Sokratis Tsiolakis

Die Plattenkritik der reinen Vernunft

 Die Plattenkritik der reinen Vernunft

 

Im Musikteil der neuen Ausgabe des orientierungslosen Zeitgeistlosenorgans für alle diejenigen , die den Level vom Metrosexuellen zum S-Bahnnormalen erreicht haben – Plazenta de Lux - beschäftigt sich der Self made Poet und Kiezdostojewski Wigwam Drohne , bekannter Pseudointellektueller von geringer Güte , wie auch gern gesehener Gast in vielen Redaktionskantinen , Bohemin , Kretin und natürlich Mastermind hinter einigen unglaublich unbekannten Kellercombos , mit dem neuen Klangkörper des Oboenquartetts : Die leutseligenFurunkel .

Den flotten Finger auf der Suche nach dem Puls der Szene , unterwirft Wigwam das neue Album der Band , das den Titel trägt : Bizarre Nonnen , einer gewissenhaften Autopsie nach dem diagnostizierten Hirntod .

 

Schon bei der eingehenden Betrachtung des exzellent gestylten Frontcovers , was natürlich nur einem geübten Auge wie meinem gelingen kann , ahnt man die kommende Größe des Getöses dieses Albums .

Die Band , von als Furunkelheads organisierten , mannstollen Fans all over auf Schritt und Tritt verfolgt , die auch für die Gesamtkonzeption des Layouts der Platte verantwortlich zeichnet , hat neue Wege der künstlerischer Artikulation ihres Unverständnisses gesucht und auf beeindruckende Weise auch irgendwo am Strassenrand gefunden .

Perfekte Arrangements waren ohnehin noch nie die Sache der vier Entwicklungsgehemmten spätpubertierenden Jungs . Die verabscheuungswürdige Rundformung des Tonträgers , durch chauvinistische Kreise mehr als ein Jahrhundert den Menschen aufgezwungen , gehört Dank der Leutseligen Furunkel jetzt unwiderruflich der Vergangenheit an . Gängiges Material als Verpackungsmedium wird , schonungslos und unbarmherzig in dieser Bartholomäus Nacht der Kunst , auf dem Altar des Fortschritts geopfert .

Generell gesagt , mit bewußt angestrebter Allgemeingültig ( Wer diese Scheibe nicht kauft ist Doof – basta !!! ) , ist mit dem Erscheinen dieser Platte die Zukunft bereits unter uns – und diese Zukunft ist furunklig – Im Namen des Sohnes , des Vaters , der Furunkel sowieso – in Ewigkeit Amen , Doppelpaß , Toooor !!!

Auch wenn es die Masse der nicht zu begreifen scheint , was wiederum für ihre tiefe , stark verwurzelte Primitivität spricht , kann es keinen Zweifel geben – von nun an dominieren dauerhaft haltbar gemachter Harzerkäse und Bauarbeitersocken . Liebevoll eingearbeitet in die vierdimensionale Plattenhülle , versprechen zudem verspielte Dada-Apps einen visuellen Sinnenrausch , der diese Platte ohne Frage sofort zum optischen Mittelpunkt einer jeden Tonträgersammlung machen wird .

Interessenten , Käufer , Fanatiker , die mehr wollen als nur hören wollen , geniessen dann nicht nur die Verbesserung der Luftqualität ihrer muffigen Studenten-WGs in vollen Atemzügen , sondern sollten dann auch darüber hinaus , wenn die infantile Konzentrationsfähigkeit ihrer unterentwickelten Hirne es zuläßt , auch auf die Backside der Platte achten , wo die kompletten Lyrics , die Story der Entstehungsgeschichte , nebst den vollständigen Lebensläufen der Musiker , wie auch einige unbedeutende lokale Nachrichten aus der Kreispostille der ländlichen Heimat der Jungs und Kopien der Ersten Klasse Zeugnisse aus der Dorfschule , abgedruckt sind .

Nachdem ich nun mehrmals die vorliegende Platte intensiv und in voller Lautstärke , mit einer Tüte extra scharfer Peperoni in der Hand auf meinem Leibstuhl thronend , durchgehört hatte , mußte ich mich ernsthaft fragen , ob ich nun endlich wahrer Kunst aufgesessen war , oder ließ ich mich einfach nur , wie von hauptamtlichen Neidern des Establishments immer wieder behauptet wird , nur von gequirlter Soundonanie blenden ?

Hatte vielleicht der Großinquisitor eines überregional vertriebenen Schmierblättchens doch recht , wenn er sich erdreistete zu behaupten , dies wäre nur das bemitleidenswerte Produkt von vier rohen Schwachsinnigen ? War ich am Ende gar zu geistig unbedarft um zu verstehen , wie die LeutseligenFurunkel versuchen die Welt in der interdisziplinären Lauge des Kubismus aufzulösen ?

