Corinna Klose

Santiago der Vampir

Folgt mir nur! Ja, es ist etwas unheimlich und aufgeräumt habe ich auch nicht, aber wenn man so lange keine Gäste hatte wie ich, dann wird man nachlässig... 

Wo bleibt ihr denn? Ah, natürlich, ihr kennt mich nicht und seltsam genug muss ich euch auch erscheinen. Man nennt mich Santiago, schon seit mehr als zweihundert Jahren, so lange wie ich keinen Nachnamen mehr trage. Ich brauche keinen und wenn doch, suche ich mir einen neuen aus, Smith, Meyer, de Compostella... was immer mir gerade gefällt oder am unauffälligsten ist, aber ich schweife ab. Euch wird aufgefallen sein, dass mein Anzug aus schwarzem Samt etwas unzeitgemäß ist, ebenso meine langen schwarzen Haare, aber mich davon zu trennen, bringe ich nicht über mich und zwar aus gutem Grund. Es ist eine, die einzige, fassbare Erinnerung an mein Leben vor...meinem Tod und meiner Wiedergeburt zu einem Wesen der Nacht. Ich bin ein Vampir. Nicht so wie Lestat und Marius oder Angel, aber ihnen auch nicht ganz unähnlich. Der größte Unterschied ist wohl, dass ich echt bin, ein unsterbliches Monster, das sich von Blut ernährt, sogar von Ihrem, mein geneigter Leser, wenn ich es brauche, aber das ist unwahrscheinlich. Nach den ersten hundert Jahren ist man nicht mehr darauf angewiesen, jede Nacht zu jagen und Ihr Gehör bedeutet mir in dieser frostigen Nacht im Herzen Londons mehr als Ihr warmes Blut, obwohl ich es beinahe schmecken kann. Also folgt mir wenn ihr nicht zu ängstlich seit und hört, was euch ein Wesen wie ich zu sagen hat. Immer mir nach, in meine kleine auserwählte Wohngruft. Macht es euch bequem und hört einfach zu, ich will meine Geschichte erzählen. Was geschah, bevor ich ein Vampir wurde und wie es dazu kam. Mitte des 18.Jahrhunderts wurde ich in Schottland geboren, mein Vater fiel schon vor meiner Geburt in der Schlacht von Culloden, meine Mutter starb bei meiner Geburt, so war ich seit meinem ersten Atemzug ein Waise. Die Hebamme war wohl gerade auf dem Weg zum Waisenhaus, als mein Erschaffer ihr über den Weg lief. Nicht hungrig, nein, sein Verlangen galt dem schreienden Bündel das sie trug - mir. Warum auch immer, er wollte mich, und sie, in dem Glauben er sei ein edler Herr, überließ mich ihm nur zu gerne.
So wuchs ich bei ihm auf. Bei Callum, dem Vampir. In seiner Gruft aß und trank, spielte und lernte ich. Er gab mir meinen Namen und meinte, man sollte ihm meine Herkunft nicht anhören können. Kaum jemand würde mich heute noch als Schotten bezeichnen. Ich fand es normal, am Tag zu schlafen und des Nachts mit meinem kalten Vater, den ich liebte wie kaum ein echter Sohn seinen Vater liebt, durch die Stadt zu streifen und ihm beim Jagen zu helfen. Es machte mir nichts aus, dass wir Menschen töteten, Callum brauchte ihr Blut zum leben und nur das war wichtig für mich. Manchmal ging er auch alleine auf die Jagd und ließ mich mit einem Berg von alten Schriften zurück, die ich lesen und übersetzen musste und wenn er wiederkam befragte er mich dazu und konnte sich stundenlang darüber auslassen, ob etwas das Galilei gesagt hatte, stimmte oder nicht. Ich war schon acht Jahre alt als ich mich zum ersten mal fragte, warum wir nie am Tag wach waren oder warum wir nicht in einem Haus wohnten, so wie unsere Opfer. Callum setzte sich auf einen der zwei Stühle die wir besaßen und zog mich zwischen seine Knie, sah mich ernst an und strich wieder und wieder zärtlich über meine Haare.
