Nicolai Rosemann

Samariter

Auf zehntausend Menschen kommt ein Anderer. Plus minus eins.

So war die Regel bis zum Ausbruch der großen Prometheus-Seuche. Die Seuche schlägt auf die Leber des Menschen und zersetzt sie. Ich bin kein Genie in Biologie, aber selbst mir ist klar, dass es zum Tod führt.

Als bereits mehrere Hunderttausend gestorben waren, und unzählige andere im Sterben lagen, ließ man darum ein bis dahin kaum getestetes Medikament ausgeben.

Die Seuche wurde damit geheilt und die Hälfte der Weltbevölkerung immunisiert. Nur gab es dabei eine kleine Nebenwirkung. Das Auftreten der Anderen wurde geringfügig erhöht. Auf eintausend Menschen kam nun ein Anderer.

 

Ich bin ein Samariter, ein Seelsorger. Ich sorge für beinahe eintausend Bürger. Selbst im Schlaf empfange ich ihre Gedanken, ihre Empfindungen und Gefühle. Es gibt nicht viele, die so sind wie ich, in dieser kleinen Stadt hier nur acht. Viel zu wenig um für alle Sorge zu tragen.

Aber wir erreichen viel. Die Selbstmordrate ist um 75% gesunken, die Mordrate um 60% und sonstige Verbrechen um 24%. Die Statistiker sind immer so stolz auf uns, dabei erreichen wir eigentlich wenig und tun etwas, wozu mir kein Recht haben.

Wir dringen in die Privatsphären unserer Schäfchen ein. Wir lesen ihre Gedanken, ihre Empfindungen. Wir sehen ihre Träume und ihre Ängste.

Dadurch haben wir die Macht immer wieder einen Stoß in die richtige Richtung zu geben. Wenn jemand deprimiert ist, rufen wir eine glückliche Erinnerung herbei. Wenn jemand Angst hat, geben wir ihm Mut. Und wenn jemand wütend ist, löschen wir den Grund dafür aus seinen Gedanken.

Doch haben wir das Recht dazu? Das Recht die Menschen so zu formen wie wir wollen.

Und lässt sich das vielleicht als Waffe nutzen? Sind wir eine Waffe im alltäglichen Kampf ums Überleben?

Bei Gott, was sind wir? Was haben wir verbrochen das wir diese Entscheidungen treffen müssen? Was habe ich verbrochen um zu sein was ich bin?

Gibt es Gott überhaupt? Oder ist er nur eine Erfindung gewesen um die normalen Leute zu beruhigen, um den Samaritern früherer Generationen eine Möglichkeit zu geben sich in die Gesellschaft zu integrieren? Ich erinnere mich an die heiligen Bücher – die Thora, die Bibel, den Koran, und die anderen. Alle habe ich gelesen, als ich noch kein Samariter war. Und ist da nicht die Rede von Wundern in Verbindung mit besonderen Menschen, dort Propheten genannt?

Sind wir Propheten, die versteckt hinter den Kulissen die Fäden ziehen? Wohl kaum. Wenn man bedenkt, dass die größten Konzerne uns gezielt suchen, markieren und einsetzen. Denn wir tun nicht nur Gutes. So viel ist sicher. Denn was ist gut daran, wenn ich meinen Schützlingen die Idee einimpfe, dass sie nur etwas sind wenn sie dieses Produkt benutzen oder jenes Produkt besitzen? Ist es gut dafür zu sorgen, dass immer dieselben alt gedienten Politiker die Macht inne haben und jede aufkeimende Opposition im Keim ersticken?

Ich zweifle an meiner Existenz, an meinem Handeln. Doch tue ich weiter was von mir verlangt wird. Denn lieber als falscher Prophet unter der Kontrolle der großen grauen Bosse leben, als irgendwo aufgequollen in einem Fluss aufzutauchen, die Kehle durchschnitten und mit einem Stich im Herz.

Wir nennen uns Samariter, doch sind wir Teufel. Vielleicht dienten wir einst einem Gott, der uns nun verdammt. Vielleicht sind wir auch nur ein Irrtum der Natur, der bald wieder verschwinden wir. Denn eines wissen wir genau, und das macht nicht nur uns Angst: alle Samariter sind unfruchtbar. In wenigen Jahren werden wir aussterben. Hoffentlich für immer.

Samariter ist die zweite Geschichte aus der Telepathie-Serie. Danach wandte ich mich den Telepathen in der Serie Babylon 5 zu.Nicolai Rosemann, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.05.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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