Ich sage nur , wer weiß , wer weiß !?!

Zugegeben , einfach machen es einem die Leutseligen Furunkel wahrlich nicht . Notorisch seltsam , ewig heidnischen Riten verfallen , schwer an Körper und Seele deformiert , verstanden sich dieLeutseligen Furunkel stets als Protagonisten undurchsichtiger Botschaften gegenüber der von ihnen strikt dreieckig gesehen Gesellschaft . Die drei langen Jahre seit der Veröffentlichung ihrer letzten LP “ Kohlrouladen und ihre Folgen “ , nutzten die Vier , im Auftrag eines großen Süßwarenherstellers , zu einer Fülle von existenziell orientierten Psychotankexperimenten an sich selbst und einigen freiwilligen Probanden aus der Trisomie 21 Szenen ihrer Heimat .

Schon immer von maßlosen Ehrgeiz und Wahnvorstellungen getrieben, ernteten sie zunächst nur verständnisloses Kopfschütteln und Häme in allen von der Kassenärztlichen Vereinigung kontrollierten Medien . Doch Schwäche , oder Zweifel sind Wörter , die die Furunkelnicht kennen ,geschweige den buchstabieren können .

Fest und unerschütterlich davon überzeugt , daß ihre Grundlagenforschung den weiteren Verlauf der Evolution nachhaltig zu beeinflussen verstehen wird , entrissen sie in einem zäh und verbissen geführten Kleinkrieg , der große Löcher in die Reihen ihrer Probanden riß , die letzten Geheimnisse ihrer totalen Bewusstseinsspaltung den Windungen ihrer schwammigen Gehirne . Nur mit dem Wissen kann man dann auch die Musik der Jungs verstehen und lieben lernen .

Dann , Anfang des letzten Jahres , erklärten sie diese Aufsehen erregende Pionierarbeit für beendet und begannen sofort im Anschluß daran im gruppeneigenen Getreidesilo auf Husum mit den Aufnahmen zu der nun vorliegenden Platte . Zwar ist den vier Jungs die langangestrebte , immer wieder verzweifelt zu erzwingen versuchte Quadratur des Kreises , als Götze stets im Mittelpunkt ihres ausschweifenden Schaffens stehend , wieder nicht gelungen , aber dennoch sind die von massiven Attentatsdrohungen verbunden Forderungen der Musiker nach Vorschusslorbeeren , nicht so unbegründet , wie es scheint .

Unbekümmert und tapsig wie junge tollwütige Hunde , manchmal etwas über das Ziel hinausschießend , spielen die vier früh im Leben verbitterten Husumer ihr ganzes Können souverän aus . Hinter allen und Ecken und Enden des Werkes , von der geschickt eingewebten demoralisierenden Kulisse der Todesschreie eines vollautomatischen Schlachthauses für Mastvieh auf der ersten Plattenseite nur unvollständig verdeckt , lugt der Genius der Band hervor und grinst einen frech ins Gesicht .

Sinne und Fußsohlen kitzelnde Toncollagen , Blasebalg verstärkte Oboensoli gepaart mit schnoddrigen Gitarrenfragmenten , stoisches Ein-Hand Spiel der Drums , sind wichtige Komponenten und ergeben einen zerfledderten Klangteppich erster Sahne . Stellvertretend hierfür soll nur Track 24 , ihrer insgesamt 57 Stücke beinhaltenden Platte , genannt werden . In dem Song : Die vielen Mägen der humpelnden Kuh , gelingt die Verquickung der Originalgeräuschkulisse eines absterbenden Korallenriffs unter einem Ölteppich mit dem unverkennbaren , trockenen Husten des Banddrummers Deus-Xin , das während einer Tuberkulosesession in Miracle Mountain aufgenommen und später noch digital nachbearbeitet worden ist . Grandios !!!

Überflüssig zu erwähnen , aber ich mache es dennoch . Was wäre die Band ohne ihren einzigartigen , bis zum Blut erbrechen , charismatischen Leadsänger Richard III. , alias Hans-Hermann Tibulski , oder auch HH-T1 , der Zweitakter der aus der Zukunft kommt . Als eine der vielleicht letzten großen Bühnendivas ohnehin nicht aus der Gruppe wegzudenken , ist er zudem noch für die meisten der Gedankensplitter , denen die Texte zugrunde liegen , verantwortlich , organisiert darüber hinaus die Fahrkarten der Gruppe , sorgt stets und ständig für eine randvolle Gulaschkanone , bringt die Roadies zu Bett , putzt die Oboen und setzt starke Akzente mit seiner meditativen fernöstlichen Blähtechnik in der Rythmusarbeit .