“ Ich kann nicht in die Sonne, Santiago. Ich bin kein Mensch wie du, aber wenn du magst, kaufe ich ein Haus in dem du dann ein Zimmer hast wie ein normaler Junge. Möchtest du das? “
Wollte ich das? Ich sah in seine Augen, sah seine Angst und wieder dieses Verlangen nach einem lebenden Menschen. Er war mein schöner dunkler Heiliger - perfekt geformt, groß, mit hellen blauen Augen und welligen blonden Haaren, so gut zu mir und so tödlich für jeden anderen. Nein, ich wollte bei ihm bleiben! Er öffnete in einer seltenen Geste seine Arme und ich flog hinein, presste mein Gesicht an seine harte kalte Schulter und sog seinen vertrauten Duft nach Staub und fremden Leben ein. Wir sprachen nie wieder darüber, aber als ich elf wurde kaufte er doch ein Haus. Es war klein, aber sehr schön, in London.
Ich war bezaubert von der großen Stadt und konnte mich gar nicht satt sehen an all den Menschen, die Nachts noch auf den Straßen waren und zwielichtigen Geschäften nachgingen. An Callums Arm hängend durchstreifte ich die Stadt. Wir ließen uns neue Sachen schneidern und von einer Schar eifriger Mädchen herausputzen wie Prinzen der Zeit, in der wir lebten. Ich weiß noch genau, wie vernarrt sie in Callums Haare waren und sie ein Dutzend mal flochten und kämmten. Doch mich mochten sie auch, den kleinen süßen Jungen, der mit seinem Vater durch die Stadt zog und für sein Alter schon zu viel wusste. Doch bald war ich schon zu alt um als sein Sohn zu gelten, denn er alterte ja nicht, und außer, dass wir beide blaue Augen hatten, sahen wir uns auch nicht ähnlich. Langsam aber sicher wurde unsere Beziehung schwierig.
Als ich vierzehn war, verliebte ich mich in ein Mädchen, eine Schönheit mit roten Wangen und Haaren wie gesponnenes Gold, das machte ihn so eifersüchtig, dass er sie sich nahm. Ich war auf dem Weg zu unserem Treffpunkt, als ich ihren Schrei hörte und rannte, um ihr beizustehen, doch als ich auf der Lichtung ankam, sah ich nur noch Callum, wie er sich über ihren leblosen Körper beugte und mit einem seidenen Tuch ihr Blut von seinem Mund wischte. Er hörte mich und richtete sich auf, sah mich abwartend an.
“ Du Monster! Was hast du getan? “, schrie ich ihn an, doch er zuckte mit keiner Wimper. Ich tobte und wütete, machte ihm die schlimmsten Vorwürfe und brach schließlich schluchzend auf dem Waldboden zusammen. Ich hatte einen Menschen verloren, der mich vielleicht geliebt hätte. Doch konnte ich es wagen, den einzigen Vater zu verlieren, den ich je gehabt hatte?
Callum sah mich traurig an und schon taten mir meine harten Worte leid, ich wollte ihm nah sein und trösten, aber er wich vor mir zurück. Mein Herz krampfte sich zusammen, ich konnte das nicht verstehen. Warum wollte er mich nicht? Schluchzend schlang ich meine Arme um ihn.
“ Es tut mir leid, Callum. Es ist in Ordnung. Du hattest Hunger und sie war da, ich verstehe. Ich bin nicht böse, aber steh nicht so da. Sie mich an! Oder bist du mir böse? “
“ Wie könnte ich dir böse sein, mein geliebter Sohn? Nein, mein Sohn bist du nicht mehr, aber mein Geliebter, auch wenn du das nicht hören willst. Es ist nur so, dass du nicht länger bei mir bleiben kannst. Ich ertrage es nicht, dich in der Dunkelheit leben zu sehen. Du gehörst an die Sonne, damit dein Haar glänzt und deine Haut ihre Blässe verliert. “
Er hob seine Hand und legte sie an meine Wange. Ich sah ihn an und fühlte mich abgestoßen und angezogen zugleich. Wir gingen schweigend ein Stück, ließen die Leiche zurück und setzten uns auf einen umgestürzten Baumstamm, um über die Zukunft zu reden. Ich, meiner Meinung nach, hatte keine.
