? Aber was haben Sie denn jetzt gekauft?“

 

„Einen Schneehasen“, sagte ich traurig. „Wo wir uns doch alle freuen, dass der Schnee inzwischen Schnee von gestern ist.“

 

Sie griff meinen Hasen und packte ihn aus. „Keine Angst, ich packe ihn wieder ein.“

 

Was jetzt passierte, konnte ich kaum fassen. Sie lackierte ihm die Zehennägel, die Hasenzähne und sogar das Schwänzchen rot.

 

 

 

 

„Ähm, machen Sie das mit dem Mann auch so, den Sie gestern geküsst haben?“

 

Sie lachte. „Nein, mein Schwager würde sich sicherlich wehren, und meine Schwester hätte auch was dagegen, wenn ich ihm das Schw...“

 

Sie stockte. Sie war innerlich mal wieder mutiger gewesen, als es ihre Erziehung zuließ. Also ergänzte ich sie wieder.

 

„...gegen Nagellack auf gewissen Körperteilen hätte ich auch was. Aber wie wär’s denn mit einer gemeinsamen Freizeitgestaltung? Jetzt kommt doch Ostern, und ich weiß ja, wann Sie Feierabend haben. Ich könnte Sie ja abholen, und dann...“

 

„Gut“, sagte sie rasch, weil sie die nächste Kundin ansprach, die aber gewiss kein Transvestit war, denn sie war klein, weißhaarig und großmütterlich angezogen. „Bis heute Abend dann.“

 

„Wissen Sie, mit dem Zeug stoppe ich meine Laufmaschen“, sagte die Omi, was ich noch mit bekam. „Da ist diese unmoderne Farbe gerade richtig.“

 

Hurra. Sie hatte also begriffen, dass ich sie begreifen wollte. Aber in sowas sind alle Frauen geübt.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.04.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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