Lieselore Warmeling

Schokolade und Liebe

Ich werde mich nie, nie, nie verlieben.

Die Weiber in meiner Familie haben mir das endgültig verdorben. .

Lilli meine neunzehnjährige Schwester ist eben dabei, sich wegen Oskar, einem der vielen Idioten die sie in Serie an Land zieht, die Augen aus dem hübschen Kopf zu heulen.
Und meine Mutter rechnet mit dem Heiratsantrag von Hughie, der nie kommen wird,
denn sie hat vergessen, dass es für den alten Schlawiner gar keinen Grund mehr gibt,
sie zu heiraten, immerhin hat er sich doch längst in unserem Haus breit gemacht und genießt
alle Vorrechte eines  Hauspaschas.

Ich frage mich seit langem, wieso zwei so hinreißende Blondinen wie Lilli und Mama
derart bescheuert reagieren, sobald ein Mann in ihrem Blickfeld auftaucht.
Die jeweiligen Tränenergüsse hätten zuweilen eine Talsperre füllen können.

Lilli hofft gerade darauf, eine renommierte Schule in der Schweiz besuchen zu können.
Aber beim Anblick ihres Bewerbungsfotos würde sich wahrscheinlich jeder fragen,
ob sie etwa  bis zu Schulaufnahme Thekendienst bei Mc Donalds gemacht hat.
Ihre gepiercten Nasenflügel sehen aus, als würde demnächst ein Nasenring hindurch gezogen.

Meiner schwesterlichen Ansicht nach gehört sie zu der nervigen Sorte, bei der man
nach einem Dreiminutengespräch den Eindruck hat, dass sie imstande ist, den geistigen
Standard einer Klippschule in Verruf zu bringen.

Na ja, hochfliegende Pläne habe ich auch, aber die bewegen sich in vollkommen anderen Bahnen.
Ich bin zwar erst siebzehn, weiß aber, dass mein Ziel ganz gewiss keine reiche Heirat ist,
ich brauche keine Benimm-Ausbildung in der Schweiz, sondern einen Ausbildungsplatz in Brüssel .

Streng genommen ist es aber auch bei mir ein Mann, auf dessen Wohlwollen ich meine
Zukunft aufbauen will, ich brauche nur einen Einstieg, eine Gelegenheit, seine  Aufmerksamkeit zu erringen.
Pierre Caballini heißt mein Held, dreissig Jahre alt und seines Zeichens der beste
Chocolatier Europas, der von Brüssel aus sein Imperium steuert.
Seine Pralinen sind in New York, London und Paris der Renner, aber leider gibt es
in Deutschland weder eine Niederlassung, noch sind hier seine Kreationen erhältlich.

Mein ganzes Sinnen und Trachten rankte sich also um die Frage, wie erreicht man
einen solchen Mann und wie die Aufnahme in diesem Königreich aller Chocolatiers.

Lilli meint allerdings, ich solle vielleicht doch daran denken, mir ein paar Silikoneinlagen
für meine Hühnerbrüstchen einsetzen zu lassen. Dergleichen, ansprechend drapiert,
habe noch nie seine Wirkung bei einem Vorstellungsgespräch verfehlt.
Meinen Einwand, in die natürliche Entwicklung von Knospen einzugreifen sei nicht ratsam,
kommentierte sie mit der spöttischen Betrachtung, das könne nur bedingt stimmen,
gute Gärtner fügten ihrem Gießwasser durchaus den passenden Dünger zu.
Zuweilen konnte sie echt scharfsinnig sein, die hohle Nuss.

Inzwischen habe ich längst herausgefunden, dass bei Caballini niemand unter Achtzehn
aufgenommen wird und  - man glaubt es kaum – der Kerl ein echter Macho sein muss,
denn er stellt überwiegend männliche Bewerber ein und die müssen obendrein noch in
einem Aufnahmetest nachweisen, dass sie die Theorie der Pralinenherstellung nicht nur
begriffen haben, sondern auch die Materialkunde drauf haben.

Es galt also, eine harte Nuss zu knacken, aber da hielt ich es mit Tschechows Spruch:

„Fürchte den Bock von vorne, das Pferd von hinten
und das Weib von allen Seiten. „

Ich werde die Bastion schon in zwei Monaten, nach meinem achtzehnten Geburtstag, stürmen.
Koste es was es wolle.

**********

Und jetzt ist es soweit.
Ich habe mir eine Mitfahrgelegenheit nach Brüssel ergattert.
Im blauen Jeansanzug und weißer Bluse, das lange Haar zu einem dicken Zopf geflochten,
fühle ich mich durchaus en vogue.
Der kleine, schicke Rucksack vollendet das Bild einer sportlichen, jungen Frau auf Jobsuche.

Falls mein Fahrer –ein  reisender Dessouhändler  mittleren Alters -  damit gerechnet hat,
dass ich ihn auf der dreistündigen Fahrt unterhalten werde, trifft diese Erwartung zwar zu,
aber weiß Gott anders, als er sich das vorgestellt hat.
Ich missbrauche ihn  gnadenlos.