“ Ich kann dich nicht verlassen. Ich kann doch nichts, außer dir beim Jagen zu helfen.”
Callum lächelte leicht und stützte sein Kinn in seine Hand um mich anzusehen.
“ Du hast sehr viel gelernt, Santiago. Du sprichst Englisch, Französisch, Latein, Griechisch und Hebräisch. Du bist mit Homer und Aristoteles vertraut. Wenn du nur willst, kannst du aus deinem Leben machen, was du willst. Ich kann dir nichts mehr beibringen.”
Das war eine Lüge und ich wusste es. Callum war zum Vampir geworden als das Volk der Schotten sich noch in Picten und Scoten teilte, er wusste unglaublich viel. Mehr als ich je lernen konnte. Trotzig reckte ich mein Kinn, nicht bereit, mich so schnell geschlagen zu geben.
“ Ich kann aus meinem Leben machen, was ich will? Dann will ich werden wie du, Callum. Mach mich zu einem... was auch immer du bist. Es ist mir egal, ich will nur bei dir bleiben. Bitte.”
Zu meinem Erstaunen sah er erschrocken und schuldbewusst aus. Freute er sich denn gar nicht? Ich stellte mich hinter ihn und legte meine Hände auf seine Schultern.
“ Ich weiß, was es bedeutet. Ich darf nie in die Sonne, muss Blut trinken, werde in einer Gruft wohnen und nicht altern. Warum bist du so erschrocken? Kannst du mich nicht zu einem wie dich machen? “
Kopfschüttelnd stand Callum auf und lief ein Stück. Ich konnte regelrecht spüren, wie er nachdachte. Heute verstehe ich, wie erschreckend die Worte aus dem Mund eines Halbwüchsigen geklungen haben müssen, damals drückte ich damit nur meinen tiefsten Wunsch aus: Bei dem Mann zu bleiben, der mir Vater, Bruder und Freund gewesen war.
“ Ich kann dich zu einem Vampir machen, aber bist du dir wirklich sicher? Du bist noch so jung und du warst nie eine ganze Nacht mit mir zusammen. Ich will, dass du erst alles siehst bevor du dich entscheidest, Santiago. Lass mich dir alles zeigen und wenn du dann immer noch ein Vampir werden willst, mache ich dich zu einem. Aber nur dann.”
Ich nickte zufrieden. Das klang fair.
Tatsächlich führte Callum mich in die ärmsten Straßen der Städte Europas und trank dort von Frauen und Männern, manchmal auch von Kindern. Ganze Familien löschte er aus, nur um mir zu zeigen wie grausam ein Vampir sein kann, um meinen Hass gegen sie zu schüren. Aber ich kannte ihn, wusste, dass er auch schon gutes getan hatte und sah das böse deshalb nur als Farce, als eine Art grausames Spiel, das mir zeigen sollte, dass nicht alles nur schön war. Je öfter Callum sich über eine junge Frau beugte um ihr Blut bis zum letzten Tropfen zu trinken, desto größer und brennender wurde mein Wunsch, dass seine Zähne auch meine Haut durchstießen und er sich an meinem Hals festsaugte. Ich wollte in seinen Armen sterben. Natürlich spürte er das und musste sich zügeln, seinem Verlangen nicht nachzugeben, aber er wollte mir noch mehr zeigen. Nach den Armen kamen die Reichen. Kaufleute, Adlige, begabte Diebe, sie alle wurden von uns heimgesucht, doch selbst das reichte Callum nicht. Er war nun schon seit drei Jahren mit mir durch die Welt gezogen und hatte oft bemängelt, dass ich mich nach meinem ersten misslungenen Versuch so wenig für die Mädchen begeisterte. In Paris sprach er es nochmals an.