Instrumental wie gesanglich haben die Furunkel zum Glück nicht wesentliche mehr dazugelernt und halten sich somit wacker auf einem Stand , der nur von Wenigen ohne Genickbruch erreicht werden könnte . Schreien , Kichern , Jammern - der Abstecher ins Siechenhaus von Wanne -Eickel hat sich voll bezahlt gemacht – in einer verblüffenden Bandbreite , die sich gewaschen hat . Stellvertretend hierzu möchte ich nur noch das Akapella Duett von Richard III mit einem auf Turkey befindlichen katholischen Laienbruder erwähnt wissen . Dazwischen neuartige , fremde Wege des musizieren , die außerirdischen Ursprungs sein müssen und die den Weg des Hörers durch den postapokalyptischen Zustand der musikalischen Welt der Furunkel in eine Via Dolorosa verwandeln .

Auch bei der Produktion im Studio mochte man nichts dem Zufall überlassen . Nach der unvorhergesehen Trennung von ihrem vorhergehenden Produzenten aufgrund eines tragischen Totschlags im Affekt , hatte man das Glück Jim “ die Ananas“ Jones , vielen besser bekannt unter seinem Pseudonym : Evil Preacher of Noise , verpflichten zu können .

Ganz wie es seine Art ist hat er die vier Furunkel hart an die Kandare genommen . Ihm gebührt die Ehre die Furunkel einer intensiven , von vielen Schlägen begleiteten , Gehirnwäsche unterzogen zu haben , nach der sie erst überhaupt soweit waren solche Höchstleistungen aus sich heraus zu quetschen . Wie es scheint haben da Seelenverwandte Kontakt zueinander bekommen und sind eine

Schicksalsgemeinschaft eingegangen , welche wohl nur noch der Tod zu trennen vermag .

Der Rote Faden der Platte stellt die von den Furunkeln so meisterhaft beherrschte Form der verklausulierten Sozialkritik in ihren Texten dar . Eindringlich dreschen sie mit allem was sie haben auf dieses faulige System ein , was mir unteranderem die Anerkennung zwanghaft seit Jahrzehnten verweigert .

Beispielsweise in dem Song : Die Nachtschicht will tanzen , entlarvt die Gruppe , eine dialektische Meisterleistung vollbringend , brillant die korrupte Fäulnis der Masse der Lohnsklaven in diesem Land angesichts sinkender Industrieumsätze . Schon kurz nach der Veröffentlichung dürfte dieser Song bereits ein Klassiker sein , der voll in der Tradition des alten deutschen Arbeiterkampfliedes steht . Insbesondere Leckermäulern ist zu empfehlen die Super -Extended -Extrem-Exploited-Dance-Floor -Tekkno-Volksmusik-Version !!!!

An dieser Stelle allerdings möchte ich eine kleine Zäsur in der kritiklosen Verherrlichung von den Leutseligen Furunkeln und ihrer Platte Bizarre Nonnen vornehmen . Ich persönlich vermisse die ultimative Schärfe der politischen Position , wie sie noch so eindrucksvoll vorexerziert wurde auf ihrer zehntletzten Platte : Staatssekretäre haben Sehnsucht nach der Vergangenheit , aber das ist ja wohl eher mein Problem und geht euch einen Scheissdreck an .

Zum Abschluß noch ein kleiner Hinweis auf einen gelungenen Coup derFurunkel . Wr genau hinhört , wird feststellen , daß das Hintergrundgurgeln auf dem 17.Track der zweiten Albumseite : Teuflische Karies , vom Rotarmistenchor der 27.motorisierten Panzerspähdivision des Nowgoroder Wehrbezirkes stammt . Dank der guten Beziehungen des Besitzers der Lieblingsfischbude der Furunkel zu Minsker Mafiakreisen , gelang die kurzfristige Verpflichtung des bekannten Ensembles .

Mit dem Album : Bizarre Nonnen , haben die vier sympathischen Husumer wohl oder übel ihr Meisterstück abgeliefert . Eine rundherum gelungene Platte in allen Belangen , deren richtungsweisende Strahlkraft das Musikbiz die nächsten zwei-dreihundert Jahre ganz locker beherrschen wird .

Freuen können sich die Fans auch auf die bevorstehende Tour . Der Beginn und Verlauf steht noch nicht genau fest , da er eng an einen Haftprüfungstermin gekoppelt ist . Aber wer weiß , vielleicht führt dann dieser Weg auch deinem gottverlassenen Kaff vorbei !

Bis dahin gilt

 

Buy a fucking Copy , Bastard , right now !!!!

 

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