Die gesammelten Recherchen über die Pralinenherstellung auf den Knien ,
wehre ich sofort alle seine Bemühungen ab mit mir zu flirten, erkläre ihm kurzerhand,
er solle sich lieber nützlich machen und erprobe an ihm die Wirkung eines hochprofunden
Vortrages über das Haus Caballini und seine Bedeutung im Chocolatier-Geschäft.

Caballini ist nämlich nichts Geringeres als Weltmeister der Pralinen-Hersteller.
Wer, vor allem vor Feiertagen, eine Selektion von Caballinis Köstlichkeiten erstehen möchte,
sollte neben einem gut gefüllte Geldbeutel Geduld mitbringen, denn in und vor dem
"C" Laden am Brüsseler Place Sablon - unweit der gotischen Notre Dame des Victoires -
ist immer ein ziemliches Gedränge.
Dass Schokolade seit den Azteken der raffinierteste Seelentröster ist, verwunderte
meinen Reisegenossen dann zwar doch, aber ich ließ ihn gar nicht erst dazu kommen,
meine historischen Kenntnisse anzuzweifeln.
Er sah dann äußerst animiert aus, als ich ihm erzählte, dass auch die Männer der Maya Schokolade als Aphordisiakum , wenn auch ungesüßt und scharf,  konsumiert haben.
Die Vorstellung, dass bereits Montezuma Schokolade als Stärkungsmittel in Form
von gerösteten Kakaobohnen nutzte, entlockte ihm zwar ein Stirnrunzeln, aber er grinste von einem Ohr bis zum anderen, als ich darauf hinwies, dass sogar Casanova seinerzeit gestanden hat, seine zahlreichen Stelldichein nur nach einer ordentlichen Stärkung durch etliche Tafeln Schokolade durchstehen zu können.

Als wir in Brüssel ankamen, wäre mein Begleiter wahrscheinlich imstande gewesen,
einige Rezepte guatemaltekischen Liebeszaubertrankes, bestehend aus  Bitterschokolade,
Salz, Vanilleschoten, Honig, Milch, Rohrzucker, Rum und Cayennepfeffer höchst
eigenhändig herzustellen.
Er sah aus, als erwäge er allen Ernstes, künftig zur Stärkung seiner Manneskraft Viagra eine Absage zu erteilen und auf alle diese natürlichen Ingredienzen zurück zu greifen.

Ehrfürchtig betrat ich das Haus Caballini und stieß sofort auf den Patron, womit ich nun
gar nicht gerechnet hatte.
Aber da war er, groß, schlank, respektauslösend..und...verdammt gutaussehend.
Augen wie gefrorenes Eis, gletscherblau und aufmerksam.

Um ihn herum eine ganze Gruppe junger Männer, die wohl alle zu den Bewerbungsgesprächen
gekommen waren.
Kein einziges weibliches Wesen war darunter und ich fühlte mich, nachdem er mich mit
einem erstaunten Blick gemustert hatte, wie ein Huhn kurz vorm Köpfen.

Wir wurden alle in einen großen Raum dirigiert und die Prüfung begann.

In den ersten Minuten schon sah ich  meine Chancen schwinden, denn die meisten Mitbewerber
kamen aus dem Conditorenfach, schwadronierten in schnellem Französisch oder Flämisch,
sodass ich nicht die Hälfte verstand und wirkten so kompetent, dass ich auf meinem
Sitz immer kleiner wurde.

Ich hätte mir dringend etwas von Harry Potters Glückselixier gewünscht und schickte
ein Stoßgebet nach dem anderen an meinen Schutzengel, der würde jetzt aber
Überstunden machen müssen, das zeichnete sich schon ab.

Und dann wars soweit, ich war dran und baute mich an dem kleinen Rednerpult auf,
das mitten im Raum stand.
Eisiges Schweigen auf den Sitzen rundum, alle waren geblieben um zuzuhören,
wie die Konkurrenz abschneiden würde, denn wie in jedem Jahr, würde Caballini
nur einen der Bewerber aufnehmen und zwar den Besten.
Ich war mir der eher mitleidigen Blicke meiner Konkurrenten nur allzu bewusst,
hatte ich denn nicht schon verloren, nur weil ich eine Frau war?

Und dann geschah es.

„ Mademoiselle, bitte erzählen Sie mir alles was Sie wissen, über den Rohstoff Kakao, angefangen bei den Anbaugebieten, bis zur Herstellung von Schokolade nebst den Zusatzstoffen bei der Pralinenherstellung.“

Mein Herz machte einen kleinen Hüpfer denn das war mein Spezialgebiet.
Ich hatte meinen Fahrer drei Stunden lang mit all dem zugedröhnt was ich über Kakao und
Pralinen wusste und jetzt durfte ich hier genau mit diesem Wissensgebiet, das ich aus
dem Ärmel schütteln konnte, brillieren.