“ Santiago, du bist ein junger Mann. Wann gedenkst du, dich auch so zu benehmen? Ich werde das Ding schon nicht fressen.”
Das war ja lieb, aber die Wahrheit war halt, dass ich so viel Tod und Grausamkeit gesehen hatte, dass mir Liebe ein zu starker Kontrast war. Ich fürchtete durchzudrehen, wenn ich einen pulsierenden Körper unter mir spürte und mir vorstellte, wie eben dieser Körper ausgesaugt wurde, aber Callum war das egal.
Er packte mich, schleifte mich in ein herrliches Haus und stieß mich in die Arme einer äußerst bereitwilligen blonden Frau. Wir kamen oft wieder und nach und nach lernte ich wohl jedes der Mädchen kennen. Woher Callum das Geld nahm, wusste ich nicht und kann es bis heute nicht sagen. Nach meinen Besuchen im Bordell zog ich mit Callum durch die belebten Straßen und genoss meinen neuen Blickwinkel unter dem ich alles sah. War mir das Morden am Anfang doch noch brutal erschienen, so empfand ich den Tod, den Callum brachte, nun als sanft und beinahe zärtlich, seine Opfer mussten nicht leiden und das letzte das sie sahen war das Antlitz eines Engels. Nein, es hatte nichts abstoßendes an sich.
Eines Abends brachte er mich wieder ins Bordell, aber anstatt wie sonst wieder zu gehen, blieb er und bat, sich still auf einen Stuhl setzen zu dürfen. Ich hatte nichts dagegen, sollte er ruhig bleiben wenn es ihm Freude machte! Er machte es sich bequem, winkelte ein Bein an und stützte sein Kinn darauf, so hatte er uns gut im Blick. Mich und Jaqueline. Wir zogen uns auf das große Bett zurück und fingen mit dem ganzen Zeug an: gegenseitiges Ausziehen, küssen, streicheln...
Geduldig sah Callum uns zu, aber er schien nicht zufrieden zu sein und als ich erschöpft in die Kissen sank und Jaqueline sich zurückzog um mich allein zu lassen, sprang er auf und stürzte sich auf mich. Sein hungriger Mund fand meinen und seine Zunge plünderte in einem Moment mehr als Jaquelines in einem halben Jahr. Nichtsdestotrotz war ich geschockt und verschloss mich ihm. Doch er zerrte meinen Kopf an den Haaren nach hinten, eroberte mich erneut und biss leicht in meine ihm dargebotene Kehle. Ich gab meinen Widerstand auf, lehnte mich zurück und überließ mich ihm. Meine Finger gruben sich in sein Haar und zogen ihn näher an mich. Es schien, als schrie alles nach seiner Berührung. Ich brannte wie nie zuvor und suchte die Tiefe seiner Augen um darin zu ertrinken.
Irgendwann schlief ich ein und als ich erwachte, schien die Sonne durch das Fenster meines Zimmers in dem alten Haus irgendwo in Paris. Ganz sicher war ich nicht aus eigenem Antrieb hierher gekommen, das bestätigte sich als ein Diener mir sagte, der Herr habe mich getragen und angeordnet, dass man mich schlafen ließe. Wie lange ich geschlafen habe? Den ganzen Tag und die Nacht. Es war anstrengend, mit einem Vampir zu leben ohne selber einer zu sein und nun hatte diese Anstrengung ihren Tribut gefordert. Mir tat jeder Muskel weh, ich konnte beinahe spüren, dass meine Haare schmerzten, aber daran hatte Callum in der vergangenen Nacht ja auch oft genug gezogen. Mit einem leichten Schwindelgefühl setzte ich mich auf und sah aus dem Fenster. Die Seine strahlte im Licht der Sonne, ich streckte meine Hände aus und sah sie an. Keine Anzeichen von Verbrennung, also war ich noch ein Mensch. Ein Seufzer des Bedauerns kam über meine Lippen. Wann würde Callum sein Versprechen endlich einlösen? Ich war kein Kind mehr, man konnte mich gefahrlos zu einem Vampir machen ohne, dass ich hilflos gewesen wäre, aber Callum fand, dass es immer noch nicht an der Zeit war. Er kam in der Nacht an mein Bett und setzte sich zu mir.
“ Wir müssen Paris verlassen, Santiago. Man ist auf uns aufmerksam geworden, aber ein Freund wird uns für den Tag Unterschlupf gewähren. Morgen Nacht nehmen wir ein Schiff nach Italien. Ich will dir Venedig zeigen! Es ist zwar nicht mehr so beeindruckend wie vor hundert oder auch zweihundert Jahren, aber ich möchte, dass du es mit deinen sterblichen Augen siehst bevor du einer von uns wirst. “
Natürlich werden Sie jetzt sagen, dass ich so schnell noch nicht zu einem Vampir werden konnte weil ich älter aussehe als die nicht einmal 18 Jahre, die ich damals gelebt habe, und es stimmt, als Mensch habe ich 19 Jahre gelebt. Wir gingen also nach Italien und Callum zeigte mir die Wunder der italienischen Baukunst, er rekonstruierte für mich die einstige Schönheit Venedigs. Und er liebte mich, mit all der Intensität eines Vampirs. Oft verbrachten wir die ganze Nacht in meinem Bett und sobald der Morgen graute, folgte ich ihm in seinen mit Samt ausgelegten Sarg weil ich die Trennung von ihm weniger ertrug als je zuvor. Sein kalter harter Körper fühlte sich an wie Marmor und es machte mir Freude, ihn zu wärmen. Es war eine hingebungsvolle Liebe wie man sie selten erlebt. Aufopfernd, zärtlich und voller Respekt. Das war wohl das Bedeutendste für uns, der Respekt des Anderen, der einfach ganz natürlich da war. Es gab keine Rollenverteilung, außer dass Callum der Erfahrenere war und manchmal die Stellung eines Lehrers einnahm. Des nachts fuhren wir aber auch mit der Gondel, das muss man in Venedig einfach, und bestaunten die Häuser und Brücken und die jungen Paare, die selbstvergessen umherwanderten und die Welt gar nicht wahrnahmen. Diese Zeit dauerte bis zu meinem neunzehnten Geburtstag an.
Es war schon Herbst, frostig kalt in der Lagunenstadt und als ich am Nachmittag allein über den Markusplatz schritt, hob ich erstaunt meinen Kopf als die ersten Schneeflocken fielen und am Boden sofort tauten. Sie erinnerten mich sehr an das menschliche Leben, kaum hat es begonnen, ist es auch schon vorbei, viel zu schnell, als dass man wirklich etwas daraus hätte machen können. Das soll sie nicht bekümmern, lieber Leser, genießen Sie nur die Zeit, die sie haben, denn sie ist äußerst begrenzt.
Ich wanderte also durch den Schnee und erfreute mich an den weichen Flocken wie ein kleiner Junge, ging im teuersten Restaurant essen und danach in die Kirche obwohl ich nie besonders religiös gewesen war. Es war eher...ein Dank, ein Tribut an meine Mutter die an diesem Tag gestorben war. Ich kniete nieder und neigte wie alle anderen meinen Kopf, doch ich wartete nicht auf die Erleuchtung, sondern auf die Erfüllung eines Versprechens das so wenig mit Gott zu tun hatte wie eben möglich. Ja, ich konnte mir Callum nicht einmal in einer Kirche vorstellen. Musste er nicht sogar direkt in Flammen aufgehen, wenn er eine Kirche betrat? Ich muss laut nachgedacht haben, denn hinter mir lachte er amüsiert auf und legte seine Hand in einer zärtlichen, aber besitzergreifenden Geste auf meine Schulter und beugte sich zu mir herab.