Und das tat ich dann.
Es wurde ein Alleingang der Superlative.
Ich war in meinem Element, ergriff den Stift, der unter der aufgestellten Flipchard lag
und bot meinen Zuhörern einen kompletten Durchgang über Anbau, Ernte und Verarbeitung
der Kakaobohne seit der Mayazeit.
Ein Schlenker zu den Azteken und ehe die Anwesenden sich fragen konnten, ob ich
mir etwa einfallen ließe bis zu Adam und Eva zurück zu spulen, war ich schon mitten in
der Verarbeitung und industriellen Veredelung.

Ein Blick auf Caballini und ich stockte, der sah aus, als bestätige sich gerade seine
Meinung über schwatzende Weiber und da unterbrach er mich auch schon.

„Bitte Mademoiselle, das ist alles sehr lehrreich, aber ich möchte wissen, was sie
über die handwerkliche Pralinenherstellung wissen und über das Haus Caballini.
Weshalb möchten Sie gerade hier Chocolatier werden?“

Ich stockte einen Moment, aber warum sollte ich nicht alles auf eine Karte setzen.
„ Ich möchte in diesem Haus lernen, weil das die einzige Chance ist, Sie irgendwann
als Weltmeister der Chocolatiers abzulösen“, sagte ich kess.

Tödliche Stille im Raum, dann begann im Hintergrund jemand nervös zu kichern.
Caballinis Gesicht war ausdruckslos.

„ Und Sie denken, der alte Trottel ist dumm genug, Sie in die Geheímrezepte des Hauses einzuweihen“?

Was war denn das?
Irrte ich mich, oder hatte in seiner Stimme unterdrückte Heiterkeit gelegen?

„Kann es sein meine Liebe, dass ihre Zukunftsplanung  auf einer Fehleinschätzung
Ihrer Fähigkeiten aufbaut?“
Jetzt war er wieder völlig ernst und sah mich mit einem so durchdringenden Blick an,
als sei ich eine Kakerlake die gerade versuchte, sein Imperium zu unterwandern.

Wie zur Hölle sollte ich jetzt glaubhaft machen, dass ich alles andere als selbstsicher war,
bereits zu schwitzen begann aus Sorge, alles vergeigt zu haben und mir schon ausmalte,
wie ich gleich unter den höhnischen Blicken meiner Mitbewerber die Stätte meines
fehlgeschlagenen Großangriffes verlassen würde.

Jetzt war schon alles egal.
Ich blies die Haare aus meiner Stirn, die sich kräuselnd aus dem Zopf gelöst hatten
und stürzte mich in wagemutig ins Endgefecht.

Wenn es mir jetzt nicht gelang, den Eindruck einer größenwahnsinnigen Überfliegerin vergessen zu machen, hatte ich verloren.
Die Finger hinter meinem Rücken gekreuzt, deklamierte ich laut aus einem
Lied von Reinhard Mey:

Es kostet mich ein Lächeln zuzugeben,
dass mein Intimpiercing rostet
Auch geb' ich meine Unzulänglichkeiten zu vor allen:
Ja, seht mich an, mir ist mein Soufflé
 zusammengefallen

Ich sprech auch aus
was keiner sich zu sagen traut:
Ich steh' gar nicht auf Schoko,
 ich hab' nämlich Orangenhaut
Und Grass kann ich nicht lesen!
Ja, das ist alles in mir drin.

Das wars.
Ich hielt den Atem an, würde Caballini den Text erkennen und vor allem,
würde er merken, dass ich ihn gerade für meine Zwecke leicht umgemodelt hatte?

Ich traute meinen Ohren nicht.
Er lachte, Caballini lachte lauthals und das Gelächter war für seine Umgebung
offenbar  so ungewohnt , das sich die Angestellten aus den Verkaufsräumen die
Nasen an der Trennscheibe zum Prüfungsraum platt drückten.

Er erhob sich aus seinem Sessel, schritt zum Ausgang und wandte sich an der Tür
noch einmal kurz um.
Die Lachfältchen um seine Augen tanzten verwegen und er sah für einen Moment
aus wie der junge Robert Redford.

„In diesem Jahr bieten wir zwei jungen Leuten einen Ausbildungsplatz“, sagte er gelassen.
„ Die offizielle Entscheidung bekommen diese beiden schriftlich an ihre Adressen.

Guten Tag meine Herren,“ und zu mir gewandt;
„ Sie Mademoiselle sollten die Zeit bis zum 1. April dazu nutzen, sich über die
Gepflogenheiten des Hauses Caballini genauestens zu informieren, es sei denn,
Sie wollen bei jedem noch möglichen  Faux Pas Reinhard Mey falsch zitieren.“

WOW...meine Beine zitterten, war es möglich, ich würde Nummer zwei sein...wirklich?
Ich tastete nach einem Stuhl.

„Weiber,“ murmelte Caballini und schloß sanft die Tür hinter sich.

Ich saß auf meinem Sitz,  erschöpft und unendlich glücklich.
Ich würde Chocolatier werden und...ich hatte mich soeben innerhalb einer Sekunde
kopfüber und rettungslos verliebt.


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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.04.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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