“ Nein, die Hölle ist zu gut für uns, Santiago. Wir sind dazu verdammt, für immer auf der Erde zu wandeln und weder Seine Liebe, noch Seinen Zorn zu erfahren, falls einem das wichtig ist.”
So, wie er das sagte, war klar, dass es ihm egal war. Wahrscheinlich hatte er nie etwas für Gott übrig gehabt, er war älter als die Verbreitung des Christentums in unserer Heimat.
Ich nahm seine Hand und folgte ihm nach draußen ins fortdauernde Schneetreiben. Fröstelnd, weil ich nur ein modisches, aber nicht sehr warmes Cape trug, drängte ich mich an ihn und schlang meine Arme um ihn. Mir war gleich, wer uns so sah. Callum hob mein Kinn an, ich war immer noch kleiner als er, und strich mit seinen Lippen über meine Wange.
“ Bist du bereit, einer von uns zu werden? Noch in dieser Nacht? “
Ich hatte so lange darauf gewartet und nun schwankte ich eine Sekunde. Wollte ich wirklich?
“ Ja, tu es! Ich will...jetzt sofort. “
Callum lächelte nachsichtig und legte seine Hand in meinen Rücken.
“ Nicht hier, Santiago. Ich habe einen Ort gefunden, der passender ist, er wird dir gefallen.”
Er klemmte meine Hand in seine Armbeuge und führte mich über Plätze und Brücken bis wir auf den Hinterhof eines schönen Palazzos kamen, in dem reiche Venezianer wohnten und immer noch Maskenbälle feierten. Und, Zufall oder nicht, an diesem Abend, in dieser Nacht feierten sie und waren zum größten Teil schon betrunken als wir uns unter sie mischten. Callum führte mich zielstrebig durch das Haus in einen kleinen Salon mit dicken Teppichen und wunderschönen Gemälden an der Wand. Ich sah mich staunend um und lief von einer Seite des Raumes zur anderen um nur ja nichts zu übersehen, denn obwohl wir in schönen Häusern lebten, hatte ich noch nie so viel Schönheit auf einmal gesehen.
Das atemberaubendste war jedoch Callum. Wie er so dastand in seinen düsteren, eingestaubten Sachen, mit der Haut wie weißer Marmor und den so übertrieben blonden Haaren, bis heute habe ich nicht wieder so einen Wuschelkopf gesehen, sah er aus wie...wie was? Ich kann es nicht sagen, nur, dass ich ihn wollte und alles dafür getan hätte. Mit zitternden Knien stand ich da und wartete, doch er hatte es nicht eilig und sah sich in aller Ruhe die Bilder und die Ornamente in den Teppichen an. Woher nahm er nur diese Ruhe?
“ Du brauchst keine Angst zu haben. Du hast es doch schon hundert mal gesehen und niemanden habe ich je in deiner Anwesenheit leiden lassen. Glaubst du, ich würde etwas tun, das dir Leid zufügt, Santiago? Dazu bist du mir zu wertvoll. “
Endlich begriff ich. Er hatte ein lebendes Wesen gebraucht und mich gefunden, mit der Zeit hatte er sich an mich gewöhnt und darum behalten und nun wollte er mich nicht altern und sterben lassen. Er wollte, dass ich sein unsterblicher Gefährte wurde. Mir wurde bewusst, dass ich das einzige Wesen auf der Welt war, das ihn weder fürchtete noch hasste, denn selbst die anderen Vampire fürchteten ihn aufgrund seines Alters und seiner Stärke. Ich lehnte mich an die Wand und sah ihn abwartend an, doch lange hielt ich das nicht aus und änderte meine Strategie, ging geradewegs auf ihn zu, schlang meine Arme um seinen Hals und küsste ihn auf den Mund.
Er reagierte anders als sonst, zwar war er ganz der zärtliche Liebhaber wie immer, aber hinter dieser Fassade war der Jäger erwacht, der nur darauf wartete, dass das Opfer einen Moment nicht aufpasste. Ich schloss meine Augen und legte meinen Kopf in den Nacken um ihm meine Kehle darzubieten. Wie ein Wolf stürzte er sich darauf, seine scharfen Reißzähne bohrten sich in meine Haut und mein Blut strömte warm und pulsierend aus meinem aufgerissenen Hals. Während ich schwächer und schwächer wurde, spürte ich Callums Haare an meiner Wange und seine starken Arme, die mich hielten, seine Augen waren direkt vor meinen und verschwammen zu einem blauen See, umrahmt von dichten hellen Wimpern. Ich wurde ohnmächtig, aber als ich wieder aufwachte, war ich immer noch kein Vampir. Zwar auf dem besten Weg, aber noch nicht fertig, könnte man sagen. Callum ritzte sein Handgelenk auf und gab mir mein erstes Blut zu trinken, erst hatte er mir alles genommen und nun gab er einen Teil wieder zurück. Ich trank gierig, wollte mehr von diesem köstlichen Elixier des Lebens als er mir geben konnte. Er befreite seine Hand aus meinem Griff und sah mich erstaunt an, doch ich konnte nichts sagen, denn ich starb. Mein Körper starb und starb doch nicht ganz, weil er von dem übernatürlichen Blut eines Vampirs durchdrungen war. In schrecklichen Krämpfen wand ich mich auf dem Boden, schrie und verfluchte mich und Callum und jedes Wesen, das mir je über den Weg gelaufen war. Callum kniete neben mir, hielt mich fest und als ich mich beruhigte, half er mir auf und stützte mich auf dem Weg in den großen Saal zu meinem ersten Mahl.
Seine Wahl, was mein erstes Opfer anging, war auf einen schönen rothaarigen Knaben gefallen, der dösend auf einer Couch saß und nicht viel Aufmerksamkeit auf sich zog. Ich ging zu ihm, immer noch schwach auf den Beinen, und setzte mich. Er hatte große braune Augen und beinahe wollte ich Callum bitten:“ Mach ihn auch zu einem von uns.”
Aber bevor ich es aussprechen konnte, hatte der Räuber in mir die Oberhand gewonnen und ich griff nach seiner Hand. Wie zu einem Kuss beugte ich mich darüber und schlug meine herrlichen Zähne in die zarte Haut seines Handgelenkes. Sofort füllte sein Blut meinen Mund und ich genoss ihn, wie ich noch Stunden zuvor einen teuren Wein genossen hatte. Viel zu schnell war er tot und ich ließ enttäuscht von ihm ab. Callum sah mich über seine gefalteten Hände hinweg zufrieden und irgendwie stolz an.
Ihm gefiel, wie stark und hungrig ich als sein Vampirzögling war. Als Mensch hatte ihn es schon nach mir verlangt, doch nun floss das gleiche magische Blut durch unsere Adern...wir waren beide unsterblich und gingen zum ersten Mal wirklich gemeinsam auf die Jagd. Wir sahen einander beim jagen zu und teilten unsere Beute. Ja, Callum war zufrieden mit seinem Zögling und hatte auch allen Grund dazu, war ich doch ein herrliches Monster. Mit kindlicher Neugier, schön wie ein gefallener Engel Boticellis und mit unbändiger Freude am jagen und töten. So wurde ich von dem Waisen Santiago zu dem Vampir Santiago- ein Monster, das seinem Schöpfer mit Haut und Haar verfallen war und das man vielleicht sogar ein klein wenig gern haben kann.
Aber nun, lieber geneigter Leser, dämmert bereits der Morgen, ich muss mich in meinen Sarg zurückziehen. Vielleicht, wer weiß?, begegnen wir uns noch einmal. Vielleicht habe ich Ihnen ein paar angenehme Stunden bereitet, mehr kann ich nicht wollen. Kommt gut nach Hause und nehmt euch vor Wesen der Nacht in Acht! Es dankt Euch für Eure Aufmerksamkeit Santiago der Vampir, euer ewiger Held.

London, 20.Oktober2004
5.37 Uhr


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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.04.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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